Karwoche 2026

Karwoche 2026

Karwoche 2026

# Impulse

Karwoche 2026

1

Ein Bild des Jammers, das Rembrandt hier gemalt hat als er 25 Jahre alt ist – nur ein wenig jünger also als der, den er malt. Der junge Rembrandt empfindet wahrscheinlich allen Jammer und Schmerz des Menschen am Kreuz: den hageren, wie ausgezehrten Körper; das schmerzverzerrte Gesicht; den ganzen Jammer dieses Augenblicks, in dem Jesus auch nach seinem Vater zu rufen scheint. Hier stirbt ein Mensch in der Blüte seiner Jahre, wie wir oft sagen. Und er stirbt ohne sichtbaren oder erkennbaren Trost, ohne einen Hauch an Heiligkeit. Er stirbt einen jammervollen Tod.

Zugleich stirbt hier aber nicht irgendwer. Hier stirbt Jesus, der Christus, der Gesalbte, der Sohn Gottes. Und wo Gott stirbt, endet unser Denken. Der Karfreitag ist das Ende des Denkens.

2

Im Jahr 1641, also zu Lebzeiten Rembrandts, kommt es zu einem seltsamen Augenblick in der Geschichte des Denkens. Der norddeutsche Pfarrer und Liederdichter Johann Rist (1607–1667), 34 Jahre alt, dichtet einige Strophen zu dem Karfreitagslied mit dem Titel „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (EG 80, ursprünglich von Friedrich Spee). In einer Strophe dichtet Johann Rist:

 

O große Not! Gott selbst ist tot,

Am Kreuz ist er gestorben,

Hat dadurch das Himmelreich

Uns aus Lieb‘ erworben. 

 

Das ist ungeheuerlich: „Gott selbst ist tot“. Hier denkt einer zu Ende, was am Karfreitag in Jerusalem geschehen sein könnte: Gott selbst stirbt, ist tot. Darf man das denken? Und wenn man das denken und sogar dichten durfte – erschafft sich Gott dann selbst wieder neu am Ostermorgen? Wie einst, als er das Leben und die Erde schuf?

Das wissen wir nicht. Karfreitag ist das Ende des Denkens. Und dennoch versucht man ja immer, auch über ein Ende hinauszudenken.

3

Etwas anderes aber wissen wir: Die Zeile des Dichters Johann Rist, wonach Gott selbst am Karfreitag gestorben sei, ist im Laufe der Jahrhunderte aus dem Gesangbuch verschwunden. Heute heißt es im Lied EG 80 in der zweiten Strophe:

 

O große Not! Gotts Sohn liegt tot.

 

Das ist theologisch in Ordnung und entspricht unserem Denken über das Geschehen am Karfreitag. Nicht Gott selbst ist tot, sondern sein Sohn; ein Teil von ihm. Als wäre das leichter zu verstehen …

 

Und wie viele andere haben sich auch große Mühe gegeben, den Tod Jesu zu verstehen, zu deuten, uns zu erklären als den einen, großen Moment des Heils, der Vergebung unserer Schuld, der Versöhnung mit Gott. Das ist aller Ehren wert. Am Karfreitag brauchen wir jede Hilfe beim Denken. Auch wenn am Ende immer die Frage bleibt: Musste das so sein? Warum fand Gott keinen anderen Weg, uns zu erlösen, als den eigenen Tod oder den Tod seines Sohnes?

Und in diese Frage nach dem „Warum“ auf Golgatha klinken sich vielleicht auch unsere eigenen gegenwärtigen Fragen ein. Warum ist die Situation jetzt so wie sie ist, warum sind da diese Konflikte, die die Menschen vor Ort leiden lassen, die aber Auswirkungen auf die gesamte Welt haben, die der Wirtschaft schaden und die uns und Menschen in anderen Teilen der Welt so viel Lebensqualitäten nehmen. 

 

Fragen an denen unser Denken vielleicht wie an einer Schranke endet. An der es nicht weiter geht mit dem Denken.

4

Wenn aber unser Denken zu Ende ist, müssen wir es noch lange nicht am Ende sein. Was folgen kann, ist das Gebet, die Anbetung des geheimnisvollen Gottes. Ein großes Geschenk, das uns Gott gegeben hat und in das wir auch diese Welt einschließen können.

In vielerlei war, ist und bleibt uns Gott ein Geheimnis, das wir nicht entschlüsseln werden. Fragen nach dem „Warum?“ eines Geschehens bleiben oft lange oder für immer unbeantwortet. Selbst die „umgedrehte Leidfrage“, warum es uns gut geht und wir womöglich verschont worden sind, kann in der Regel nicht allgemein verbindlich beantwortet werden.

Wo unser Denken nicht mehr weiterkommt, überschreiten wir dieses Ganze mit dem Gebet, mit der Anbetung des Geheimnisses. Wer betet, sucht ein höheres Verstehen. Wer betet, entgrenzt sich sozusagen.

Der Beter und die Beterin hofft nicht drauf, das Geheimnis zu entschlüsseln, sondern hofft darauf, dass das Geheimnis selbst sich entschlüsselt und sich uns nähert. 

Gott selbst kommt in unser Denken und weitet es. Das ist die Hoffnung der Menschen, die beten. Sie wollen sich Gott nicht „zurechtdenken“, nicht verstehen – sie wollen ihn anbeten. Wer betet, weiß den Himmel über sich. Der Himmel, der sich denen öffnet, die ihn erbitten. Wie Jesus am Kreuz, der zwar klagt: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen!“, der aber gerade in und mit diesem Gebet Gott nicht loslässt.

Wir schauen über Karfreitag hinaus auf Ostern und wissen, dass dieses Vertrauen Jesu gerechtfertigt war. Gott ruft ihn aus dem Grab Wer Gott anbetet, weiß, dass der Himmel größer ist als alle Gräber.

Der Friede Gottes sei mit euch

Dies könnte Sie auch interessieren

Ev. Paulus-Kirchengemeinde Castrop
Wittener Straße 21
44575,  Castrop-Rauxel

Spendenkonto Kirchenkreis Herne

IBAN DE05 3506 0190 2001 1420 22
BIC GENODED1DKD

"Verwendungszweck + Paulusgemeinde"

Online-Spende