Geistliche Impulse / Andachten zum Pflücken

Hoffen heißt, den Möglichkeiten Gottes trauen

Gedanken zu Markus 16,1-8

1

Ein bleicher Morgen. Nicht mehr Nacht und noch nicht Tag. Die Sonne müht sich, den Nebel zu durchdringen. Der Nebel scheint sich zu wehren. Die Natur wirkt unentschlossen. Im Gegensatz zu den drei Frauen. Weil das Bild „Ostermorgen“ heißt, wissen wir, was hier vorgeht (Markus 16,1): „Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.“
 „Ihn zu salben“ – das ist Jesus, der seit 36 Stunden tot in einem Felsengrab liegt. Von Jesu Tod hatten sich die Soldaten überzeugt. Das Begräbnis musste ja vonstattengehen, bevor der Sabbat beginnt. Wenn schon alle Sinne am Karfreitag in Aufruhr und Unordnung waren, sollte wenigstens äußerlich alles seine Ordnung haben.
 
2

Die Frauen gehen zu einem Liebesdienst. Sie wollen den Leichnam salben. Er soll gut riechen, der Heiland. Sie haben es nicht eilig, erkennen wir auf dem Bild von Caspar David Friedrich. Sie gehen ihren Weg. Die Natur um sie herum schläft. Die Bäume wirken unbelebt, noch unbelebt. In Wahrheit erwarten sie das Leben, das schon in ihnen ist. Wie im Frühjahr - Wir sehen es (erst noch) nicht. Wir wissen es aber. Den Frauen scheint auch das gerade gleichgültig. Sie sind nur mit dem Tod beschäftigt.
Hoffnung haben sie keine. Tot ist tot. Die Frauen eilen ja nicht. Sie wissen, was sie erwartet. Meinen sie jedenfalls. Der Tod ist die Grenze der Hoffnung. So kennen sie es, so lange sie denken und glauben können. Wo es aber nichts mehr zu hoffen gibt, kann es noch Pflichten und Dienste geben, die man erfüllen muss. Der Liebesdienst ist dann Ersatz der Hoffnung.
 
3

Was die Frauen noch nicht wissen, wissen wir. Ihr Rückweg wird ein anderer werden. Ein verstörter, erschrockener. Wo Ruhe war und Unaufgeregtheit, wird Furcht und Zittern sein. Der, dem sie dienen wollten mit einem letzten Liebesdienst, war nicht im Grab. Stattdessen war da ein „Jüngling“ oder Engel, der sprach von der Auferstehung des Jesus von Nazareth. Und er sprach davon, dass die Frauen den Jüngern erzählen sollen, was sie gesehen haben.
Der Rückweg wird zur Flucht, erzählt Markus. „Sie flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“
Zu Recht fürchteten sie sich. Am meisten davor, als verrückt zu gelten. Wo keine Hoffnung ist, da wächst auch keine. Dachten sie.
 
4

Gott denkt aber nicht so. Er denkt und handelt in seinen Möglichkeiten, nicht in unseren. Das ist der Unterschied; der österliche Unterschied. Was Gott will, das geschieht. Und wenn Gott will, dass Jesus von Nazareth aus dem Grab aufersteht, dann geschieht das. Ob die Frauen das für möglich halten oder nicht. Ob die Jünger oder wir das für möglich halten oder nicht. Es geschieht. An einem bleichen Morgen am Rande von Jerusalem. Gott handelt nach seinen Möglichkeiten.
Mehr müssen wir nicht wissen. Unsere Möglichkeiten sind nicht Gottes Möglichkeiten. Gottes Möglichkeiten sind größer, weiter, erhabener. Sie können unser Verstehen weit übersteigen. Wo wir den Tod der Hoffnung sehen, kann Gott neue Hoffnung wecken. Er tut es auch. Weil er es kann. Und weil er will, dass wir Hoffnung haben. Zum Leben gehört Hoffnung. Darum schafft Gott sie auch da, wo wir keine mehr sehen oder haben.
 
5
Wir sollten unser Leben von Gott her denken – mit Gottes Möglichkeiten. Dann wird das Leben nicht leichter, aber es behält immer Hoffnung. Die Hoffnung nämlich: Gott kann immer mehr als das, was ist. Auch bei Ihnen kann er mehr als das, was wir sehen; und auch bei mir.
Darum mag ich Menschen, die wie Hoffnungsfinder sind. Sie sehen etwas so lange an, bis sie eine Hoffnung finden, vielleicht nur eine kleine, aber eine Hoffnung. Sie geben sich nicht ab mit dem, was ist; sie warten oder sehen die Möglichkeiten Gottes. Und früher oder später finden sie Hoffnung. Das sind Menschen mit dem österlichen Unterschied. Sie warten auf die Möglichkeiten Gottes. Und sehen Hoffnung, wo andere eher ohnmächtig wirken.
Hoffen wir auf das, was Gott kann – auch wenn wir das gar nicht immer kennen. Hoffen wir auf das, was Gott kann. Dann finden wir, auch wenn wir zittern und entsetzt sind wie die Frauen, bald neues Leben. Wir sind geborgen. Immer. Noch nicht einmal der Tod nimmt uns aus Gottes Hand.
 
Hoffen heißt, den Möglichkeiten Gottes trauen.

Alles Gute bleiben Sie gesund und behütet.
Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Vom Wert des Menschen

1

Alles in diesem Zimmer ist Leid. Man meint, es mit Händen greifen zu können. Die Kleidung der Menschen, ihre Haltung, die Gesichtsausdrücke. Alle Sinne sind Trauer. Im Bett ist etwas geschehen, was die Menschen verzweifeln lässt; etwas Unabänderliches. Der Tod ist geschehen. Wir sehen den Moment der Erkenntnis. Alles und alle sind wie eingefroren. Es gibt kein Entrinnen mehr. Selbst die gefalteten Hände wirken, als seien sie zusammengewrungen worden wie Wäschestücke.
 
Der Tod ist das Ende. Das erfuhr man körperlich, als mehr zu Hause gestorben wurde. Tagelang, wochenlang, manchmal monatelang. Das Leben ging nicht einfach weiter. Vielmehr war man als Lebender eingestellt auf das Sterben im Nebenzimmer. Man starb ein wenig mit. Wenn jemand nicht zu Hause stirbt, kann man so tun, als sei das woanders. Wie in einer anderen Welt, die mit dem täglichen Leben nichts zu tun hat. Das geht hier nicht, wie wir auf dem Bild sehen. Die nächsten Angehörigen scheinen mit zu sterben. Jedenfalls ist ihre Zeit angehalten. Ihre Körper sind erstarrt. Das Leben steht still.
 
2

Der norwegische Maler Edvard Munch, der mit fünf Jahren seine Mutter verlor, war schon zu Lebzeiten bekannt bis berühmt. Nicht nur in Norwegen, auch in Deutschland. An manchen Orten hat er gearbeitet, vor allem in Berlin, aber auch in Weimar. Für die Berliner Aufführung eines Theaterstückes seines Landsmanns Henrik Ibsen („Gespenster“) fertigte Munch 1906 das Bühnenbild an.
 
Munch war zeitlebens seelisch krank. Er könnte, wie man heute meint, an einer „bipolaren Störung“ gelitten haben, also an extremen Schwankungen der Stimmung, des Antriebs und der Aktivitäten. Das macht zu mancher Zeit antriebsarm bis untätig, zu anderen Zeiten verwegen und fleißig.
 
3

Auf jeden Fall ist der Maler Munch zeitlebens hellsichtig. Also feinnervig für die Leiden der Menschen, die sie heute oft zu verbergen bemühen – sich und anderen. Leid soll nicht sein; jedenfalls das eigene nicht. Man will „funktionieren“, bis es nicht mehr geht. Man will dabei sein und nicht auffallen, jedenfalls nicht unangenehm. Und wenn das nicht mehr geht, soll das Leid möglichst immer noch nicht auffallen – schon gar nicht das Sterben und der Tod. Wo alles strahlt, will man mitstrahlen. Wenn das nicht mehr möglich ist, soll das Hinfällige möglichst unauffällig sein.
 
Karwochen sind möglichst nur woanders.
 
4

Im Zimmer des Bildes ist Karwoche. Der Tod ist nicht nur zu sehen, sondern auch zu fühlen. Der Tod ist wirklich, tatsächlich. So, wie er immer zu uns gehört, auch wenn viele ihn möglichst nicht sehen wollen. Der Tod gehört zu Jesus, auch wenn die Karwoche im Bewusstsein vieler Menschen kaum noch eine Rolle spielt – höchstens als „Osterwoche“. Viele hüpfen so gedanklich einfach über die Karwoche hinweg und erklären sie zur Vorbereitung auf Ostern. Das mag schön einstimmen aufs Fest; hilfreich ist es nicht.
 
Hilfreich ist nur die Wahrheit.
 
Und wahr ist unsere Hinfälligkeit. Wir werden älter, gebrechlicher. Manchen werden dement. In den Altenheimen, die manchmal schöngeredet werden zu „Seniorenheimen“ oder „Senioren-residenzen“, wird gelitten, mit dem Leben schmerzhaft gerungen und gestorben. Manchmal unter ungeheuerlichen Bedingungen. Weil die, die pflegen, wenig anerkannt und schlecht bezahlt werden. Meist geschieht Leid und Tod nur über Hintereingänge, nicht über den Haupteingang. Sehen sollen es möglichst wenige. Warum eigentlich?
 
Warum schauen viele da am liebsten weg, wo wir zutiefst menschlich sind?
 
5

Weil wir uns vor solcher Menschlichkeit fürchten. Es ist nicht schön, sich hinfällig, sinnenverwirrt und sterbend zu wissen. Nein, schön ist das nicht. Es ist aber wahr. Und weil es wahr ist und zu uns gehört, hat es Wert und muss es Wert bekommen mit aller Macht; und allem Geld, das für andere Dinge doch oft sofort bereitsteht. Was sind wir uns wert?
 
Alles, sagt Jesus. Er sagt es im Leben und im Sterben. Er sagt es, weil er vertraut. Gott vertraut. Seinem Vater. Dem Vater der Menschen. Wir haben nicht nur Wert, wenn wir strahlen. Auch dann, wenn wir leiden. Oder diese Welt verlassen. Wir haben Wert, ausnahmslos. Ohne Bedingungen. Gottes Arme sind um uns im Leben, Lieben und Sterben.
 
Wir haben Wert, weil Gott uns in seiner neuen Welt wieder in seine Arme schließt. Wir haben Wert, weiß Jesus, weil wir vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzer Gottes Kinder bleiben.


Eine besinnliche Karwoche wünschen Ihnen
Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettlig und Johannes Ditthardt

Die Seele „scheint“ in allem

1
Hier ist die Not mit Händen zu greifen. Wir sehen es der Frau und Mutter auf dem Bild an. Sie scheint am Ende. Sie schaut zu Boden, die Hände umfassen den Kopf. Das tut man, wenn man keinen Ausweg mehr weiß; wenn man einfach „am Ende“ ist. Man muss dann gar nicht wirklich am Ende sein – es genügt, dass man empfindet, nicht mehr weiterzuwissen.
 Am linken, hinteren Bildrand sitzen noch Menschen, auch sprachlos und regungslos, wie umschattet von der Not, der eigenen oder der der anderen. Vorne schläft ein Kind. Die Augen des Kindes verheißen nichts Gutes. Sie wirken eingefallen. Aber es kann auch einfach große Müdigkeit sein, die das Kind ausstrahlt.
 Der Raum, in dem alle sitzen, wirkt wohnlich, aber schlicht.
 
2
Die Künstlerin Käthe Kollwitz kannte diese Not, eine bittere Armut, wohl nicht am eigenen Leib. Sie konnte sich aber hineinversetzen. Die Eltern der in Königsberg/Ostpreußen geborenen Käthe förderten von Beginn an ihr künstlerisches Talent. Kollwitz studierte, später unterrichtete sie auch. Sie kam in Kontakt mit Gerhart Hauptmann, dessen Theaterstück „Die Weber“ nicht nur sie beeindruckte. Sie nahm sich auf ihre Weise der sozialen Not an und brachte sie in Zeichnungen zum Ausdruck. Sogar in einer Reihe von Bildern mit dem Titel „Ein Weberaufstand“ (1893–1897). Da lagen die wirklichen Weberaufstände schon fünfzig Jahre zurück; die Erinnerung daran wurde aber durch das Theaterstück und Kollwitz‘ Zeichnungen wieder lebendig. Außerdem gab es andere soziale Nöte in der wachsenden Industriegesellschaft.
Große seelische Not erlebte Frau Kollwitz im Ersten Welt-krieg, in dem einer ihrer Söhne als Soldat fiel. Das ließ sie zur leidenschaftlichen Gegnerin des Krieges werden. Nach dem Tod ihres Mannes 1940 floh Käthe Kollwitz vor Bombenangriffen in die Nähe von Dresden. Dort starb sie 1945 – zwei Wochen vor der deutschen Kapitulation. Heute gilt Käthe Kollwitz als eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.
 
3
Not und Armut sind immer mit Händen zu greifen. Das Ärmliche schimmert durch alles. Wir erkennen es in Gesichtern, an der Körperhaltung, der Kleidung und, wenn wir Einblick haben, oft auch an den Wohnungen. In Not verliert man oft die Haltung. Irgendwann geht das Aufrechte nicht mehr. Dann vergräbt man seinen Kopf in den Händen; im schlimmsten Fall lässt man sich gehen.
Solche Armut gibt es auch heute. Vielleicht sehen wir sie selten. Vielleicht schauen wir aber auch oft nicht genug hin manchmal reicht ein Gang durch eine der glitzernden Einkaufsstraßen, die uns schnell erkennen lässt, dass Menschen im wahrsten Sinne des Wortes herunterkommen können. Sie sitzen dann da und betteln. Und wissen nicht weiter. Denn am nächsten Tag wird es wieder so sein, dass sie sich fragen: Wovon soll ich heute leben?
 
4
So fragt auch seelische Not. Die sieht man noch weniger; man erkennt sie aber hinter den Worten. Die seelischen Nöte nehmen zu, sagen Ärzte und Krankenkassen, gerade auch in der Coronazeit. Bei Kindern und Erwachsenen. Da sollten wir wachsam sein. Nicht alles, was uns begegnet, ist so, wie es scheint. Manche Worte und Handlungen von Menschen sind nicht so gemeint, wie sie uns vorkommen. Die Seele „scheint“ in allem. Das sollten wir wissen.
 
5
Die Seele „scheint“ auch in Hiob; in seinen Worten, in seinem Zorn, in seiner bisweilen maßlosen Anklage Gottes. Ich habe Dir, Gott, nichts getan, wütet Hiob; warum also tust Du mir an, was Du mir antust? Das ist ernst gemeint und bitter. Wir sollen es ernst nehmen, wenn ein Mensch an Gott verzweifelt. Dann braucht er Hilfe. Hilfe von Ärzten. Aber auch unsere Hilfe. Wir sind, sage ich unverblümt, in solchen Augenblicken „an Gottes statt“. Wir hören oder kriegen ab, was Gott vorgeworfen werden muss.
 
Ja, muss. Hiob muss reden, wüten; alles muss raus. Seine aufgewühlte Seele scheint in seinen Worten. Da dürfen wir nichts beschwichtigen oder beschönigen, wenn wir jemanden so reden hören. Das müssen wir aushalten. Nur wer sich eingesteht, was bedrückt, kann es überwinden. Wie Hiob. Erst nachdem er gegen Gott wüten durfte, findet er wieder zu Gott: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
 
Gott findet auch die, die meinen, ihn verloren zu haben.
Er scheint dann in die Seele.

Eine gesegnete Woche
Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gott, der mütterliche Vater

Meditation zu einem Bild von Käthe Kollwitz und dem Gedicht „Christen und Heiden“ von Dietrich Bonhoeffer
 
1
Kinder gehen zur Mutter in ihrer Not,
bitten und betteln um ein Stückchen Brot,
wollen nicht sterben den Hungertod.
Und die Mutter verzweifelt und leidet.

 
Das Bild stammt aus vergangenen Zeiten. Und doch ist es brandaktuell. Das Mädchen mit dem flehentlichen Blick dorthin, woher sonst alles Gute kam; der Junge, der nicht locker lassen will, denn er fordert ja nur, was ihm zusteht – und die Mutter, die sein Schreien nicht mehr hören kann, weil sie nichts mehr zu geben hat. So geht es nach wie vor zig Millionen Menschen. Die modernen Medien liefern die Belege frei Haus. An erschütternden Bildern mangelt es nicht. Aber was bewirken sie? Besonders unter Menschen, die sich ihr Einfühlungsvermögen in fremdes Leid bewahrt haben, wächst das Gefühl der eigenen Ohnmacht. So haben sie dann auch ihre eigene Not damit: „Ich kann’s nicht mehr mit ansehen; ich schalte dann den Fernseher aus.“
 
2
Oder sie hängen sich – wie früher als kleine Kinder bei der Mutter – an den Rockzipfel Gottes. In Krisen hatte noch jeder Gott regen Zulauf. Bei Christen wie bei Heiden, um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen:
 
Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle – alle, Christen und Heiden.

 
Einen verlässlichen Ansprechpartner in der Not zu haben, ist ein Segen, auch wenn er dem Auge und dem Ohr verborgen bleibt. Christen finden alles zu ihrer Rettung und ihrem Glück bei Jesus und in seiner Botschaft. Dort kann man Gott begegnen wie von Mensch zu Mensch. Und man wird ihn mit anderen Augen sehen. Nicht als fernes, unnahbares Wesen, sondern als einen, dem nichts Menschliches fremd ist. Ein berührendes Bild zeichnet der Evangelist Johannes in seinem Bericht: Darin spricht Jesus über sein inniges Verhältnis zu Gott und nennt ihn Vater – einen liebevollen, geradezu mütterlichen Vater. Der mit seinen Kindern mit-leidet. Das schafft Vertrauen und Zuneigung.
 
3
Und dann geschieht von Mensch zu Gott, was in dieser Beziehung seinesgleichen sucht:
 
Menschen gehen zu Gott in seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.

 
Eine Provokation: Da ist kein Gott, der über den Dingen steht, sondern in den Niederungen des irdischen Lebens wohnt. Christen sehen im verfolgten und gekreuzigten Jesus von Nazareth ihren leidenden Gott.
Wer so sieht, der hat den Blick geschärft bekommen für Menschen, die heute leiden, wie Jesus seinerzeit.
Eine Mutter, ein Vater – wer auch immer hilflos mit ansehen    
muss, wie das eigene Kind an Hunger stirbt: Gott leidet (mit)
Jeder Mensch, der auf der Flucht im Niemandsland zwischen den Fronten festsitzt, aller Hoffnung beraubt: Gott leidet (mit). Wer dem Rassismus, dem Terror, einem Despoten oder einer aufgehetzten Meute in die Hände gefallen ist: Gott leidet (mit).
Wer zu Haus mit 4 Kindern am Küchentisch sitzt und zwischen Hausarbeit, eigener Arbeit Homeschooling und anderen Bedürfnissen hin und her gerissen ist: Gott leidet (mit)
 
4
Darum: Wer Gott die Treue halten will, verschließt nirgendwo seine Augen vor menschenunwürdigen Zuständen. Der wird etwa – so wie einst Käthe Kollwitz – wenigstens Brot für alle fordern. Und Balsam für die Seele dazu. Solange Christen nicht lockerlassen und ihrem eigenen Glauben folgen, kann Bonhoeffers großes Versprechen auch andere überzeugen:
 
Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod
und vergibt ihnen beiden.



Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wem folge ich? Okuli – Meine Augen sehen stets auf den Herrn

1
Großstadt. Rushhour kurz nach Feierabend. Keine gute Idee, denke ich. Ich hätte doch den Zug nehmen sollen. Vor mir wird wild die Spur gewechselt. Erst im letzten Moment registriere ich, dass ich ganz rechts rüber muss. Der hinter mir hupt wie wild. Sorry, ich bin nicht von hier. Sieht man doch am Nummernschild!
 
Ich fahre von der vierspurigen Straße ab. Jetzt muss es ja besser werden. Das Navi zeigt noch 4 Kilometer an. Gleich bin ich da. In Gedanken bin ich schon beim Abendessen. Dann taucht vor mir die Baustelle auf. Vollsperrung, kein Durchkommen. Ich folge den Umleitungsschildern. „Wenn möglich, bitte wenden.“ Ja, wie denn? Böse schaue ich das Navi an. Folge weiter den Umleitungsschildern. Über den Kreisel, rechts, wieder rechts, scharf links, neuer Kreisel. So werde ich wohl nie ankommen. „Wenn möglich, bitte wenden!“ Irgendwie klingt jetzt sogar die Navi-Stimme aggressiv. Völlig entnervt trommle ich aufs Lenkrad. Ich habe längst keine Ahnung mehr, wo ich bin. Und das Navi kennt den Weg anscheinend auch nicht. Na, super, denke ich. Und jetzt?
 
2
Es gibt Zeiten in meinem Leben, da weiß ich nicht, wie es weitergeht. Muss ich jetzt links oder rechts oder doch weiter geradeaus? Kehre ich um und versuche einen neuen Weg? Dann fühle ich mich, als ob ich vor so einem Schilderwust wie auf dem Bild stehe. Die Pfeile zeigen in alle Richtungen. Sie widersprechen sich. Welcher ist der richtige? Wer hat recht? Ich bin verwirrt. Kein Pfeil ist deutlicher gezeichnet als die anderen. Keiner ist größer oder kleiner. Keiner hervorgehoben. Die Frage bleibt: Für welchen Weg soll ich mich entscheiden?
Dabei geht es meist um mehr, als die richtige Straße wiederzufinden, wenn ich mich verfahren habe. Zum Beispiel: Wage ich die Umschulung oder arbeite ich mit dem Altbekannten weiter? Geben wir die alt gewordene Mutter ins Heim oder schaffen wir es zu Hause? Jeder und jede von uns hat seine und ihre eigenen Fragen.
 
Immer wieder merke ich dabei: Allein komme ich nicht weiter. Ich brauche jemand anderen, der oder die mir den Weg zeigt, Klarheit hat. Der größer ist als alle sich widersprechenden Richtungsangaben.
 
3
Auf dem Bild steht der Pfahl mit den vielen Schildern nicht fest in der Erde. Ein Mann hat ihn sich auf die Schulter gelegt und trägt ihn fort. An seinen Wanderhut hat er eine Blume gesteckt. Fröhlich geht er seinen Weg. Seine Augen sind nach vorne gerichtet. Einen Wegweiser braucht er nicht. Er weiß, wohin er will. Er kennt das Ziel.
 
So einen wünsche ich mir auch! Einen, dem ich hinterhergehen kann. Der den Weg und das Ziel kennt. Der mir aus den Widersprüchen und Wirrungen hilft.
 
4
„Okuli“ hieß der vergangene Sonntag in der Passionszeit. Das ist kein zufälliger Name. Denn die Sonntage vor Ostern wurden nach Versen aus den Psalmen benannt. Der für diesen Sonntag lautet: „Oculi nostri ad Dominum Deum.“ Übersetzt heißt das: „Unsere Augen sehen stets auf den Herren.“
 
Ich höre das als Angebot: Ich kann auf Gott schauen. Er kennt den Weg. Er ist größer als meine Widersprüche. Und er holt mich zurück, wenn ich mich verlaufen habe. Ihm will ich mich anvertrauen. Denn er ist mein Hirte:

Der Herr ist mein Hirte.

Er weidet mich auf einer grünen Au und führt mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.

Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens Willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.
Dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.

Gutes und Barmherziges werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Amen


Eine gute Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Rein und wieder raus – ein Gottesbild

1
Wie sieht es aus, wenn Gott da ist? Woran erkenne ich Gott? 

Ich habe einmal meinen Konfirmanden und Konfirmandinnen diese Frage gestellt und sie gebeten zu malen, wie es für sie aussieht, wenn Gott da ist. Sie sollten abstrakt malen, nicht figürlich, und ihre Stimmungen und Ideen mit Formen und Farben ausdrücken. Einer malte dieses Bild und nannte es dann hinterher „Rein und wieder raus“. Ich spüre Gott nicht immer gleich stark, hat er gesagt. Manchmal ist es nur ganz kurz, wenige Sekunden. Aber wenn er da ist, dann erlebe ich seine Vielfalt und er ist überall zugleich.

2
Für mich hat er damit eine tiefe Wahrheit ausgedrückt. Es ist mit Gott wie mit der Liebe – ich spüre sie nicht immer gleich stark. Manchmal falle ich aus ihr heraus, auch wenn ich am liebsten immer in ihr bleiben würde. Und so ganz abwegig ist der Vergleich ja nicht: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1. Johannes 4,16). Manchmal sind es Sekunden, in denen ich mich gehalten und geborgen weiß. In denen ich verstehe, wie ich gemeint bin und in denen ich ahne, wie vielfältig und lebendig die Liebe ist, wie vielfältig und lebendig Gott ist. Dann kann ich loslassen und mich fallen lassen und mich auf einen anderen verlasse. Manchmal gelingt es mir nicht. Ich suche nach Haltepunkten und Zeichen, die mein Vertrauen festhalten, und entferne mich doch immer weiter von der Liebe. Und das erlebe ich auch nicht selten: Ich erfahre die Liebe häufig, wenn ich sie am wenigsten suche. So ist es manchmal auch mit Gott. Ihn kann ich auch nicht festhalten oder gar „festnageln“. 

3
Wege berühren einander, Farben vermischen sich, der Blick wird geweitet. Wenn Gott da ist, ist das Leben bunt, das Zeichen wird unwichtig, alles wird zum Zeichen für Gott – so wie bei der Liebe. Ich kann ihn nicht festhalten, ihn nicht kontrollieren und ihm nicht vorschreiben, wie er sich mir zu zeigen hat. Manchmal muss ich das „raus“ aushalten, um wieder ein „rein“ möglich zu machen. Und das tut weh. Es gibt nur wenige Lebenswege ohne Umwege. Aber dann, wenn ich mich auf Gott einlasse und mir Zeit nehme, entdecke ich ihn, vielleicht völlig unverhofft. Dann kann ich ihn an vielen Stellen entdecken und finde viele Hinweise auf ihn

Rein und wieder raus. Welcher Weg auf dem Bild ist meiner? Was symbolisiert Gott? Die Umwege, die Schleife oder die Farbflächen? Der Konfirmand lässt es offen. Vielleicht gehören alle Farbstriche zu meinem Weg, und Gott ist die mich umgebende Farbe. Vielleicht brauche ich Gott vor allem in den Schleifen, in denen auf einmal alles auf dem Kopf steht, ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist und ich gar nicht mehr sehen kann, wie es weitergeht. Vielleicht brauche ich genau dann die Ruhe, die von den Farbflächen ausgeht. Sie halten mich und lassen die Schleife gelingen. Rein und wieder raus. 

4
Mit dem Labyrinth von Chartres ist im 13. Jahrhundert ein ähnlicher Weg geschaffen worden. Der Weg führt immer wieder bis kurz vor den Mittelpunkt, macht eine Schleife und findet sich am äußersten Rand wieder. So ist das Leben, so ist der Glaube. Wir erleben ihn in Annäherungen. Immer wieder kommen wir (scheinbar) ganz nah ran und sind dann plötzlich wieder weiter weg. Ganz nah dran – gewiss und dann wieder weit weg, voller Zweifel rein und raus.

Auch Martin Luther hat das so erlebt und er hat einmal gesagt: 

Zum Glauben gehören das Gebet, die Meditation aber auch die Anfechtung. Wir sind manchmal ganz nah bei Gott, finden die Mitte in ihm und doch werden wir angefochten und sind wieder weit weg.

Rein und wieder raus. Manchmal ist es aber so, dass gerade, das „Rausgeführt“ werden mir neue Zugänge verschafft und neue Wege eröffnet. Gott führt nicht selten durch das Dunkel ins Licht, durch den Tod ins Leben. 

Manchmal sind Gottes Wege seltsam verschlungen, und wir fragen uns, wo wir eigentlich gerade stehen. Aber eines ist gewiss, wo wir immer wir auch stehen, wir sind umgehen von seiner Liebe

Eine gute Woche wünschen Ihnen

Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Liebe in stürmischer Zeit!

Neulich fand ich beim Räumen im Keller, noch einen Karton mit unseren Liebesbriefen eine Schleife war um die Päckchen gebunden. Und ich erinnere mich an die Geschichte einer alten Dame, sie hatte auch Briefe mit einem Geschenkband zusammengebunden. Dem Band sah man an, dass sie es häufig geöffnet und sorgfältig verschlossen hatte. Auch das Papier der Briefumschläge, die durch die Schleife zusammengehalten wurden, war mit den Jahren vergilbt, die Adresse nur noch schwer lesbar. Doch die Empfängerin wusste, dass ihr die Zeilen galten – damals wie heute. Oft nahm sie die Post zur Hand, die ihr Ehemann in der kurzen Zeit, in der sie zusammen waren, geschrieben hatte. Dann war für sie alles wie damals, als sie sich kennenlernten und beschlossen, miteinander ihren Lebensweg zu teilen. Seine Liebe trug sie weiter, auch nachdem er an der Front gefallen war.
 
Nur wenige können heute solch einen Schatz ihr Eigen nennen. Zu oft greifen viele zum Telefon anstatt zum Stift, tippen die Gedanken in eine E-Mail oder Kurznachricht, anstatt sie auf Papier festzuhalten. Wann fanden Sie das letzte Mal in Ihrem Kasten einen Brief, der nicht „an alle Haushalte“, sondern an Sie persönlich adressiert, aber keine Rechnung war? Welche Post ist Ihnen so bedeutsam, dass Sie diese bis heute aufbewahrt haben?
 
Manche Großeltern oder Paten nehmen die Taufe zum Anlass, um Gedanken für den weiteren Lebensweg zu verfassen. Zur Konfirmation, der Hochzeit oder anderen wichtigen Lebenswegmarken schreiben nicht nur die, die nicht selbst kommen, ihre Wünsche auf. Solche persönlichen Zeilen schaffen und bestärken Verbundenheit, die auch in schwierigen Lebensphasen trägt. Sie vermitteln dem Empfänger noch nach Jahren: Es gibt Menschen, die mich schätzen! Wir alle brauchen Zeilen und Zeichen der Anerkennung und Unterstützung. Gerade in der Coronazeit in der wir uns nicht regelmäßig treffen können gewinnt das vielleicht noch einmal eine besondere Bedeutung.
 
Als einen solchen Brief lese ich Paulus‘ Botschaft an die Gemeinde in Rom. Aus der umfangreichen Korrespondenz, mit der sie über das Mittelmeer Kontakt hielten, sind die Zeilen von vielen als so wichtig erachtet worden, dass sie die Sätze abschrieben – über Jahrhunderte hinweg. Der Brief hat theologisch und persönlich Geschichte geschrieben, weil die Kraft der Gedanken immer wieder aufs Neue berührt und in Bewegung setzt.
 
Paulus bringt besonders in Römer 5,1-5 auf den Punkt, was für unser Leben als Christen grundlegend ist. Aber es ist wie mit so mancher Post: Auf den ersten Blick, das erste Hören hin wirken die nachfolgenden Sätze kompliziert:
1Weil wir also aufgrund des Glaubens gerecht sind, haben wir Frieden, der auch bei Gott gilt. Das verdanken wir unse-rem Herrn Jesus Christus.2Durch den Glauben hat er uns den Zu-gang zur Gnade Gottes ermöglicht. Sie ist der Grund, auf dem wir stehen. Und wir dürfen stolz sein auf die sichere Hoffnung ,zur Herrlichkeit Gottes zu gelangen.3Aber nicht nur das. Wir dürfen auch auf das stolz sein, was wir gegenwärtig erleiden müssen. Denn wir wissen: Das Leid lehrt, standhaft zu bleiben.4Die Standhaftigkeit lehrt, sich zu bewähren. Die Bewährung lehrt zu hoffen.5Aber die Hoffnung macht uns nicht zum Gespött. Denn Gott hat seine Liebe in unsere Herzen hineingegossen. Das ist durch den Heiligen Geist geschehen, den Gott uns geschenkt hat.
Die ersten Briefkapitel zusammenfassend, erinnert Paulus daran, dass Gott selbst in Jesus Christus dafür gesorgt hat, dass wir trotz all unserer Unzulänglichkeit von Gott nicht verurteilt werden. Wenn wir darauf vertrauen, dass Jesus Christus durch Tod und Auferstehung alles hinweggenommen hat, was uns von Gott trennt, brauchen wir uns vor seinem Urteil über unser Leben nicht zu fürchten. Dann haben wir es auch nicht mehr nötig, ihm oder uns selbst etwas vorzumachen. Wer ehrlich mit sich selbst und mit Gott sein kann, in dem macht sich innerer Frieden breit. Zu begreifen, dass Gott uns so sehr liebt, das ist sein Geschenk an uns, besondere Gnade.
 
Nun ist Paulus zum Glück nicht so naiv, dass er meint, wer als Christ nur richtig glaubt, dem widerfährt nichts. Gleich im nächsten Satz kommt er auf Nöte zu sprechen, den Druck, unter dem Glaubende stehen. Sie erleben Brüche und Traurigkeit. Und manchmal ist das, was uns das Leben zumutet, nur schwer auszuhalten! Da kostet es unendliche Kraft, geduldig zu sein. Da scheint es unmöglich, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass die Zeiten wieder anders werden, dass der Schmerz der Trauer leichter wird, die bohrenden Fragen aufhören, so zu nagen … In solchen schier ausweglosen Situationen wird sich das Gottvertrauen bewähren, denkt Paulus. Und auch das brauchen wir nicht aus uns zu schaffen, sondern weil die Liebe Gottes in unsere Herzen gegossen ist.
 
Als Erinnerung an diese Zusage habe ich Ihnen das Bild oben abgedruckt. Lieber hätte ich Ihnen einen Briefumschlag mit dem Bild und einem Schleifchen persönlich in die Hand gedrückt. Das Foto vom Kap der guten Hoffnung hält für mich Paulus‘ Gedanken symbolisch fest: Die Liebe Gottes zeigt sich auch in stürmischen Zeiten und füllt unser Herz.
 
Vielleicht regt das auch Sie an herzliche Grüße an jemanden verschicken, die oder der gerade Zeilen und Zeichen der Anerkennung und Unterstützung braucht.

Eine gute Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt



Zögern im Namen Gottes

Gedanken zu Amos 5,21-24

 
1
Wenn man auf das Bild schaut, denkt man, glaube ich unwillkürlich – „Falsche Richtung“! Da ist einer der eine andere Richtung einschlägt, andere Wege geht als der Mainstream. Das war ein Kennzeichen der Propheten im Alten Testament. Einer davon war Amos. Dieser Prophet war einer der wenigen, der eine andere Richtung nahm als die Wege, die zu seiner Zeit, etwa 750 Jahre vor Jesus, überall angezeigt wurden.
„Ich hasse und verachte eure Feste … ich habe keinen Gefallen an … tu mir weg das Geplärr deiner Lieder … dein Harfenspiel.“ Das sagte er zu seinen Zuhörern im Namen Gottes! Mit diesen Worten räumt jemand auf und das - öffentlich. Hier redet einer gegen den Strom, gegen das öffentliche Gefallen, gegen das allgemeine Wohlbefinden.
 
In einem Kriminalfilm im Fernsehen war neulich zu hören, wie der Chef zur Mitarbeiterin sagte: Wenn alles in eine Richtung zeigt, geh hin. Die Mitarbeiterin lachte, schaute aber skeptisch, zögerte und ging nicht hin, wohin alles zeigte. Sie behielt recht. Wäre sie dem Rat ihres Chefs gefolgt, wäre das ihr Verderben gewesen.
 
2
Ein Prophet ist einer, der sich dem Allgemeinen verweigert. Nicht immer und überall, aber zunächst einmal in seinem Kopf und Herzen. Prophet ist einer, der nicht ungefragt mitgeht, mitredet, mitsingt oder gar mitgrölt. Prophet ist einer, der auf seinen oder ihren eigenen Gedanken besteht, auf Nachdenken, auf genauer Sichtung der Lage. Niemals würde ein Prophet sagen: Das war schon immer so … das haben wir schon immer so gemacht … das machen doch alle so. Solche Sätze kämen einem Propheten nicht über die Lippen. Vielmehr sagt er: Ich denke, ich glaube, ich meine … nicht wegen des großen „Ich“, sondern wegen des eigenen Kopfes und Herzens. Vor allem aber wegen dem, Was Gott ihnen in Kopf und auf‘s Herz gelegt hat. Und gerade deshalb sind Propheten Menschen, die auf ihrem eigenen Kopf und dem eigenen Nachdenken bestehen. Und dann entweder ihre Meinung behalten – oder sich der Meinung anderer anschließen. Schließlich gehören Propheten zu den Menschen, die sagen: Im Zweifel für Gott; im Zweifel für seine Gebote.
 
3
Propheten haben es nicht leicht, wie man an dem Mann Amos erkennen kann. Er gilt als ältester Prophet im Alten Testament, von dem etwas Schriftliches erhalten geblieben ist. Er muss es nicht selbst aufgeschrieben haben. Vielleicht hatte er Gefährten, die das machten. Auf jeden Fall fanden ein paar Menschen, dass seine Worte nicht in den Wind gesprochen sein dürfen, sondern aufgehoben werden müssen – sowohl die bittersten als auch die wohligsten. In diesen Versen haben wir beides: furchtbare Anklage und schönste Hoffnung. Lauft nicht mit in die Richtung aller, könnte man Amos‘ Worte zusammenfassen, sondern haltet euch an das, was Gott will: Übt Recht und seid gerecht.
 
Es ist kein Vergnügen, Prophet zu sein im Namen Gottes. Das erlebt nicht nur Amos, sondern auch andere, die im Namen Gottes sprechen: Jesaja, Jeremia, Hosea, Jona. Manche landen in Verliesen, andere werden ausgelacht. Reich und berühmt wird keiner. Jedenfalls nicht zu Lebzeiten. Berühmt wurden diese Namen erst, als eingetroffen war, was sie ansagten im Namen Gottes: Gott lässt sich nicht (ver-)spotten. Eines Tages antwortet Gott auf die Verletzung seiner Gebote. Er antwortet auf seine Weise. Ob Amos das Gericht Gottes und den Untergang des jedenfalls haben seine bedeutenden Worte.
 
4
Wenn alles in eine Richtung zeigt, zögere einige Momente, so könnte Amos vielleicht denken. Zögere im Namen Gottes. Übernimm nicht sofort den Schwung der anderen, sondern lass dir deine Zeit. Erinnere dich an Gottes Gebote; prüfe deinen Willen am Wollen Gottes. Wenn du es recht bedenkst, zwingt dich niemand, allen in eine Richtung zeigenden Schildern sofort zu folgen. Du hast deinen eigenen Kopf; nutze ihn.
 
Nutze ihn für den Willen Gottes. Der heißt: Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Gottes (ewiger Wille), zu Karneval/Fasching, in Passionszeiten und sonst auch: Es soll gerecht zugehen zwischen seinen Ebenbildern, seinen Menschen. Keiner und keine soll die Welt verlieren müssen oder sich in der Welt verlieren. Und wenn du dafür gegen den Strom denken und gehen musst, dann tu es.
 
Auch wenn es mitunter nicht danach aussieht: Gott bleibt nahe denen, die seinen Willen lieben und tun.

Eine gesegnete Woche


Ihre Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wo Liebe ist, wird Leben wertvoll

1
Ein Himmel voller Herzen, so will die Einkaufsgalerie gesehen werden. Der „Tag der Verliebten“, der 14. Februar – Namenstag des heiligen Valentin – ist ein wunderbarer Tag für Verliebte und Liebende. Der heilige Valentin soll Verliebten, die er jenseits der Klostermauern gesehen hatte, Rosen geschenkt haben. Das war sehr aufmerksam von ihm. Und obwohl diese Geste ja eher winzig war, hat sie doch die Zeiten überdauert. Immerhin lebte und starb Valentin, nach dem Klosterleben auch Bischof und Märtyrer vom heutigen Terni in Umbrien in Italien, schon 269 nach Christus. Auch der Grund seiner Hinrichtung an einem 14. Februar ist bekannt: er hat Liebende trotz Verbot christlich getraut. Außerdem hat Valentin, so erzählt man sich, den frisch verheirateten Paaren wieder Blumen aus seinem Garten geschenkt. Die Ehen, die von ihm geschlossen wurden, haben der Überlieferung nach unter einem guten Stern gestanden.
 
2
Ob das alles den Geschäftsführern der Einkaufsgalerien bekannt ist, können wir nicht wissen. Etwas anderes aber wissen wir: Die Galerien machen, wenn nicht gerade Corona ist, wie auch die Blumenhandlungen, rund um den 14. Februar gute Geschäfte. Liebende lassen sich die Liebe etwas kosten.
 
Erst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam der Valentinstag als „Tag der Verliebten“ so richtig in Schwung. Manche Städte schmücken sogar Fahrzeuge des Öffentlichen Nahverkehrs, um die Erinnerung daran wachzuhalten. Keiner und keine soll vergessen, sich die Liebe etwas kosten zu lassen. Hoffentlich kommt es nicht so weit, dass die Liebe von Menschen zueinander an Geschenken zum Valentinstag gemessen wird. Liebe muss nicht teuer sein, um groß zu sein.
 
3
Davon erzählt eine Liebesgeschichte, die sich im vergangenen Jahr in England ereignet hat. „Ich liebe Dich“ das waren die ersten Worte von Pauline Worall an ihre Mutter, so erzählt sie es später. Nach 36 Jahren Schweigen, die ersten Worte. Mit zwei Jahren wird die Tochter nervenkrank. Der Körper versagt in vielem seinen Dienst. Sprechen geht auch nicht mehr durch eine teilweise Lähmung des Gehirns. Ein Leben im Rollstuhl beginnt. Ohne Sprache.
 
Dann die neue Maschine. Wenn Pauline sie ansieht, wandelt der Computer die Bewegungen ihrer Augen in Sprache um. Eye–Tracking, ein Wunder der Technik. Pauline probiert das sofort aus. Und ihre ersten Worte sind: „Ich liebe Dich“ Sie sagt das zu ihrer Mutter; und die ist überglücklich. Sie hört ihre Tochter zum ersten Mal sprechen.
 
4
Technik kann ein Wunder sein. Wir müssen dann nicht verstehen, warum das alles und wie das alles funktioniert. Hauptsache, die Technik hilft, hilft einer Schwerstkranken. Und schenkt ihrem Leben Wert. Mehr Wert als Liebe geht nicht. Die Mutter hat sich Jahrzehnte um ihre Tochter bemüht. Mit Hilfe vieler Pfleger und Pflegerinnen. Nie konnte die Tochter ein Wort sagen, sich ausdrücken. Bis jetzt. Da sagt sie: Ich liebe Dich.
 
Dieser kurze Satz bringt alles auf den Punkt, was wir Menschen alle nötig haben – ob gesund oder krank, ob Kind oder Erwachsener, ob arm oder reich: Und da, wo jemand dieser Satz zugesprochen wird, da wird das Leben reich. Liebe macht wertvoll. Da mag geschehen, was will; da mögen wir noch so klug sein oder schön - ohne Liebe sind wir wie eine Glocke mit Riss, verstimmt und schief. So beschreibt es der Apostel Paulus in seinem berühmten Hohelied der Liebe (1. Ko. 13):
 
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete
und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz
oder eine klingende Schelle.
 
Das Geliebtsein ist es oft auch, das uns Menschen nicht selten in die Lage versetzt, Dinge oder Situationen zu tragen, die wir nicht verstehen oder nicht erklären können.
Liebe verändert auf jeden Fall und schenkt unserem Leben Sinn. Liebe schenken und geliebt werden macht glücklich.
 
5
Valentin schenkte damals seine Rosen aus reiner Freude an den und an die Verliebten. Er wollte nichts verkaufen, keine Geschäfte machen. Er wollte seine Wertschätzung ausdrücken für die Liebenden und die Liebe. Liebe ist eine Himmelsmacht; Gott ist Liebe.
 
Wo Liebe ist, wird Leben wertvoll.

Eine gute Woche wünschen Ihnen Ihre Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Die große innere Freiheit

1
Schöner Spruch, und natürlich passt das hierher: Für die nicht der „Pottsprache“ Mächtigen: „Glauben gibt es nicht an der Bude, am Kiosk, den lernst du mit den Kumpels.“ Glauben kauft man nicht, will das sagen, den lernt man in Gemeinschaft mit anderen.

Das ist wohl wahr.

Mir fällt sofort ein, dass Menschen erzählen, sie stammten aus einer Familie, in der „Glaube“ nichts Besonderes war, sondern einfach dazugehörte wie Essen, Waschen und Schlafen. Es wurde kein Aufhebens davon gemacht. Es wurde auch nicht sonderlich viel gebetet. Eher manchmal, beinahe unauffällig. Auch der Kirchengang war unauffällig. Man ging nicht jeden Sonntag, war aber selbstverständlich dabei. Die Kinder wurden getauft und gingen zum Kindergottesdienst. Das verstand man nicht als besondere Leistung oder als einen gedanklichen Kraftakt. Und bei vielen anderen Kindern und Heranwachsenden war das genauso. Der Glaube wurde nicht an der Bude „gekauft“ – wie einmal für immer –, der Glaube war dabei und wuchs mit. Als Selbstverständlichkeit.

2
Diese Zeiten sind eher vorbei. Jedenfalls im Großen und Ganzen. Mit den Kumpels macht man auch heute noch viel, aber nicht mehr so viel in Sachen Glauben. Jugendgruppen gibt es auch in vielen anderen Einrichtungen als nur in der Kirchengemeinde.

Umso schöner, wenn – wie auf dem Bild – ein Kinder- und Jugendhaus ähnlich wie dem in der Luisenstraße der Kirchengemeinde noch solche Sprüche an der Wand hat. 

Zu unserem Glauben gehört die Gemeinschaft, die Kumpels und das vermissen wir gerade sehr schmerzlich. Gemeinsam mit anderen erlernt der Glaube sich und wächst, wie der Verstand wächst und die Gefühle auch. Er ist dann einfach Teil des Lebens.

Man kann sich Glauben erarbeiten, das geht. Leichter ist es aber, man erlernt und lebt Glauben mit anderen. 

3
Was Inhalt des Glaubens ist, ist nicht kompliziert lässt sich eigentlich ganz gut in wenigen Worten zusammenfassen aber dieser Inhalt verändert das Leben. 

Etwa siebzig Jahre nach Tod und Auferweckung Jesu sitzt einer seiner treuen Nachfolger, ein gewisser Johannes, als römischer Gefangener auf der kleinen Ägäisinsel Patmos. Viel Sonne, viel Meer, kein Entkommen. Den römischen Herrschern passte der christliche Glaube nicht. Man betete ja nicht den Kaiser an, sondern einen unsichtbaren Gott. Schmucklos war der Glaube damals auch noch, von einem gekreuzigten Gott ganz zu schweigen. Johannes auf der Insel Patmos schmachtet vor sich hin, erlebt dann aber etwas Herausragendes, was er sofort aufschreiben muss. Eine himmlische Stimme sagt zu ihm: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige ... 

4
Welch ein Satz! Welch ein Trost! Es sind nicht viele Worte, aber ein gewaltiger Inhalt, den man in Stein meißeln möchte. Was Johannes dann ja auch getan hat, bildlich gesprochen. Er hat diese Worte mithilfe der Kirche über zweitausend Jahre zu uns getragen. Sie sagen: Keine Macht der Erde hat die Macht, die Gott hat. Wir mögen den Mächtigen manchmal oder oft ausgeliefert sein; ihre Macht aber ist vergänglich. Eine Macht bleibt: die Macht Gottes.

Johannes wusste sich von diesen Worten getröstet. Nach etwa einem Jahr als Gefangener kam er wieder frei. Die Mächtigen hatten wohl keine Angst mehr vor ihm oder meinten, er sei ein armer Spinner mit seinem Gottesglauben. Dann erzählte er seinen Gemeinden, was er auf Patmos erlebt hatte: eine große innere Freiheit, weil Gott zu ihm sagte: Fürchte dich nicht.

5
Glaube ist eine große innere Freiheit. Gott ist der Herr der Geschichte, der Herr aller Mächte und Gewalten. Er trägt die Schwachen und schenkt ihnen große innere Freiheit. 

Und wenn Sie Glauben suchen sollten und Ihnen vielleicht die „Kumpels“ dazu gefehlt haben oder fehlen, dann versuchen sie es doch hier miteinander in der Paulus Kirchengemeinde. Und wir wünschen uns für Sie der Erfahrung, der Glaube ist keine gewaltige Arbeit, sondern Vertrauen in diesen kleinen, aber gewaltigen Satz: Gott liebt sie, er ist Herr von allem. Er ist es, der mein Leben trägt und sie nicht alleine lässt. – Was auch kommt.

Es kann nur etwas wahr werden, woran man glaubt. Und die große innere Freiheit des Glaubens wird wahr, wenn man sie sich so sagen lässt und auf sein Herz legt, wie Johannes sie beherzigt hat: „Fürchte dich nicht! Gott ist der Erste und der Letzte und der Lebendige.“

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen, Armo Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Zur Jahreslosung 2021

 

Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist. Lukas 6, 36

Die Logik des Lukas hat etwas Bestechendes: Nur wer Barmherzigkeit erfahren hat, kann barmherzig sein. Es ist wie mit der Liebe, die man nur geben kann, wenn man sie selbst erfahren hat. Das hat nichts Mathematisches, es handelt sich um keine Gleichung. Es ist Leben aus Erfahrung, die das Herz und das gesamte Dasein prägt. Barmherzigkeit, sich erbarmen können, Mitgefühl haben, das kommt aus dem eigenen Gefühl der Gewissheit heraus, sich nicht zu verlieren, wenn man sein Herz für andere öffnet.

Das Gegenteil ist menschliche Kälte. Es kann aber auch ein Selbstschutz sein: sich Dinge vom Leib halten, nicht alles auf sich einstürmen lassen aus der Sorge, mich im Leid anderer zu verlieren. Lukas macht Mut, diese Sorge zu überwinden- Barmherzigkeit macht stark. Sie ist Grundlage für ein erfülltes Leben.

Viele Erfahrungen sprechen dafür, dass es die Sprache der Barmherzigkeit gegenwärtig schwer hat. Wer irgendeinen Fehler macht, wird in den sozialen Netzwerken zuweilen geradezu hingerichtet. Uner-bittlichkeit, Häme und Hass verdrängen alle Barmherzigkeit.

Die Rettung der Flüchtenden auf dem Mittelmeer kommentieren manche mit dem Tenor: Lasst sie ertrinken, denn sie sind selber schuld, wenn sie sich in eine solche Lebensgefahr begeben. Das ist Ausdruck menschlicher Kälte und himmelweit weg von dem Wort Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

In diesem Pandemie-Jahr ist Barmherzigkeit eine zentrale Ressource, an der sich entscheidet, ob wir geschwächt oder gestärkt aus dieser Erfahrung hervorgehen. Nicht darum kann es gehen, wortstark und mit Getöse uns Gehör zu verschaffen, um damit für unsere Freiheit streiten. Sondern um Barm-herzigkeit und Mitgefühl: Sich in die Lage der 87jährigen in ihrem Seniorenheim am Stadtgarten (oder einem anderen Altenheim in Castrop) versetzen, oder in die Lage der Krankenschwester im Rochus oder dem EVK, die angesichts der vielen Covid-19-Kranken mit ihrer Kraft am Ende ist, oder in die des zweijährigen Jungen, der mit seiner Fami-lie in einer 2 Zimmer-Wohnung lebt und spürt, wie die Angst der Eltern um sich greift. Es sind diese Bilder, die anrühren, die bewegen sollten.

Dass es Zeiten gibt, auf denen wir besonders auf uns selbst achten, ist nachvollziehbar. Wie man sich bei einer schweren Erkrankung für einige Zeit fokussieren und nur auf sich konzentrieren muss, damit die Heilung vorangeht, so ist es auch bei einer Krise wie der Corona-Pandemie. Doch zugleich ist es gut, die anderen im Blick zu behalten, empfindsam für einander bleiben, die Türen für einander offen halten.

Das Wort Barmherzigkeit hat für Manche vielleicht etwas Altertümliches, etwas „Gestriges“, das es nur noch bei der Kirche gibt. In dieser Sicht passt es zu Weihnachten, wie mancher Baumschmuckbarock, gut für den Moment, aber nicht von Dauer. Für mich ist Barmherzigkeit viel mehr: es ist ein Programm, ein Auftrag Gottes an uns alle. Sei barmherzig mit dir, sei barmherzig mit anderen, du verlierst nichts dabei. Du gewinnst. Wer barmherzig ist, schließt verfahrene Situationen auf, der erreicht Herzen und schafft Umdenken bei Festgefahrenem.

Wir werden diese Barmherzigkeit in 2021 sehr brauchen, und ich rufe alle auf, es mit dieser Barmherzigkeit füreinander zu versuchen. Wie wir durch das nächste Jahr kommen, hängt ganz maßgeblich davon ab, wie sehr wir zu solcher Barmherzigkeit in der Lage sind.

Gott ist die Quelle der Barmherzigkeit. Seiner Barmherzigkeit dürfen wir gewiss sein. Damit ist der Grund gelegt, dass wir diese Barmherzigkeit nun auch selbst ausstrahlen. Ich bin mir sicher, die Wirkung wird uns überraschen. Dahin uns aufzumachen, das neu zu entdecken, wäre ein sehr guter Vorsatz für das Jahr 2021: Aus der Kraft Gottes, ohne Sorge, aus Freiheit barmherzig zu leben.

(Leicht veränderte Version einer Andacht von Heinrich Bedfort-Strohm (Ratsvorsitzender der EKD) zur Jahreslosung 2021)

Eine gute Woche wünschen Ihnen
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Ein gutes neues Jahr 2021

Vom Wachsen des Reiches Gottes

Matthäus 13,31-33 – Gleichnis vom Senfkorn
 
1 Grüner Baum
Von weitem betrachtet, fesselt als erstes der große Baum meinen Blick. Er hat einen dicken Stamm und knotige, verschlungene Rindenmuster. Seine Blätter stehen in saftigem Grün. Ich kann mir vorstellen, wie abenteuerlich man darauf klettern kann. Oder wie man darunter den Vögeln beim Zwitschern zuhören kann. Ich hätte Lust, etwas von den roten Früchten zu naschen, die an den Zweigen hängen. Gott sei Dank für die schönen Dinge, die er wachsen lässt!
 
2 Tür und Turm
Wenn ich einen Schritt näher an das Bild trete, fällt mein Blick auf die Treppe. Sie führt zur Tür unter den beiden Laternen. Die beschriebene Buchseite im Hintergrund ist mit kleiner, alter Schrift beschrieben. Die ganze Buchseite sieht aus wie ein alter Turm mit einer ehrwürdigen Eingangspforte. Es wirkt so, als würde die Tür mitten hineinführen in die Seite oder in ein ganzes Buch.
 
3 Bibeltext
Wenn ich noch einen Schritt näher herantrete, kann ich den Text auf der Buchseite lesen. Dort steht unter anderem das Gleichnis vom Senfkorn (Mt 13,31-33), mit dem Jesus das Reich Gottes beschreibt. Das winzige Senfkorn wächst und wird so groß wie „ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“ Der Baum im Bild könnte aus genau einem solch kleinen Samenkorn entstanden sein.
 
4 Hintergrund
Das Bild ist aufgebaut, wie es auch die Arbeit in der Gemeinde sein kann. Hinter allem steht die Kirche, die aus den Worten unseres Glaubens gebaut ist. Viele Menschen haben in Kirchen wichtige Stationen ihres Lebens erlebt:
Taufe, Konfirmation, Trauung oder auch Beerdigungen. Oft verbinden sie mit Kirche insgesamt das, was in dem Kirchengebäude passiert. Solche Sicherheit gebenden Traditionen gilt es zu pflegen, damit Kirche erkennbar bleibt.
 
Und trotzdem bieten die von einigen lieb gewonnenen und gepflegten Traditionen auch ein Hindernis für andere. Genauso erscheint es mit dem Treppenaufgang zur Kirchentür im Bild. Obwohl er in die Kirche hineinführt, verhindert er gleichzeitig einen barrierefreien Zugang. Es lohnt sich zu überlegen, was in unserer Kirche zum Kern des Glaubens und zur Gemeindearbeit gehört. Und es lohnt auch darauf zu schauen, was zwar gefestigte Tradition ist, aber trotzdem für manche eher eine Barriere auf dem Weg zu Kirche und Glaube ist.

5 Vordergrund
Vor der Bibelseite und vor der Tür steht der große Baum. Er kann genau für die Bereiche von Gemeindearbeit stehen, die nicht ausschließlich in Kirchengebäuden mit einem engen Kreis von Menschen stattfinden. An vielen Orten haben sich Kirchengemeinden auf den Weg gemacht: Es gibt Hauskreise, Musikgruppen, Hilfsangebote, Gottesdienste an anderen Orten und in anderen Formen sowie noch vieles mehr.
 
Wir haben gerade während der Corona-Pandemie im letzten Jahr ganz zarte Ideen und Versuche umgesetzt. Da wir unsere Gebäude für einige Zeit schließen mussten, haben wir (versucht) sprichwörtlich ein Senfkorn vor der Tür der Kirche gesät, so wie das bei dieser Andacht zum Pflücken der Fall ist. Einiges davon ist aufgegangen. Anderes ist auch an Stellen gewachsen, wo wir es nie vermutet hätten. Und wir hoffen, dass manches Körnchen davon so groß geworden ist, dass Menschen darin neue Heimat gefunden haben. Bei manchem davon dachte vielleicht jemand: „Da ist ein Stück vom Reich Gottes gewachsen.“ Und nun gibt es neue Bäume, die gemeinsam mit traditionellen Formen die Menschen am Reich Gottes teilhaben lassen.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Trost in dunkler Nacht

Ehemals wurden in der Silvesternacht böse Geister vertrieben. Der böse „Corona Geist“ scheint auf diesem Land zu liegen und die meisten sorgen sich und fragen, wie alles werden wird, nachdem uns das Jahr 2020 lehrte, dass wir längst nicht alles so beherrschen, wie es den Anschein hatte. Der Apostel Paulus hat einen wertvollen Trost gegen die Furcht.
 
1
Ob das damals wirklich jemand geglaubt hat? Dass die Knallerei zum Jahreswechsel böse Geister vertreibt? Offensichtlich. Jahrhunderte lang war das ein wesentlicher Grund, warum Menschen am Altjahresabend mit viel Lärm und Getöse durch ihr Dorf oder ihre Stadt gezogen sind. Sie haben damit versucht, das zu Ende gehende Jahr mit seinen Gespenstern auszutreiben. In der Hoffnung, dass das neue Jahr frei von Dunkelheiten und bösen Mächten beginnt.
 
2
Die Germanen sollen die Silvesternacht besonders gefürchtet haben. Deshalb veranstalteten sie traditionell ein „Höllen-spektakel“. Jeder machte so viel Lärm, wie er nur konnte. Je lauter desto besser. Sie zündeten sogar Holzräder an, die sie brennend ins Tal rollen ließen, um die Dunkelheit und die bösen Geister zu vertreiben.
 
Noch im Mittelalter wurde zu Silvester Lärm gemacht. Damals nahm man Rasseln, Töpfe und andere Gegenstände, um Lärm zu erzeugen. Der Hauptgrund für das laute Treiben war auch hier die Abwehr böser Geister. Mit dem Christentum kam ab dem 10. Jahrhundert das Läuten der Kirchenglocken und das Spielen von Pauken und Trompeten hinzu, später dann auch das Abfeuern von Gewehren und Kanonen. Erst zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es dann durch die Massenproduktion möglich, für alle Feuerwerkskörper käuflich zu machen. So hat das Zünden von Böllern, Raketen und anderen Feuerwerks-körpern eine lange Tradition.
 
3
In den letzten Jahren aber wurden kritische Stimmen lauter. Feinstaub, Dreck auf den Straßen, Lärmbelästigung und die unglaublich hohen Summen, die in der Silvesternacht im wahrsten Sinn des Wortes „verpulvert“ werden. Jährlich sollen es mehr als 100 Millionen Euro sein, die in unserem Land für Böller und Feuerwerkskörper ausgegeben werden.
Ob heute wirklich noch jemand glaubt, dass die Knallerei zum Jahreswechsel böse Geister vertreibt? Wohl kaum.
Die bösen Geister des Jahres 2020 waren eher kleine Viren, die innerhalb weniger Wochen das öffentliche Leben auf der ganzen Welt komplett zum Stillstand gebracht haben. Wenn es also etwas zu vertreiben gäbe, dann die kleinen Krankheitserreger. Wenn sie – wie auf dem Bild – wirklich durch laut knallende und bunt leuchtende Raketen zu vertreiben wären, wäre in diesem Jahr wohl das spektakulärste Silvesterfeuerwerk aller Zeiten zu bewundern. Es ist jedoch alles anders, um dem Virus weniger Chancen zu geben ist das Feuerwerk sogar in vielen Städten, zumindest an den öffentlichen Plätzen verboten. Außerdem wissen wir, um Viren zu vertreiben, braucht es keinen Lärm, sondern medizinischen Rat. Deshalb hatten in diesem Jahr auch völlig zu Recht Virologen und Mediziner vielfach das Sagen. Und jetzt liegt alle Hoffnung auf den Impfstoffen
 
4
Bleibt aber trotzdem die Frage nach den bösen Geistern, die bereits unsere germanischen Vorfahren umgetrieben haben. Wie ist es damit im 21. Jahrhundert?
 
Heute würden wir sie nicht mehr Geister nennen. Aber Sorgen und Ängste, Zweifel und Anfechtung kennen wir gut. Auch oder vielleicht gerade im zu Ende gehenden Jahr waren sie an manchen Tagen ein ständiger Begleiter. Haben uns und unsere Gedanken bestimmt. Und wer in der vergangenen Zeit selbst konkret von Krankheit betroffen war oder Angst um seine Existenz haben musste, der hat die „Geister“ näher zu spüren bekommen als ihm lieb war.
 
Doch selbst in der dunkelsten Nacht braucht es keinen Lärm, um die Nacht zu vertreiben. Das haben wir zu Weihnachten gefeiert. „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!“ hat Dieter Trautwein gedichtet (EG 56). Und Paulus schreibt es in der Epistel zum Altjahresabend aus dem Römerbrief im 8. Kapitel: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römer 8,38f.)

Einen gesegneten Übergang in ein hoffentlich normaleres Jahr 2021 wünscht Ihnen Ihre Paulus Kirchengemeinde Castrop
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wie Gott zu uns kommt

1
Reißt der Himmel auf oder zieht er sich zu? Das Bild lässt das nicht erkennen. Beides ist denkbar. Woran denke ich, wenn ich einen Himmel sehe, der sich mehr und mehr zuzieht?
 
Meine ersten Gedanken richten sich auf die Natur, auf das, was sich hier an Veränderungen vollzieht, bereits vollzogen hat. Das Klima verändert sich. Das Wetter scheint unberechenbarer zu werden. Viele begleitet die Sorge, dass diese Veränderungen unumkehrbar sein könnten.
 
2
Der Himmel scheint sich zuzuziehen, wenn ich an das vergangene Jahr denke, Corona, die politischen Veränderungen der zurückliegenden Zeit. Unsicherheit, Abschottung, nationale Abgrenzung nehmen zu und werden in vielen Ländern zum politischen Programm. Es gibt die persönlichen Ängste; Ängste um die eigene Gesundheit, um die Gesundheit eines Menschen, der mir nahesteht. Manchen bereitet die Frage Sorgen, ob sie ihr notwendiges Auskommen auch in Zukunft haben werden. Wird es mein Geschäft im nächsten Jahr noch geben, wie lange kann ich durchhalten. Das sind Situationen, an die ich denke, wenn ich einen Himmel sehe, der sich zuzieht.
 
3
Und was sehe ich, wenn ich in dem Bild einen Himmel sehe, der aufreißt? Ist der neue Impfstoff das Licht am Ende des Tunnels. Ich sehe Menschen, die sagen, dass „alternative Fakten“ nichts anderes als Lügen sind. Ich sehe Menschen, die all der Abgrenzung und den Rückzügen ihren Einsatz für andere entgegenstellen, in der Arbeit mit Flüchtlingen zum Beispiel. Ich höre die Stimmen und sehe die Texte, die Zusammenhänge herstellen und erklären, so dass aus den vielen kleinen Informationen und Nachrichten ein großes  Bild entsteht.
 
4
Reißt der Himmel auf oder zieht er sich zu? Wohl immer war diese Frage nicht zu entscheiden. Menschen zu allen Zeiten haben in und mit dieser Mehrdeutigkeit leben müssen. So klagen die Menschen der Bibel in der Zeit nach dem Exil Gott ihr Leid und fragen: „Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ Und bitten: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!“ (Jesaja 63,15) Und auch Jesu Jünger fragen, wann sich das alles ändern und zum Besseren wenden wird. „Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ (Matthäus 24,3) Das Ende für die Welt, so wie sie ist.
 
Leicht ist es nicht, solche Ungewissheiten auszuhalten. Manchmal wünsche ich mir die Klarheit, in der alles entschieden ist. Mit Jesaja rufe ich dann: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ (Jesaja 63,19) Aber so einfach ist es nicht.
 
5
Gott kommt zu uns. Er sucht uns, er kehrt zu uns zurück. Aber anders als erwartet. Er kommt als Mensch. Gott schaut vom Himmel herab und zeigt sein wahres Gesicht. Er ist es, der uns immer wieder zuruft: Ich bin es. Hier bin ich. Seine Erscheinung ist mächtig und machtlos zugleich. Gott wird zu dem Kind, unterwegs, am Rande der Straße, abseits geboren. Er kommt als einer, der bejubelt wird, und reitet nur auf einem Esel. Er kommt als einer, der den reichen Menschen lieben kann und traurig wird, als dieser seinen Reichtum nicht loslässt. Gott kommt als der, der sich zu den Armen und Missachteten setzt.
 
So kommt Gott. Anders als erwartet. Er kommt in dem Menschen Jesus Christus, der mir und uns zuruft: „Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28) So reißt der Himmel auf.


Eine gesegnete zweite Adventswoche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Zeit der großen Träume

1
Zwei Jungen in kurzen Hosen und T-Shirts. Der eine steht auf den Schultern des anderen. Beide sind barfuß. Sie stehen neben einem Hauseingang, an dem die Jalousie etwas herabgelassen ist. Der Boden ist gefliest. Die Fliesen sind teils etwas aus der Reihe gerückt. Zwischen Wand und Fliesenboden liegt Müll: eine Plastikflasche, Stofffetzen, Papier. Die beiden Jungen stehen vor einer Wand. Die Wand ist bemalt. Blumen sind zu sehen, eine Biene und eine Krankenschwester mit einer übergroßen Spritze, Fische und das dunkle Blau des Meeres in der rechten Ecke. Der Hintergrund ist blau-pastell, wie der Himmel an einem sommerlichen Tag. Von links drängen dunkle Flächen in das lichte Blau. In einem großen gerahmten Kasten steht: „DREAM BIG“ – Traum groß – Träume groß – großer Traum, je nachdem, wie man übersetzt.

2
Kinder träumen oft davon, endlich groß zu sein. Endlich 18, wär das schön. Endlich machen, was man will, ohne die Eltern zu fragen. Endlich ins Kino in die Filme, die erst ab 16 oder 18 sind. Toll muss es sein, wenn man groß ist. Bis es so weit ist, hilft es vielleicht, sich größer zu machen. Der eine steht auf den Schultern des anderen.

Das ist die eine Ebene des Bildes. Das Bild an der Wand erzählt aber noch von einem anderen großen Traum. Bunte Blumen, Bienen, ein Meer mit Fischen und eine Krankenschwester erheben sich über dem Müll an der Mauer. Der große Traum von einer Welt, in der die Bienen summen. Der große Traum von einer Welt, in der die Blumen blühen, die dunklen Wolken vertrieben sind und das Meer voller Fische ist. Der große Traum von einer Welt, in der alle medizinisch versorgt sind, in der der klare Himmel Raum bekommt und die dunklen Wolken verdrängt. Der Traum davon, dass Corona ein Ende nimmt und endlich der Impfstoff die Rettung bringt. Vieles davon ist an vielen Enden der Welt nicht selbstverständlich. 

Plastik verschmutzt die Flüsse und Meere, Smog über den Städten, Menschen, die sterben, weil sie keine Medikamente bekommen oder dreckiges Wasser trinken müssen. Täglich ist davon zu hören und zu lesen. Außer die Probleme bei uns sind groß dann gerät in Vergessenheit, dass die Katastrophe in anderen Ländern viel existentieller ist. Dagegen steht der große Traum. Dagegen steht die Empfehlung: Träume groß, nicht klein. Träume eine andere, eine bessere Welt.

3
Advent ist die Zeit großer Träume. Jedes Jahr erwarten wir das Kind in der Krippe; jedes Jahr erwarten wir, dass Gott uns nahekommt in seinem Sohn. Jedes Jahr erwarten wir zu Weihnachten nichts anderes als die Wende der Zeit. Wir

erwarten den Heiland, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Wir erwarten den, der einzieht in die Welt auf einem Esel und dem die Menschen zurufen: Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herren. Und jedes Jahr erwarten wir, dass sich nun etwas ändert in der Welt. Die christliche Erwartung ist groß, ein großer Traum: Friede soll werden auf Erden. Die Liebe soll den Hass überwinden. Recht soll das Unrecht verlachen, und Blumen sollen wieder blühen, wo Beton und Unrat das Leben zerstört haben.

4
Vielleicht durch Corona z.Zt. etwas überdeckt aber in den letzten Jahren sind Stimmen laut geworden, die deutlich sagen: So, wie es ist, kann es nicht weitergehen: Schüler/innen gehen für ihre Zukunft auf die Straße, und sogar das Weltwirtschaftsforum hat in Davos festgestellt: Die Welt schlafwandelt in die Krise, wenn sich in der globalen Wirtschaft nichts ändert.

Die Welt braucht einen großen Traum. Einen Traum, der auf die Wende der Zeit hofft. Christus, das Kind in der Krippe, das wir erwarten, verheißt: Siehe, ich mache alles neu.

Eine gesegnete erste Adventswoche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling, Johannes Ditthardt

Behütet von Engeln/Ewigkeitssonntag

Trauer und das Erinnern an die Endlichkeit des Lebens stehen im Mittelpunkt. Daneben auch ein Rückblick: Was hat mein Leben ausgemacht? Was hat mir in den schwierigen Zeiten Kraft gegeben und hat mich getragen? 

Fragen, die wir uns immer wieder im Angesicht des Todes stellen!

1

Der Engel wacht noch immer! Selber noch fast ein Kind, so steht er über den Gräbern. Ein liebevolles Gesicht, lockige Haare, ein aufwendig gestaltetes Gewand. So wacht der Engel über die Gräber auf dem alten Friedhof, auf dem schon lange niemand mehr beerdigt wird. Seit hundert Jahren steht er dort schon, vielleicht auch länger. Und hat alles überstanden, was das Dorf in dieser Zeit erlebt hat: Zwei Weltkriege, Unwetter und Stürme, den Wegzug der Menschen in den letzten Jahren. Aber er steht immer noch dort. Als könnte ihn nichts erschüttern.

Wenn man ihm näherkommt und genauer hinsieht, fällt auf, dass er nicht mehr so ganz intakt ist. Man sieht ihm sein Alter doch an. Das Gewand ist grün bemoost und fleckig, der rechte Arm fehlt, die linke Hand auch. Und er hat nur noch einen Flügel. Wenn man so will: Es ist eine traurige Gestalt von einem Engel. Flugunfähig, muss auf der Erde bleiben, fern vom Himmel. Hat er noch Kraft, die zu beschützen, für die man ihn dort hingestellt hat? Auf jeden Fall hat er ganze Arbeit geleistet in der Zeit, in der er dort schon steht, das sieht man ihm an.

2

Vier Kinder einer Familie liegen unter ihm, schon sehr lange. Verstorben an einer Diphterie-Epidemie Ende des 19. Jahrhunderts, innerhalb von nur zwei Tagen, kurz vor Weihnachten. Der Schmerz der Eltern ist mit Händen zu greifen. Damals, als es keinen Schutz vor dieser Krankheit gab, blieb nichts anderes übrig, als die toten Kinder symbolisch einem Engel anzuvertrauen. Sicher nicht so dramatisch wie damals, aber heute erleben wir im Blick auf den Corona – Virus manchmal Ähnliches.

3

Wie sieht Ihr persönlicher Engel aus? Hat er viel zu tun gehabt in letzter Zeit? Hat er noch alle Flügel, alle Arme, alle Hände? Ist sein Gewand schon – im wahrsten Sinn des Wortes – in Mitleidenschaft gezogen worden? Manche Menschen können Geschichten erzählen, wie sie bewahrt wurden. Von Menschen, die plötzlich auftauchten, die ein Wort oder einen Satz sagten und dann auch wieder verschwanden. Für diejenigen, die das erlebt haben, war klar: Das war ein Engel. Er kam von Gott. Und er hat etwas Entscheidendes im Leben bewirkt.

Nicht jede und jeder kann solche Geschichten erzählen. Manchmal war es nur eine Kraft, die jemand in sich spürte, als er am schwächsten war. Oder eine innere Stimme, die ihr sagte: Gib nicht auf. Manch einer hat so einen Engel auch vermisst, als es am schwersten war. Ein Engel ist kein Automat, sondern ein Ausdruck der Nähe und Bewahrung Gottes, die sich mal mehr und auch mal weniger zeigt. So ist das im Leben.

4

„Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“, sagt der Beter von Psalm 91. Das ist das Wort, das alle begleitet, die ihr Leben Gott anvertrauen. Und damals wie heute wussten die Menschen: Dieser Schutz, diese Begleitung endet auch mit dem Tod nicht. Das drückt der Engel auf dem Bild auch aus: Ich bin immer noch für euch da. In den Stürmen und Kämpfen des Lebens war ich an eurer Seite und habe mit euch zusammen manche Schramme davongetragen.

Auch wenn der Engel Ihres Lebens inzwischen etwas lädiert aussieht, weil er so viel zu tun hatte: Er ist da. Und er bringt eine Botschaft, die sich Menschen nicht selber sagen können: Gott ist da. Hier. Und heute. Auch bei uns. Haben Sie Ihren Engel schon entdeckt?

Gott behüte Sie

Ihre

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt