23/02/2026 0 Kommentare
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Gedanken zu unseren „Ureltern“ Adam und Eva

1
Der Kupferstich „Adam und Eva“ aus dem Jahre 1504 zählt zu den bekanntesten Arbeiten Albrecht Dürers. Für dieses Meisterwerk schöpft der damals 33-jährige Künstler aus seinen jahrelangen Studien der Anatomie und antiker Skulpturen, die er in Italien betrieben hat. Durch emsiges Messen mit Zirkel und Lineal erreicht er das von der Renaissance angestrebte Ebenmaß der Körper und stellt die ersten Menschen als Ideale vollkommener Schönheit dar.
2
Adam und Eva stehen einander frontal gegenüber, ohne sich zu berühren. Symmetrisch rahmen sie den Baum der Erkenntnis ein, der die genaue Mittelachse der Komposition bildet. Adam schaut auf Eva. Diese wiederum achtet nicht auf ihn, sondern allein auf die Frucht, die sie aus dem Maul der Schlange empfängt. Eine weitere Frucht hält sie hinter sich verborgen. Sie scheint der Versuchung der Schlange schon fast erlegen zu sein, während Adam noch zögert. Einerseits ragt er vorgebeugt in Evas Bildhälfte und verlangt mit seinem linken Arm und der geöffneten Hand nach der Frucht hinter Evas Rücken; andererseits klammert er sich aber noch an dem Ast eines anderen Baumes fest, als suchte er dort Halt.
3
Dürer verortet die Körper der Ureltern vor einen Wald mit knorrigen Bäumen. Deutlich heben sich die Umrisse der beiden Gestalten von den dunklen Schatten im Hintergrund ab. Zu Dürers Zeit gilt der Wald als unzivilisierter Ort, in dem die ungebändigten Naturkräfte lauern. Adam und Eva stehen davor im hellen Licht – aber nicht mehr lange, denn der Künstler zeigt präzise den Augenblick vor dem „Sündenfall“, in dem die verbotenen Früchte noch nicht angebissen sind. Insofern befinden wir uns hier gerade auf dem spannenden Höhepunkt der Paradiesgeschichte, an dem sich alles entscheidet. Danach wird nichts mehr so sein, wie es vorher war. Das Paradies wird dann zur Welt, wie wir sie heute kennen.
4
Und das gilt nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Tiere. Insgesamt acht Tiere finden sich in dem Bild. Vier von ihnen verkörpern nach mittelalterlicher Lehre die Temperamente: der Elch den trübsinnnigen Melancholiker, der Ochse den schwerfälligen Phlegmatiker, der Hase den sinnenfrohen Sanguiniker und die Katze den heißblütigen Choleriker. Vor dem „Sündenfall“ stehen diese Gemütszustände im Gleichgewicht zueinander, was eine friedliche Harmonie zwischen den Tieren garantiert und positiv auf den Menschen abfärbt. Dementsprechend döst die Katze entspannt zu den Füßen des Menschenpaares und denkt gar nicht daran, der Maus unmittelbar vor ihr etwas anzutun. Das wird sich schon bald ändern. Dann ist da noch ein Papagei zu sehen, der der ganzen Szene demonstrativ den Rücken zukehrt. Er gilt als Sinnbild der Klugheit, die er ganz im Gegensatz zur hinterhältigen Schlange aber nicht zur listigen Verführung einsetzt. Vermutlich ahnt er schon den traurigen Ausgang der Paradiesgeschichte. Und schließlich, kaum wahrnehmbar, taucht im Hintergrund rechts oben noch eine Gämse auf einer Bergspitze auf. Sie ist ein Sinnbild der Freiheit, die das Menschenpaar gerade dabei ist, aufs Spiel zu setzen.
5
Dürer ist stolz auf seinen Kupferstich. Darum versieht er ihn mit einer lateinischen Inschrift: „Albertus Durer Noricus Faciebat 1504“, zu deutsch: „Dies schuf Albrecht Dürer aus Nürnberg 1504“. Der Stolz des Künstlers ist berechtigt. Nicht nur wegen des symbolischen Gehalts, der in seinem Werk verborgen ist, sondern auch wegen der Botschaft, die er dem Betrachter vermittelt. Sie lautet: So wie Adam und Eva den Menschen schlechthin verkörpern, steht auch jede und jeder von uns täglich vor Gott und muss sich entscheiden – zwischen Treue und Untreue gegenüber Gottes Willen, zwischen Demut und Selbstüberhebung und damit letztendlich zwischen Friede und Unfriede, Leben und Tod. Eine Botschaft, die heute mindestens ebenso wichtig ist wie vor 500 Jahren.
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