Gottesdienste in der Ev. Pauluskirchengemeinde Castrop

In unserer Kirchengemeinde feiern wir sonntags in der Regel vormittags zwei Gottesdienste:

Um 8.30 Uhr beginnt der Frühgottesdienst in der Pauluskirche, Alleestraße 4. Dort feiern wir das Abendmahl an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat.

Um 10.15 Uhr findet der Gottesdienst in der Lutherkirche, Wittener Straße 19 statt, jeden Sonntag mit Abendmahl.

Zum Kirchcafé im Wichernhaus im Anschluss an den Gottesdienst sind alle herzlich eingeladen. Dort ist Gelegenheit gegeben, bei Kaffee oder Tee miteinander ins Gespräch zu kommen.

Darüber hinaus feiern die Jugendlichen jeden Samstag um 18:30 Uhr ihren Gottesdienst, das Meeting, im Gemeindehaus an der Luisenstraße und verweilen dort bei Getränken, leckerem Essen und vielen Aktionen bis 23:00 Uhr. Auch zu diesem Gottesdienst sind alle Gemeindeglieder, ob Jung oder Alt eingeladen.
 

Fließend weitergeben

Geschenktes nicht festhalten

 

1

Das Brunnenhaus des Zisterzienser-Klosters Maulbronn steht seit dem 13. Jahrhundert in der Nordseite des Kreuzgangs, auf der Südseite der Klausur, im Kreuzgang direkt gegenüber vom Speisesaal der Mönche. Im Frühjahr sieht man heute durch die Bögen des Kreuzgangs einen prächtig blühenden Magnolienbaum. Hier am Brunnen haben sich die Mönche die Hände gewaschen, hier ist wöchentlich die Tonsur der Haare geschnitten und die Rasur vorgenommen worden.

 

Das Brunnenhaus ist eine besondere Erfindung der Zisterzienser und zeigt die Bedeutung, die man im Orden dem Wasser als Quelle des Lebens zumaß. Es ist mehr als ein Ort der Hygiene, es ist auch ein Symbol für den Brunnen des Heils (vgl. Joh 4,14). Das Spiel des Wassers über mehrere Schalen ist Teil der Kontemplation genauso wie das Plätschern des Wassers, das in der Stille der Klausur überall zu hören ist – und Grundlage des Sprachbilds, das Bernhard von Clairvaux in seinem Brief malt.

 

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Im Gewölbe über dem Brunnen findet sich ein Bild der Gründungslegende – ein Maultier an einem Brunnen. Der Legende nach soll Ritter Walter von Lomersheim dem Maulesel einen Geldsack aufgeladen und das Tier ziehen lassen haben. Dort, wo es anhalten und die Last abwerfen würde, wollte er ein Kloster bauen. Der Maulesel blieb auf seinem Weg an der Stelle des heutigen Klosters stehen und brachte durch Hufschläge eine Wasserquelle aus dem Fels hervor. Eine Variante der Legende berichtet, dass Mönche einen Maulesel mit auf den Weg genommen und an eben jener Stelle ihr Kloster errichtet hätten, wo das Tier innegehalten und getrunken hatte.

 

Wasser war eine wichtige Voraussetzung zur Errichtung eines Klosterbaus. In der zisterziensischen Architektur und Theologie erhielt der Brunnen im eigens errichteten Brunnenhaus seine besondere Wertschätzung und Bedeutung, die auch theologisch reflektiert wurde.

 

3

Der Brunnen in Maulbronn ist im 19. Jahrhundert in seine heutige Gestalt mit drei Schalen und dem Bronzeaufsatz, der ursprünglich dem mittelalterlichen Abtsbrunnen entstammt, erweitert worden. In seiner jetzigen Form macht er das Sprachbild des Zisterzienser-Abts Bernhard von Clairvaux anschaulich: Der Brunnen kann das Wasser nicht festhalten, sondern gibt weiter, was er empfängt. Lebendig fließendes Wasser füllt seine oberste Schale, die, sobald sie gefüllt ist, das Wasser in die mittlere und dann in die untere Schale weiterfließen lässt. Sie gibt nicht mehr als sie empfängt – und sie hält gleichzeitig das, was sie empfangen hat, nicht fest.

 

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Nicht festhalten – weitergeben – das Leben in Fülle fließen lassen – und zugleich nicht mehr geben, als mir geschenkt ist: in seiner Lebendigkeit entlastet und berührt mich das Bild des Brunnens.

 

Das Brunnenhaus in Maulbronn ist einer meiner Lieblingsorte. Es zeigt mir das Geheimnis, was Gott von uns Menschen will und wie er will, dass wir Leben gestalten: alles Wichtige im Leben erhalte ich geschenkt – und ich kann und soll es nicht festhalten; es soll von mir an andere weiterfließen und erst im Fließen zeigt es dann seine Schönheit und seinen Reichtum.

Die Liebe zum Ausdruck bringen

 

1

Da stehen sie, die würdigen Herren. Wir brauchen keine Farbe, um zu erkennen: es sind sogenannte Würdenträger; Herren der Kirche, Bischöfe oder Kardinäle. Sie stehen in einem etwas eigenartigen Raum. Rechts über ihnen an der Wand wohl das Bildnis eines oder einer Heiligen. Die Würdenträger, wie sie genannt werden, stehen in zwei Grüppchen zusammen.

 

Die zwei vorne bewegt etwas. Einer sagt: „Ich sage Ihnen, das nächste große Ding ist KG –- Künstlicher Glaube!“ Damit spielt er wohl an auf etwas, was in der digitalen Welt viele Schlagzeilen macht: die Künstliche Intelligenz; die selbst fahrenden Autos und die für mich denkenden Computer. Und er hält den „Künstlichen Glauben“ für ein großes Ding. Warum er das denkt, bleibt sein Geheimnis.

 

2

Was könnte das sein, ein „Künstlicher Glaube“? Ich kann mir darunter nicht so recht etwas vorstellen. Jeder Glaube hat ja etwas Künstliches, gewissermaßen. Weil ein Glaube, wie zum Beispiel der christliche Glaube, nicht immer auf Tatsachen beruht, sondern oft auf Deutungen der Tatsachen. Dass Jesus gelebt hat und wie er gelebt, gesprochen und gehandelt hat – ist das eine. Das andere ist die Deutung. Weil Jesus so gelebt, gesprochen und gehandelt hat, kann er nur Gottes Sohn gewesen sein. Dass Jesus gelebt hat, ist unumstritten. Was das für uns bedeutet – darüber kann man sehr unterschiedlicher Meinung sein.

 

3

Das Wort „künstlich“ ist hier aber nicht schön. Es klingt wie „unwirklich“. Das ist ein Glaube nie. Er mag umstritten sein, aber er ist nicht künstlich. Wir haben unterschiedliche Ansichten, aber keine künstlichen. Was der Herr auf dem Bild für ein „großes Ding“ hält, klingt nach einer besonderen Sorge. Womöglich fürchtet er, überflüssig zu werden, was sein Amt und seine Würden angeht. Vielleicht meint er mit dem „großen Ding“ die Abschaffung oder das Verschwinden der Kirchen – also der Einrichtung, der Organisation Kirche. Wenn immer mehr Menschen über ihren Glauben selbst bestimmen, wird eine klare Organisation überflüssig. Vielleicht fürchtet er das.

 

Dann sieht er etwas sehr Richtiges, ohne es zu erkennen.

 

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Jeder Glaube, auch der christliche Glaube, hat und braucht eine Lehre. Es darf und kann nicht jeder und jede glauben, was er oder sie will. Oder: man darf und kann schon, aber dann ist es nicht mehr christlich, sondern eher etwas künstlich, sozusagen selbst gemacht.

 

Am Glauben sollte aber nichts Selbstgemachtes sein, sonst löst er sich auf in viele Einzelinteressen. Die Kirchengemeinde in der Nachbarschaft sollte nichts anderes glauben als wir hier, sonst passen wir nicht unter ein Dach. Man kann die Einrichtung, die Organisation Kirche kritisieren und vielleicht auch abschaffen wollen – etwas aber geht nicht: Der Glaube braucht eine Lehre, etwas gemeinsam Verbindliches, sonst verflüchtigt er sich in Einzelinteresse; sonst wird er ein künstlicher Glaube, der viel mit Wünschen und wenig mit Wirklichkeit zu tun hat.

 

Der christliche Glaube hat und braucht etwas, was für alle gilt.

 

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Für das Christentum bedeutet das: Jesus ist Gottes Sohn. In Jesus zeigt sich Gott. Das ist nicht verhandelbar. Jesus ist mehr als ein guter Mensch. Und wer im Sinne Jesu lebt, bringt ein wenig Licht vom Reich Gottes in die Welt. Christen sind die Menschen, die Gott über alle Dinge vertrauen – vertrauen wollen. Und die das in ihren gottesdienstlichen Feiern zum Ausdruck bringen. Das ist der Boden, auf dem wir gemeinsam glauben. Und zu leben versuchen. Wir bringen den Glauben zum Ausdruck, damit er nichts künstlich Ausgedachtes bleibt. Wir leben und handeln, was wir glauben. Wir können nicht anders. Der Glaube ist keine Kopfsache, sondern Lebenssache.

 

Leider sind wir dabei als eine Kirche Jesu in den letzten zweitausend Jahren oft verschiedene Wege gegangen. Dennoch bleiben wir aber alle Kinder des einen Geistes: Unser Glaube, dass Jesus Gottes Sohn ist, bringen wir in der Liebe zum Ausdruck. Am Tun der Liebe ist nichts Künstliches. Darum sagt uns der Apostel so schön wie nüchtern (Eph 5,8b.9): Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Wer diesen Weg geht, geht den Weg des Glaubens.

 

Der Weg des Glaubens ist: die Liebe zum Ausdruck bringen.

Die Hoffnung auf Seligkeit

Gedanken zum Brotwunder

 

1

„Tausende von Menschen aller Nationen besteigen Jahr für Jahr den Berg der Seligpreisungen im Norden Israels, in Galiläa, der Heimat Jesu. Manche reisen mit dem Bus an, andere pilgern den Weg vom Tal hinauf auf den Berg, der eigentlich nur ein Hügel ist. Viele spüren den Zauber des Ortes, sind bewegt von der besonderen Atmosphäre und hören die Worte Jesu in ihren Herzen: „Selig, wer hungert und dürstet nach Gerechtigkeit … Selig, wer Frieden stiftet …“ (Matthäus 5).

 

Vom Berg der Seligpreisungen geht der Blick weit über den See Genezareth. Viele pilgern den Berg hinab, vorbei an Bananenplantagen, dornigem Gestrüpp und blühenden Wildblumen in Richtung Tabgha. Dort steht ein Kloster. Seit vielen Jahrhunderten liegt es am Rande des Sees, am Ufer des „galiläischen Meeres“.

 

2

Dieses Kloster wurde im Laufe der Jahrhunderte zum Wallfahrtsort. Es wurde zerstört zur Zeit der Kreuzzüge und wieder aufgebaut. Es wurde vergessen und wiederbelebt. Wurde bedroht und beschützt. Und es ist immer noch da – aller Veränderungen und Bedrohungen zum Trotz!

 

Bereits im 3. Jahrhundert wurde dieser Ort als Ort der Brotvermehrung erwähnt. Der Reisebericht der Pilgerin Egeria kann noch heute im Kloster nachgelesen werden. Sie war eine mutige und vermögende Frau, die im 4. Jahrhundert das Heilige Land bereiste und auch nach Tabgha kam. „Dort liegt am Meer eine Wiese“, schrieb sie, „mit viel Gras und vielen Palmen und nahe dabei sieben Quellen, von denen jede einzelne ununterbrochen fließt. Auf dieser Wiese sättigte der Herr das Volk mit fünf Broten und zwei Fischen. Und in der Tat: Der Stein, auf den der Herr das Brot legte, ist nun zum Altar gemacht worden.“

 

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Ob es dieser Altar ist, den man noch heute im Kloster in Tabgha besichtigen kann? Schlicht und unauffällig ist er; und doch glaube ich nicht, dass er schon Jesus zur Verfügung stand. Sein „Altar“ war wohl eher die Wiese am Meer… Und was heute den Ort so anziehend macht, kannte die Pilgerin Egeria noch nicht: Die prächtigen Mosaike aus dem 5. Jahrhundert: So fein aus kleinen Steinen gefertigt, so wunderschön!

 

Besonders berührend ist das schlichte Mosaik unterhalb des Altars: Es zeigt zwei Fische und einen Korb voller Brot. Betrachtet man es genau, ist man verwundert: Erzählten die Evangelisten nicht von fünf Broten und zwei Fischen?

 

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Schaut man sich das Mosaik genau an, springen einem zunächst zwei Fische ins Auge. Sie ähneln den Petersfischen, jenen Fischen, die im See Genezareth leben und nach dem Jünger Jesu benannt sind. Sie waren schon zu Zeiten Jesu das Grundnahrungsmittel der Menschen am See. Zu sehen sind dann in einem Korb auch Brote – aber nur vier! Wo ist das fünfte Brot?

 

Es ist das Brot, das wir essen! Das erzählen die Nonnen, die im Kloster leben. Still und verhalten erzählen sie den Pilgern von ihrer Hoffnung: Dass Jesus da ist und den Seinen im Abendmahl nahekommt – auch heute noch! Dass es gut ist, auf ihn zu warten und seine Wiederkehr herbeizusehnen. „Maranatha!“ singen sie mit dem alten aramäischen Wort: „Jesus – komm doch bald!“

 

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In Tabgha haben sie nicht aufgegeben zu hoffen und zu warten – im Wandel der Zeiten warten sie auf den einen, der die Seinen stärkt mit Brot und Wein. Und bis er zurückkommt, werden Menschen da sein, die von ihm erzählen und von der großen Hoffnung, die mit ihm in die Welt kam: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen!“

Inschrift auf Beton

 

1

Hier hat sich einer oder eine Luft gemacht. In der Nacht wird gerne gesprüht oder gesprayt. Manche Hauswände könnten ein Lied davon singen. Diese Schrift auf Beton scheint eher aus Unmut zu kommen. Da steht: „gott ist tot SATAN lebt …“ Für ein Komma hat es nicht gereicht; das Wort „gott“ scheint kleingeschrieben – dafür steht SATAN in Großbuchstaben.

Hinter dem Satz könnte folgende Geschichte stehen: Jemand erlebt wenig oder nichts Gutes – und glaubt nicht mehr an Gott, ja, hält Gott für tot. Zugleich scheint diesem Jemand aber das Böse sehr lebendig. Also denkt er oder sie, der SATAN lebe. Und wenn wir noch vermuten, dass der Sprayer oder die Sprayerin eher jünger ist, ist der Glaube hier auf den Punkt gebracht: Gott, Satan und mein Glaube entscheiden sich an der Frage von Gut und Böse. Gott ist das Gute, der Satan das Böse.

 

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Mit dem Wort und dem Begriff Satan betreten wir eine Welt, die unüberschaubar geworden ist. Alle Religionen und auch das Alte wie das Neue Testament der Bibel nutzen das Wort – ebenso wie das Wort Teufel. Was aber jeweils genau damit gemeint ist, füllt viele Bücher und kluge Artikel.

Eine Kurzfassung könnte lauten: Wenn Gott gut ist, woher kommt dann das Böse? Das Böse ist ein Widersacher Gottes; etwas von Gott Abgefallenes – womöglich ein gefallener Engel. Der bekommt einen Namen: Satan, Teufel, Beelzebub … Namen sind wichtig, um etwas zu benennen. Der Inhalt des Benannten ist etwas Böses. Also jemand, der gegen Gott handelt, handelt gegen das Gute.

Nebenbei bemerkt: Nicht einleuchtend an der Inschrift auf Beton: „gott ist tot SATAN lebt …“ ist, dass es den Satan, den Teufel doch nur geben kann, solange Gott lebt. Sollte Gott tot sein, ist die Frage nach Gut und Böse hinfällig. Der Satan lebt nur, weil Gott lebt. Er ist ja von ihm, vom Guten abgefallen.

 

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Hier ist also das Böse auf Beton verewigt. Das Gute ist tot, meint ein Sprayer, das Böse lebt. Das mag er oder sie so empfinden. Empfindungen müssen nicht richtig sein – dennoch haben sie ihr Recht. Wenn man jahrelang viel Böses erlebt, kann man so empfinden.

Andere erleben womöglich viel Gutes, auch jahrelang. Sie würden dann einen solchen Satz niemals auf Beton schreiben. Aber vielleicht einen anderen. Einen Satz über das Gute. Ihre Inschrift auf Beton könnte dann heißt: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Oder kürzer: Einer trage des anderen Last. Damit ist alles gesagt.

Gut ist, wenn wir einander beistehen.

 

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Der Satz wäre es wert, auf Beton geschrieben zu sein: Einer trage des anderen Last. Er ist einfach nur wahr. Der Teufel versucht, Jesus und uns auf einen anderen Weg zu locken (Matth 4): Er verspricht, uns alle Reiche der Welt zu schenken, wenn wir ihn anbeten und uns um uns selber kümmern. Jesus wehrt das ab und sagt: Ich will nicht mir, sondern Gott dienen. Da verließ ihn der Teufel, und die Engel dienten Jesus. Aber die Frage stellt sich ja jeden Tag wieder: Tue ich nur mir Gutes? Oder achte ich darauf, dass auch andere Gutes erleben? Oder ich ihnen wenigstens nicht schade?

Wir wissen nicht, was der Sprayer oder die Sprayerin erlebt haben. Vermutlich nicht viel Gutes. Dann muss man sich auch mal Luft machen und behaupten: Das Gute ist tot, das Böse lebt. Es wird vermutlich viele Menschen geben, die so empfinden.

 

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Dagegen hilft nur das Gute, also eine andere Empfindung. Wer will, dass Menschen mehr Gutes empfinden, sollte ihnen Gutes antun: Einer trage des anderen Last. Das klingt einfach – ist es aber leider nicht immer. Weil am Anfang etwas steht, was oft vergessen wird: Ich soll den oder die andere wirklich wahrnehmen und darauf achten, welche Lasten er oder sie wirklich zu tragen hat. Ich sage absichtlich: „wirklich“. Denn manche Lasten verstecken sich ja hinter einer Fröhlichkeit, die nicht immer zu durchschauen ist. Darum die Überlegung: Wie belastet ist der andere Mensch wirklich?

Das Gute beginnt mit einem wohlwollenden Hinsehen und Hinhören. Manche wollen gar nicht, dass man ihnen eine Last abnimmt. Sie empfinden es schon als heilsam, wenn sie auf Verständnis treffen. Dazu können wir beitragen. Durch genaues Hinhören und Hinsehen. Auch Ohren können mittragen.

Seien wir sehr achtsam aufeinander. Schon dann beginnt das Gute.

 

Verantwortung macht menschlich

 

1

 

Die Menschen auf dem Bild wirken verstört. Jeder und jede hat mindestens einen Koffer zur Hand. Mache halten ihn so, dass Koffer oder Tasche nicht nass werden; andere nutzen den Koffer wie einen Schwimmreifen. Sie halten sich an dem Teil fest, um nicht unterzugehen oder nicht schwimmen zu müssen. Das Außergewöhnliche ihres Tuns begründen sie so: WIE SCHÖN WAR’S DAMALS, ALS MAN NOCH SEIN GEPÄCK UNBEAUFSICHTIGT IM HOTEL LASSEN KONNTE.

 

Das geht offensichtlich nicht mehr. Die Gäste haben Sorge, dass man ihnen das Gepäck stiehlt. Sie nehmen ihr Gepäck mit zum Pool und beseufzen das „Damals“, als man ihr Gepäck noch in Ruhe ließ, wie sie meinen.

 

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Das ist beliebt: zu denken und zu sagen, dass es früher besser war, angeblich. Wer sich heute über etwas ärgert, seufzt bald und sagt: Das hat es früher nicht gegeben. Angeblich waren die Kinder früher braver, die Straßen freier und die Lebensmittel gesünder. Mag sein, dass sich das eine oder andere zum Schlechteren gewandelt hat. Dabei wird aber vergessen, wie viel besser geworden ist – denken wir nur mal an die medizinische Versorgung oder die Versorgung mit Lebensmitteln. „Früher“ ist nie ein guter Vergleich; man kann Zeiten und Verhalten nicht miteinander vergleichen. „Früher“ war früher, „Heute“ ist heute. Jede Zeit war bemüht, auf der Höhe ihrer Zeit zu sein.

 

Unsere Erinnerung spielt uns einen Streich, wenn sie meint, früher sei so vieles besser gewesen. Manches vielleicht, und manches andere nicht.

 

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Das Volk Israel hatte sogar ein Sprichwort über dieses „Früher“ und „Heute“; ein nicht ungefährliches Sprichwort. Es lautete, wie der Prophet Hesekiel erzählt, folgendermaßen: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“. Das soll heißen: Wir baden die Sünden der Eltern aus. Was die Generation vor uns falsch gemacht hat, müssen wir erleiden.

 

Manches an diesem Gedanken ist richtig. Wir heute leben mit den Folgen dessen, was unsere Eltern und Großeltern zu Werke gebracht haben – im Guten wie im Schlechten. Aber das Sprichwort ist auch gefährlich. Für vieles sind wir selber verantwortlich und dürfen es nicht auf die Generationen vor uns schieben. Wir bleiben verantwortlich für unser Tun.

 

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Darauf legt der Prophet Hesekiel großen Wert. Das Sprichwort, sagt er im Namen Gottes, „soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.“ Weil es zu bequem ist, die Schuld auf „früher“ zu schieben. Indem wir das tun, leugnen wir unsere Verantwortung für heute. Wir zucken sozusagen die Achseln und sagen: Da können wir doch nichts für – das haben doch unsere Eltern angerichtet; wir baden nur aus.

 

Bei ausbaden sehen wir wieder auf das Bild und erkennen, dass auch die Hotelgäste – wie sie meinen – ausbaden müssen, was andere ihnen eingebrockt haben. Ihr Schwimmvergnügen ist erheblich getrübt, weil sie meinen, ihr Hab und Gut sei im Hotel nicht mehr sicher. Ob das überhaupt stimmt? Das können wir nicht wissen.

 

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Wir können aber etwas anderes wissen: wir haben die Verantwortung für unser Leben in dieser Zeit. Das ist groß und wichtig. Dem Propheten Hesekiel geht es bei seinen Worten im Namen Gottes nicht ums Bestrafen. Gott hat keine Freude am Strafen. Es geht darum, dass wir uns jeden Tag bemühen können, das Gute zu tun – das Gute für das Leben möglichst vieler auf Gottes Erde. Wer wirklich und wahrhaftig besten Wissens und Gewissens lebt und handelt, wird leben. Und muss sich nicht darum sorgen, ob Gott ihn straft.

 

Unser Leben ist ein Leben im Angesicht Gottes, wie die Bibel das sehr schön nennt. Das glaubt nicht jeder Mensch. Es wäre aber hilfreicher, Menschen lebten wenigstens so, auch wenn sie es nicht glauben. Dann ist die Überraschung nicht so groß, wenn wir uns doch vor Gott werden verantworten müssen – eines schönen Tages.

 

Suchen wir füreinander das mögliche Gute; tun wir einander das Gute; Und bitten wir einander um Vergebung, wenn wir das Gute versäumen sollten.

 

Verantwortung füreinander und vor Gott macht uns menschlich

Johannes der Täufer

Gedanken zum Johannistag 24. Juni 

1

 

In einem Fluss, der nur durch wenige Wellen angedeutet ist, steht ein Mensch. Leicht gebeugt steht der da und wenig bekleidet sieht er aus. Vor ihm steht am Ufer ein Mann in einem knielangen Gewand. Der Mann wendet sich der Person im Fluss zu. Auch er beugt sich leicht nach vorne, vielleicht weil das Ufer etwas höher liegt. Eine Hand des Mannes ruht auf der Schulter der Person, die im Wasser steht. Mit der anderen Hand hält er ein Gefäß. Vermutlich schüttet er Wasser über die Person im Fluss. Die Szene beobachten Frauen und Männer, die in der Nähe sind. Sie wenden sich den beiden zu und scheinen näher zu kommen. Eine Person verschränkt die Hände vor der Brust. Sie wirken neugierig und interessiert.

 

2

 

Das Bild gestaltet eine Szene aus den Evangelien:

Johannes der Täufer tauft Menschen im Jordan. Der Jordan ist ein Fluss in Israel, der den See Genezareth mit dem Toten Meer verbindet. Weil der Jordan in einer Senke quer durch die Wüste fließt, ist kaum eine größere Stadt in seiner Nähe. Dorthin, in die Wüste, in die Jordansenke, hatte sich Johannes zurückgezogen. Er trug, so berichtet es die Bibel, ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel. Er aß Heuschrecken und wilden Honig. Er lebte das Leben eines Eremiten, eines Einsiedlers. Und: Er predigte.

 3

 

Johannes predigte die Taufe zur Vergebung der Sünden. Die Taufe des Johannes hatte damals also eine andere Bedeutung als die Taufen, die wir in unserer Kirchengemeinde praktizieren. Johannes taufte die Menschen nicht, um damit deutlich zu machen, dass sie nun zu ihm gehören, ihm etwa folgen sollten. Er taufte sie auch nicht in eine schon bestehende Glaubensgemeinschaft hinein. Die Menschen ließen sich auch nicht von ihm taufen, weil das für sie dazugehörte.

Die Taufe, die Johannes praktizierte, hatte eine andere Bedeutung: Er taufte die Menschen, um sie zu Buße und Umkehr zu bewegen. Der Johannes-Taufe ging ein Bekenntnis der Menschen zu ihren Sünden voraus. Die Taufe bedeutete Umkehr, Neuanfang, das Abwaschen von Schuld und Fehlern. Diese Taufe war für die Menschen so verheißungsvoll, dass sie weite Wege auf sich nahmen. Sie kamen aus dem ganzen jüdischen Land und aus Jerusalem zum Jordan. Sie wollten hören, was Johannes predigte. Und sie bekannten ihre Sünden und ließen sich von ihm taufen. Im Markusevangelium (1.4f) ist das mit kargen Worten so beschrieben: „Johannes der Täufer war in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem und ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden.“

 

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Warum aber war das so attraktiv? Warum kamen die Menschen von weither, um sich von Johannes taufen zu lassen?

 

Ich stelle mir vor, dass sich die Leute danach sehnten, aussprechen zu können und aussprechen zu dürfen, was ihnen auf der Seele lag. Ich stelle mir vor, dass Johannes ihnen zuhörte, wenn sie erzählten, was in ihrem Leben schieflief; wo sie schuldig geworden waren. Und ich stelle mir vor, dass die getauften Männer und Frauen sich wie neue Menschen fühlten, wenn sie nach der Taufe aus dem Wasser stiegen. Vermutlich haben sie sich dann vorgenommen: Ich werde mein Leben ändern.

 

Das ist Umkehr. Das ist Buße. Sich einzugestehen, was im eigenen Leben schiefläuft. Und dann etwas zu ändern. Johannes brachte die Menschen auf einen neuen Weg und besiegelte diesen mit seiner Taufe.

 

Vertraut neuen Wegen

 

 

Der Himmel im Herzen

1

 

Der Zeichner auf dem Bild fühlt einen Auftrag. Entschlossen sitzt er vor Staffelei und Leinwand. Er will zum Denken ermuntern. Dazu malt er ein Bild, auf dem nur steht: „Think“ – das meint: Denkt! oder allgemein: Denken. Mit großem Ernst geht er zu Werke. Die Buchstaben haben Form und Größe. Alles scheint zu passen.

 

Und dann passt es doch nicht. Der Mann, der zum Denken auffordert, sieht am Ende des Bildes, dass er nicht genug nachgedacht hat. Der letzte Buchstabe passt nicht mehr aufs Bild, jedenfalls nicht in der Form der anderen Buchstaben. Am Ende muss er das „K“ noch seltsam hinquetschen. Sein schönes Bild geht schief.

 

Komik ist, wenn etwas in großem Ernst durchgeführt wird und dann schiefgeht. Der Komiker Loriot (1923–2011) konnte das perfekt darstellen. Ein Mann beginnt ein Liebesgeständnis in bester Kleidung und mit großem Ernst. Dabei hängt ihm eine kleine Nudel im Gesicht. Ein anderer Mann folgt seinem inneren Zwang und will nur ein kleines Bild gerade rücken – dabei zerstört er ein ganzes Wohnzimmer, weil er Vasen umstößt oder Regale zum Einsturz bringt. Wir müssen lachen. Der große Ernst eines Menschen wird lächerlich, weil ihm nichts gelingt.

 

2

Jetzt könnte man mitlachen – über sich selbst. Das wäre vermutlich der beste Weg. Viele können es nicht und werden schwermütig oder ärgerlich, geben wer weiß wem oder was die Schuld. Dabei sind sie es ganz alleine. Auf dem Bild ist der Maler schuld. Der letzte Buchstabe passt nicht aufs Bild. Die Männer bei Loriot sind selber schuld, wenn man über sie lachen muss. Sie stellen sich ungeschickt an – und versuchen dennoch, ernst zu wirken und zu bleiben. Das ist komisch.

 

Und wir? Vertragen wir es, Fehler zu machen? Schaffen wir es, darüber zu lachen – alleine oder gemeinsam mit anderen? Am Ende des Films „Alexis Sorbas“ (1964) stürzt etwas mühsam Erbautes ein. Nach dem ersten Schreck lacht Alexis Sorbas und sagt sinngemäß zu seinem Freund: Hast du etwas schon mal so schön zusammenstürzen sehen? Dann lachen beide. Und tanzen.

 

3

Hat Jesus gelacht? Ging ihm auch etwas schief, worüber er und die, die mit ihm lebten, herzhaft lachen mussten?

Ich denke Ja. Es wird nur nicht erzählt. Die Verfasser der Evangelien erzählen die großen Linien, nicht die kleinen Begebenheiten. An Alltagen kam es vermutlich auch zu kleinen Lächerlichkeiten, die dann auch des Lachens wert waren. Jesus war ein Mensch wie du und ich. Und Menschen machen Fehler. Wohl denen, die dann lachen können – über sich selber. Und weil Jesus den Himmel im Herzen hatte, wird er auch gelacht haben. Lachen befreit. Wer über sich lachen kann, ist ein etwas freierer Mensch. Wer nach einem Fehler verbissen daran arbeitet, den Fehler zu verteidigen, wirkt eher komisch wie bei Loriot.

 

Ernst genommen werden Menschen, die zu sich stehen. Und eben auch herzhaft lachen können über sich.

 4

Der Maler auf dem Bild ist wohl noch nicht so weit, dass er lachen kann. Genau genommen endet seine Arbeit ja in einer kleinen Katastrophe. Alles stimmte, alles sah so gut aus – bis der letzte Buchstabe kam. Der vermasselt das ganze Werk. Sein Gesicht bleibt verschlossen. Und wir schmunzeln – und wissen zugleich, dass uns so etwas natürlich auch passieren kann (EG 497,3): „Es fängt so mancher weise Mann / ein gutes Werk zwar fröhlich an / und bringt’s doch nicht zum Stande“. Wir erkennen uns darin wieder. Es gehört zum Menschsein: Der große Plan und das Scheitern; der hohe oder höchste Anspruch und das Versagen; der Ernst des Tuns und das Lachen über die Fehler.

 

5

Wenn wir uns etwas Gutes tun wollen, dann dies: Wir nehmen uns ernst, wir nehmen unser Tun und Lassen ernst, wir nehmen unser Menschsein ernst und das der anderen auch. Zugleich nehmen wir das alles auch nicht zu ernst, sondern bedenken: es können Fehler geschehen. Ich meine jetzt nicht die tragischen Fehler und Schuld; die gibt es, sie müssen besonders bedacht werden. Nein, ich meine Alltagsfehler, bei denen keiner zu Schaden kommt und die eher lustig sind. Auch die gehören zu uns. Darüber müssen andere heimlich oder laut lachen. Lachen wir mit. Wer lacht, befreit sich ein wenig vom Ernst, von Bitterkeit. Wer lacht, macht sich leichter.

 

Wer über sich lachen kann, hat etwas vom Himmel im Herzen.

Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind

Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind

 

1

Ein Mann steht in einem leeren Raum. Der Raum ist dunkel. Der Mann dreht dem Betrachter den Rücken zu. Sein Blick ist auf eine Tür gerichtet, die offen steht. Helles, gleißendes Licht dringt von außen durch den Türspalt.

 

2

Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir am Rand eines Vulkans stehen, der jederzeit ausbrechen kann, und dann fliegt uns alles um die Ohren. Oder wir gehen noch einen Schritt weiter und fallen in den Schlund des Vulkans. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir am Abgrund stehen.

 

An jeder Ecke Krieg in der Welt und jetzt so nahe in der Ukraine. Überall Diktatur und Militär. Radikale, die sich bekämpfen, die nicht aufhören zu schießen, auch wenn schon alles zerstört ist. Die Ausbeutung unserer Erde geht weiter: Das Klima – am Ende. Die Meere – überfischt. Tiere, die wider ihre Geschöpflichkeit gehalten und geschlachtet werden. Artensterben überall. Rohstoffe – ohne Rücksicht auf Natur und Menschen ausgebeutet. Böden – überdüngt, Grundwasser belastet.

 

3

Zu jeder Tages- und Nachtzeit 10.000 Flugzeuge gleichzeitig in der Luft, darin so viele Menschen wie Hamburg Einwohner hat. Überall Dreck und Müll und Verkehrskollaps in fast allen Städten. Geld und Bildung ungleich verteilt – global wie national. Radikale, die einfache Antworten skandieren, hier und anderswo. Menschen, die zu Hunderttausenden fliehen vor Krieg und Gewalt. Rüstungsindustrie – stetig auf Erfolgskurs.

 

Nur noch einen Schritt weiter, dann fallen wir. Nur noch eine kurze Zeit, dann bricht uns der Boden unter den Füßen weg. Ich werde dieses Gefühl nicht los.

 

Der Prophet Jesaja (5,20) mahnt: „Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen.“

 

4

Ich habe es einfach nicht mehr gekonnt, erzählt eine Frau. Ich konnte nicht mehr so weiterleben. Mein Mann sprach kaum noch mit mir. Jeden Tag dasselbe Einerlei. Dieselben Floskeln. Dieselbe Art zu funktionieren. Ich musste mich ablenken, mich trösten. Erst war es nur ein Gläschen am Abend. Dann waren es zwei, dann drei. Angenehme Bettschwere. Irgendwann merkte ich, dass die Leere leichter zu ertragen war, wenn ich auch zwischendurch mal ein Gläschen trank. Ab mittags zunächst. Dann auch schon nach dem Frühstück. Schließlich ordnete ich meinen Tag danach, wann ich wieder ein Gläschen trinken konnte. Mir schien das Leben leichter. Zwei, fast drei Jahre ging das so. Dann stürzte ich völlig ab. Mein Mann verließ eines Tages das Haus und kam nicht mehr zurück. Nun trank ich auch nachts, wenn ich aufwachte. Die Wohnung verwahrloste und ich mit ihr. An einer U-Bahn-Station bin ich dann zusammengebrochen, die Treppe hinuntergefallen. Passanten holten einen Rettungswagen, wie mir später erzählt wurde. Ich kam ins Krankenhaus, dann zur Kur. Einmal, zweimal. Ein langer Weg. Jetzt bin ich wieder trocken und kann sogar arbeiten. Ich habe Kolleginnen, mit denen ich ausgehe und alte Freundinnen sind zurückgekehrt. Nie hätte ich gedacht, dass mir das alles mal passieren könnte.

 

„Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen“, verkündet der Prophet Jesaja. (26,19)

 

5

Ein Mann steht in einem dunklen Raum. Sein Blick ist auf eine Tür gerichtet, die offen steht. Helles Licht dringt von außen durch den Türspalt. Nur wenige Schritte, und der Mann könnte vom Dunkel ins Licht treten.

 

„Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind“, verheißt der Prophet Jesaja. (8,23a)

Petrus und der Geburtstag der Kirche

1

Seit Pfingsten ist ein besonderer Glanz in der Welt. Ein wenig davon sehen wir auf diesem Bild. Goldener Glanz in einem Fenster – Gold als Farbe Gottes. In der lichten Mitte des Goldes eine Taube, Zeichen des Heiligen Geistes. Das Fenster und die Skulpturen sind im Petersdom in Rom zu sehen. Das ganze Barockkunstwerk ist eine Art bronzene Hülle für den Stuhl Petri, also dem Stuhl, auf dem der erste Leiter der Kirche Jesu Christi auf Erden gesessen haben soll. Der goldene Glanz und der Heilige Geist kommen also zuerst auf Petrus nieder.

 

Dass er auf dem „Stuhl Petri“ sitzen konnte, verdankte Petrus seinem Bekenntnis zu Jesus und der besonderen Auszeichnung, die er dann von Jesus bekam, Hier der Text aus dem Matthäus – Evangelium:

 

Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?  Sie sprachen: Einige sagen, du seist 

Johannes der Täufer, andere, du seist  Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder  einer der Propheten.  Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? 16Da antwortete Simon Petrus und sprach:  Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; 

denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen  Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.  Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben:  Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

 

2

Der britische katholische Schriftsteller Gilbert K. Chesterton (1874–1936), der Erfinder des Pater Brown, hat zu der Ernennung des Petrus Folgendes geschrieben:

 

Als Christus in einem bedeutungsvollen Augenblick Seine große Gemeinschaft stiftete, erwählte er zum Grundstein nicht den brillanten Paulus und nicht den tief innigen Johannes, sondern einen Drückeberger, einen Snob, einen Feigling – kurz, einen Menschen. Und auf diesen Fels baute ER Seine Kirche, gegen die der Hölle Macht* nichts hat ausrichten können. (*im Buch: Ketzer).

 

Das ist eine große und zugleich schlichte Wahrheit. Petrus war kein Held, als er ernannt wurde. Er wurde ein Held, weil Jesus es ihm zutraute. Die Kirche ist auf einem Felsen gegründet, der erst noch einer werden sollte. Bis zum Augenblick seiner Ernennung war Petrus ein Hallodri, der sich verdrückte, als es nicht mehr nach einem Vorteil für ihn aussah.

Was bedeutet das?

 

3

Das bedeutet, dass die Kirche niemals das war und niemals das sein sollte, was viele in ihr sehen: eine Gemeinschaft der Helden oder der „Ehrenwerten“. Das ist sie, auf keinen Fall. Im Gegenteil: Eigentlich sollten alle wissen: Hier, in der Kirche sind die Menschen, die wissen, dass sie Versager sind; die wie der Zöllner im Tempel im Angesicht Gottes nur noch zu sagen: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Oft ist es ja leider anders. Oft rümpfen gerade die in der Kirche ihre Nase über die, die außen stehen, die nicht hineinzukommen wagen oder sich einfach zu schlecht fühlen, um sich angenommen zu wissen. Das ist, genau genommen, ein Skandal. Wir sind nicht die „Ehrenwerten“, auch wenn wir uns so fühlen. Die Kirche, die am ersten Pfingstfest mit dem Heiligen Geist beschenkt wurde, ist wie Petrus. In ihr haben alle die Platz, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Natürlich haben auch die anderen Platz; aber nicht einen Platz, von dem aus sie auf Menschen herabsehen könnten.

 

4

Der neue Glanz, der mit der Kirche in die Welt gekommen ist, scheint in die Dunkleheit der Welt. Kirche ist die, die sich um alle Entrechteten kümmert, um alle Ausgesonderten, um Hungernde und Dürstende und um alle, denen das Leben zu entgleiten droht. Dorthin scheint der Geist, in diesen „finsteren Seelen“ wird es golden, denn dort sucht und erfleht man Gott. Und wo nach Gott gesucht und nach ihm gefleht wird, nur da gehört die Kirche hin. Wir kümmern uns nicht um uns, wir kümmern uns um andere. Um uns kümmert sich Gott.

 

Die Jünger, Frauen und Männer, die am ersten Pfingstfest die Taufe und den Heiligen Geist empfingen, waren kleine und kleinste Leute – wenig beachtet von denen, die das Geld hatten und den Einfluss. Paulus schrieb an christliche Gemeinden, in denen sich die versammelten, die in den Dörfern und Städten unter die Räder kamen. Viele der ersten Christen starben als Verfolgte, mit dem Treuebekenntnis zu Gott auf den Lippen. Niemals war die Kirche eine Gemeinschaft von „Ehrenwerten“. Immer wieder waren es Verantwortliche in der Kirche, Menschen die scheinbar für „Kirche“ standen, Kirchenfürsten, die in Wirklichkeit aber hinter den Kulissen ihre schuldigen Verstrickungen lebten, während sie nach vorne hin so taten, als sei alles in Ordnung.

 

5

Der Glanz der Kirche des Heiligen Geistes scheint zu den Armen, den sich überflüssig Fühlenden, den Trauernden und den von der Welt im Stich Gelassenen. Das, und nur das, ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Die Kirche hat nicht mit der Macht zu dealen, sondern die Mächtigen darauf hinzuweisen, wo Hilfe notwendig ist.

 

Das ist die Kirche, die um ihre Zukunft nicht fürchten braucht. Sie mag äußerlich schrumpfen und an Einfluss und Mitglieder verlieren, aber das hält den Heiligen Geist nicht auf. Der kommt  wächst und gedeiht.

 

Eine begeisterte Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gedanken für die Woche

Andachten zum Pflücken

Das Türmchen unseres Lebens

1

Wir sehen höchste Konzentration. Das Mädchen im schönen Kleid ist wie versunken in ihr Tun. Auf einem Wägelchen liegen viele Bücher. Sie liegen, aus unserer Sicht, etwas ungeschickt – und zwar so, dass das kleine Türmchen aus Büchern bald umkippen könnte. Das möchte das Mädchen verhindern. Deswegen schaut sie ernst, beinahe streng, als wolle sie den Bücherturm ermahnen, bloß ruhig liegen zu bleiben. Dabei können wir nicht genau erkennen, ob das Mädchen ihr Wägelchen schieben oder ziehen will.

Ein Mädchen und Bücher, das ist eine schöne Überraschung. Es geht mal nicht um einen großen oder kleinen Bildschirm, es geht einfach nur um Bücher. Das Bild ist ja auch schon etwas älter. Ob die Fantasie ausreicht, uns vorzustellen, was das Mädchen damit vorhat? Möchte sie die Bücher zu einem Freund oder einer Freundin bringen? Oder zu sich nach Hause? Ist sie auf dem Weg zur Stadtbibliothek, um die Bücher dort abzugeben und sich neue zu auszuleihen?

Bücher lesen oder Bücher vorgelesen zu bekommen, ist nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Etwas aber ist geblieben. Wer Bücher liest oder vorgelesen bekommt, wird sprachfähiger. Wer viel mit Wörtern zu tun hat, weiß sie besser zu nutzen.

 

2

Es gibt auch eine Sprachfähigkeit im Glauben! Beten ist Sprachfähigkeit. Wer betet, drückt sich aus, kann sich und seine Lage in Worte fassen. Wer betet, will das: „sich ausdrücken, etwas aus sich herausbringen.“ Man fürchtet ein wenig zu ersticken, wenn man etwas nicht in Worte und in ein Gebet fasst. Beten bedarf der Sprachfähigkeit. Das ist der erste Teil der Hilfe. Manche beten, weil sie sonst nicht wüssten, wem sie ihr tiefstes Leid anvertrauen könnten. Gott petzt nicht. Er verrät uns nicht an andere, erzählt nichts weiter. Bei ihm sind meine Worte gut aufgehoben.

Und natürlich hofft man beim Beten auf irgendeine Form von Antwort. Das ist der zweite Teil der Hilfe. Wer sich gegenüber Gott ausdrückt, hat Wünsche, möchte danken oder bitten oder loben. Vermutlich, so ehrlich sollten wir sein, geht es meistens – vielleicht auch zu oft – nur ums Bitten. Der Dank gerät dann ein wenig zu kurz, wenn wir beten.

 

3

Wir hoffen, im weitesten Sinne, auf Gottes Hilfe. Wir hoffen, bildlich gesprochen, dass unser Türmchen auf dem Wägelchen des Lebens nicht einstürzt, dass wir bewahrt werden und bleiben – dass wir behütet sind in allem, was wir tun und lassen. Auf diese leisen und deutlichen Hoffnungen antwortet uns der Wochenspruch (Psalm 66,20), der mit einem Lob beginnt: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“ Zweierlei verspricht der biblische Satz: Gott verwirft mein Gebet nicht, er nimmt es ernst. Und: Gott wendet seine Güte nicht von mir. Wie ich mich an ihn gewandt habe, so bleibt er mir zugewandt.

Der Wochenspruch verspricht nicht, dass Gott meine Gebete erfüllt. Er verspricht die Aufmerksamkeit und die Güte Gottes. Das soll mir, zunächst, genügen. Es kann aber sein, dass mir in Wochen, Monaten oder Jahren etwas widerfährt, was ich als Antwort Gottes auf meine Gebete erkenne.

 

4

Gott antwortet mir nicht zu Gefallen. Gott antwortet nach seiner Güte. Das kann ein großer Unterschied sein. Sollte das Mädchen auf dem Bild eine Art Stoßgebet senden, kann ihr Türmchen aus Büchern immer noch umfallen. Das lehrt dann auch etwas, nämlich: ordentlicher und vielleicht weniger zu stapeln.

Gottes Güte entspricht oft nicht dem, was mir gefallen würde. Und wenn es mir nicht gefällt, lehrt es mich etwas. Dafür könnte ich dann dankbar sein, wenn möglich.

 

5

Vielleicht können wir auf dem Bild die Türmchen unseres Lebens sehen. Manche schichten ordentlich, andere eher wild – manche hastig, andere planvoll. Eine Garantie, dass nie etwas fällt oder einstürzt, gibt es nicht. Auch die Planvollsten werden manchmal von etwas, wie man so sagt, „kalt erwischt“.

Wie immer wir gerade unser Leben und die verschiedenen Türmchen in ihnen sehen – machen wir es doch wie das Mädchen im schönen Kleid: Achten wir sorgsam auf alles; bringen wir etwas Ordnung in das Schiefe; schichten wir anders oder um; nehmen wir uns am besten etwas weniger vor. Und wenden wir uns mit unserer Sprachfähigkeit an den, der uns und unser Leben gewollt hat. Sprechen und beten wir zu ihm, der seine Güte nicht von uns wendet:

 

Gott, der du Vater und Mutter bist,

führe mich an deiner Hand,

dass ich nicht falle;

und lass mich auch im Schmerz fühlen,

dass deine Güte um mich ist. Amen.

Dem Leben ins Gesicht lachen

1

 

Schauen, staunen und lachen – auf schönste Weise sind die Kinder abgelenkt. Sie sehen den Clowns direkt ins Gesicht, zeigen auf die rote Nase, sind vielleicht etwas angespannt und wissen noch nicht so genau, was vor sich geht. Auf jeden Fall aber vergessen sie, wo sie sind und was sie möglicherweise bedrückt.

 

Auf der anderen Seite, vor dem Bett, sind zwei Erwachsene, die sich ein wenig verkleidet und geschminkt haben, um Abwechslung ins Zimmer zu bringen. Ein paar Scherze, vielleicht kleine Zauberkunststücke, bestimmt aber ein Lachen. Lachen mit Herz. Dazu eine dicke, rote Nase, auf die ein Kind gerade zeigt.

 

Die Krankenhausclowns bringen Freude, Vergessen, Abwechslung – und Lachen mit Herz. Sie erfüllen auf denkbar einfach Weise, was sich der Apostel im Brief an die Gemeinde der Stadt Kolossä so sehnlichst wünscht: Zieht nun an … herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.

 

Vielleicht kann man das manvchmal so formulieren: „Krankenhausclowns sind so etwas wie Heilige mit dicker, roter Nase.“

 

2

 

Das brauchen wir manchmal: Vergessen, Ablenkung und Lachen. Das Leben ist im Allgemeinen eine ernste Sache. Die letzten Monate haben uns gelehrt, dass die ganze Welt aus den Fugen geraten kann: Unsere Welt ist krank und müsste gleichsam ins Krankenbett gelegt werden. In 2020 und 2021 haben wir monatelang kaum über etwas anderes nachdenken können als über Zahlen von Erkrankten und Sterbenden sowie die Überlastung von Personal in Krankenhäusern. Wir waren (oder sind noch?) direkte Zeuginnen und Zeugen einer schwer erkrankten Welt. Viele fühlten sich wie eingesperrt. Was hilft dann?

Uns wie noch einmal ganz anders krank ist das, was sich gerade in der Ukraine abspielt.

 

Was tut uns gut? Auch mal Ablenkung und Lachen, zum Beispiel. Oder Musik, Singen. Vielleicht dürfen die Clowns im Krankenhaus, die Heiligen mit dicker, roter Nase, auch mal ein Lied singen mit den Kindern. „Mit Musik geht alles besser“, sang ab 1943 der deutsche Sänger Rudi Schuricke (1813–1973). Und wenn es auch nicht gleich besser geht und schon gar nicht besser wird, dann geht es wenigstens etwas leichter (für den der singt)

 

3

 

Mit Musik, mit Singen, wird alles etwas leichter. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass Musik und Gesang auch nicht selten missbraucht wurde, auch von Despoten und Diktatoren benutzt wird, um von ihren bösen Taten abzulenken. Das ist schlimm. Für unsere Alltage gilt aber trotzdem: Musik und Singen machen vieles leichter. Weil wir leichter werden. Darum erbittet der Apostel im Brief an die Gemeinde in Kolossä: Singt Gott dankbar in euren Herzen.

 

Das war ja auch immer so: Die Geknechteten, Verwundeten und Verängstigten hatten ihre Lieder, ihre Musik. Wer sich zu schwer wird – wem das Leben und wer sich selbst zu schwer wird – kann etwas leichter werden: durch Musik. Sie erhebt ein wenig vom schweren Boden. Vielleicht, wer weiß, macht sie uns sogar dankbarer dafür, dass wir leben dürfen.

 

4

 

Wir leben gerade wieder im österlichen Licht. Die hoffnungsvolle Botschaft, dass immer mehr Leben ist als Tod, wurde uns zugesagt vor vier Wochen. Da ringen wir immer mit dem Verstehen: Wie ist das möglich, dass ein Toter von den Toten aufersteht? Wie soll das gehen?

 

Das können und müssen wir nicht verstehen. Viel wichtiger ist, was diese Botschaft aus uns und mit uns machen kann: Sie kann uns leichter machen. Wir müssen das Leben und das Schwere im Leben nicht mit Bitterkeit betrachten und müssen nicht alles nur schwer seufzend erleiden. Wir können dem allem etwas entgegensetzen: das Band der Liebe; das Band der Vollkommenheit. Auch davon liegt etwas in der Musik, im Gesang.

 

5

 

Könnten wir doch ein wenig lieben, wie Clowns lieben. Sie lachen dem Leben ins Gesicht. Aber sie machen sich niemals lustig, höchstens über sich selbst. Leben, als lachten wir dem Leben ins Gesicht, als könnten wir der Schwere ein wenig Leichtigkeit entgegensetzen. Das geht, manchmal. Selbst Menschen mit vielen Tränen haben schon gesungen und dabei zum Lächeln gefunden, jedenfalls für ein paar Augenblicke.

 

Leichte Augenblicke im schweren Leben bleiben nicht ohne Folgen. Im Wohlklang liegt die Hoffnung, dass Gott größer ist als mein Schmerz. Wer sich in eine Melodie hineinlegt, fühlt sich geborgen. Und dankt Gott für den Klang und das Geschenk der Musik.

 

Musik ist Gottes Geschenk an uns Lebende. Musik lacht dem Leben ins Gesicht.

 

 

 

Eine Woche voller Musik wünschen Ihnen, Ihre

Arno Wittekind, Domini Kettling und Johannes Ditthardt

Bleiben sie gesund

Die Himmel rühmen

 

1

Um den Himmel zu sehen, muss man manchmal den Kopf in den Nacken legen. Den Himmel ganz oben, wo er am höchsten ist – sonst sieht man nur den Horizont. Und wenn man Glück hat und an einem Ort wie diesem ist, sieht man dem ersten Schöpfungswerk direkt ins Gesicht, dem Licht, glutvoll und gleißend.

 

Ein Zelt wie aus Glas, zart und doch kraftvoll, durchlässig und doch erhaben. Die Sonnenstrahlen aus der Mitte umfassen lichtes Blau. Aus der Sonnenmitte fällt das Licht wie ein Tropfen heraus. Das gläserne Zelt spannt sich als kostbares Funkeln über den Köpfen aus.

 

2

An einem Ort wie diesem kann es gar nicht anders sein. Niemand sitzt hier mit gesenktem Haupt. Hierher kommt man, um erhoben zu werden, um von einem Tropfen Licht getroffen zu werden und dann selber zu leuchten. Nein, eine Kirche ist dieser Ort nicht. Er ist ein Konzertsaal. Er steht in Barcelona und wurde vor allem für die Nutzung durch Chöre gebaut, vor über 100 Jahren im Jugendstil gestaltet. Und die Decke ist geziert durch dieses riesige Glasmosaik. Die Sonnenstrahlen hier oben, das kostbare Funkeln geht mit dem Blau über in viele, sehr viele Gesichter, die wie in einem himmlischen Chor um die Mitte herum angeordnet sind, engelsgleich.

 

Und vielleicht stimmt es ja, dass der Gesang wie die Musik der Engel ist und damit dem Himmel am Nächsten kommt.

 

3

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament. Dem kommenden Tage sagt es der Tag, die Nacht, die verschwand, der folgenden Nacht. In alle Welt ergeht das Wort, jedem Ohre klingend, keiner Zunge fremd.

Ein Psalm, in dieser Fassung vertont vor 220 Jahren von Joseph Haydn (1732–1809) in „Die Schöpfung“. Von Musikern und Musikerinnen oft in diesem Konzertsaal in Barcelona aufgeführt. Aber wer im Parkett würde während der Musik schon den Kopf in den Nacken legen und zur Decke – pardon – zum Himmel schauen?

 Dabei scheint doch der biblische Text dieses Oratoriums dem gläsernen Mosaik hier Pate gestanden zu haben. Denn in Haydns „Schöpfung“ besingen die drei Erzengel Gottes Werk. Wer auch sonst? Und tatsächlich sind im Mosaik drei unterschiedliche Gesichter als Engelschor eingearbeitet. Engel, die Menschen dazu inspirieren, die Schöpfung zu loben. Haydn fand sein Thema übrigens mehr als inspirativ. Er hat mal gesagt, die Komposition war für ihn eine grundlegende religiöse Erfahrung. „Erst als ich zur Hälfte in meiner Komposition vorgerückt war, merkte ich, dass sie geraten wäre; ich war auch nie so fromm, als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete; täglich fiel ich auf meine Knie nieder, und bat Gott, dass er mir Kraft zur glücklichen Ausführung dieses Werkes verleihen möchte.“

 

4

Kann ja wirklich sein, dass der Mensch nicht nur in Kirchen fromm wird, sondern auch an solchen Orten. Um Gott zu loben, auch dazu gehen wir in die Natur oder in den Konzertsaal. Um Gott für die Schöpfung zu danken – dann doch gerne wieder in die Kirche.

Herzliche Einladung

Der Ladenhüterhirte

 

Gedanken zum Wochenspruch aus Johannes 10

 

1

Schon seit vielen Wochen steht es in der hinteren Ecke einer Flohmarkthalle und wartet auf einen Käufer. Eine großformatige Darstellung von Jesus als dem guten Hirten, wie sie früher in manchem Wohnzimmer zu finden war. Das Bild wirkt wie aus der Zeit gefallen mit seinem weichgezeichneten und etwas kitschigen Stil. Sowohl die Art der Darstellung als auch die Bildersprache vom Schaf und den Hirten haben kaum noch eine Verbindung zu unserem modernen Alltag. Und so habe ich meine Zweifel, ob sich überhaupt noch eine Käuferin oder ein Käufer für diesen Ladenhüter findet.

 

2

Und doch gibt es offenbar etwas an diesem alten Motiv vom guten Hirten, das auch in unserer Zeit immer noch Menschen anspricht und berührt. Wenn in Gottesdiensten oder Trauerfeiern Psalm 23 gebetet wird, bin ich immer erstaunt, welche Kraft in diesem Bild vom guten Hirten steckt. Wenn wir gemeinsam beten: „ Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“ lässt sich manchmal spüren, wie sehr diese alten Worte Trost, Geborgenheit und Vertrauen vermitteln.

 

Auch Jesus beschreibt mit diesem Bild seine Beziehung zu den Menschen, die mit ihm verbunden sind: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

 

Ihm geht es vor allem um das Hören: Kaum ein Tier hat solche Probleme mit der Orientierung wie ein Schaf. Anders als z.B. eine Ziege ist ein Schaf auf Hilfe angewiesen, um seinen Weg nach Hause zu finden. Es ist angewiesen auf die Stimme des Hirten, von dem es Orientierung und Richtung erhält.

 

3

Vielleicht ist diese Suche nach Orientierung und das Hören auf die richtigen Stimmen heute aktueller denn je.

In der Menschheitsgeschichte hat es noch keine Generation geben, die so vielen Stimmen und Meinungen ausgesetzt war wie die heutige. Den Menschen in unserer Gesellschaft erreichen nach wissenschaftlichen Erhebungen jeden Tag durchschnittlich 90–120 Werbebotschaften mit hirnphysiologisch nachweisbarer Wirkung. Derzeit wird jeder Deutsche pro Tag mit rund 6.000 Informationen konfrontiert. Dazu kommt das Phänomen der Fake-News, die es uns immer schwerer machen, in dem lauten Durcheinander der Stimmen und Meinungen die Orientierung zu behalten.

 

So stellt sich die Frage: Welcher Stimme folge ich? In den sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram kommt es entscheidend darauf an, wem ich folge, wo bin ich „Follower“, auf wessen Nachrichten und Bilder lasse ich mich ein. Diese Quellen beeinflussen die Art, wie ich denke, und den Weg, den ich gehe.

 

4

Von daher kommt es für die Menschen, die sich an Jesus orientieren wollen, darauf an, seine Stimme aus den unzähligen Stimmen und dem Lärm der Zeit herauszuhören. „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir“, sagt Jesus. Diese Art von „Schaf-Sein“ hat nichts mit einem gedankenlosen Mitlaufen im Schutz der Herde zu tun, das auf eigenes Denken und Fühlen verzichtet. Es beschreibt vielmehr das Leben aus einem inneren Zentrum heraus, in dem ich mich mitten in allen Unsicherheiten und Kämpfen des Alltags geborgen und gehalten weiß. Es beschreibt das Wissen um eine Stimme, die es gut mit mir meint und die mir hilft, meinen Weg zu finden.

 

Ich vermute, dass der Maler des Hirtenbildes, das immer noch in der Flohmarkthalle steht, genau das vor Augen hatte. Sein Bild mag in der heutigen Zeit ein Ladenhüter sein. Das Motiv vom guten Hirten ist es mit Sicherheit nicht.

 

 

 

Das Erblühen der Seele

Gedanken zum Gebet des Jona im Bauch des Wals (Jona 2,1-11)

 

 

1

Der Widerspenstige ist gezähmt. Ein sehr kleiner Mensch in einem sehr großen Wal ringt seine Hände. Er ringt sie in Richtung des bisschen Licht, das noch zu ihm dringt im Bauch des Wals. Der Wal ist Jonas Strafe, wir wissen das.

Jona war auf der Flucht vor Gott. Gott hatte einen Auftrag für ihn, vor dem sich Jona fürchtete. Er versuchte, vor Gott zu fliehen. Seltsam ist, dass Jona meint, vor Gott davonlaufen zu können, sozusagen in die Gegenrichtung. Er findet ein Schiff, von dem er meint, es entferne ihn von Gott. Da irrt er natürlich. Das Schiff ist Gottes Werkzeug. Und Jona bleibt Gottes Diener, auch wenn er das Gegenteil will. Als das Schiff, das Jona von Gott wegbringen soll, in schwere See gerät, wirft die Besatzung Jona ins Meer, um Gott gnädig zu stimmen. Das gelingt gleich doppelt. Das Meer wird still – und Jona wird gerettet von einem Wal.

Was für eine herrliche Geschichte. Du, Mensch, kannst doch vor Gott nicht davonlaufen; und vor seinem Willen und Auftrag auch nicht.

 

2

Im Bauch des Wals kommt Jona zur Besinnung. Drei Tage und Nächte verbringt er da, wie Jesus in seinem Grab. Im Bauch des Wals tut Jona das, was er dort noch kann: er betet. Und wie er betet. Voller Angst, voller Zutrauen. Er betet sich, könnte man sagen, die Seele aus dem Leib. Erst vor Angst (Vers 3):

 

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst,

und er antwortete mir.

Ich schrie aus dem Rachen des Todes,

und du hörtest meine Stimme.

Jona scheint froh, dass Gott überhaupt noch hört, wo er doch gerade vor Gott davonlaufen wollte. Und als er seinen ganzen Schmerz herausgebetet hat, beginnt wieder das Erblühen seiner Seele (Vers 8):

 

Als meine Seele in mir verzagte,

gedachte ich an den HERRN,

und mein Gebet kam zu dir

in deinen heiligen Tempel.

Aus der Finsternis, aus dem Bauch des Wals bewegen sich die Worte direkt in den heiligen Tempel. Es gibt keinen Ort in der Welt, von dem aus man Gott nicht erreichen könnte.

 

3

Das kleine Buch des Propheten Jona ist tiefe jüdische Weisheit. Das Leben ist Angst; zugleich ist es Hoffnung – und es wird gelebt unter den Augen Gottes. Gott hat einen Willen; er erwartet unseren Dienst und verlangt auch etwas. Manchmal greift er ein.

Menschen, wenden sich an Gott in ihrer Angst; sie bitten Gott, er möge ihr Geschick verändern. Manchmal geschieht das und Menschen werden froh. Manchmal ändert sich nichts und Menschen werden auch froh, weil sie sich mit ihrem Geschick versöhnen. Und es gibt Menschen, die bleiben ratlos zurück. Das Büchlein des Propheten Jona sagt: Gott ist wie der Himmel über dir. Du entkommst ihm nicht, falls du das möchtest. Und wenn uns das Buch Jona und das Geschick des Propheten einen Rat geben will, dann ist es dieser: Setze dich lieber mit Gott auseinander. Du kannst vielleicht ohne Gott dein Leben leben; aber du kannst ohne Gott dein Leben nicht verstehen.

 

4

Das lernt Jona, schmerzhaft. Er kann laufen, wohin er will – Gottes Wille geschieht. Und in der tiefsten Dunkelheit, im Bauch des Wals, erkennt er das auch:

 

Als meine Seele in mir verzagte,

gedachte ich an den HERRN.

Manche finden über ihre Verzagtheit zu Gott. Es muss doch mehr sein, denken sie dann, es muss doch mehr in meinem Leben sein als Verzagtheit. Und verstehen und erfahren wie Jona (Vers 10):

 

Hilfe ist bei dem HERRN.

Das ist Lebenserfahrung.

 

5

Es sollte auch unsere österliche Erfahrung werden, möglichst. Es zwingt uns niemand, mit Gott zu leben. Es hilft uns aber, mit ihm zu leben und manches in unserem Leben besser zu verstehen. Und wenn wir, wie Jona, manches andere auch nicht verstehen, können wir doch wie er unsere Hände ringen und sagen:

 

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst …

Der HERR wird uns antworten, glaube ich. Er wird uns in keiner Dunkelheit lassen, wie er Christus nicht im Grab ließ. Achten wir mit allen unseren Sinnen darauf, wie Gott sich uns zeigt. Vertrauen wir denen, die wie Jona gebet haben:

 

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst,

und er antwortete mir.

Und unsere Seele kann wieder erblühen.

Vollendung

1

Christlicher Glaube, in Bronze gegossen: so kann man die Szenen der Bronzetür im Hildesheimer Dom bezeichnen. Vor etwas mehr als tausend Jahren – um das Jahr 1015 – ließ Bischof Bernward von Hildesheim diese Türen anfertigen. Auf 16 Feldern werden die ersten Geschichten aus dem Alten Testament von der Erschaffung des Menschen bis zum Brudermord Kains in Bildern erzählt; und auf der anderen Seite die Geschichte Jesu von der Verkündigung an Maria bis zu seiner Auferstehung gegenübergestellt.

Auf mich wirkt die Darstellung der Kreuzigung besonders ausdrucksstark, weil die Figuren aus dem Bild herausragen.

 

Alles konzentriert sich in dem Bild auf die Figuren. Als Hintergrund wird nur der Erdboden angedeutet, alles andere ist unwichtig. Alles ist auf die Mitte – Jesus am Kreuz – ausgerichtet. Darunter der Soldat, der Jesus mit der Lanze in die Seite sticht, und der andere, der ihm Essig zu trinken gibt. Außen noch Maria, die Mutter Jesu, und der Jünger Johannes.

 

2

Eine Kreuzigungsdarstellung wie viele andere? Wenn man genauer hinschaut, kann man entdecken, wie außergewöhnlich dieses Relief ist. Nicht nur kunsthistorisch gesehen, sondern vor allem in der Botschaft des Glaubens, die hier zum Ausdruck kommt. Je länger ich auf Christus in der Mitte schaue, desto ungewöhnlicher erscheint mir seine Darstellung. Auf den meisten Bildern der Kreuzigung wird das Leiden Christi mehr oder weniger drastisch dargestellt – mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem Körper, der auch von Schmerzen gezeichnet ist. Wie anders ist es hier: Jesus erscheint ruhig und gesammelt; er schreit nicht, sondern sieht freundlich zu den Menschen. Er wirkt weniger leidend als fast verklärt.

 

Erst in späterer Zeit ist das Leiden in den Mittelpunkt der Kreuzigungsbilder gerückt. In gotischen Kathedralen kann man Jesus als den Schmerzensmann sehen. In früherer Zeit dagegen wird Jesus ganz anders dargestellt: Er ist es, der die Welt mit Leid und Tod besiegt hat, er schenkt das ewige Leben. Dahinter steckt kein künstlerisches Unvermögen, sondern eine klare Vorstellung, wie wir im Glauben das Kreuz verstehen können.

 

3

Auf diesem Bild ist in Szene gesetzt, wie das Leiden und Sterben Jesu im Evangelium des Johannes erzählt und gedeutet wird. Da wird der Kreuzestod mehrmals als Erhöhung bezeichnet. So wie das Kreuz aufgerichtet wird, so wird der Christus zu Gott erhöht. Nach dem Johannesevangelium betet Jesus, bevor er gefangen genommen, gefoltert und hingerichtet wird; in dem Gebet sagt er: „Ich habe auf der Erde deine Herrlichkeit sichtbar gemacht. Denn ich habe das Werk vollendet, das du mir aufgetragen hast. Lass nun an mir deine Herrlichkeit wieder sichtbar werden.“  (Joh. 17,4-5a)

 

Wenn man genau hinsieht, erkennt man noch eine weitere Besonderheit. Auffällig ist die Haltung seiner Finger: An beiden Händen hält Jesus den Daumen zu Zeige- und Mittelfinger, der vierte und fünfte Finger sind zusammen etwas abgespreizt. Sieht aus, wie der Vulkaniergruß aus der Enterprise – Saga (Lebe lang und in Frieden) ist aber eine alte Segensgeste; Jesus breitet die Arme aus und segnet die Menschen, insbesondere Maria und Johannes. Noch am Kreuz sagt Jesus nach Johannes zu Maria (19,26-27):Frau, siehe, das ist dein Sohn“; und zu Johannes sagt er: „Siehe, das ist deine Mutter.“ Unter dem Kreuz, unter dem Segen entsteht neue Gemeinschaft. So schenkt Jesus Leben und vollendet sein Werk der Liebe.

 

4

Wenn man sich vor der Tür befindet, dann stehen auch wir als Betrachter des Bildes unter dem Kreuz. Das Bild befindet sich nämlich auf der Bronzetür etwa einen Meter über unserer Augenhöhe. Wir können hinaufblicken zu dem am Kreuz hängenden Jesus. Voll Liebe schaut er auch uns an. Und er schenkt uns das Leben, das wahre Leben. Das Leben ist vorsichtig angedeutet. Aus den Kreuzesbalken wächst es wie kleine Knospen. Das ist unsere Hoffnung – oder mit den Worten eines neuen Liedes aus dem Gesangbuch (EG 97,1):

 

Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht,

ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.“

Und sie flochten eine Krone aus Dornen

Und sie flochten eine Krone aus Dornen …

 

1

 

Ob im Tower von London, in der Hofburg in Wien, im Louvre in Paris oder auch im Schloss Charlottenburg in Berlin – Kronjuwelen gehören zu den am meisten bestaunten Insignien dieser Welt. Kein Wunder. Meist aus purem Gold gefertigt und mit seltenen Edelsteinen besetzt stellen sie rein materiell einen unermesslichen Wert dar. Dazu sind sie von den besten Goldschmieden ihrer Zeit überaus kunstvoll verziert. Vor allem aber sind sie jahrhundertelang Zeichen der Würde und Macht von Kaisern und Königen gewesen. Die Krone als Symbol für Herrschaft, Reichtum und Macht, die bis heute zahlreiche Besucher anlockt.

 

2

 

Eine ganz andere Krone befindet sich heute in der Kathedrale Notre-Dame de Paris in Frankreich. Es handelt sich um die Reliquie der Dornenkrone, die Jesus getragen haben soll. Die Bibel erzählt in den Passionsberichten, dass Jesus von römischen Soldaten gegeißelt und anschließend verspottet wurde. Mit einem roten Mantel und eben jener Dornenkrone auf dem Kopf trieben sie ihren Spott und machten sich lustig über den „König der Juden“. Die Dornenkrone ist seitdem Symbol von Leid und Ohnmacht, Hohn und Spott. Das genaue Gegenteil der goldenen Kronen in den Schatzkammern dieser Welt. Dornenkronen wollen wir nicht sehen, Kronjuwelen beeindrucken.

 

3

 

Die Krone für Jesus hatten die Soldaten aus Dornengestrüpp geflochten, das am Prätorium, dem Sitz des römischen Befehlshabers, wild gewachsen war. Heute hätte man sich wohl keine Mühe gemacht, Dornensträucher zu flechten. Heute hätte man einfachen Stacheldraht genommen und daraus eine Stacheldrahtkrone geflochten. Daran erinnert das moderne Kruzifix eines polnischen Künstlers.

Er hat Anfang der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts aus Stacheldraht eine Kreuzesdarstellung geformt, die eine ganz besondere Ausstrahlung hat. Ohne Kreuz ist nur der reine Corpus aus mittlerweile angerostetem Metall modelliert. Abgemagert, nur noch aus Haut und Knochen bestehend, wird Jesus dargestellt. Selbst die Rippen sind nur angedeutet. Die dürren Arme und Beine sind übersät mit Beulen und Geschwüren. Dünn wie Streichhölzer sind die Finger der Hände teilweise verkürzt, während die Zehen an den Füßen überlang wirken. Um die Hüften mit einem angedeuteten Tuch dürftig bedeckt, ist Jesus den Blicken derer ausgesetzt, die seine Hände und Füße mit Nägeln ans Kreuz geschlagen haben. Sein Kopf ist leicht geneigt. Die Augen nur noch leere Höhlen.

 

4

 

Auf dem Kopf eine Krone aus Stacheldraht. Kein Zeichen für Reichtum und Macht wie bei den Königen der Jahrhunderte, sondern ein Symbol der Solidarität für alle Leidenden, die hinter Stacheldraht eingesperrt sind, für alle Gefolterten und Ermordeten, für die Vergessenen

und die in Massengräbern verscharrten Seelen.

 

Ich bin einer von euch, sagt dieser Jesus.

 

Der Künstler hat ihn aus dem Stacheldraht geformt, der einst das Konzentrationslager von Auschwitz umzäunte. Aus dem Symbol für Gewalt, Unterdrückung und Unfreiheit ist mit dem „Auschwitzer Christus“ ein Symbol für Gewaltlosigkeit und Frieden, Freiheit und Versöhnung geworden. Gerade darin entfaltet er eine unglaubliche Strahlkraft, die kein Gold und keine Edelsteine braucht. Im Gegenteil. Es ist eine Kraft, die sich „in der Schwachheit vollendet“ (2. Korinther 12,9) und auf diese Weise all denen Kraft schenkt, die an ihn glauben und ihm vertrauen.

 

Eine friedvolle und gesegnete Wochen wünschen Ihnen Ihre Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Durch ein finsteres Tal

1

Ein nordischer Himmel zwischen schweren Wolken. Die Sonne ist schon untergegangen; noch färbt sie den Horizont, doch bald wird sich Nacht über das Land senken. Zwei Frauen, links und rechts kniend vor einem Grabkreuz. Die eine jung und nackt, die andere betagt und in der Tracht der Alten. Letztere trägt die Züge der Mutter der Künstlerin, der dänischen Malerin Anna Ancher. Die junge Frau dagegen bleibt anonym. Auf dem Kreuz ist keine Inschrift zu erkennen, es findet sich auch keine Namenstafel. Dass das Grab auf dem Friedhof von Skagen, der Heimat der Malerin, platziert ist, gilt allerdings als sehr wahrscheinlich.

 

Irritierend ist die Nacktheit der jungen Frau. Was hat es damit auf sich? Schutzlos kniet sie da, den Kopf gesenkt, ihr Gesicht hinter den Haaren verborgen. Weint sie? Es ist nicht zu erkennen. Eher tapfer und ergeben als verzweifelt wirkt auf mich die Frau zur Rechten. Kniend, gesammelt, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet. Traurig und trauernd, ja, doch nicht gebeugt. Das schwarze Gewand, die Kopfbedeckung sind wie ein Schutz. Ein bisschen wirkt sie auch, als sei sie in einer anderen Welt. Etwas Unwirkliches hat dieses Bild.

 

2

„Sorg“ – dänisch für „Trauer“ – hat Anna Ancher ihr Werk genannt. Sie wurde durch einen Traum zu dieser Szene inspiriert. In einem Interview aus dem Jahr 1929 beschreibt sie ihr Traumbild so: „Ich sah, wie sich auf einem Friedhof unter einem Kreuz Mutter und Tochter trafen. Die Mutter kniete und die Tochter beugte sich über sie. Eine von ihnen war gestorben. Dieses Treffen auf dem Friedhof erzeugte einen so lebendigen Eindruck in mir, dass ich am nächsten Tag zu malen begann.“ Wer diese beiden sind, wissen wir nicht.

 

3

„Wer trauert hier um wen? Beklagt die Mutter den Tod der Tochter? Fragt sie sich, was nun werden wird? Vielleicht ist sie schon verwitwet. Wer wird nun für sie sorgen im zunehmenden Alter? Wird das, was sie hat, zum Leben reichen? Oder sorgt sie sich um die Verstorbene? Um ihre Seele? Darum, dass sie gut aufgehoben ist im Jenseits, im anderen, ewigen Leben? Oder ist es die junge Frau, die den Tod der Mutter betrauert?

 

Ihre Nacktheit wirkt wie ein Zeichen der Hilflosigkeit und großer Verletzlichkeit. Welche Beziehung hatte sie zu ihr? Was macht sie so schutzbedürftig? Macht ihr die Vorstellung Angst, nun allein zu sein?

 

Ganz ins Gebet vertieft sind die beiden. Da, wo sie jetzt sind, bleibt ihnen nicht mehr, als die Hände zu falten. Kein Funke von Aufbegehren ist da, und es scheint, als könne jeglicher Trost und alle Hilfe nur von außen kommen. Zugleich entsteht neben dem Eindruck ihrer innigen inneren Verbindung der Eindruck einer Dreiecks-beziehung. Da sind die beiden, und in ihrer Trauer begegnet ihnen noch ein Drittes oder ein Dritter. Einer, etwas, das sie tröstet?

 

4

Es liegt wohl nicht nur äußerlich die Nacht vor ihnen, auch in den beiden mag es dunkel sein. Wer weiß, welche Geschichte sie verbindet. Ein finsteres Tal, das sie – die Lebende und die Verstorbene – gemeinsam durchschreiten müssen. Ein Tal, das sich nur betend durchschreiten lässt ...

 

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit

und das mich führt in deinen großen Frieden.

 

Diese Worte von Lothar Zenetti lege ich den beiden in Herz und Seele und bete sie für sie, auch wenn ich eigentlich gar nichts weiß über die beiden. Möge die Nacht über ihnen nicht zu lange währen.

 

Egal, in welcher Situation sie, die Leser*innen sich befinden, wir wünschen Ihnen eine friedvolle Woche und dass sie sie getröstet begehen können.

Loslassen um Neues zu wagen

 

Gedanken zu 1 Könige 19,1-13a

 

 

1

Eine Frau lehnt halb liegend, halb sitzend an einem Baum, die Augen geschlossen, den Kopf leicht geneigt. Sie ist eingehüllt in ein fließendes Gewand, das an ein großes Tuch erinnert. So lehnt sie an diesem Baum, ins Ich gekehrt. Der Baum, an den sie sich lehnt, ist nur ein Stumpf. Irgendwie sich in diesem Stumpf ebenfalls einen Körper

 

„Die Resignation“ hat der spanische Maler Francisco de Goya seine Tuschezeichnung genannt. Es ist in der Zeit zwiscjhen 1803 und 1812 entstanden.

 

2

 

Goya war zu dieser Zeit Ende fünfzig bis Mitte sechzig, Maler am Hof des spanischen Königs. Mit Mitte vierzig bereits hatte er einen schweren Schlaganfall erlitten, der zum Verlust seines Gehörs führte. In der Zeit, in der diese Bilder entstehen, führt Napoleon Krieg gegen verschiedene Länder Europas, so auch gegen Spanien. In dieser Zeit entsteht der vielleicht bekannteste Bilderzyklus von de Goya, mit dem Namen, „Schrecken des Krieges“. In erschreckender Direktheit stellt er genau dies dar, die Schrecken.

 

Und hier also „Resignation“. Die Frau hat sich in ihr Schicksal ergeben. Wartet sie wie der Prophet Elia unter dem Wacholder auf den Tod? Oder ruht sie sich nur aus, um neue Kraft zu schöpfen und in ihr Leben, ihren Alltag zurückkehren zu können? Wie Goya sie darstellt, hat sie fast etwas Ruhiges, Schlafendes. Wer resigniert ist, ist nicht selten entmutigt, enttäuscht, vielleicht auch verbittert.

 3

 

Resignation. Wörtlich übersetzt heißt das „entsiegeln“ deswegen kann es auch bedeuten, auf etwas zu verzichten oder etwas zurückgeben. So hatte es in früheren Zeiten mit Blick auf Amtsinhaber auch die Bedeutung der Abdankung, bzw. des Amtsverzichts.

 

Resignation hat anscheinend auch damit zu tun, etwas loszulassen, nicht mehr daran festzuhalten oder nicht mehr festhalten zu können. Etwas hat sich als falsch oder nicht tragfähig erwiesen – oder ist einfach zu einem Ende gekommen: eine Überzeugung, eine Meinung, eine Freundschaft, eine Partnerschaft.

 

4

 

Elia muss einen Teil seiner Überzeugungen loslassen, hinter sich lassen. In einer Situation der tatsächlichen oder vermeintlichen Konkurrenz zu anderen religiösen Traditionen scheint er an einem Bild Gottes festzuhalten, das mit Macht und Gewalt einhergeht. Der Weg in die Wüste und durch sie hindurch bedeutet, vieles, vielleicht alles an inneren Überzeugungen hinter sich zu lassen. Erst dann ist Elia frei eine neue, Erfahrung Gottes. Elia ist unsicher, verängstigt, enttäuscht und mutlos. Er resigniert.

 

5

 

Resignation – vielleicht ist sie manchmal im Leben auch notwendig, Standpunkte, die man immer für unumstößlich wahr und richtig erachtet hinter sich zu lassen lassen.

Insofern kann Resignation etwas Gutes haben, auch wenn sie mit unangenehmen Empfindungen und Erfahrungen verbunden sein mag. In den Worten des Evangeliums für den Sonntag Okuli (Lukas 9,57-62) spiegelt sich für mich etwas von der Erfahrung der Resignation. Lukas lässt Jesus sagen: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ Und: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Diese Sätze erinnern daran, Vergangenes, Vertrautes hinter sich zu lassen. Nur so kann ich offen sein für etwas Neues für das Reich Gottes. Ich kann nicht an Altem festhalten, wenn ich die Ohnmacht überwinden will.

 

6

 

Wenn ich noch einmal auf das Bild Goyas schaue, wirkt die Frau auf mich fast entspannt. Kann sie vielleicht schon erkennen, was es loszulassen gilt, um das Neue zu erfahren, eine neue, veränderte Wirklichkeit? Eine Wirklichkeit, in der „der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz“ (Offenbarung 21,4).

 

Das wäre eine Welt, die getragen wird von der Liebe Gottes. .

 

Eine gesegnete friedvolle Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Geborgen in Gottes Gedenken

Geborgen in Gottes Gedenken

 

 1

Reminiszere – Gedenke!

 

Der Name dieses Sonntags Reminiszere leitet sich aus dem 25. Psalm ab. Dort heißt es „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen ist. Nach dir, Herr, verlangt mich. Ich hoffe auf dich. Zeige mir deine Wege. Leite mich in deiner Wahrheit. Gedenke deiner Barmherzigkeit … und nicht meiner Übertretungen. Ich harre auf dich.“ – So inständig bittet der Beter um Gottes Beistand und Nähe.

 

2

 

Vor elf Monaten fand die von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Leben gerufene bundesweite Gedenkfeier für die Opfer der Corona-Pandemie statt, die vielerorts begangen wurde. Der Osnabrücker Künstler Volker-Johannes Trieb hatte eine Kunstinstallation auf dem historischen Marktplatz der Stadt des Westfälischen Friedens angefertigt mit Hunderten von Baumscheiben und Lichtern zum Gedenken an die Opfer der Pandemie und als Aufforderung zur Solidarität.

 

In seiner Aktion „friedvolleherzen.de“ schreibt er: „Die Kultur kann keinen Virus bekämpfen. Nicht Corona, nicht unmittelbar. Aber es gibt Viren, die heißen: Angst, Hysterie, Panik, Verzweiflung, Hilflosigkeit. Und: Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Inhumanität. … Und gegen Viren wie diese kann die Kultur eine Hilfe sein. … Solidarität ist Zärtlichkeit unter den Menschen.“

 

3

 

Auf jeder Baumscheibe, die schon deutliche Risse zeigte, stand in Anlehnung an ein japanisches Sprichwort eine in eine Tonscherbe geschriebene Aufschrift:

 

ES GIBT IM GEHEN EIN BLEIBEN,

IM GEWINNEN EIN VERLIEREN,

IM ENDE EINEN ANFANG.

 

Jede Baumscheibe wurde nach der Gedenkfeier an Opfer und Betroffene der Corona-Pandemie verschenkt als leuchtendes Zeichen der Mitmenschlichkeit und des Trostes. Ein solidarisches Gedenken. Einige stellten die Baumscheiben auf das Grab ihrer Angehörigen, andere zu Hause im Flur auf die Kommode.

 

4

Wer hätte gedacht, dass wir nach der Pandemie, oder besser noch vor Ende der Pandemie in eine weitere Katastrophe schlittern, deren Ende und Folgen noch nicht absehbar sind und wo wir uns fragen, wieviel Baumscheiben mit Rissen werden hier auf ukrainischen Friedenhöfen oder Marktplätzen einmal angezündet werden müssen. Werden die vielen ukrainischen Kriegsbetroffenen überhaupt die Gelegenheit haben, Baumscheiben bei sich zu Hause im Flur oder auf den Gräbern ihrer Angehörigen aufzustellen.

5

Der Psalmbeter entzündet noch ein weiteres Licht, das über uns leuchten soll. Die Aufforderung zum Gedenken richtet er nicht an Menschen, sondern an Gott selbst: Gedenke, Gott, deiner Barmherzigkeit und Güte, wenn mein Leben wie bei einer Baumscheibe Risse bekommt und die Haut dünner wird, wie die poröse Rinde.

 

Gedenke deiner Barmherzigkeit und Güte, Gott! Sie sind das Licht, das uns zur Mitmenschlichkeit erwärmt und den Weg zu mehr Gemeinschaft leuchtet. Zu glauben, von Gott in den Blick genommen und ummantelt zu werden, gibt meiner Seele Trost und Halt, gerade dort, wo menschliche Worte und Hände nicht mehr hinreichen. Geborgen im Blick des anderen, der meiner gedenkt.

 

Unter seiner Güte und Barmherzigkeit lässt sich auch ergänzend das japanische Sprichwort umkehren und vertiefend sagen: Es gibt auch im Bleiben ein Gehen, im Verlieren ein Gewinnen und im Anfang ein Ende. Bei allem, Gott, gedenke deiner Barmherzigkeit und Güte!

 

 

Eine friedvolle gesegnete Wochen wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

 

Mehr als Welt

1

Aus der Ukraine haben wir noch nicht diese Bilder, aber sie werden kommen. Bilder wie diese gibt es aber schon lange, nur nicht so nahe an uns „dran“ Wir schauen in das Gesicht des kleinen Jungen Omran Daqneesh, im Jahre 2016 fünf Jahre alt. Da lebte er in der syrischen Stadt Aleppo, die im Bürgerkrieg ausgebombt wurde. Der kleine Omran hat gerade einen Bombenangriff in den Trümmern eines Hauses überlebt und sitzt nun im Rettungswagen von Sanitätern. Sein Körper ist geschunden, sein Gesicht voller Blut. Am schlimmsten aber ist sein Blick: ein ratloser, leerer, nichts mehr hoffender Blick. Omran schaut nach irgendwo und sieht dort, wenn er überhaupt etwas sieht, auch nur Trümmer, Schmerz und Sterben. Es könnte aber auch sein, dass er zwar die Augen offen hat, aber nichts mehr sieht, nichts mehr sehen will.

 

Es gibt Augenblicke, da kann man einfach nicht mehr. Das geht Erwachsenen so. Einem Fünfjährigen wohl erst recht. Alles ist leer. Alles tut weh.

 

2

Dem russischen Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821–1881) wurde einmal die Frage gestellt: Ist die Welt, ist unser Glück oder gar die ewige Harmonie auf unserer Erde zu rechtfertigen, wenn in ihrem Namen auch nur eine Träne eines unschuldigen Kindes vergossen wird? Darauf antwortete der Dichter, der selber viele Jahre in sibirischen Gefängnissen verbracht hatte: Nein, kein Fortschritt, keine Revolution, kann diese Träne rechtfertigen. Kein Krieg … Eine Träne eines einzigen Kindes wiegt immer schwerer.

 

Den tiefen Sinn dieser Antwort können wir auf dem Bild erkennen. Wer noch einen Rest Mitgefühl in sich spürt, kann den leeren Blick des Omran und seine Verletzungen an Leib und Seele durch nichts rechtfertigen. Durch nichts. Und das macht es gerade so absurd. Wenn wir seit 11 Tagen immer wieder einen gnadenlosen Putin sehen und hören, der von einer Friedensoperation spricht, die nur zu seinen Bedingungen beendet wird.

 

3

Während der Lebenszeit des Apostels Paulus, etwa in den Jahren 10 bis 60 nach Jesu Geburt, war militärische Gewalt alltäglich. Die Weltmacht Rom hatte weite Teile in Vorderasien besetzt und kämpfte gegen viele Aufstände. Paulus saß mehrmals in Gefängnissen. Jerusalem hatte einen römischen Statthalter, das Volk Israel lebte unter von Römern eingesetzten Königen. In vielen Schreiben des Apostels klingen Gewalt und ihre Folgen mit. An die Christen in Korinth (2. Korinther 6,4-5) schreibt er: In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen … Wenn Paulus das schreibt, wird er es auch erlebt haben – entweder am eigenen Leib oder als Zeuge von Gewalt und Bedrängnissen. Oder in beidem.

 

Die Welt ist Gewalt. Viel zu oft. Die Welt lässt weinen. Jeden Tag.

 

4

Die gleiche Welt macht aber auch Hoffnung. Immer wieder. Hoffnung durch Worte. Paulus schreibt auch (2. Korinther 6,9-10): In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: … als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen.

 

Kaum jemand in der Geschichte der Welt und unseres Glaubens hat es so treffend ausgedrückt wie Paulus. Wir Menschen, oft untröstliche, gedemütigte und auch gewalttätige Menschen, wir an der Welt verzweifelnden Menschen können auch trösten, heilen und hoffen. Wir armseligen Menschen, vom Geschehen in der Welt bedrängten und bedrückten Menschen, können auch denen aufhelfen, die ratlos und gebeugt sind.

 

Wir, die wir oft arm sind, können tatsächlich reich machen. Selbst wenn wir alles andere als reich sind.

5

Weil immer mehr ist als Welt. Weil Gott ist. Selbstverständlich gibt es Zeiten, Passionszeiten, in denen wir nichts mehr vermögen. Vielleicht nur noch stumm sein können und in die Welt schauen wie Omran auf dem Bild. Mit offenen Augen, aber nichts mehr sehen; nichts mehr sehen wollen. Oder auf ihn sehen, wie wir als Zeugen, und nur noch Wut verspüren, weil ein Kind leidet. Was durch nichts, durch nichts zu rechtfertigen ist.

 

Aber auch ein Nicht-aushalten-Können oder ein Wegschauen vor fremdem Schmerz hält man nicht lange aus. Dann sieht man doch wieder hin. Und fühlt: Ich will etwas tun. Ich will dieses Kind jetzt vorsichtig waschen, salben, mit Tee und Brot ein wenig stärken. Ich will diesem ganzen Weltenelend und seiner erschreckenden Gewalt jetzt, auf der Stelle, eine winzige Hoffnung entgegenstellen; die einzige Hoffnung, die ich in diesem Moment noch habe: mich selbst als einen auf Gott hoffenden Menschen.

 

Ich tue das mir Mögliche. Ich tue das Nächstliegende. Ich trockne die Tränen in meiner Nähe. Und zeige trotzig mir und der Welt, dass immer mehr ist als Welt. Nämlich Gott. Der Herr der Welt.

 

Eine gesegnete friedvolle Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gedanken zur Ukraine und Markus 8

Sind Sie auch so sprach- und ratlos, wie ich’s gerade bin? Mit einem wohlkalkulierten Schulterzucken wird Krieg ausgerufen, werden Grenzen überrannt und Menschenleben, Menschwürde und Völkerrecht zu vernachlässigbaren Größen degradiert. Was nun? Wohin soll das gehen? 

  

Wat mutt, dat mutt! – sagen die Nordlichter gerne, wenn sie wissen, dass sie sich dreinschicken müssen. Es gibt halt Dinge, die änderst du nicht, die musst du geschehen lassen, wie’s die Situation will – da hast du keine Wahl. So fühlt es sich gerade an: Unsere Hände sind gebunden, wir haben keinen Plan. 

  

Dabei hätte ich sie gerne, oft genug, die Wahl. Wenn ich mein Schicksal wählen könnte, wenn ich’s mir aussuchen dürfe, dann würde ich nicht krank, dann lernte ich all die Dinge, die das Leben mir zu lernen aufgibt, auch ohne Müh und Not. Wenn ich’s entscheiden dürfte, wären alle längst geimpft, stürben im Jemen keine Kinder den Hungertod, zögen die russischen Soldaten fröhlich nach Haus und genössen den Frieden mit ihren Familien – und kein Mensch in der Ukraine müsste sich fürchten. Das wäre so, weil ich einfach nicht einsehen mag, dass so viel Schmerz und Leid sein müssen. Dat mutt nich‘! – finde ich. 

  

Dass überhaupt irgendwer Todesangst haben muss, im Osten Europas oder anderswo, dass jemand an seinen Umständen verzweifelt, dass Frauen missachtet, Kinder misshandelt werden, dass Machtgier und Chauvinismus und Gleichgültigkeit die Oberhand haben, damit bin ich nicht einverstanden. Und in Petrus habe ich da, wie Markus erzählt, einen guten Fürsprech (Markus 8,31-38). Als Jesus auf sein Leiden anspielt, nimmt Petrus ihn zur Seite „und fing an, ihm zu wehren“: „Komm, Jesus, wer sagt denn, dass das sein muss, das hast du doch nicht verdient; da sei Gott vor!“. Und was ihm noch alles eingefallen sein mag, um Jesus davon zu überzeugen, dass es doch wohl nicht sein müsse, dass er scheitert und stirbt. Nee, dat mutt nich‘! Ich bin Petrus wirklich dankbar, dass er die Leidensankündigung Jesu nicht einfach akzeptiert, dass er sich wehrt und seinem Unverständnis Worte verleiht. Da trifft er genau meinen Punkt – den Jesu aber offensichtlich nicht. Der geht doch recht unwirsch um mit meinem Freund, nennt ihn „Satan“ und wirft ihm vor: „Du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!“. 

  

Hm – ja eben! Was ist denn daran falsch? Es ist doch menschlich und gut, einem Menschen nicht alles Unglück an den Hals zu wünschen und nicht einfach hinzunehmen, dass es so viel Krankheit, Ungerechtigkeit und Mord gibt, dass eine Nation mit Krieg überzogen wird. Aber wenn Jesus „menschlich“ sagt, meint er – gewiss nicht ohne Verständnis für uns – unsere verkürzte Perspektive. Unser Horizont ist ein menschlicher – der göttliche ist weiter, viel, viel weiter. Und: menschlich ist es wohl, sich alles Leid, allen Schmerz, den großen Tod und die vielen, fiesen Unannehmlichkeiten einfach wegzuwünschen. Helfen tut es freilich nichts: das Wünschen. Stattdessen muss etwas getan sein. 

  

Das ist eben der göttliche Horizont, das ist die göttliche Entscheidung: das, was uns bedrängt, zu Boden drückt, den Atem raubt, selbst zu tragen, anzunehmen, aus- und durchzuleben. Nichts anderes macht Jesus in seiner Passion, am Kreuz. Er geht jeden menschlichen Weg mit, bis zum bitteren, zum tödlichen Ende – um uns schließlich mitzunehmen auf seinem göttlichen Weg, ins Licht, ins Leben, in den neuen (Oster-)Morgen. 

  

Muss das so sein? Ja, wat mutt, dat mutt. „dei“ (das griechische Wort für „es muss, es ist notwendig, da gibt es keine Wahl“), heißt es bei Markus: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden“. Muss das sein? Ja, es ist die Notwendigkeit der Liebe, die nicht von oben herab begleitet, sondern mittendrin ist, die nicht im Überflug, nicht aus der Distanz das Gute wünscht und tut, die dabei ist. Dieser Tage in Kiew und im Donbass. Der Gott, der liebt, will seinen Menschen unmittelbar nah sein. Das muss so sein, dat mutt! 

  

Mag sein, Jesus war von Petrus „menschlich enttäuscht“, weil der nicht verstand, wie weit, hoch, tief und voraus die göttliche Liebe geht. Wie auch immer: Am Ende umarmt sie den Petrus auch, und jede und jeden, dich und mich. So wird aus Gottes „dat mutt“ unser menschliches: „Dann ist ganz viel möglich“: Zukunft, Hoffnung, Frieden. Auch gegen den (momentanen) Augenschein, glaube ich. 

 

Deutschland und die Welt bringt gerade viele Dinge „auf den Weg“, um dem Schrecken ein Ende zu machen. Wir als Gemeinde bitten Sie und Euch zu Beten für den Frieden, für die Menschen in der Ukraine in Russland und in Europa:

Wenn Sie keine eigenen Worte finden, nehmen Sie doch diese aus Taize:

 

Du liebender Gott, 
fassungslos stehen wir vor der Gewalt auf unserer Welt; 
besonders in diesen Tagen – angesichts des Kriegs in der Ukraine. 
Gib uns die Kraft, solidarisch denen nahe zu sein, 
die betroffen sind und in Angst leben. 
Steh all denen bei, die in diesem Teil der Welt 
besonders auf Gerechtigkeit und Frieden hoffen. 
Sende uns den Heiligen Geist, den Geist des Friedens, 
damit die Politiker ihre Entscheidungen 
in großer Verantwortlichkeit treffen.

 

Eine gesegnete friedvolle Woche wünschen Ihnen

Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Verschwenderisch gesät

Gedanken zum Gleichnis vom Sämann und dem „vierfachen Ackerfeld“ Lukas 8, 4-8

1

Eine Statue auf einem Brunnen mitten in der Stadt. Im Hintergrund Autos, hohe Häuser, eine Kirche. Der Mann auf dem Brunnen trägt eine Art Obergewand. Mit der linken Hand zieht er den unteren Saum nach oben. Der Inhalt dieser provisorischen Tasche ist schwer. Der Stoff sackt nach unten. Die rechte Hand des Mannes ist ausgestreckt. Gleich wird er ausholen und werfen.

 

Es ist ein Sämann, der da auf dem Brunnen steht. Er sät wie in vergangenen Zeiten. Ohne Traktor oder Saatmaschine. Sein Tun ist harte Arbeit. Das Saatgut in dem Tuch vor dem Bauch ist schwer. Jesus hat von so einem Landwirt erzählt. Der geht über sein Feld und teilt mit vollen Händen aus. Mal wirft er rechts eine Handvoll Samen, dann wieder links. Die Saatkörner landen nicht ordentlich in einer Reihe. Der Sämann sät verschwenderisch. Das ist unlogisch, geradezu unwirtschaftlich. Kein Mensch besät so heute noch ein Feld.

 

 

2

Aber Jesus will mit der Geschichte auch nichts über die heutige Landwirtschaft sagen, sondern über den Glauben. Die Samen des Glaubens fallen auf unterschiedlichen Boden: Einiges fällt auf den Weg. Der Boden ist hart. Die Samen werden zertreten oder plattgefahren. Vögel kommen und picken sie auf. Andere Samenkörner bleiben auf hartem Gestein liegen. Keine Chance auf fruchtbare Erde. Die Sonne verbrennt sie. Wieder andere Samen gehen zwar erst auf, aber dann werden sie überwuchert von Dornen.

 

Nur ein Teil der Samenkörner fällt auf fruchtbaren Boden. Die Wurzeln finden Halt und können sich ausdehnen. Sie transportieren Wasser und Nährstoffe. Die Pflanze beginnt zu wachsen. Jesus sagt mit diesem Gleichnis: Gottes Wort ist auch wie ein Samenkorn. Manchmal fällt es auf fruchtbaren Boden, manchmal entsteht nichts.

3

Diese unterschiedlichen Böden sind auch in mir. Wie in einer Beziehung zu einem anderen Menschen gibt es auch fruchtbare Zeiten zwischen mir und Gott. Ich verstehe den Bibeltext. Die Arbeit geht leicht von der Hand. Ich weiß, ich bin geliebt. Ich spüre Gottes Nähe. Zu anderen Zeiten gibt es Dürreperioden. Der Gottesdienst sagt mir nichts. Ich bete um etwas – und es wird mir nicht erfüllt. Ich fühle mich fern von Gott.

 

Dann gibt es Zeiten der Begeisterung. Aber die flaut schnell wieder ab. Ein Strohfeuer von kurzer Dauer. Für einen Moment gelingt mir alles. Ich spüre: Gott ist ganz nah bei mir. Aber dann ist dieser Augenblick vorbei. An anderen Tagen meint es jemand gut mit mir. Aber bei mir kommt nichts an. Mein Herz ist hart und meine Gedanken woanders. Dann spüre ich auch nicht, dass Gott es gut mit mir meint.

 

Es ist nicht immer einfach, darauf zu vertrauen, dass Gott bei mir ist. An guten und an schlechten Tagen. Jesus nimmt das ernst. Glauben heißt nicht, ihn ein für alle Mal zu haben. Es gibt Dürrezeiten. Der Kinderglaube zerbricht. Ein Mensch wird nicht wieder gesund. In dunklen Zeiten schwindet mein Vertrauen. Meine Zuversicht wird zertreten oder überfahren.

 

4

Der Sämann sät verschwenderisch. Auch mitten in der Stadt, im Alltag, zwischen Beton und Stahl. Weil Gottes Gnade kein Ende hat. Weil er um die Dürrezeiten weiß. Er hält an uns fest, auch wenn nichts zurückkommt. Anders als der Landwirt. Der würde sein Feld längst wieder umpflügen. Aber Gott gibt immer und immer wieder. Er hegt und pflegt mein Glaubens-Pflänzchen. Er lässt Neues wachsen. Durch einen Menschen, der mir gut zuspricht. Durch ein Lied, das mein Herz rührt. Durch einen Sonnenuntergang, der den Horizont in verschwenderisches Licht taucht. Durch ein Bibelwort. Oder durch einen Mann auf einem Brunnen, der mich daran erinnert, wie gut es Gott mit mir meint.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wahre Stärke kommt von .... innen?

 

 

 

1

 

Beim Boxen gibt es Gewichtsklassen. Es geht los mit den Minifliegengewichten mit maximal 47,6 kg bis zu den Schwergewichten ab 90,7 kg. Dazwischen liegen 15 weitere Abstufungen. Das hat den Vorteil, dass man haufenweise Titel vergeben und Weltmeister küren kann. Deutschland freut sich über sechs Weltmeisterinnen seit 1999 im Superbantamgewicht, und die Zuschauenden über möglichst ausgeglichene, faire Kämpfe. Gewichtsklassen, wenn auch nicht so exzessiv, gibt es auch in anderen Kampfsportarten, Gewichtheben oder Rudern. Das Ziel ist immer Fairness und Vergleichbarkeit.

 

2

 

Die freie Natur funktioniert da anders. Da sortiert niemand vor, sorgt keiner für faire Matche. Wer stärker ist, hat Recht. Survival oft he fittest. Tiere haben manche Tricks drauf, um größer und stärker zu erscheinen, als sie tatsächlich sind. Wenn Katzen sich erschrecken oder bedroht fühlen, stehen ihnen alle Haare zu Berge, was sie deutlich massiger erscheinen lässt. Auch einige Vögel verstehen sich auf diese Art des Bluffens und haben solche Drohgebärden im Repertoire. Andere täuschen von Geburt an, indem sie Farben tragen, die ansonsten im Tierreich für „Achtung! Gefahr!“ stehen, z.B. das Schwarz-gelb. Eine Legende hat es sogar in die Menschenwelt geschafft: 3 Hornissenstiche töten einen Menschen, 7 ein Pferd. Das ist Quatsch. Es wären tatsächlich mehr als 1.000 Stiche notwendig, um einen normalen 70 kg-Erwachsenen in Lebensgefahr zu bringen. Aber es wirkt. Menschen fürchten Hornissen. Dabei stimmt die Legende nur andersherum: Ein einziger Biss eines Pferdes kann für eine Hornisse tödlich sein.

 

3

 

Wenn Sie das Bild genau betrachten, sehen Sie (Achtung Ironie) einen gefährlichen, blutrünstigen Wolf mit weißer Zottelmähne und ein ihm hilflos ausgeliefertes Galloway-Kälbchen. So jedenfalls das Selbstverständnis von Malteser-Shi Tzu Emil (8 kg). Das Kalb (ausgewachsen dann 900 kg) mit der dunklen Zottelmähne käme nicht auf die Idee, das infrage zu stellen. Weiß setzt Schwarz mal eben Schachmatt, nur durch natürliche Autorität.

 

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums“, heißt es beim Propheten Jesaja. Das geht ganz schön gegen unsere Natur. Und nicht nur gegen unsere. Im Tierreich läuft nicht alles über natürliche Autorität wie auf dem Foto. Angeberei ist wichtig. Je bunter die Nase bei Mandrill-Affen, desto größer der Führungsanspruch. Pfau-Männchen stolzieren stunden- bis tagelang nebeneinander her im Wettbewerb um die Hennen – im Normalfall erkennt einer den anderen als schöner an. Wenn keine Einigung zustande kommt, wird gekämpft. Blaufußtölpel tanzen, um ihre Füße in Szene zu setzen. Kapitale Hirsche stellen ihr Geweih zur Schau. Bescheidenheit? Fehlanzeige! Warum dann also nicht zeigen, wenn man weise, stark, reich ist?

 

4

 

Zwei Gründe: der eine findet sich beim Propheten Jeremia, der andere nicht. Nummer eins: Angeber nerven. Leute, die auf Angeber reinfallen, irgendwie auch. Niemand würde Angeberei vermissen und oft wäre die Welt weniger peinlich, wenn es schiefläuft. Nummer zwei: Vergiss nicht, woher diese Dinge kommen, derer du dich rühmst. Die Weisheit haben dir andere weitergegeben, die Stärke andere mit dir trainiert und der Reichtum ist ererbt oder ruht auf vielen Schultern, die daran mitgearbeitet haben. Bevor du dich also damit rühmst, vergiss nicht, wo es herkommt.

 

Bei Jeremia eindeutig von ganz oben: „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden.“ Vielleicht schließen wir einen Kompromiss: Wer Ruhm für sich beansprucht, schickt direkt hinterher, wem er ihn zu verdanken hat. Dann gibt es keine Missverständnisse.

 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

 

Warum Angst in Worte gehört

Warum Angst in Worte gehört

 

1

So könnte Angst aussehen, meint die Fotografin mit ihrem Bild. Das Gehirn überdreht, überschlägt sich vielleicht vor banger Erwartung. Angst ist selten steuerbar. Sie ist in uns als Schutz und führt dennoch ein gewisses Eigenleben. Sie ist da, wenn man sie braucht als Meldung oder Abwehr von Gefahr; sie ist aber auch da und wächst, wenn Gefahr eher „gefühlt“ ist und in Wirklichkeit nicht besteht. Angst, so hilfreich sie oft ist, bedroht einen gelegentlich selbst. Dann wird man vor Angst handlungsunfähig. Sie übersteigt die Wirklichkeit in einer Weise, dass sie eher lähmt als tätig macht. Wir scheinen wie besessen von Angst.

Das Bild drückt aus, wie wir uns manchmal fühlen: voller Entsetzen über etwas – über andere Menschen oder uns selbst. Angst ist schillernd. Sie hilft und schadet uns. Manchmal ist sie zu groß und manchmal zu klein. Wir sind Teil unserer Ängste. Manchmal steuern wir sie, manchmal steuern sie uns.

 

2

Kaum ist Jesus auf der Welt, ist er auch schon erwachsen. Das geht immer schnell im Kirchenjahr. Und kaum ist Jesus getauft und hat Jünger um sich gesammelt, haben sie dramatische Erlebnisse. Jesus selbst schickt die Jünger auf den See, auf dem sich dann der Sturm erhebt. Er peitscht Wellen ins Boot. Jesus scheint davon nichts zu bemerken, er schläft. Das ärgert die Jünger, weswegen sie ihn wecken und ihn zur Rede stellen. Jesus vermag es, den Sturm zum Aufgeben zu zwingen. Er stellt dann seinerseits die Jünger zur Rede und fragt: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Man beachte das Wörtchen „noch“. Jetzt fürchten sich die Jünger erst Recht. Nicht mehr vor Wind und Wellen, sondern vor der Macht ihres neuen Freundes, den sie noch nicht gut genug zu kennen scheinen. Ihre Furcht sagt: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?

 

3

Es geht um die Beherrschung der Angst durch Glauben. Das erwartet Jesus, der vor lauter Gottvertrauen sogar bei Wind und Wellen schlafen kann. Dass die Wellen schon ins Boot schlagen, macht ihn vielleicht nass, aber nicht so ängstlich, dass er aus seinem Schlaf erwacht oder der Sturm ihn weckt. Mit Gott ist gut ruhen, erzählen uns die Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas. Das hätten sie gerne. Wir wissen aber, dass es ein frommer Wunsch ist, der sich oft nicht erfüllt. Es gibt Stürme, die machen, dass das Gehirn sich überschlägt wie auf dem Bild und die Ängste uns unruhig und unsicher machen; oder die Sinne hoffnungslos durcheinander bringen.

So edel die Absichten in dieser Erzählung sind: wir haben die Angst oft nicht im Griff und können sie durch Gottvertrauen nicht zum Schweigen bringen. Und dann?

 

4

Dann ist Gott trotzdem da. Jesus auch. Wir wissen ja, dass es so einfach nicht ist, wie es manchmal klingt: wir beherrschen unsere Angst durch Glauben. Das sollten wir können, können es aber oft nicht. Die Ängste sind dann zu groß, die Ansprüche ans Leben zu gewaltig und der Glaube zu schmal. Das Leben macht Angst: vor Krankheit, vor Trennung, vor Verlust der Sinne im Alter, vor dem Ausbleiben der Freunde und vor vielem anderen auch. Die Ängste im Leben verändern sich. Was dem Erwachsenen Angst machte, lässt einen älteren Menschen nur schmunzeln. Und was Ältere ängstigt, versteht ein Jüngerer nicht und möchte es Älteren ausreden.

Überhaupt das Ausreden. Das tut man gerne, weil man sich ja selber ängstigt und dagegen anredet. Angst kann man nicht ausreden, nur ernst nehmen.

 

5

Wer Angst ernst nimmt, beginnt, sie etwas in den Griff zu bekommen. Angst wabert, das Ernstnehmen und sie in Worte fassen kann sie bändigen. Angst gehört in Worte - zu Freunden, die nicht abwiegeln oder beschwichtigen; und zu Gott, der mich und meine Angst hört. Angst gehört zum Leben, sie erweist mir einen Dienst und macht mich aufmerksam. Wenn ich allerdings merke, dass sie mich zu beherrschen beginnt, versuche ich, sie ein wenig in den Griff zu bekommen. Das geht am besten, wenn ich sie in Worte fasse. Angst gehört in Worte; sie gehört ausgesprochen - gegenüber sich selbst, Freunden und Gott.

In der Welt haben wir Angst. Wer sich damit an Gott wendet, erfährt Hilfe. Zuerst die Hilfe der Beruhigung, als legten sich Sturm und Wellen in meiner Seele. Aber auch die Hilfe der Macht Gottes. Was auch geschehen mag – wir arbeiten mit Gottes Hilfe und mit Hilfe von Freunden tapfer dagegen und werden nicht versinken. Wir sind und bleiben in Gottes Armen. Das drückt ein wunderbares Lied aus. Dies beten und davon singen wir: „Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand.“ (EG 533)

 

 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und  Johannes Ditthardt

O der weinenden Kinder Nacht

O der weinenden Kinder Nacht“ (Nelly Sachs)

Betrachtung zum Gedenktag der Befreiung

des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar (1945)

 

1

Ein vergessener Ort. Ein kleines Dreieck zwischen zwei verkehrsreichen Straßen. In der Mitte die Bronzeskulptur, die einen „Dreidel“ darstellt. Einen Kreisel mit vier Seiten, der um Süßigkeiten gedreht wird. Er ist das traditionelle jüdische Kinderspielzeug zum ausgelassenen Lichterfest Chanukka. Kinder mit hochroten Köpfen beim Spiel, ihr Lachen oder ihre Enttäuschung beim Verlieren, ihre Freude beim Feiern – all das war auch hier zu Hause. Nur machen die modernen Gebäude im Bildhintergrund vergessen, dass an ihrer Stelle das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge stand. Bedürftige „israelitische“ Mädchen und Jungen fanden dort Obhut und Betreuung. Bis die Gestapo am 15. September 1942 das Heim räumte und die Bewohner deportierte. Einige Kinder blieben zunächst noch zurück. Eine Betreuerin schrieb einem Angehörigen: „Leider traf Ihre liebe Karte am 16ten ein, während Ihre Lieben am 15ten mit 43 Kindern und zwei Angestellten hier abreisten. Sie waren gesund und tapfer ... Ich bin nun noch mit 15 Kindern allein. Es ist mir furchtbar.“

 

2

Die ahnungslosen Schützlinge mussten – gesund und tapfer, wie sie waren – einen sogenannten Zu-Fuß-Transport quer durch Frankfurt hinter sich bringen, bevor sie auf Güterwaggons verladen wurden. Die Ziele hießen zumeist Treblinka oder Auschwitz. Was sie dort erwartete – beschreibt, beklagt die selbst in Schweden im Exil lebende, deutsche Dichterin Nelly Sachs (1891–1970, Literatur-nobelpreis 1966) in einem Gedicht:

 

O der weinenden Kinder Nacht!

Der zum Tode gezeichneten Kinder Nacht!

Schreckliche Wärterinnen

Sind an die Stelle der Mütter getreten ...

Überall brütet es in den Nestern des Grauens.“

 

3

Nach Auschwitz, sagte der Philosoph Theodor W. Adorno (1903–1969), sei es nicht mehr möglich, ein Gedicht zu schreiben. Nelly Sachs hat es getan. In ihrer Lyrik gibt sie den toten Kindern einen bleibenden Ort. Da ist beides aufbewahrt: der Leidensweg der Schwächsten der Schwachen, aber über den Tod hinaus auch ihre Menschenwürde.

An uns Nachgeborene ergeht der Appell, die Opfer nicht durch Vergessen oder Gleichgültigkeit ein weiteres Mal zu töten. Das Erinnern an die Gräuel damals ist heute bitter nötig, wo Geschichtsbewusstsein kein Thema mehr ist und die Devise lautet: „Es muss auch mal Schluss sein!“

 

Nein, denn Schweigen war der Nährboden, auf dem das Verbrechen gedeihen konnte. Reden ist Gold. „Nie wieder!“, lautet die Parole. Und „nirgendwo Platz für antisemitische Hassreden und Gewalttaten“.

 

4

Stellvertretend für alle Kinder, die dem Nazi-Terror zum Opfer fielen, sei der Zwillinge Gerd und Rolf Reutlinger gedacht. Ihr Leidensweg begann schon Ende 1940 und lässt sich an wenigen kargen Daten ablesen:

Geburt: 15. Oktober 1937, Frankfurt am Main –

Wohnort: ab 1939 Frankfurt,

Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge –

Deportation: 22. November 1941 nach Kowno in Litauen –

Sterbedatum: 25. November 1941 in Kowno,

Hinrichtungsstätte.

Die beiden 4-jährigen Jungen wurden zusammen mit ihrer Mutter erschossen.

Von den 43 Frankfurter Heimkindern haben nur sechs überlebt.

 

5

Jüngst wurde der vergessene Ort zur Erinnerungsstätte und trägt einen Namen: Platz der vergessenen Kinder. Und der Dreidel steht für das Recht der Kinder auf Glück und Spiel und blühendes Leben, weltweit.

 

Nelly Sachs schrieb, sie wisse nicht, wo das Lächeln des Kindes bewahrt sei, das wie zum Spiel in die spielenden Flammen geworfen wurde. Aber sie hatte eine Vision: „Ich weiß, dass dieses die Nahrung ist, aus der die Erde ihre Sternmusik herzklopfend entzündet.“ Man darf gespannt sein auf diese Musik, die den Dreidel samt den Kindern selig tanzen lässt. Und wehe, einer stört ihr Spiel!

 

 

#weremenber

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Tränen und Heilung

 

Gedanken zu Psalm 42,4 und Matthäus 8,5-13

 

 

1

Möchte man so weinen? Mit goldenen Tränen? Das Bild geht auf eine Sage zurück, wonach die germanische Göttin Freya von ihrem Geliebten verlassen wird. Das schmerzt sie. Und sie weint – goldene Tränen.

Kein Mensch wird gerne zurückgewiesen oder verlassen. Ablehnung schmerzt. Da sind Tränen kein Wunder. Goldene Tränen schon.

 

2

Der österreichische Maler Gustav Klimt (1862–1918) hatte so etwas wie eine „goldene Phase“. Er war schon berühmt, als er Frauenportraits malte, die heute von weltweiter Bedeutung sind. Auch ein Bild mit dem Titel „Der Kuss“ gehört in diese goldene Zeit etwa um die Jahre 1900 bis 1910. Und dieses Bild mit den goldenen Tränen.

Ganz fern lag ihm das Gold nicht. Sein Vater war Goldgraveur. Graveure versehen Gegenstände des täglichen Lebens mit Schrift. Man fühlt sich besonders gewürdigt, wenn auf einem Pokal oder auf Silberbesteck der eigene Name eingraviert ist. Gustav sollte den Beruf des Vaters erlernen. Als er aber ein Stipendium erhielt, ließ er sich schon als Vierzehnjähriger an der Wiener Kunstgewerbeschule ausbilden.

Klimt starb mit 56 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

 

3

„Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht“, spricht einer im Psalm 42 (Vers 4). Den Grund seiner Tränen nennt der Beter des Psalms auch: „Weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?“ Dieser Mensch weint, weil er Gott nicht fühlt, nicht erfährt. Er hatte auch schon gesagt: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“.

 

Es müssen schreckliche Stunden und Tage sein, wenn man nach Gott ruft und ihn nicht erlebt oder erfährt. Wenn man sich, um diese Worte noch einmal zu bedenken, sozusagen von seinen Tränen ernährt: Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht. Vermutlich können wir uns vorstellen, wie furchtbar solche Tage sein müssen. Wenn Eltern ihr Kind begraben müssen und keine Antwort auf die Frage finden, warum Gott das zulässt.

 

4

Einen nichtjüdischen Hauptmann treibt es sogar zu Jesus, als sein Knecht krank zu Hause liegt und womöglich den Tod vor Augen hat. Der Hauptmann weiß sich keinen anderen Rat mehr, als zu dem zu gehen, von dem er sich Heilung für seinen Knecht verspricht. Er wird irgendetwas gehört haben von einem jüdischen Prediger, der auch Kranke heilt. In seiner Not und als letzte Möglichkeit geht er dorthin. Und sagt den unfassbaren Glaubenssatz: Herr, sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.

Da staunt selbst Jesus. Solchen Glauben hatte er bisher in seiner jüdischen Umgebung nicht erlebt. Jesus heilt den Knecht von ferne. Und stellt auch noch fest: Es werden viele, und nicht nur Juden, im Reich Gottes neben unseren Vätern Abraham, Isaak und Jakob Platz nehmen. Der Himmel ist für alle da.

 

5

Der Himmel – Ort aller Sehnsucht. Was auf Erden nicht heilbar ist, heilt der Himmel. Er vergoldet unsere Tränen auf Erden. Kann man, darf man das so sagen?

Ja, man darf. Jesus selber denkt und sagt (Matth. 5,4): Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Jesus ist sich dieses Trostes sicher. Er sagt nicht, wann das sein wird, ob schon auf Erden oder im Himmel, im Reich Gottes. Jesus denkt aber weiter als nur an das Leben auf Erden. Für ihn ist Himmel der Ort der letzten, großen Gerechtigkeit. Das gefällt nicht allen, ich weiß. Manche wollen ihre Gerechtigkeit sofort. Das ist zu verstehen. Aber nicht alle erleben diesen Trost hier auf Erden, Gott allein weiß warum. Ihr letzter Trost gilt dem Himmel, wo Gott abwischen wird alle Tränen (Offb. Joh. 21,4).

 

6

Viele Tränen auf Erden sind nicht golden, das wissen wir. Sie sind bitter und traurig. Sie wirken wie das Ende von allem. Und so fühlen sich Weinende dann auch: Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, fühlen sie. Sie können nur warten, traurig warten. Auf Momente der Erlösung warten sie. Auf Worte, die sie aufbauen.

Sagen wir einander solche Worte. Seien wir einander solche Worte. Wir können Tränen wohl nicht vergolden. Aber lindern oder trocknen können wir sie manchmal. Durch unser Dasein, unsere Nähe. Sprechen wir einander Worte zu, die eine Seele heilen kann.

Wo Menschen einander nah sind, ist Trost nicht fern.

 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Die Suche nach Gott

Gedanken zu 1. Korinther 2,1-10

 

 1

Ein Labyrinth! Ein Labyrinth, bei dem es gilt, die Mitte zu finden. Hecken so gepflanzt, dass Wege entstehen, die man laufen kann. Wege, über die man sich der Mitte langsam nähert. Wege, auf denen man sich aber auch kurzfristig verirren kann. Sackgassen, an deren Ende man umkehren muss.

 

Jede und jeder, der oder die schon einmal in einem solchen Labyrinth unterwegs war, weiß, dass schnell der Ehrgeiz geweckt wird, die Mitte zu finden, dass es aber auch frustrierend sein kann, wenn man von Sackgasse zu Sackgasse läuft oder dem ersehnten Zentrum einfach nicht näher kommt. Es braucht auf jeden Fall etwas Ausdauer, denn es ist nicht der kürzeste Weg, der zum Ziel führt. Es braucht Ausdauer und sicher auch ein wenig Glück; und es kann hilfreich sein, wenn andere Personen, die im Labyrinth unterwegs sind, Tipps geben. Weil sie vielleicht schon auf dem Rückweg von der Mitte sind oder einem einen Irrweg ersparen, weil sie gerade aus einer Sackgasse zurückkommen und dies kundtun.

 

2

Auf der Suche nach der Mitte, auf der Suche nach dem Zentrum, ist im biblischen Text auch Paulus (1. Korinther 2, 1-10). Die Suche war für ihn eine Lebensaufgabe. Er ist auf der Suche nach Gott, von dem er glaubte, schon alles zu wissen, als ihm der auferstandene Christus vor Damaskus erscheint. „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“, war die Frage Jesu, die bei Paulus alles auf den Kopf stellte und auch sein Gottesbild nach und nach in ein neues Licht rückte. Fortan hatte er es mit einem Gott zu tun, der sich in der Niedrigkeit von Weihnachten der Welt offenbart und dessen Weisheit nicht die Weisheit der Welt, sondern die Weisheit des Kreuzes ist. Christus selbst führt Paulus aus der Sackgasse seines Denkens und offenbarte einen Gott, der im Zentrum steht, der aber anders ist, als schon immer erwartet. Krippe und Kreuz sprechen eine neue, eine eigene Sprache.

 

3

Auf der Suche nach Gott sind auch wir Menschen – aber nicht immer auf dem richtigen Weg. Es ist nicht leicht, Gott zu finden, geschweige denn ihn festzuhalten. Wir tappen von mancher Sackgasse in eine weitere, besonders dann, wenn wir ganz sicher sind, auf dem richtigen Weg zu sein oder Gott gefunden zu haben. Wer auf der Suche nach Gott ist, wird feststellen, dass wir Menschen ihn mehr umkreisen, als dass wir ihn finden und in die Tasche stecken könnten.

 

Es ist eine Lebensaufgabe, sich im Labyrinth zu bewegen, dessen Zentrum Gott ist. Und es ist eine echte Zumutung, denn unser Leben ist nicht nur leicht. Es ist selbst voller Irrwege und Sackgassen, aber immerhin mit der Zusage verknüpft, dass Gott das Zentrum ist. Dass da eine Mitte ist, die alles zusammenhält.

 

4

Gott bleibt zu unseren Lebzeiten ein Geheimnis, das wir nicht ganz lüften können. Paulus schreibt: „Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ (1. Kor. 13,12b) Will sagen: Es steht noch etwas aus. Die Mitte, die wir im Leben mehr umkreisen, wird (erst) am Ende erreicht.

 

Der Gott, der sich vor wenigen Wochen als Kind in der Krippe in dieser Welt offenbart hat, in Niedrigkeit, die in Wahrheit Stärke ist, dieser Gott wird sich (erst) am Ende ganz finden lassen.

 

Wenn dein Ehrgeiz geweckt ist, fang an zu suchen. Wenn du merkst, es geht nicht weiter, kehre um und suche einen anderen Weg. Wenn dir jemand entgegenkommt, frag ihn, was er dir für deine Suche raten kann. Wenn du glaubst am Ziel zu sein, sei nicht verwundert, wenn es noch nicht das Ziel ist. Aber sei gewiss, dass es die Mitte des Lebens gibt und Gott von dort alles zusammenhält.

 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Das Kreuz drängt sich nicht auf

Das Kreuz drängt sich nicht auf

Gedanken zu Licht und Schatten im Leben

1

Im Vordergrund die Kerze. Ein Stück ist sie schon heruntergebrannt. Die Flamme ist nicht zu sehen. Rauch steigt schräg vom Docht auf; er kräuselt sich. Vielleicht versucht gerade jemand, die Kerze auszublasen: mit aller Kraft – so wie ein Kind, das alle Geburtstagskerzen auf einmal auspusten will.

 

Aber es gelingt nicht: Die Kerze ist noch nicht erloschen. Sie leuchtet – fast wie von innen heraus. Ihr warmes Gelb steht ganz vorn und zieht meinen Blick auf sich. Und: die Kerze rußt. Eine ganze Menge Rauch steigt von ihrem Docht auf. Da muss noch Glut vorhanden sein. Vielleicht wird sich die Flamme gleich wieder aufrichten – wenn der Windhauch nachlässt – oder das Pusten. Bestimmt knistert sie ein wenig dabei. Und dann ist sie wieder da. Zumindest hoffe ich das. Denn ohne das Licht der Kerze wäre das ganze Bild leer.

2

Im Hintergrund der Himmel. Ganz dunkel ist er. Ein Hauch von Orange lässt noch ahnen, wo die Sonne gerade untergegangen ist. Ihr Lichtschimmer verliert sich, taucht den Himmel in ein immer dunkler werdendes Violett. Die dünnen Wolken sehen schon schwarz aus; ganz still hängen sie da. Ruhig und majestätisch wölbt sich dieser Himmel, wie er es seit dem ersten Tag getan hat. Was auch immer auf der Erde geschieht – er ist und bleibt derselbe. Auf mich wirkt es, als würde die Schöpfung für einen Moment den Atem anhalten.

 

Und dann, ganz an der Seite: das Kreuz. Zuerst habe ich es gar nicht gesehen. Es sah für mich eher wie ein Schlot eines Industriegebäudes aus. Es hat auf jeden Fall keinen prominenten Platz. Es drängt sich nicht auf. Wenn kein Körper daran hinge, wäre es nicht einmal als Kreuz erkennbar. Und doch ist es da: Ganz an den Rand gedrängt erinnert es an das, was an Karfreitag geschieht. Das Kreuz ist wie ein Kontrapunkt in diesem Bild: Es ist komplett schwarz; überall sonst wechseln Dunkelheit und Licht miteinander. Es zeigt klare Kante – alle anderen Linien wirken weich und unscharf. Es steht unumstößlich da – mitten im flüchtigen, vergänglichen Rauch. So unscheinbar es auf den ersten Blick ist: Am Kreuz komme ich nicht vorbei.

 

Auch die Kerze steht zum Kreuz in Beziehung: Der Rauch, der vom glimmenden Docht aufsteigt, spannt sich wie eine Brücke zum Kreuz. Es ist eine bewegte, lebendige Verbindung, die viele Verwirbelungen bildet. Über dem Kreuz angekommen scheint der Rauch regelrecht zu tanzen. Ein paar Schwaden ziehen sogar daran hinab und hüllen es geradezu ein.

3

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Vor diesem Horizont leuchtet die Kerze. Irgendwann ist sie angezündet worden, irgendwann wird sie verlöschen. Aber noch ist es nicht so weit: Ihr Licht ist warm und lebendig.

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Innerhalb dieses Horizontes kommt von irgendwoher ein Windstoß. Er bringt die Kerze zum Flackern; er drückt ihre Flamme nieder. Sie muss kämpfen – aber sie ist stärker.

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das ist der Horizont, in dem wir alle leben. Mal brennen unsere Lebensflammen groß und schön – mal flackern sie und fangen an zu rußen. Manchmal weiß ich nicht, woher ein Windstoß gekommen ist. Aber wenn ich dem Rauch hinterhersehe, lande ich beim Kreuz. Vielleicht sind es gerade die Stürme des Lebens, die eine Brücke schlagen zwischen mir und dem, der da hängt. Gerade die Rauchschwaden, die von meinem Leben aufsteigen, zieht er in sein Kraftfeld hinein.

 

Ganz an den Rand lässt er sich schieben; und an Karfreitag sogar noch darüber hinaus. Er drängt sich nicht auf. Aber er ist da. Ohne ihn würde der Rauch ins Leere wehen.

 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

 

„Trage stets mich auf den Händen“

„Trage stets mich auf den Händen“

Kleine Anrede an den Herrn Jesus

 

Gedanken zur Jahreslosung Joh. 6,37 – mit EG 61

 

(EG 61,1)  Hilf, Herr Jesu, lass gelingen,hilf, das neue Jahr geht an; lass es neue Kräfte bringen,dass aufs Neu ich wandeln kann. Neues Glück und neues Leben wollest du aus Gnaden geben

 

Lieber Herr Jesus,

 

ich mag dieses Bild von Dir. Dein Kreuz steht auf der Welt. Deine Arme sind weit offen, als könnten wir direkt zu Dir laufen. Du versprichst: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Und kaum hören wir das, kommen wir auch schon. Stellen uns unter das Kreuz. Oder laufen Dir in die Arme. Einfach nur, um aufgehoben zu sein. Um einen Ort zu haben, einen Ort des Friedens. Nur Du weißt, wie viel Unfrieden in uns ist und in der Welt. Nur Du weißt, wie dunkel oder bedrückt unsere Gedanken oft sind. Aber bei Dir ist es hell. Die Farben machen uns froh: ein helles Blau, ein warmes Rot. Da möchte ich sein. Da, wo es hell und warm ist.

 

(EG 61,4+5)

Herr, du wollest Gnade geben, dass dies Jahr mir heilig sei und ich christlich könne leben ohne Trug und Heuchelei, dass ich noch allhier auf Erden fromm und selig möge werden.

 

Jesus richte mein Beginnen, Jesus bleibe stets bei mir, Jesus zäume mir die Sinnen, Jesus sei nur mein Begier, Jesus sei mir in Gedanken, Jesus lasse nie mich wanken!

 

Das ist es ja, lieber Herr Jesus, was uns das Leben oft so schwierig macht: dass wir wanken. Ein seltsames Wort. Das benutzen wir kaum noch. Es trifft aber zu. Wir wanken. In Gedanken und im Leben. Wir wissen dann einfach nicht: Was ist richtig und was ist falsch? Was ist hilfreich oder nicht? Was hilft uns? Und schadet zugleich vielleicht anderen? Dann ist alles in uns wie ein Wanken. Die Füße haben keinen festen Tritt, die Gedanken schlingern – am Tag so und in der Nacht anders. Sollen wir so weitermachen wie immer? Oder müssen wir die Richtung ändern? Dann klopft das Herz etwas schneller. Oder wir werden bald müde vom Denken. Was ist gut fürs Leben? Für unser Leben und für unser aller Leben?

 

Du weißt ja: Wir wissen dann nicht. Wir möchten dann einfach nur hören, wie Du in der Jahreslosung sagst: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Allein das zu hören ist schon beruhigend. Es gibt jemanden, der uns aufnimmt. Es gibt einen Ort, wo wir hinkönnen. Ob wir nun gerade stehen oder wanken; ob wir sicher sind oder nicht. Ob wir klug sind oder ahnungslos. Wir können kommen. Du trägst uns.

 

(EG 61,6) Jesu, lass mich fröhlich enden dieses angefangne Jahr. Trage stets mich auf den Händen, stehe bei mir in Gefahr. Freudig will ich dich umfassen, wenn ich soll die Welt verlassen.

 

Trage stets mich auf den Händen, lieber Herr Jesus. Das wünsche ich mir für das neue Jahr. Oft tun wir ja so, als wüssten wir Bescheid. Dabei wissen wir so wenig.

Vor allem von dem, was kommt. In den letzten beiden Jahren haben wir lernen müssen, wie wenig wir voraussehen können. Wir überlegen und planen und gestalten – auf einmal aber ist alles vergeblich. Beinahe jede Woche mussten wir die Pläne zur Seite legen und neue machen. Ausgeliefert fühlt man sich da. Als wanke man hin und her und werde dabei auch noch geschubst bis beinahe zum Umfallen.

 

Nein, wir haben die Welt nicht im Griff; wir haben uns selber ja oft auch nicht im Griff. Da hören wir gerne, dass wir zu Dir kommen können. Einfach zu Dir kommen können. In Deine Arme. Wie damals, als wir zu Mama oder Papa liefen, wenn uns etwas weh tat. Du bleibst. Du bist für uns da. Trage stets mich auf den Händen. Darum bitte ich Dich, Herr Jesus.

 

(EG 61,2) Was ich sinne, was ich mache, das gescheh in dir allein; wenn ich schlafe, wenn ich wache, wollest du, Herr, bei mir sein; geh ich aus, wollst du mich leiten; komm ich heim, steh mir zur Seiten.

 

Du weist keinen Menschen ab. Das ist gut zu wissen. Und ich bitte immer: Bleibe bei uns, Herr; bleibe bei mir. Du weißt auch nicht jeden Weg. Aber Du weißt, wie wir Wege gehen sollen. In Liebe sollen wir gehen. In möglichst viel Liebe. Das ist gut zu wissen. Wenn wir bei Dir sind, neben Deinem Kreuz oder in Deinen Armen, dann hören wir von Dir, was uns hilft: „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Manchmal ist das leicht; und manchmal schwierig. Es hilft uns aber, es hilft mir. Ich weiß dann auch nicht immer, welche Richtung die richtige ist. Ich weiß aber, wie ich gehen soll. Mit Rücksicht, achtsam, ohne Ellbogen. Jeden Tag wieder. Ich kann das üben. Ich muss nicht aufbrausen und auch nicht gedankenlos drauflosgehen. Ich kann mich an Dir festhalten, an Deinen Worten. Sie sind wie Licht und Geländer: „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Ich will mir Mühe geben. Bleibe bei uns, Herr, bleibe bei mir. Was ich denke und tue, will ich in Liebe tun. In größtmöglicher Liebe. Zu mir und anderen. Trage stets mich auf den Händen. Steh mir bei, Herr. Ich weiß, Du tust es. Das beruhigt mich. Ich kann leichter lieben, wenn ich ruhiger werde. Sei meine Ruhe, Herr Jesus. Das bitte ich Dich. Für andere und für mich.

 

(EG 61,1.6)  Jesu, lass mich fröhlich enden dieses angefangne Jahr. Trage stets mich auf den Händen, stehe bei mir in Gefahr. Freudig will ich dich umfassen, wenn ich soll die Welt verlassen.

 

Ein gesegnetes neues Jahr wünschen Ihnen Ihre

Paulus – Kirchengemeinde Castrop

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Weihnachten im Dreiklang

Gedanken zu Jesaja 9,5
 
1
Josef kommt kaum vor. Das Bild erinnert mich an eines in der Vinzentiuskirche in Bochum-Harpen, wo Josef im Stall am Kochtopf steht. Und hier auch. Endlich ist mal Josef zu sehen! Das war mein erster Gedanke, als ich das Bild von Guido Reni sah. Auf so vielen weihnachtlichen Darstellungen ist Josef nur Beiwerk. Er steht meistens ein bisschen hilflos neben Maria herum, verschwindet etwas hinter Ochs und Esel oder sitzt gar draußen vor dem Stall, weil er drinnen keinen Platz zu haben scheint. Aber nicht auf diesem Bild.
 
Guido Reni schenkt uns eine Szene, die anrührender nicht sein könnte. Josef trägt seinen Sohn auf dem Arm und scheint sein Glück über das Kind kaum fassen zu können. Es ist eine stille Szene – von Engeln, Hirten und Königen keine Spur. Nur Josef mit Kind in wohltuend warmen Farben; beschienen von einem Licht, das von oben her auf die beiden fällt.
 
2
Das Besondere an dieser Szene ist der Blick zwischen den beiden. Josefs Augen scheinen sich nicht von seinem Sohn lösen zu können. Als könne er nicht begreifen, dass dieses kleine Wesen auf seinem Arm nun wirklich auf der Welt ist und zu ihm gehört. Ganz genau möchte er ihn erkennen. Auch der kleine Jesus sieht seinen Vater an. Zwischen den beiden, dort, wo ihre Blicke sich treffen, entsteht etwas. Das sehen wir, wenn wir auf das Bild schauen. Wir fühlen es, können es aber nur schwer in Worte fassen. Es ist der Moment, in dem Beziehung entsteht. Für diesen Augenblick gibt es nur den anderen, der sich seinen Weg durch die Augen in das Herz bahnt.
 
3
Auch wir als Betrachter und Betrachterinnen sind wie gefesselt von diesem Augenblick; von dem, was dort geschieht zwischen Vater und Sohn. Es braucht fast ein bisschen Überwindung, sich von den Blicken abzuwenden und noch den Rest des Bildes wahrzunehmen.
Erst dann fallen die Hände auf. Wie zärtlich Josef den Säugling trägt! Fast als hätte er Angst, ihn zu stark zu drücken. Er trägt ihn wie das Kostbarste, was er je in den Armen gehalten hat, und nimmt ihn mit hinein in den Schutz seines Mantels. Auch das Kind hält etwas in seinen Händen. Seine Finger umschließen einen Apfel.
 
4
Auch wenn es so aussieht, als halte das Kind den Apfel eher beiläufig, ist die Wahl der Frucht von Reni wohl nicht zufällig geschehen. Apfel heißt in lateinischer Sprache Malus – dasselbe Wort bedeutet aber auch böse, schlecht. Dieses Wortspiel hat in der kirchlichen Tradition dazu geführt, dass die Frucht, die Eva im Paradiesgarten vom Baum der Erkenntnis pflückte, mit einem Apfel identifiziert wurde. Der Apfel steht sinnbildlich für die Schuld des Menschen.
 
Es gibt aber noch eine andere Interpretation des Apfels in der Kunst: Er steht wegen seiner Kugelgestalt auch für Vollkommenheit, Schönheit, für Macht und Herrschaft. Hinter dem Kind mit dem Apfel in der Hand verbirgt sich das Bild, das so schwer zu begreifen ist: Gott legt die Herrschaft über die Welt, mit all dem Guten und Bösen, in die Hände seines Sohnes, der als neugeborenes Menschenkind in die Welt der Menschen kommt.
 
5
„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“ (Jes. 9,5). Liebevoller als in dem Bild von Guido Reni kann man kaum ausdrücken, wie diese Herrschaft ausgeübt wird. Sie vollzieht sich im Sehen, im Halten und im Lieben. Mit diesem Dreiklang wird das noch kleine Jesuskind groß werden und auf die Menschen zugehen. Er wird sie so ansehen, dass sie sich selbst in seinem Blick neu begegnen können. Er wird sie halten, als wären sie das Kostbarste auf der ganzen Welt, und sie so lieben, dass er sich selbst hingeben und in ihnen verlieren wird. Sehen, Halten, Lieben – das ist der Klang von Weihnachten.


Wir wünschen Ihnen, dass sie in dieser Woche zwischen den Jahren, gesehen, gehalten und geliebt sind.
Eine gesegnete Woche 

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Ein unvergesslicher Blick

Gedanken zu Lukas 1,26-38

1
Eine junge Frau im dunkelblauen Tuch. Helles Gesicht, Blick leicht abgewandt. Eine Hand abwehrend erhoben, während die andere Hand das Tuch vor der Brust verschließt. Die junge Frau erinnert mich irgendwie an eine Schauspielerin, aber dies ist kein Glamour-Bild vom roten Teppich irgendeines Filmfestivals. Kein Bild von heute oder vorgestern, sondern ein halbes Jahrtausend alt – gemalt von Antonello da Messina 1475. Und die Geschichte dazu ist 2.000 Jahre alt.
 
2
Die Geschichte ist weltberühmt und unzählbar oft gemalt. Hier aber nicht aufwendig erzählt mit großer Bühne, allerhand Requisiten, Architekturkulisse und allen Protagonisten. Kein Raum, keine Kulisse – nur eine Frau, ihre Hände, ihr Blick.
 
Die rechte Hand erschrickt, wehrt einen unerwarteten Gast ab. Der dynamische Luftzug seiner Ankunft scheint die Blätter des Schriftstücks, in das sie vertieft war, noch aufzuwirbeln. Die Rechte hält ihn erschrocken und irritiert auf Abstand, lässt ihn aber doch seine Botschaft sprechen. Die linke Hand fasst das um den Kopf gelegte Tuch vor der Brust zusammen. Die junge Frau verschließt sich nicht. Sie versucht, bei sich zu bleiben. Sie ist nicht in einer anderen Welt. Die Botschaft trifft auf Fragen, auf Zweifel und berührt doch das Herz unter ihrer Linken.
 
Ihr Blick wendet sich nach innen – als fühlte sie bereits, was eben angekündigt ist: das besondere Kind in ihrem Leib. Die Gesichtszüge entspannt. Die Lippen umspielt ein leises Lächeln. In allem birgt sie sich im blauen Tuch der Treue Gottes. Keine teuren Stoffe oder glänzende Seide. Ein schmuckloses Kopftuch, wie man es es früher getragen hat als Zeichen des tiefen Gottvertrauens.

3
Sie haben die Geschichte längst erkannt. Ein Engel kommt und verkündigt der jungen Maria, dass sie schwanger werden und ein Kind gebären wird: Jesus. „Sein Reich wird kein Ende haben.“, sagt der Engel „Aber wie soll das zugehen?“, fragt Maria. „Bei Gott ist nichts unmöglich!“ Und Maria willigt ein.
 
Heilsgeschichte reduziert und konzentriert auf eine Figur, zwei Hände und einen Blick. Wer das Bild schaut, ist kein unbeteiligter Zuschauer, sondern mittendrin im Heilsgeschehen, weil ganz dicht dabei und ganz nah dran an Maria. Kein fernes Bühnenstück, sondern überwältigende Beteiligung mit Nähe und Gefühl.
 
4
Wie sehr unterscheidet sich doch diese unabgelenkte Nähe und solches Gefühl von dem Geschehen rund um den vierten Sonntag im Advent, so kurz vor dem Weihnachtsfest, wie wir das so kennen Ruhe und tiefe Erkenntnis gegenüber möglicher Hast und Hetze, oft ohne Blick für das Wesentliche. Verinnerlichte Erwartung und leise Vorfreude gegenüber dem lauten und manchmal hektischen Geschenkestress, vielleicht in diesem Jahr auch den immer größer werdenden Sorgen
 
Ich wünsche mir nicht nur im Advent mehr von Marias nach innen gerichtetem Blick der leisen Vorfreude. Ich wünsche mir größeres Vertrauen in den verheißenen Weltenherrscher, der die bestehende Welt auf den Kopf stellen wird. Wo solche Betroffenheit und das Vertrauen ausbleibt, da ist das eigentliche Weihnachtsfest, das mit Heilsgeschehen verbunden ist ganz weit weg. Und die altbekannte Geschichte ist nur eine Geschichte die kurz in dieser Zeit gehört wird und dann aber auch wieder weg ist.
Ich bin dankbar für dieses Bild, diesen Blick, den der Maler Antonello da Messina vor über 500 Jahren einfing, und auf Leinwand festhielt.
 
Eine gesegnete Weihnachtswoche wünschen Ihnen Ihre 
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Das Leuchten der Ewigkeit

1
Hirten, Hebammen und Propheten grüßen das Kind. Wie eine Weihnachtsikone aus der griechisch-orthodoxen Kirche mutet dieses Bild an. Maria bestimmt in ihren leuchtenden Farben die Szene. Sie zieht den Blick auf sich. Um sie herum wirken alle anderen Personen wie Spielzeugfiguren, bis auf die beiden Propheten, die das Bild rahmen: Jesaja (links) und Hesekiel (rechts). Beide halten sie ihre Schriftrollen in der Hand: Schon lange haben sie ihn angekündigt und nun hat sich die Verheißung erfüllt. Jesaja sagt (9,5): Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter ... Und der Prophet Hesekiel (37,24+26a): Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle … Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein.
 
2
Dieses Bild ist Teil eines großen Kunstwerkes des italienischen Malers Duccio di Buoninsegna. Um 1311 fertigte er mit seinen Schülern eine Maestà, eine thronende Maria mit Kind, für den Altar des Doms zu Siena. Es ist ein Hochaltar, bestehend aus 70 Einzeltafeln, die Szenen aus dem Leben Jesu und Marias darstellen sowie Propheten und Heilige. Leider ist die Maestà nicht mehr vollständig. Dieses kleine Tafelbild aus der Predella befindet sich heute im National Museum of Art in Washington D.C.
 
Neben der übergroßen Maria wirkt Jesus fast wie eine Puppe. Fest eingewickelt und völlig unbeweglich liegt er auf einem Futtertisch, der eher an einen Altar als an eine Krippe erinnert. Josef sitzt zusammengekauert in der linken Ecke und versinkt fast in seinem roten Mantel. Er ist nur eine Randfigur, was ihm wohl auch bewusst ist. Er hält sich zurück und überlässt Maria die Ehre. Was die Heilige Familie verbindet, sind die Heiligenscheine.

3
Wie Kinder stehen die Hirten am rechten Bildrand und recken ihre Hälse gen Himmel. Sie lauschen den Engeln, die ihnen die frohe Botschaft verkünden.
 
Sie sind noch fasziniert von den himmlischen Heerscharen und ihrer Verkündigung. Ihre Schafe ruhen geduckt am unteren Bildrand. Auch ein schwarzes ist dabei. Das darf in keiner Herde fehlen. Ochs und Esel schauen bescheiden aus dem Dunkel der Höhle hervor und wagen einen Blick auf das Kind.
 
Spannend ist auch die Szene vorn im Bild – auch sie in Miniaturgröße. Zwei Hebammen baden ein Kind. Auch dies wird auf Weihnachtsikonen häufig dargestellt. Die Hebammen bestätigen die natürliche Geburt Jesu. Sie pflegen ihn wie jedes Neugeborene. Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Die Szene spielt sich in einer Mischung aus Höhle und Stall ab, als ob der Stall schon mit der Grabhöhle in Verbindung gebracht wird. Tod und Auferstehung schwingen von Anfang an mit.

4
Darüber funkelt der Stern, der erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. Überstrahlt wird er vom Gold der Engel, die alles mit göttlichem Glanz überziehen. – Das Gold ist typisch für die Ikonenmalerei, aber auch für die Malerschule in Siena, die Duccio mitbegründete und prägte. Das Gold steht für die Herrlichkeit Gottes, die die Heilsgeschichte durchzieht.
 
Mir geht es oft so, dass es, während ich dieses Bild betrachte, in mir hell wird. Es rührt mich an, weil ich finde, dass Gottes Ewigkeit darin aufleuchtet. Von Anbeginn der Zeit ist es der eine Gott, der die Geschichte mit den Menschen schreibt. Die Propheten weissagten in seinem Namen. In Jesus Christus kam Gott selbst auf die Welt. Und noch immer ist er derselbe, der auch mein Leben, das immer wieder von Dunkelheit geprägt ist, golden durchdringt. 
Ich würde mir wünschen, dass es ihnen als Betrachter und Leser auch so geht und es Ihnen Licht in diese Adventszeit bringt.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Weniger wollen,... weniger erwarten

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Wir sollten hinten anfangen, die beiden Geschwister zu verstehen. Hinten, mit den in fetten Buchstaben gedruckten Worten der fassungslosen Lucy. Die ruft aus: WAS UM ALLES IN DER WELT IST DAS DENN FÜR EIN BRIEF?!! Vermutlich setzt ihr Verstand kurz aus. Ihr Bruder Linus schreibt dem Weihnachtsmann, dass der in diesem Jahr ruhig mal an ihrem Haus vorbeigehen könne; er, Linus, sei „wunschlos glücklich“. Dies hält er für eine „irgendwie erfrischende Einstellung“.
 
Lucy offenbar nicht. Sie ist außer sich. Freiwillig auf Geschenke verzichten? Das ist Lucys Sache nicht. Wenn sie etwas dazu tun kann, wird dieser Brief den Weihnachtsmann nie erreichen.
 
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Weihnachten ohne Wünsche? Das ist schwer vorstellbar. Die Selbstlosigkeit, in der Linus hier auf Geschenke verzichtet, ist selten. Noch seltener ist sein wunschloses Glücklichsein. Oder ist es vielleicht ein Trick, mit dem er auf sich aufmerksam macht, damit der Weihnachtsmann erst recht zu ihm kommt? Zuzutrauen wäre das dem Zeichner der Peanuts, Charles M. Schulz (1922–2000). Der kennt sich gut aus in Kinderseelen, auch in ihren verschlungenen Pfaden. Und manchmal ist in einem „wunschlos glücklich“ ja noch die leise Hoffnung, ein anderer möge sich bitte etwas einfallen lassen.
 
Weihnachten ohne Wünsche ist schwer vorstellbar. Es muss dabei nicht immer um Geld gehen. Aber auf friedliche Zeiten, auf eine gemütliche Zeit mit der Familie oder auf Fürsorge und Liebe untereinander hofft man wohl doch. Oder vielleicht nur das Ende der Corona – Zeit!
 
Und Gott wünschen wir uns nicht doch oft, er möge eingreifen uns begegenen?
 
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Natürlich stimmt es: Vieles, was heutzutage für Menschen zum Weihnachtsfest gehört, hat mit dem ursprünglichen weihnachtlichen Geschehen wenig zu tun. Das, was wir den „weihnachtlichen Rummel“ nennen und an dem wir uns oft beteiligen, ist aus Sicht des Stalls von Bethlehem eher fremd. Auch die Unruhe, die viele im Advent ergreift, passt nicht recht zur stillen Anbetung der Heiligen Drei Könige oder zum Lobgesang der Engel.
 
Aber es sind ja schließlich auch zweitausend Jahre vergangen seit der Geburt Jesu. Da kann man schon mal ein wenig ausschmücken – und Glühwein wird in der Adventszeit so wichtig wie kaum etwas anderes. Eins bleibt ja bei allem, was geworden ist aus der Zeit des Advents: Es gibt eine Sehnsucht nach Heilem, nach heilen Momenten im Leben – eine Sehnsucht nach Gott. In einem biblischen Text zum 2. Advent wird Gott direkt angesprochen – man könnte auch sagen: Gott wird frontal angegangen:
  
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Im 63ten Kapitel des Jesaja- Buches finden wir diesen Text. Der ganze Text ist ein einziger Aufschrei. Mit doppeltem Inhalt. Im ersten Teil (Verse 15-19a) ist er eine gewaltige Klage, dass auch Gott Verantwortung hat. Im zweiten Teil (63,19b bis 64,3) wird Gott angefleht, zur Erde zu kommen; mitten hinein in das Leben derer, die nach ihm rufen. Die Worte sind ein Schrei nach Gott; er soll heilen, was von uns nicht zu heilen ist.
 
In dieser Sehnsucht nach Heilem sind schon alle unsere Wünsche und Hoffnungen der Adventszeit umschlossen. Wir schmücken und schenken und beten, weil wir die Nähe Gottes fühlen wollen. Wir suchen einen adventlichen und weihnachtlichen Frieden in und um uns, der höher sein soll als menschliche Vernunft. Das dürfen wir auch hoffen. Wir dürfen von Gott erwarten, dass er „wohltut denen, die auf ihn harren“.
 
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Und wir dürfen alles tun, um Gott den Weg zu uns zu bereiten. Ein großer Schritt ist, nicht nachtragend zu sein. Zu möglichst niemandem. Um Gottes willen einen inneren Frieden zu schließen mit sich und dem, was uns im vergangenen Jahr belastet hat. Wir wollen es niemandem nachtragen, möglichst. Wir wollen den Frieden nicht von anderen erwarten, sondern von uns selbst. Wir stehen dann Gott nicht so sehr im Weg, der ja mein friedvolles Herz wünscht.

Noch einen kleinen Schritt zum Heilwerden zeigt mir der kleine Linus auf dem Bild. Ich könnte auf Wünsche auch verzichten, selbst wenn Lucy darüber entsetzt ist. Weniger wollen, weniger erwarten macht mich innerlich freier. Vielleicht bringt es mich auch Gott näher. Ich hoffe es wenigstens und bitte Gott darum. Hilf mir, Gott, könnte ich bitten – hilf mir, einfacher zu werden.
 
Vielleicht erkenne ich in der Einfachheit besser, wie wohl Gott schon an mir getan hat und noch tut. Vielleicht sehen Wunschlosere klarer, was Gott schon alles erfüllt hat.
 

Eine gesegnete Woche nach dem 2. Advent wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Sehnsucht nach Gerechtigkeit

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Auf diesem Bild sehen wir die Sehnsucht; die Sehnsucht des Advent. Um das zu sehen, braucht es nicht viel. Da, wo wir gerade sind, ist es eher dunkel. Nicht düster, nicht unbedingt beängstigend, aber eben wenig Licht. Dort stehen oder sitzen wir und schauen. Wo wir hinschauen, ist Gold. Eine Tür ist halb offen, wir sehen hindurch und sehen, ja fühlen das Licht. Das Licht ist wie Gold. Es scheint uns entgegenzukommen, was es aber nicht tut. Es sieht nur so aus, als flute uns das Gold entgegen.
 
Dieser Blick ins Gold ist wie eine Verheißung. Es ist, als rufe der leere, goldene Raum uns zu: Komm. Komm doch herein, tritt durch die Tür ins Licht. Ins goldene Licht. Es verbreitet schon beim Hinschauen einen Glanz, dem man sich nur schwer entziehen kann. Wie mag es erst sein, wenn wir drinstehen im Glanz. Advent ist ein Versprechen. Es wird Licht sein. Es wird Glanz sein in Gold.
 
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„Es kommt die Zeit“, spricht der HERR. so beginnt das Versprechen. Manche haben es in Worte gefasst, auch der Prophet Jeremia gute 500 Jahre vor Jesus. Jeremia gehört zu den Propheten, von denen wir verhältnismäßig viel wissen, weil er lange tätig war im Volk Israel. Er hat, könnte man sagen, alles gesehen und vorausgesehen. Er ahnte, dass die Ungerechtigkeiten im Volk nicht gut ausgehen werden; er fühlte, dass Politik mehr sein muss, als die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen; er spürte, dass man nicht nur dann an Gott glauben und ihm dienen kann, wenn es einem gerade mal passt. 
 
Aber Jeremia sah und erkannte nicht nur den richtenden, sondern später auch den wieder heilenden Gott. In großen Worten spricht er von ihm: 
 
Jeremia 23,5-8
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“

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In diesen Worten hört man die Sehnsucht; die Sehnsucht vieler Menschen und die Sehnsucht eines ganzen Volkes: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“. Es ist, als sei eine Tür halb offen und verspreche das Licht der Gerechtigkeit. Gott sorgt für uns, er kümmert sich, er sieht nach dem Rechten; wir sorgen und kümmern uns umeinander. Wie immer dieses Sorgen auch sein mag – vor allem geht es gerecht zu. 
Wer auf Gott hofft, sehnt sich nach Gerechtigkeit. So vieles im Leben empfinden Menschen als nicht gerecht – im eigenen Leben oder im Leben derer, die uns am Herzen liegen. Der Mensch sollte uns Menschen am Herzen liegen. Nicht nur der nahe Freund, auch der geschundene Mensch überhaupt. So viele leben in diesen Tagen wie im Dunkeln und hoffen auf die eine offene Tür, durch die Licht fällt. Könnten wir mit ihnen nicht einen Schritt hindurchgehen?
 
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Doch, das können wir. Wir sehnen uns ja alle. Immer. Zugleich leben wir in und unter dem Versprechen: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit.“ Wir können uns anlehnen an Gottes Gerechtigkeit und müssen uns nicht nur sehnen, sondern dürfen auch etwas tun. 
 
Wir dürfen gerecht sein. Soweit es in unserer Macht liegt. Wir dürfen gerecht sein in unserem Denken, in unserem Sprechen und in unserem Handeln. Wir werden es nicht immer schaffen, aber wir dürfen uns bemühen. Wir leben in und unter dem Versprechen, dass Gott unsere Gerechtigkeit ist. Darum wird er unsere Herzen und Hände führen, wenn wir sie zur Gerechtigkeit ausstrecken. Lasst uns einander verzeihen, was möglich ist. Lasst uns so freundlich und so aufrichtig wie möglich übereinander sprechen. Lasst uns teilen mit denen, die wenig haben. 
 
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Gottes Gerechtigkeit möge über uns leuchten wie der goldene Raum hinter der halb offenen Tür. Dort sieht man die Sehnsucht; man kann sie beinahe schon mit den Händen greifen. Man möchte unbedingt noch den einen Schritt gehen und sich ins Gold hineinstellen. Tun wir es. Ermahnen wir uns selbst freundlichst, dass wir ein wenig Gerechtigkeit zu denen bringen können, die im Dunkeln leben. Dann geht uns selber das Herz auf. Es wird sein, als strahle es in Gold. Es werden die satt, verspricht Jesus (Matthäus 5,6), die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit. 
 
Gehen wir den einen Schritt ins Gold – durch die halb offene Tür. Und empfangen dort die Gerechtigkeit für uns, die wir an anderen tun. Was Gott verspricht, das hält er. 
 
Im Segen lebt, wer andere segnet. 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt