Leidend und mit - leidend

Leidend und mit - leidend

Leidend und mit - leidend

# Impulse

Leidend und mit - leidend

1

Es ist der falsche Johannes, der da unter dem Kreuz steht. Eigentlich sollte es der Jünger Johannes sein, der gemäß dem Evangelium unter dem Kreuz wacht. Auf dem Isenheimer Altar nimmt dagegen Johannes der Täufer den größeren Raum ein. Dabei war der an Karfreitag selber schon tot.

Leuchtend strahlt der Prophet vor der düsteren Landschaft. Der rote Mantel, den er über seinem schlichten Kamelhaargewand trägt, erinnert an seine Hinrichtung. Schließlich war Johannes wegen seiner Kritik am König Herodes geköpft worden. Und so steht er unter dem Kreuz: nicht als historische Gestalt, sondern als Besuch aus der Ewigkeit. Scheinbar lebendig, doch schon mit den Attributen seiner Leidensgeschichte bekleidet.

2

Zu Füßen von Johannes steht ein Lamm, kaum größer als ein Kaninchen. Es ist ein häufiges Attribut von Johannes, schließlich hatte er in Jesus das Lamm Gottes erkannt. Direkt neben den blutenden Füßen blutet es in den Abendmahlskelch. In einer Klaue trägt es ein Kreuz, während es neben dem Kreuz selber steht. Es ist eine irritierende Doppelung: Das Lamm steht neben dem, den es symbolisiert. Es deutet darauf hin, dass der Kreuzestod eine tiefere theologische Bedeutung hat, auf die Johannes hinweist: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“

In der Hand trägt Johannes ein loses gebundenes Buch. Echte Buchstaben kann man nicht erkennen. Kunsthistoriker und Theologinnen identifizieren die Blättersammlung mit der Heiligen Schrift des jüdischen Volkes. So stellt sich Johannes in die Tradition der Propheten. Wie einst die großen Männer Israels, die auf Gottes Heil hinwiesen, erkennt auch Johannes auf besondere Weise Gottes Plan, indem er in Jesus den Messias erkennt.

3

Prophetisch ist deswegen auch die besondere Haltung des Armes zu deuten, die diese Darstellung des Johannes ausmacht: Überproportional groß fällt der riesige Zeigefinger sofort auf, mit dem Johannes auf den Gekreuzigten deutet. Wer die Handbewegung nachmacht, dem fällt auf, wie verkrampft und unnatürlich sie eigentlich ist. Der Künstler Matthias Grünwald hat den Arm detailliert abgebildet: Die Sehnen und Muskeln treten hervor, die Haut spannt sich, man meint, sogar den Dreck unter den Fingernägeln erkennen zu können. Besonders im Vergleich zur restlichen detailärmeren Darstellung von Johannes sticht der Arm hervor. Als wolle der Künstler zeigen: Johannes selber ist gar nicht so wichtig. Was an ihm bedeutsam ist, ist dass er auf Jesus als Christus verweist. Dazu passt die Bildinschrift, die von den Jahrhunderten verblichen zwischen Zeigefinger und Mund schwebt: „Illum oportet crescere me autem minui”, zu Deutsch: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Dieser Satz fällt, als die Schüler des Johannes ihn mit der wachsenden Beliebtheit Jesu konfrontieren.

4

Und dieser Verweis auf Christus hat beim Isenheimer Altar einen ganz besonderen Stellenwert. Der Altar war damals eine Auftragsarbeit. Nicht für eine Pfarrkirche, wo sich die Gemeinde beim Gottesdienst über das Bild freut. Nein: Der Isenheimer Altar ist geschaffen für ein Krankenhaus. Auf-traggeber für das Werk war der Antoniter-Orden, eine Gruppe frommer Männer, die sich um die Krankenpflege kümmerte. Zur Zeit der Entstehung des Altars war die damals „Antoniusfeuer“ genannte Krankheit eine regelrechte Epidemie. Heute ist bekannt, dass es sich dabei um eine Vergiftung durch Mutterkorn handelte. Im 15. Jahrhundert wusste man nicht, was diese meist tödliche Krankheit auslöst. Zahlreiche kranke Männer und Frauen, grünlich bleich und mit Pusteln übersät, lagen siechend im Spital und suchten mit Blick auf den Altar nach einem Hinweis auf Gottes tröstlichen Beistand. Und sie sahen Johannes und seinen auf Jesus gerichteten Zeigefinder. Und sie sahen den leidenden Messias, grünlich bleich und mit Pusteln übersät. Grünewald schuf einen Altar, bei dem Jesus zwar am Kreuz stirbt, dabei aber die Symptome des Antoniusfeuers trägt. Deutlicher kann man die Solidarisierung Christi mit dem Schicksal der Menschen kaum darstellen.

Johannes zeigt auf den Mensch gewordenen Gott: Leidend und mit-leidend.

Dies könnte Sie auch interessieren

Ev. Paulus-Kirchengemeinde Castrop
Wittener Straße 21
44575,  Castrop-Rauxel

Spendenkonto:

Kirchenkreis Herne.
IBAN DE05 3506 0190 2001 1420 22
BIC GENODED1DKD