Geistliche Impulse / Andachten zum Pflücken

Zur Jahreslosung 2021

 

Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist. Lukas 6, 36

Die Logik des Lukas hat etwas Bestechendes: Nur wer Barmherzigkeit erfahren hat, kann barmherzig sein. Es ist wie mit der Liebe, die man nur geben kann, wenn man sie selbst erfahren hat. Das hat nichts Mathematisches, es handelt sich um keine Gleichung. Es ist Leben aus Erfahrung, die das Herz und das gesamte Dasein prägt. Barmherzigkeit, sich erbarmen können, Mitgefühl haben, das kommt aus dem eigenen Gefühl der Gewissheit heraus, sich nicht zu verlieren, wenn man sein Herz für andere öffnet.

Das Gegenteil ist menschliche Kälte. Es kann aber auch ein Selbstschutz sein: sich Dinge vom Leib halten, nicht alles auf sich einstürmen lassen aus der Sorge, mich im Leid anderer zu verlieren. Lukas macht Mut, diese Sorge zu überwinden- Barmherzigkeit macht stark. Sie ist Grundlage für ein erfülltes Leben.

Viele Erfahrungen sprechen dafür, dass es die Sprache der Barmherzigkeit gegenwärtig schwer hat. Wer irgendeinen Fehler macht, wird in den sozialen Netzwerken zuweilen geradezu hingerichtet. Uner-bittlichkeit, Häme und Hass verdrängen alle Barmherzigkeit.

Die Rettung der Flüchtenden auf dem Mittelmeer kommentieren manche mit dem Tenor: Lasst sie ertrinken, denn sie sind selber schuld, wenn sie sich in eine solche Lebensgefahr begeben. Das ist Ausdruck menschlicher Kälte und himmelweit weg von dem Wort Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

In diesem Pandemie-Jahr ist Barmherzigkeit eine zentrale Ressource, an der sich entscheidet, ob wir geschwächt oder gestärkt aus dieser Erfahrung hervorgehen. Nicht darum kann es gehen, wortstark und mit Getöse uns Gehör zu verschaffen, um damit für unsere Freiheit streiten. Sondern um Barm-herzigkeit und Mitgefühl: Sich in die Lage der 87jährigen in ihrem Seniorenheim am Stadtgarten (oder einem anderen Altenheim in Castrop) versetzen, oder in die Lage der Krankenschwester im Rochus oder dem EVK, die angesichts der vielen Covid-19-Kranken mit ihrer Kraft am Ende ist, oder in die des zweijährigen Jungen, der mit seiner Fami-lie in einer 2 Zimmer-Wohnung lebt und spürt, wie die Angst der Eltern um sich greift. Es sind diese Bilder, die anrühren, die bewegen sollten.

Dass es Zeiten gibt, auf denen wir besonders auf uns selbst achten, ist nachvollziehbar. Wie man sich bei einer schweren Erkrankung für einige Zeit fokussieren und nur auf sich konzentrieren muss, damit die Heilung vorangeht, so ist es auch bei einer Krise wie der Corona-Pandemie. Doch zugleich ist es gut, die anderen im Blick zu behalten, empfindsam für einander bleiben, die Türen für einander offen halten.

Das Wort Barmherzigkeit hat für Manche vielleicht etwas Altertümliches, etwas „Gestriges“, das es nur noch bei der Kirche gibt. In dieser Sicht passt es zu Weihnachten, wie mancher Baumschmuckbarock, gut für den Moment, aber nicht von Dauer. Für mich ist Barmherzigkeit viel mehr: es ist ein Programm, ein Auftrag Gottes an uns alle. Sei barmherzig mit dir, sei barmherzig mit anderen, du verlierst nichts dabei. Du gewinnst. Wer barmherzig ist, schließt verfahrene Situationen auf, der erreicht Herzen und schafft Umdenken bei Festgefahrenem.

Wir werden diese Barmherzigkeit in 2021 sehr brauchen, und ich rufe alle auf, es mit dieser Barmherzigkeit füreinander zu versuchen. Wie wir durch das nächste Jahr kommen, hängt ganz maßgeblich davon ab, wie sehr wir zu solcher Barmherzigkeit in der Lage sind.

Gott ist die Quelle der Barmherzigkeit. Seiner Barmherzigkeit dürfen wir gewiss sein. Damit ist der Grund gelegt, dass wir diese Barmherzigkeit nun auch selbst ausstrahlen. Ich bin mir sicher, die Wirkung wird uns überraschen. Dahin uns aufzumachen, das neu zu entdecken, wäre ein sehr guter Vorsatz für das Jahr 2021: Aus der Kraft Gottes, ohne Sorge, aus Freiheit barmherzig zu leben.

(Leicht veränderte Version einer Andacht von Heinrich Bedfort-Strohm (Ratsvorsitzender der EKD) zur Jahreslosung 2021)

Eine gute Woche wünschen Ihnen
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Ein gutes neues Jahr 2021

Vom Wachsen des Reiches Gottes

Matthäus 13,31-33 – Gleichnis vom Senfkorn
 
1 Grüner Baum
Von weitem betrachtet, fesselt als erstes der große Baum meinen Blick. Er hat einen dicken Stamm und knotige, verschlungene Rindenmuster. Seine Blätter stehen in saftigem Grün. Ich kann mir vorstellen, wie abenteuerlich man darauf klettern kann. Oder wie man darunter den Vögeln beim Zwitschern zuhören kann. Ich hätte Lust, etwas von den roten Früchten zu naschen, die an den Zweigen hängen. Gott sei Dank für die schönen Dinge, die er wachsen lässt!
 
2 Tür und Turm
Wenn ich einen Schritt näher an das Bild trete, fällt mein Blick auf die Treppe. Sie führt zur Tür unter den beiden Laternen. Die beschriebene Buchseite im Hintergrund ist mit kleiner, alter Schrift beschrieben. Die ganze Buchseite sieht aus wie ein alter Turm mit einer ehrwürdigen Eingangspforte. Es wirkt so, als würde die Tür mitten hineinführen in die Seite oder in ein ganzes Buch.
 
3 Bibeltext
Wenn ich noch einen Schritt näher herantrete, kann ich den Text auf der Buchseite lesen. Dort steht unter anderem das Gleichnis vom Senfkorn (Mt 13,31-33), mit dem Jesus das Reich Gottes beschreibt. Das winzige Senfkorn wächst und wird so groß wie „ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“ Der Baum im Bild könnte aus genau einem solch kleinen Samenkorn entstanden sein.
 
4 Hintergrund
Das Bild ist aufgebaut, wie es auch die Arbeit in der Gemeinde sein kann. Hinter allem steht die Kirche, die aus den Worten unseres Glaubens gebaut ist. Viele Menschen haben in Kirchen wichtige Stationen ihres Lebens erlebt:
Taufe, Konfirmation, Trauung oder auch Beerdigungen. Oft verbinden sie mit Kirche insgesamt das, was in dem Kirchengebäude passiert. Solche Sicherheit gebenden Traditionen gilt es zu pflegen, damit Kirche erkennbar bleibt.
 
Und trotzdem bieten die von einigen lieb gewonnenen und gepflegten Traditionen auch ein Hindernis für andere. Genauso erscheint es mit dem Treppenaufgang zur Kirchentür im Bild. Obwohl er in die Kirche hineinführt, verhindert er gleichzeitig einen barrierefreien Zugang. Es lohnt sich zu überlegen, was in unserer Kirche zum Kern des Glaubens und zur Gemeindearbeit gehört. Und es lohnt auch darauf zu schauen, was zwar gefestigte Tradition ist, aber trotzdem für manche eher eine Barriere auf dem Weg zu Kirche und Glaube ist.

5 Vordergrund
Vor der Bibelseite und vor der Tür steht der große Baum. Er kann genau für die Bereiche von Gemeindearbeit stehen, die nicht ausschließlich in Kirchengebäuden mit einem engen Kreis von Menschen stattfinden. An vielen Orten haben sich Kirchengemeinden auf den Weg gemacht: Es gibt Hauskreise, Musikgruppen, Hilfsangebote, Gottesdienste an anderen Orten und in anderen Formen sowie noch vieles mehr.
 
Wir haben gerade während der Corona-Pandemie im letzten Jahr ganz zarte Ideen und Versuche umgesetzt. Da wir unsere Gebäude für einige Zeit schließen mussten, haben wir (versucht) sprichwörtlich ein Senfkorn vor der Tür der Kirche gesät, so wie das bei dieser Andacht zum Pflücken der Fall ist. Einiges davon ist aufgegangen. Anderes ist auch an Stellen gewachsen, wo wir es nie vermutet hätten. Und wir hoffen, dass manches Körnchen davon so groß geworden ist, dass Menschen darin neue Heimat gefunden haben. Bei manchem davon dachte vielleicht jemand: „Da ist ein Stück vom Reich Gottes gewachsen.“ Und nun gibt es neue Bäume, die gemeinsam mit traditionellen Formen die Menschen am Reich Gottes teilhaben lassen.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Trost in dunkler Nacht

Ehemals wurden in der Silvesternacht böse Geister vertrieben. Der böse „Corona Geist“ scheint auf diesem Land zu liegen und die meisten sorgen sich und fragen, wie alles werden wird, nachdem uns das Jahr 2020 lehrte, dass wir längst nicht alles so beherrschen, wie es den Anschein hatte. Der Apostel Paulus hat einen wertvollen Trost gegen die Furcht.
 
1
Ob das damals wirklich jemand geglaubt hat? Dass die Knallerei zum Jahreswechsel böse Geister vertreibt? Offensichtlich. Jahrhunderte lang war das ein wesentlicher Grund, warum Menschen am Altjahresabend mit viel Lärm und Getöse durch ihr Dorf oder ihre Stadt gezogen sind. Sie haben damit versucht, das zu Ende gehende Jahr mit seinen Gespenstern auszutreiben. In der Hoffnung, dass das neue Jahr frei von Dunkelheiten und bösen Mächten beginnt.
 
2
Die Germanen sollen die Silvesternacht besonders gefürchtet haben. Deshalb veranstalteten sie traditionell ein „Höllen-spektakel“. Jeder machte so viel Lärm, wie er nur konnte. Je lauter desto besser. Sie zündeten sogar Holzräder an, die sie brennend ins Tal rollen ließen, um die Dunkelheit und die bösen Geister zu vertreiben.
 
Noch im Mittelalter wurde zu Silvester Lärm gemacht. Damals nahm man Rasseln, Töpfe und andere Gegenstände, um Lärm zu erzeugen. Der Hauptgrund für das laute Treiben war auch hier die Abwehr böser Geister. Mit dem Christentum kam ab dem 10. Jahrhundert das Läuten der Kirchenglocken und das Spielen von Pauken und Trompeten hinzu, später dann auch das Abfeuern von Gewehren und Kanonen. Erst zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es dann durch die Massenproduktion möglich, für alle Feuerwerkskörper käuflich zu machen. So hat das Zünden von Böllern, Raketen und anderen Feuerwerks-körpern eine lange Tradition.
 
3
In den letzten Jahren aber wurden kritische Stimmen lauter. Feinstaub, Dreck auf den Straßen, Lärmbelästigung und die unglaublich hohen Summen, die in der Silvesternacht im wahrsten Sinn des Wortes „verpulvert“ werden. Jährlich sollen es mehr als 100 Millionen Euro sein, die in unserem Land für Böller und Feuerwerkskörper ausgegeben werden.
Ob heute wirklich noch jemand glaubt, dass die Knallerei zum Jahreswechsel böse Geister vertreibt? Wohl kaum.
Die bösen Geister des Jahres 2020 waren eher kleine Viren, die innerhalb weniger Wochen das öffentliche Leben auf der ganzen Welt komplett zum Stillstand gebracht haben. Wenn es also etwas zu vertreiben gäbe, dann die kleinen Krankheitserreger. Wenn sie – wie auf dem Bild – wirklich durch laut knallende und bunt leuchtende Raketen zu vertreiben wären, wäre in diesem Jahr wohl das spektakulärste Silvesterfeuerwerk aller Zeiten zu bewundern. Es ist jedoch alles anders, um dem Virus weniger Chancen zu geben ist das Feuerwerk sogar in vielen Städten, zumindest an den öffentlichen Plätzen verboten. Außerdem wissen wir, um Viren zu vertreiben, braucht es keinen Lärm, sondern medizinischen Rat. Deshalb hatten in diesem Jahr auch völlig zu Recht Virologen und Mediziner vielfach das Sagen. Und jetzt liegt alle Hoffnung auf den Impfstoffen
 
4
Bleibt aber trotzdem die Frage nach den bösen Geistern, die bereits unsere germanischen Vorfahren umgetrieben haben. Wie ist es damit im 21. Jahrhundert?
 
Heute würden wir sie nicht mehr Geister nennen. Aber Sorgen und Ängste, Zweifel und Anfechtung kennen wir gut. Auch oder vielleicht gerade im zu Ende gehenden Jahr waren sie an manchen Tagen ein ständiger Begleiter. Haben uns und unsere Gedanken bestimmt. Und wer in der vergangenen Zeit selbst konkret von Krankheit betroffen war oder Angst um seine Existenz haben musste, der hat die „Geister“ näher zu spüren bekommen als ihm lieb war.
 
Doch selbst in der dunkelsten Nacht braucht es keinen Lärm, um die Nacht zu vertreiben. Das haben wir zu Weihnachten gefeiert. „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!“ hat Dieter Trautwein gedichtet (EG 56). Und Paulus schreibt es in der Epistel zum Altjahresabend aus dem Römerbrief im 8. Kapitel: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römer 8,38f.)

Einen gesegneten Übergang in ein hoffentlich normaleres Jahr 2021 wünscht Ihnen Ihre Paulus Kirchengemeinde Castrop
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wie Gott zu uns kommt

1
Reißt der Himmel auf oder zieht er sich zu? Das Bild lässt das nicht erkennen. Beides ist denkbar. Woran denke ich, wenn ich einen Himmel sehe, der sich mehr und mehr zuzieht?
 
Meine ersten Gedanken richten sich auf die Natur, auf das, was sich hier an Veränderungen vollzieht, bereits vollzogen hat. Das Klima verändert sich. Das Wetter scheint unberechenbarer zu werden. Viele begleitet die Sorge, dass diese Veränderungen unumkehrbar sein könnten.
 
2
Der Himmel scheint sich zuzuziehen, wenn ich an das vergangene Jahr denke, Corona, die politischen Veränderungen der zurückliegenden Zeit. Unsicherheit, Abschottung, nationale Abgrenzung nehmen zu und werden in vielen Ländern zum politischen Programm. Es gibt die persönlichen Ängste; Ängste um die eigene Gesundheit, um die Gesundheit eines Menschen, der mir nahesteht. Manchen bereitet die Frage Sorgen, ob sie ihr notwendiges Auskommen auch in Zukunft haben werden. Wird es mein Geschäft im nächsten Jahr noch geben, wie lange kann ich durchhalten. Das sind Situationen, an die ich denke, wenn ich einen Himmel sehe, der sich zuzieht.
 
3
Und was sehe ich, wenn ich in dem Bild einen Himmel sehe, der aufreißt? Ist der neue Impfstoff das Licht am Ende des Tunnels. Ich sehe Menschen, die sagen, dass „alternative Fakten“ nichts anderes als Lügen sind. Ich sehe Menschen, die all der Abgrenzung und den Rückzügen ihren Einsatz für andere entgegenstellen, in der Arbeit mit Flüchtlingen zum Beispiel. Ich höre die Stimmen und sehe die Texte, die Zusammenhänge herstellen und erklären, so dass aus den vielen kleinen Informationen und Nachrichten ein großes  Bild entsteht.
 
4
Reißt der Himmel auf oder zieht er sich zu? Wohl immer war diese Frage nicht zu entscheiden. Menschen zu allen Zeiten haben in und mit dieser Mehrdeutigkeit leben müssen. So klagen die Menschen der Bibel in der Zeit nach dem Exil Gott ihr Leid und fragen: „Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ Und bitten: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!“ (Jesaja 63,15) Und auch Jesu Jünger fragen, wann sich das alles ändern und zum Besseren wenden wird. „Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ (Matthäus 24,3) Das Ende für die Welt, so wie sie ist.
 
Leicht ist es nicht, solche Ungewissheiten auszuhalten. Manchmal wünsche ich mir die Klarheit, in der alles entschieden ist. Mit Jesaja rufe ich dann: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ (Jesaja 63,19) Aber so einfach ist es nicht.
 
5
Gott kommt zu uns. Er sucht uns, er kehrt zu uns zurück. Aber anders als erwartet. Er kommt als Mensch. Gott schaut vom Himmel herab und zeigt sein wahres Gesicht. Er ist es, der uns immer wieder zuruft: Ich bin es. Hier bin ich. Seine Erscheinung ist mächtig und machtlos zugleich. Gott wird zu dem Kind, unterwegs, am Rande der Straße, abseits geboren. Er kommt als einer, der bejubelt wird, und reitet nur auf einem Esel. Er kommt als einer, der den reichen Menschen lieben kann und traurig wird, als dieser seinen Reichtum nicht loslässt. Gott kommt als der, der sich zu den Armen und Missachteten setzt.
 
So kommt Gott. Anders als erwartet. Er kommt in dem Menschen Jesus Christus, der mir und uns zuruft: „Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28) So reißt der Himmel auf.


Eine gesegnete zweite Adventswoche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Zeit der großen Träume

1
Zwei Jungen in kurzen Hosen und T-Shirts. Der eine steht auf den Schultern des anderen. Beide sind barfuß. Sie stehen neben einem Hauseingang, an dem die Jalousie etwas herabgelassen ist. Der Boden ist gefliest. Die Fliesen sind teils etwas aus der Reihe gerückt. Zwischen Wand und Fliesenboden liegt Müll: eine Plastikflasche, Stofffetzen, Papier. Die beiden Jungen stehen vor einer Wand. Die Wand ist bemalt. Blumen sind zu sehen, eine Biene und eine Krankenschwester mit einer übergroßen Spritze, Fische und das dunkle Blau des Meeres in der rechten Ecke. Der Hintergrund ist blau-pastell, wie der Himmel an einem sommerlichen Tag. Von links drängen dunkle Flächen in das lichte Blau. In einem großen gerahmten Kasten steht: „DREAM BIG“ – Traum groß – Träume groß – großer Traum, je nachdem, wie man übersetzt.

2
Kinder träumen oft davon, endlich groß zu sein. Endlich 18, wär das schön. Endlich machen, was man will, ohne die Eltern zu fragen. Endlich ins Kino in die Filme, die erst ab 16 oder 18 sind. Toll muss es sein, wenn man groß ist. Bis es so weit ist, hilft es vielleicht, sich größer zu machen. Der eine steht auf den Schultern des anderen.

Das ist die eine Ebene des Bildes. Das Bild an der Wand erzählt aber noch von einem anderen großen Traum. Bunte Blumen, Bienen, ein Meer mit Fischen und eine Krankenschwester erheben sich über dem Müll an der Mauer. Der große Traum von einer Welt, in der die Bienen summen. Der große Traum von einer Welt, in der die Blumen blühen, die dunklen Wolken vertrieben sind und das Meer voller Fische ist. Der große Traum von einer Welt, in der alle medizinisch versorgt sind, in der der klare Himmel Raum bekommt und die dunklen Wolken verdrängt. Der Traum davon, dass Corona ein Ende nimmt und endlich der Impfstoff die Rettung bringt. Vieles davon ist an vielen Enden der Welt nicht selbstverständlich. 

Plastik verschmutzt die Flüsse und Meere, Smog über den Städten, Menschen, die sterben, weil sie keine Medikamente bekommen oder dreckiges Wasser trinken müssen. Täglich ist davon zu hören und zu lesen. Außer die Probleme bei uns sind groß dann gerät in Vergessenheit, dass die Katastrophe in anderen Ländern viel existentieller ist. Dagegen steht der große Traum. Dagegen steht die Empfehlung: Träume groß, nicht klein. Träume eine andere, eine bessere Welt.

3
Advent ist die Zeit großer Träume. Jedes Jahr erwarten wir das Kind in der Krippe; jedes Jahr erwarten wir, dass Gott uns nahekommt in seinem Sohn. Jedes Jahr erwarten wir zu Weihnachten nichts anderes als die Wende der Zeit. Wir

erwarten den Heiland, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Wir erwarten den, der einzieht in die Welt auf einem Esel und dem die Menschen zurufen: Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herren. Und jedes Jahr erwarten wir, dass sich nun etwas ändert in der Welt. Die christliche Erwartung ist groß, ein großer Traum: Friede soll werden auf Erden. Die Liebe soll den Hass überwinden. Recht soll das Unrecht verlachen, und Blumen sollen wieder blühen, wo Beton und Unrat das Leben zerstört haben.

4
Vielleicht durch Corona z.Zt. etwas überdeckt aber in den letzten Jahren sind Stimmen laut geworden, die deutlich sagen: So, wie es ist, kann es nicht weitergehen: Schüler/innen gehen für ihre Zukunft auf die Straße, und sogar das Weltwirtschaftsforum hat in Davos festgestellt: Die Welt schlafwandelt in die Krise, wenn sich in der globalen Wirtschaft nichts ändert.

Die Welt braucht einen großen Traum. Einen Traum, der auf die Wende der Zeit hofft. Christus, das Kind in der Krippe, das wir erwarten, verheißt: Siehe, ich mache alles neu.

Eine gesegnete erste Adventswoche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling, Johannes Ditthardt

Behütet von Engeln/Ewigkeitssonntag

Trauer und das Erinnern an die Endlichkeit des Lebens stehen im Mittelpunkt. Daneben auch ein Rückblick: Was hat mein Leben ausgemacht? Was hat mir in den schwierigen Zeiten Kraft gegeben und hat mich getragen? 

Fragen, die wir uns immer wieder im Angesicht des Todes stellen!

1

Der Engel wacht noch immer! Selber noch fast ein Kind, so steht er über den Gräbern. Ein liebevolles Gesicht, lockige Haare, ein aufwendig gestaltetes Gewand. So wacht der Engel über die Gräber auf dem alten Friedhof, auf dem schon lange niemand mehr beerdigt wird. Seit hundert Jahren steht er dort schon, vielleicht auch länger. Und hat alles überstanden, was das Dorf in dieser Zeit erlebt hat: Zwei Weltkriege, Unwetter und Stürme, den Wegzug der Menschen in den letzten Jahren. Aber er steht immer noch dort. Als könnte ihn nichts erschüttern.

Wenn man ihm näherkommt und genauer hinsieht, fällt auf, dass er nicht mehr so ganz intakt ist. Man sieht ihm sein Alter doch an. Das Gewand ist grün bemoost und fleckig, der rechte Arm fehlt, die linke Hand auch. Und er hat nur noch einen Flügel. Wenn man so will: Es ist eine traurige Gestalt von einem Engel. Flugunfähig, muss auf der Erde bleiben, fern vom Himmel. Hat er noch Kraft, die zu beschützen, für die man ihn dort hingestellt hat? Auf jeden Fall hat er ganze Arbeit geleistet in der Zeit, in der er dort schon steht, das sieht man ihm an.

2

Vier Kinder einer Familie liegen unter ihm, schon sehr lange. Verstorben an einer Diphterie-Epidemie Ende des 19. Jahrhunderts, innerhalb von nur zwei Tagen, kurz vor Weihnachten. Der Schmerz der Eltern ist mit Händen zu greifen. Damals, als es keinen Schutz vor dieser Krankheit gab, blieb nichts anderes übrig, als die toten Kinder symbolisch einem Engel anzuvertrauen. Sicher nicht so dramatisch wie damals, aber heute erleben wir im Blick auf den Corona – Virus manchmal Ähnliches.

3

Wie sieht Ihr persönlicher Engel aus? Hat er viel zu tun gehabt in letzter Zeit? Hat er noch alle Flügel, alle Arme, alle Hände? Ist sein Gewand schon – im wahrsten Sinn des Wortes – in Mitleidenschaft gezogen worden? Manche Menschen können Geschichten erzählen, wie sie bewahrt wurden. Von Menschen, die plötzlich auftauchten, die ein Wort oder einen Satz sagten und dann auch wieder verschwanden. Für diejenigen, die das erlebt haben, war klar: Das war ein Engel. Er kam von Gott. Und er hat etwas Entscheidendes im Leben bewirkt.

Nicht jede und jeder kann solche Geschichten erzählen. Manchmal war es nur eine Kraft, die jemand in sich spürte, als er am schwächsten war. Oder eine innere Stimme, die ihr sagte: Gib nicht auf. Manch einer hat so einen Engel auch vermisst, als es am schwersten war. Ein Engel ist kein Automat, sondern ein Ausdruck der Nähe und Bewahrung Gottes, die sich mal mehr und auch mal weniger zeigt. So ist das im Leben.

4

„Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“, sagt der Beter von Psalm 91. Das ist das Wort, das alle begleitet, die ihr Leben Gott anvertrauen. Und damals wie heute wussten die Menschen: Dieser Schutz, diese Begleitung endet auch mit dem Tod nicht. Das drückt der Engel auf dem Bild auch aus: Ich bin immer noch für euch da. In den Stürmen und Kämpfen des Lebens war ich an eurer Seite und habe mit euch zusammen manche Schramme davongetragen.

Auch wenn der Engel Ihres Lebens inzwischen etwas lädiert aussieht, weil er so viel zu tun hatte: Er ist da. Und er bringt eine Botschaft, die sich Menschen nicht selber sagen können: Gott ist da. Hier. Und heute. Auch bei uns. Haben Sie Ihren Engel schon entdeckt?

Gott behüte Sie

Ihre

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Das Grab mit den Händen

Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, die Liebe aber ist die Größte unter ihnen.

1
Auf dem Foto ist ein Grabmal abgebildet, das man auf dem Friedhof der kleinen niederländischen Stadt Roermond besichtigen kann. Eindrücklich ist der Anblick der Hände, die sich über die Kirchhofmauer hinweg berühren.
 
Die Geschichte, die hinter diesem Kunstwerk steht, reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert und beginnt mit der großen Liebe zwischen Jacob van Gorkum, einem in Amsterdam geborenen Soldaten und der Adligen Josephina van Aefferden.
 
2
Diese Liebe war aus doppeltem Grund problematisch: Zum einen war es nicht üblich, dass eine Adlige einen Bürgerlichen heiratete. Genauso schwer wog der unterschiedliche religiöse Hintergrund der beiden Liebenden. Während Jacob evangelisch-reformiert war, war Josephina katholisch getauft. Mit ihrer Heirat setzten sich die beiden über diese gesellschaftlichen und religiösen Hindernisse hinweg – und wurden zum ersten Ehepaar in Roermond, das unterschiedlichen Konfessionen angehörte. Die beiden führten eine harmonische und glückliche Ehe und bekamen vier Kinder.
 
3
Doch das Überwinden der gesellschaftlichen und religiösen Mauern, das dem Ehepaar im Leben geglückt war, blieb ihnen im Tod zunächst verwehrt. Denn auf dem Friedhof in Roermond gab es eine strikte Trennung zwischen evangelischen, katholischen (und jüdischen) Grabstätten. Und so wurde dem Ehepaar ein gemeinsames Grab verwehrt.
 
Als Jacob 1880 starb, wurde er auf dem evangelischen Teil des Friedhofs beigesetzt, während Josephina acht Jahre später auf dem katholischen Abschnitt ihre letzte Ruhe-stätte fand. Zunächst ahnte niemand, was hinter ihrem
Wunsch stand, nicht in ihrem Familiengrab im Zentrum des Friedhofs beigesetzt zu werden, sondern ganz am Rand, an der Mauer, die den katholischen vom evangelischen Teil des Friedhofs abgrenzte. Ihr Grab befand sich nun unmittelbar gegenüber dem Grab ihres Mannes. Die beiden Grab-Stelen wurden auf Wunsch des Paares so gestaltet, dass sie die Friedhofsmauer überragten – ausgestattet mit zwei Armen, die sich über die Mauer hinweg die Hände reichen.
 
4
Das Grabmal ist ein später Triumph über die geistige Enge ihrer Zeitgenossen – und ein wunderbares Bild für die Kraft einer Liebe, die die Mauern zwischen Menschen überwindet. Gerade in einer Zeit, in der der Nationalismus in vielen Ländern wieder auflebt und ein amerikanischer Präsident seine Anhänger mit dem Versprechen einer Mauer begeistert, stellt dieses doppelte Grabmal einen eindrucksvollen Gegenentwurf dar. Und weckt in den Novembertagen vielleicht auch Erinnerungen an den denkwürdigen Tag der deutschen Geschichte, an dem der Fall einer Mauer das Ende einer jahrzehntelangen Trennung markierte.
 
5
Gleichzeitig ist das „Grab mit den Händen“ ein eindrückliches Symbol für den langen Atem der Liebe Gottes, die auch über den Tod hinaus Bestand hat. In diesen dunklen Novembertagen, die geprägt sind vom Gedenken an unsere verstorbenen Angehörige und Freunde und den Gedanken an die eigene Sterblichkeit, ist es kostbar, uns an diese Hoffnung zu erinnern. An die Hoffnung nämlich, dass auch der Tod die Verbindung zwischen Menschen nicht zerreißen kann, die in Liebe miteinander verbunden sind. Denn am Ende „bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13,13)


Eine gesegnete Woche Ihre
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wo bitte geht´s zu Gott?

1

Der Regisseur Wim Wenders bekennt in einem Interview: „Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich ein gläubiger Christ bin. Ich habe auch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin. Ich bin dann Protestant geworden und heute eher ein ökumenischer Christ, der von beiden das Beste will.“

Wim Wenders macht kein Geheimnis daraus, dass er verschiedene Türen ausprobiert hat, durch die er einen Zugang zu seinem Gott bekommt. Den Kirchen ist es immer noch suspekt, dass Menschen sich ihren eigenen Glauben basteln. Dass sie verschiedene Türen öffnen, sich umschauen und mitnehmen, was ihrem Wohl dient.

Es gab Zeiten, da waren Menschen nicht so frei wie Wim Wenders. Sich das Beste von einer anderen Konfession holen oder diese sogar wechseln, galt lange Zeit als Ding der Unmöglichkeit. 

 2

Eine originelle Ausnahme gab es im 19. Jahrhundert in Weiden in der Oberpfalz. Dort gab es am Markt die evangelische Mohren-Apotheke (heute müsste sie sicher einen anderen Namen tragen ;-)). Und nur vier Häuser weiter führte ein katholischer Kollege die Marien-Apotheke. Der evangelische Apotheker der Mohren-Apotheke war jedoch nicht besonders wohlgelitten. Auch nicht bei seinen evangelischen Glaubensgeschwistern. Die ließen sich lieber vom katholischen Marienapotheker mit Arzneien versorgen. Es war ihnen jedoch unangenehm, dabei vom evangelischen Apotheker beobachtet zu werden. Da kam der katholische Marien-Apotheker auf die pfiffige Idee, für sein Geschäft einen zweiten Eingang zu schaffen. Der lag um die Ecke in einer engen Gasse und war vom evangelischen Kollegen nicht einsehbar. Im Volksmund galt der neue Eingang als „evangelisches Türl“. Der ursprüngliche Eingang wurde „katholisches Türl“ genannt.

Die Idee der zwei Türen wirkt auf den ersten Blick wie eine Trennung der Konfessionen. Es ist jedoch ein zutiefst ökumenisches Projekt. Ein Ort der Begegnung entsteht. Konfessionsverbindend. Und, o Wunder, das Angebot ist für alle das gleiche. Und der Preis ist es auch. 

 3

Ich stelle mir dazu ein Bild vor, wie es im Mittelalter weit verbreitet war. Über dem Tresen steht geschrieben: Die geistliche Apotheke. „Kommet her, und kauft ohne Geld und umsonst.“ (Jesaja 55,1) Hinterm Tresen steht Jesus als Apotheker. In seiner linken Hand hält er eine Waage. Rechts vor ihm auf dem Tisch stehen ordentlich aufgereiht Gefäße mit den Aufschriften: „Geist der Weisheit. Des Rates. Der Kraft. Des Heils. Der Liebe. Des Friedens. Einigkeit. Glaube. Hoffnung. Geduld. Beständigkeit. Gesundheit. Langes Leben. Ewige Seligkeit.“ Vorne in der Mitte steht eine Flasche, gefüllt mit einer roten Flüssigkeit: „Aqua Vitae“, Wasser des Lebens. Mit der Rechten fasst Christus in einen braunen Leinensack, der mit Kreuzenzian gefüllt ist. Jesus wird mit dem Kreuzenzian das aufwiegen, was mit allem Gold der Welt nicht aufzuwiegen ist: Liebe, Frieden, ewige Seligkeit. Den Preis bezahlt er. Für mich ist alles umsonst, gratis oder – wie es dies lateinische Wort ursprünglich meint: aus Gnaden.

 4

Gott sei es gedankt, muss heute in Deutschland in der Regel niemand mehr ein Geheimnis darum machen, welcher Konfession er angehört. Ich kann meinen Glauben frei leben. Ich kann verschiedene Türen öffnen, um die Arznei zu finden, die meiner Seele gut tut. Bis sie frohlockt und singt (EG 66,7):

 

„Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden: Komme, wen dürstet, und trinke, wer will! Holet für euren so giftigen Schaden Gnade aus dieser unendlichen Füll! Hier kann das Herze sich laben und baden. Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden.“ 

 

Eine gute Woche

 

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Der Sehnsucht nachgehen

1
Noch ein paar Schritte, dann weitet sich der Blick. Hinaus aus dem Gang durch die Türe. Die Sonne strahlt schon herein in die alten Gemäuer des Schlosses. Sie zeigt den Weg, den ich zu gehen habe, dem Licht entgegen. Draußen vor der Türe erkenne ich die Bäume des Schlossgartens, draußen weitet sich der Blick über das spätsommerliche Flusstal.
 
Doch noch muss ich sie aushalten, die Beengtheit. Noch sind Schritte zu gehen durch den Gang, der von draußen erhellt wird. Hinter mir lasse ich den bergenden Schlosshof mit den schützenden Mauern. Hinter mir lasse ich das, was ich kenne, und das, worin ich mich auskenne. Was werde ich sehen, wenn ich an der Türe stehe? Wohin wird der Weg gehen, der mich vor der Türe erwartet?
 
2
Und doch, die Neugierde lässt mich weitergehen – und auch die Sehnsucht: Die Sehnsucht, das Bekannte, das Bergende, aber Beengende hinter mir zu lassen und das Weite zu suchen. Ich spüre, ich muss die Schritte tun ins Ungewisse, wenn ich weiterkommen will im Leben, wenn ich mich weiterentwickeln will. Aufbruch ist angesagt.
 
Sehnsucht treibt mich voran. Ein paar Augenblicke nehme ich mir Zeit für Abschied und Aufbruch. Was wünsche ich mir denn für mein Leben, für meine Zukunft, für die Zukunft (meiner Kinder und) der Menschen um mich herum, für die Zukunft unserer Gemeinde(n)?
 
Ich merke, wie sich die uralten Sehnsüchte der Menschheit in mir zu Wort melden. Glück, Liebe, ein Leben in Freiheit. Der Wunsch, heil zu bleiben an Leib und Seele, gesund und beweglich. Der Wunsch in heiler Natur mit ausreichend Mitteln zum Leben und in Frieden leben zu können.
 
3
Ich spüre aber zugleich, dass diese Sehnsüchte bedroht sind und bedroht werden. Ich spüre, dass die Sehnsucht nach heiler Welt nicht in Erfüllung gehen muss. Weder für
mich persönlich noch für unser Land, unsere Kirche oder die Welt. Garantien für ein gelingendes Leben haben wir nicht. Scheitern gehört zu meiner, zu unserer Existenz.
 
Ich spüre die Bedrohungen und weiß zugleich: Seelische Belastungen können krank machen. Innere Nöte schlagen auf die Gesundheit. Die nötigen Veränderungsprozesse in den Kirchen machen Sorge, weil Vertrautes auf dem Spiel steht. Ich spüre aber auch: Der Rückzug in die Schlossmauern ist keine Alternative. Zu sehr lockt der Blick in die Weite, die Sonne, das Licht.
 
4
Was könnte mir Kraft geben für den Aufbruch und Mut für das Weitergehen? Mein Blick geht die Mauer des Ganges entlang und fällt auf die Christusfigur an der Wand. Hier, zwischen drinnen und draußen, hier im Übergang finde ich das Zeichen, dass ich nicht alleine unterwegs bin. Nicht alleine mit meinem Sehnen nach einer besseren Welt und einem gelingenden Leben. Nicht alleine mit meinem Scheitern. Nicht alleine mit meinen Sorgen und Ängsten.
 
Zwischen drinnen und draußen Christus, der mich mit ausgestreckten Armen am Kreuz begleitet. Im Übergang der, der alle Sehnsucht nach Heil mit mir teilt und der schon in den verlassensten Orten überhaupt gewesen ist. Er ist an der Seite, an meiner Seite auf dem Weg zwischen Vergangenheit und Zukunft, auf dem Weg zwischen Bekanntem und Erhofften. Der Blick auf die Seite gibt Kraft, macht Mut zum Weitergehen und hält die Sehnsuchtsbilder am Leben. Dieser Blick auf die Seite gibt Hoffnung, dass sich diese Sehnsucht erfüllen wird.
 
Ein paar Schritte noch, dann bin ich draußen. Ein paar Schritte noch und in mir klingt leise die Melodie eines neuen Kirchenliedes an: „Dass du Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir. Wir hoffen auf dich, sei da, sei uns nahe, Gott“.

Eine gute Woche wünschen Ihnen

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Engel - Gesichter der Liebe

Engel sind Gesichter der Liebe
„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder,
sondern macht sichtbar."
Paul Klee
 
1
So ein zarter Engel, wie mit einem Stift hingehaucht. Er hat die Hände im Schoß liegen, die Flügel sind erhoben, die Augen niedergeschlagen. „Vergesslicher Engel“ heißt die Zeichnung, darum meint man, in der Haltung des Engels etwas Verschämtes zu sehen. Wir wissen nicht, warum der Engel „ver-gesslich“ genannt wird und was er vergessen haben könnte, wir wundern uns aber, dass es so etwas geben soll – einen „vergesslichen“ Engel.
 
Ach nein, wundern wir uns besser nicht. Jeder und jede hat eine Vorstellung von Engeln, warum also nicht auch von einem „vergesslichen“ Engel. Paul Klee, der Sohn eines Deutschen und einer Schweizerin, liebte Engel als „geflügelte Misch-wesen“ zwischen Himmel und Erde, zugleich die Nähe und die Ferne des Himmels anzeigend.
 
2
Paul Klee war auch zu Lebzeiten schon sehr bekannt. Es soll allein um die achtzig Engelbilder und -zeichnungen von ihm geben, einige aus den letzten Lebensjahren, als er schon von Krankheit gezeichnet war. Außerdem lebte er – nicht in der Schweiz eingebürgert – wie auf der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz. Das schützte ihn einerseits vor den Nationalsozialisten, andererseits machte es ihn aber verdächtig für Schweizer Behörden – auch wegen seiner Kunst, die in Deutschland als „entartet“ bezeichnet wurde und von Schweizer Behörden als „eine Beleidigung gegen die wirkliche Kunst und eine Verschlechterung des guten Ge-schmacks“ beurteilt wurde.
 
Da hilft es, der Kraft eines Engels zu vertrauen – oder man fürchtet sich, der Engel könne einen vergessen.
 
3
Man empfindet ja immer wieder einmal, der Engel könne einen vergessen haben. Diese Empfindung ist, wie jede Empfindung, berechtigt. Sie muss aber deswegen noch nicht stimmen. Im biblischen Satz (Psalm 34,8) zum Fest des Erzengels Michael und aller Engel heißt es: Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
Engel sind also nicht „einfach so“ da, sondern erwarten etwas von mir: meine Ehrfurcht vor Gott, meine Furcht des HERRN. Das heute weit verbreitete Geplauder und Geplapper von und über Engel hat in der Bibel keine Begründung. Die Bibel erwartet, dass ich Gott ehre, um seinen Engel in meiner Nähe zu wissen. Engel sind nicht irgendwelche Wesen, sondern Boten und Helfer Gottes. Und wer einen Engel in seiner oder in ihrer Nähe weiß, hat niemandem anderes als Gott dafür zu danken.
 
4
Was wir auf Erden von Gott sehen können, sind Engel. Es geht dabei nicht um ihr Aussehen, um Kleidung, um Flügel oder nicht – es geht um ihren Dienst in meinem Dasein, um ihr Mitempfinden bei der Schwere des Lebens und den Trost, den sie mir vermitteln. Engel können Vertraute sein aus der Familie, der Nachbarschaft, den Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz – es können aber ebenso vollkommen Fremde sein.
 
Engel wissen oft nicht, dass sie Engel sind. Sie werden es in dem Moment, in dem sie empfinden: Jemand braucht mich. Sie denken dann nicht lange oder gar nicht nach, sondern sind einfach zur Stelle. Oft erwarten sie keinen Dank oder sind schon weg, bevor ich danken kann.
 
Dann danke ich Gott für den Dienst der Engel.
 
5
Oder ich weiß, dass ich jetzt Engel sein kann und zu sein habe. Nicht, weil ich lange überlegen muss und es dann beschließe, sondern weil ich in einem bestimmten Augenblick nicht anders kann. Ich werde zum Engel; und ich staune hinterher manchmal, wie das alles kam und wozu ich plötzlich fähig war. Oder, leider – was auch sein kann – ich verpasse den einen Moment, in dem ich zum Engel werden könnte; ich vergesse ihn und gräme mich wie der Engel des Paul Klee auf dem Bild. Dann aber schärfe ich meinen Blick für das nächste Mal und hoffe, dann in den Dienst Gottes treten zu können. Den Dienst, den ich mir auch erhoffe in den Stunden der Trauer. Der Engel des Herrn ist nahe denen, die mit Freude auf Gott schauen
Engel sind Gesichter der Liebe. Also auch deins und meins.

Eine Gute Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Die Paradiesbäume

(von Arno Wittekind)

Was macht ein Prediger eigentlich mit einem Bibeltext, wenn er über ihn gepredigt hat? Ist er dann mit ihm fertig? Nein. Er oder sie bleibt dem Bibeltext weiterhin ausgeliefert. Gestern war die Erzählung von Adam, dem Garten Eden und der gelungenen Partnersuche dran. Und ich bin weiterhin beunruhigt und aufgewühlt von der Aktualität der Worte.

Gott bringt den Menschen in den von ihm liebevoll angepflanzten Garten Eden. Er soll ihn bebauen und ihn bewahren. In der Mitte Edens stehen zwei Bäume. Zum Baum des Lebens hat der Mensch freien Zugang. Er darf seine Früchte genießen. Doch zum Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen erlässt Gott eine Abstandsregel: „Iss nicht davon! Bitte überlass ihn mir! Denn wenn Du die Entscheidung über Gut und Böse in die eigene Hand nimmst, dann geht das mit der Bewahrung der Schöpfung schief. Dann geht es nicht mehr um das Gute, sondern um das, was Dir nützt und was Profit abwirft. Dann wird aus dem Bebauen der Raubbau. Bitte lass dir sagen, was gut ist! Frag nach dem Gebotenen, und Du wirst leben! Isst Du vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, dann verlierst Du den Zugang zum Baum des Lebens. Dann folgen Zerstörung und Tod.“

Im Grunde hat der Mensch die Wahl zwischen den beiden Bäumen. Fragt er nach dem moralisch Gebotenen, wählt er das Leben. Folgt er seinem persönlichen Nutzen, wählt er den Tod.
Der Bonner Philosoph Markus Gabriel schreibt in der WAZ von Samstag Ähnliches zu unserem Verhalten in der augenblicklichen Krise: „Ich sag’s in aller Härte: Entweder sind am Ende alle tot oder das Gute gewinnt.“
Am gleichen Wochenende fliegt der Brasilianische Präsident Bolsonaro über den brennenden Urwald, um seine Anhänger zu besuchen, und das Flugzeug muss zu einer zweiten Landung ansetzen, weil der Rauch zu undurchdringlich ist.
US-Präsident Trump zögert nach dem Tod der 87jährigen Richterin Ruth Bader Ginsburg nicht, auf die Schnelle eine ihm genehme neue Richterin in den Supreme Court zu berufen, damit auch das Recht in Zukunft seinen Interessen nicht mehr im Wege steht.
Und der neu gewählte Generalsekretär einer deutschen Kleinpartei fordert vollmundig die Befreiung des Wirtschaftslebens von Regeln und Steuern, damit es bald wieder aufwärts geht.
Wo der Mensch ganz dereguliert seiner Gier folgt, brennt nicht nur der Wald, sondern Gerechtigkeit und Menschlichkeit folgen in den burn-out. Vom Garten Eden an blendet die Menschheit aus, dass die Befreiung von der Frage nach dem Gebotenen die Ursache des gegenwärtigen Elends ist und nicht dessen Lösung.
Ich bin weiterhin beunruhigt und aufgewühlt von dem uralten und aktuellen, von diesem „uraktuellen“ (HH Pompe) Bibelwort. Und ich hoffe, alle, die diesen Text gestern gehört haben, sind es auch.

 

Leben heißt: Beachtet sein

Gedanken zum Evangelium Lukas 15,11-32


1
Ein Arm ist nach oben gerichtet. Es ist ein linker Arm. Er ist leicht angewinkelt, also noch nicht ausgestreckt, aber doch deutlich nach oben gerichtet. Der Oberarm trägt ein Kleidungsstück, der Unterarm ist unbekleidet. Die Hand am Ende des Armes formt etwas durch die Gestalt der Finger. Man kann alle Finger sehen, nichts an ihnen wirkt verkrampft. Die Form der Finger deutet an, dass gleich etwas in die Hand genommen werden könnte. Eine Stange vielleicht, oder eine Art Geländer, das sich oben befindet wie in einem Bus. Oder eine andere Hand, die von irgendwoher kommt.
Das auf den ersten Blick schlichte Bild ist auch ein großes Sinnbild. Wir kennen eine solche Haltung des Arms und der Hand. Es ist, gleichermaßen, ein Suchen und ein Erwarten. Man kann auf diese Weise nach etwas greifen oder von etwas ergriffen werden. Gute Bilder laden dazu ein, bei ihnen zu verweilen, sie länger zu betrachten und sich eine Geschichte hinter dem Bild zu erzählen.
 
2
Die Geschichte hinter der Geste, hinter dem Bild, könnte ganz unterschiedlich erzählt werden.
Will dieser Arm und die Hand nach etwas greifen – oder will er oder sie ergriffen werden. Welche Erwartung liegt in der Geste? Will ich etwas haben, was ich jetzt brauche – oder erwarte ich etwas, was jetzt gleich zu mir kommt? Bin ich mit dieser Geste eher der oder die Handelnde – oder komme ich dem Handeln eines oder einer anderen entgegen? Will ich greifen – oder ergriffen werden?
Im Ergebnis bleibt beides gleich; nur meine Einstellung ist eine andere. Richte ich mich aus? Oder antworte ich auf etwas, was mir entgegengehalten wird?
 
3
Wenn uns eine solche Hand begegnet, dann stehen eben durchaus diese unterschiedlichen Beweggründe hinter dem Menschen, der sie ausstreckt. Egal wer er ist, und was ihn dazu veranlasst, er will und sollte beachtet und in seinem Anliegen wahrgenommen werden.
Jeder Mensch will gefunden werden. Im Gefundenwerden liegt Bedeutung. Und um gefunden zu werden, kann man entweder abwarten oder sich auf die Suche machen nach jemandem, der mich finden soll. Man kann entdeckt werden – plötzlich, wie zufällig; man kann aber ein Entdecktwerden auch gründlich vorbereiten, indem man auf sich aufmerksam macht.
Beides ist möglich, nichts davon ist verkehrt oder gar falsch. Weil wir das zum Leben brauchen wie Atmen, Essen und Trinken: Wir wollen beachtet sein. Beachtet sein gibt uns Bedeutung. Und Bedeutung zu haben ist Teil des Lebenssinns.

4
Das Schlimmste, was dem einen Sohn im Gleichnis vom „verlorenen“ Sohn (Lukas 15,11-32) widerfährt, ist weniger sein armseliges Leben im Stall neben den Trögen für die Schweine.
Da war er plötzlich gelandet, nachdem er sein Leben bisher immer auf der Sonnenseite gelebt hat. Die Familie hatte er verlassen, um eigenen Wege zu gehen. Nach erfolgreichen Durchstarten, dann die Katastrophe, alles geht schief: Geld weg – Freunde weg.   
Ich glaube, das Schlimmste, was er da empfindet, ist sein „Unbeachtetsein“, sein „Herausgefallensein“ aus aller Welt. Niemand sieht ihn dort, niemand achtet auf ihn, er ist ein durch und durch Unbedeutender – noch nicht einmal die Schweine brauchen ihn ja, nur er braucht sie beziehungsweise ihre Nahrung. So muss er empfinden. Zugleich empfindet er natürlich, dass er diesen Zustand selbst verschuldet hat. Seine Eigenwilligkeit, sein Aufbegehren gegen das Leben daheim hat ihn in diese Lage gebracht. Er ist, wie man so sagt, „verraten und verkauft“.
Er empfindet sich als so tief unten, dass er das Schwerste überhaupt beginnt: eine Art Selbstdemütigung, nämlich den Rückweg dahin, wo er einst unbedingt weg wollte. Jetzt zurück mit der Erkenntnis: Es war ein Fehler, den ich nicht wieder gut machen kann, aber ich will dahin zurück, wo ich beachtet wurde... was wird geschehen??
Wie sehr er daheim dann wirklich aufgenommen, erwartet und beachtet wurde, konnte er nicht erwarten, und hat er wohl noch nicht einmal erhofft.
 
5
Leben ist nur Leben, wenn es beachtet wird. Darum haben es heute so viele nötig, wie sie meinen, auf sich aufmerksam zu machen mit Lautstärke oder anderem schrillen Auftreten. Die Coronazeit hat aber auch deutlich gemacht, wie viele Menschen aus unserem Blick geraten und „Vergessene“ sind.
Es gibt bei Menschen die (manchmal auch sehr) berechtigte Furcht, nicht wahrgenommen zu werden, unbeachtet zu bleiben, also vergeblich zu leben. Es gibt Menschen, die schießen vielleicht über das Ziel hinaus, versuchen vieles, um die Furcht vor der Unbedeutendheit zu beenden; und treten lautstark und schrill auf, damit man bemerkt und beachtet wird. Aber vielen fehlen einfach die Kraft und die Möglichkeiten gesehen und beachtet zu werden. Ich denke gerade in dieser Zeit an Senioren und Kinder:
Wer, wie auf dem Bild, seinen Arm hebt und – auf welche Weise auch immer – auf sich aufmerksam macht, zeigt sich und hofft darauf, dass jemand Arm oder Hand ergreift.
Leben heißt beachtet sein. Und auf andere achten. Ich kann jemand sein, der andere sieht. Ich kann Arme und Hände, die sich mir entgegenbeugen oder -strecken, ergreifen, im wirklichen und im übertragenen Sinn. Ich kann, manchmal, jemand sein, der für einen kleinen Augenblick zum Reich Gottes wird. Ich schenke Beachtung; und für einen winzigen Moment schenke ich Lebenssinn. Einem oder einer anderen – zugleich aber auch mir selbst.
Wer auf andere achtet, wird beachtet.
In der Zuwendung zu anderen werden sich Menschen ihrer selbst gewiss.
 
Eine gesegnete Woche

Sieg der Hoffnung über die Trübsal

Anmerkung zum jüdischen Witz und dem Israelsonntag

1
Auf dem Bild geraten die Dinge ein wenig durcheinander; der Herr ganz vorne staunt auch etwas erschrocken. In der recht leeren Kirche ist von einem Pfarrer die Rede. Nehmen wir an, von einem evangelischen Pfarrer. Ein aufgeräumter Herr erklärt einem Ehepaar nebenan, „UNSER PFARRER“ habe einen wunderbaren Humor. Damit könnte es gut sein. Ist es aber nicht. Der Mann von gegenüber will es genau wissen und fragt zurück: IST DER JUDE?
 
Offenbar gibt es die Vorstellung, evangelische Pfarrer oder Pfarrerinnen könnten nur wenig oder keinen Humor haben. Während Juden grundsätzlich immer Humor haben. Das ist natürlich ein Vorurteil. Trotzdem ist das Bild ein Treffer. Es gibt einen fantastischen jüdischen Humor, von dem sich Evangelische und Katholische eine Scheibe abschneiden können.
 
2
Der jüdische Schriftsteller Saul Bellow (1915–2005); Literaturnobelpreisträger im Jahr 1976, hat geschrieben: „Besiegte Menschen neigen zum Witz.“ Damit ist auch der jüdische Humor gekennzeichnet. Bevor Besiegte sich aufgeben, neigen sie zum Witz. Der Witz erhebt sie ein wenig vom Boden, macht sie wieder größer und eine Niederlage erträglicher.
 
Wir wissen, was Juden leiden mussten in den vergangenen Zweitausend Jahren. Und wir wissen, dass Christen daran maßgebenden Anteil hatten. Darüber hat die Geschichte schon mehrfach geurteilt – und Gott wird auch noch urteilen. Das jahrhundertelange christliche Gerede von der „Schuld der Juden“ am Schicksal Jesu hat zu grausamster Verfolgung der Juden geführt. Im Jahr 2020 sind viele Menschen immer noch nicht frei davon, Juden für das „Unglück der Welt“ verantwortlich zu machen. Und wären es nicht die Juden, fänden sie andere Schuldige. Offenbar gibt es nie ein Entkommen aus dieser Falle: Wer sich selbst nicht ansehen will, sucht sich Gegner. Der Dummheit scheinen dabei in keine Richtung Grenzen gesetzt.
 
Wir dürfen da niemals mitmachen. Wir tragen schwer genug an der Zeit des sogenannten Dritten Reichs. Darum bekennen wir uns vorbehaltlos zur Geschwisterschaft mit jüdisch gläubigen Menschen. Und genießen ihren Witz.
 
3
Ein herrlicher Witz geht so: Zwei Rabbiner disputieren bis in die tiefe Nacht über die Existenz Gottes. Mit allerlei Bibel- und Talmud-Stellen beweisen sie sich ohne jeden Zweifel, dass es Gott nicht gibt. Als der Tag anbricht, macht sich der eine Rabbi in die Synagoge auf. Der andere sagt verblüfft: „Ich dachte, wir hätten uns gestern geeinigt, es gibt keinen Gott.“ – „Ja“, sagt der eine, „aber was hat das mit dem Morgengebet zu tun?“
 
Man gibt nicht auf, nur weil man sich aufgegeben fühlt. Man betet, auch wenn man das Gegenüber nicht sieht oder nicht fühlt. Man hält die Ordnung ein, auch wenn man ihren Sinn nicht immer erkennt. In diesem Witz ist eine tiefe Wahrheit. Die heißt: Manchmal kann der Brauch wichtiger sein als sein Inhalt. Manchmal muss man den abwesenden Gott herbeizwingen durch Einhaltung der Regel. Eine tiefe jüdische Wahrheit, die zu einer christlichen werden darf.
 
4
Und noch ein Witz, der uns beim Leben und Glauben helfen will:
 
Gott beschließt, eine neue Sintflut zu schicken. Vorher informiert er die Abgesandten der drei Religionen: „Genug ist genug! In drei Tagen ist es vorbei mit der Menschheit!“
Der Papst sagt nach der Rückkehr zu seinen Schäflein: „Hüllt euch in Sack und Asche und tut Buße; das Ende naht.“ Der evangelische Bischof sagt den Seinen: „Uns bleibt nur noch das inbrünstige Bitten um Gnade, damit ER uns erhöre und das furchtbare Schicksal von uns abwende.“ Und der Oberrabbiner spricht zu seiner Gemeinde: „Juden, wir haben noch 72 Stunden Zeit, um zu lernen, wie man unter Wasser lebt.“
 
Während die Christen in Gebet und Wehklagen versinken, lernen die Juden einfach eine andere Art Leben. Während die Christen in ihrer Klage verharren, beschwören die Juden ihr Fünkchen Hoffnung. Es ist ihnen nicht wichtig, ob die Hoffnung sie tragen wird; es ist nur wichtig, dass es überhaupt noch eine Hoffnung gibt.
 
5
Der Witz ist ein Sieg der Hoffnung über die Trübsal. Wer lacht, besiegt seinen Schmerz. Jedenfalls für diesen Augenblick. Und fühlt sich ein wenig stärker als der Schmerz. Gott schenke uns die Gnade des Witzes – und das Lachen über uns und die Umstände.
 
Jeder Witz zeigt die Hoffnung auf ein Überleben.

Eine hoffnungsvolle Woche wünschen Ihnen

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gott will uns nach Hause bringen

 
1
Rembrandt gilt als Maler der Emotionen, der in seinen Werken komplexe Gemütsbewegungen der Figuren darzustellen vermochte. In dieser Weise hat er auch den Propheten Jeremia gemalt, wie er über die Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 vor Christus trauert.
 
Jerusalem war der Ort der Gegenwart Gottes für das Volk Israel, der Tempel Gottes Wohnsitz auf Erden. Von diesem Jerusalem sollte Heil und Frieden für die ganze Welt ausgehen. Doch Jeremia sah etwas anderes voraus. Die Gottesdienste waren keine Zeiten, in denen Menschen Gott begegneten, sondern wirkten wie Schauspiele, bei denen man als Zuschauer dabei war, aber für sein eigenes Leben keine Konsequenzen zog. So sagte Jeremia Gottes Urteil über diese Gottesdienste den Verantwortlichen im Tempel: „Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich euch wohnen lassen an diesem Ort.“ (Jeremia 7,3)
 
Jetzt erlebt Jeremia die Zerstörung der Hauptstadt, die goldenen Tempelgefäße liegen zerbrochen neben ihm. Rauch steigt aus den Ruinen auf. Jeremias Augen sehen gar nicht hin auf die Zerstörung. Aber seine Trauer, Verzweiflung und Erschöpfung darüber sind auf seinem Gesicht abzulesen. Es ist geradezu ein Spiegel der Ereignisse.
 
2
Das Buch des Propheten Jeremia ist einzigartig. Keine andere Prophetengestalt im Alten Testament wird so eindrücklich beschrieben – mit ihren inneren Kämpfen, den Niederlagen, dem Frust. Jeremia beschreibt schonungslos, wie er an seinem Amt als Sprecher Gottes leidet. Gott gegenüber nimmt er kein Blatt vor den Mund. In Klagegedichten, die über die Kapitel 11-20 verstreut sind, wendet sich Jeremia direkt an Gott und hadert mit ihm – er will seinen Auftrag nicht ausführen und spürt doch Gottes Wort in sich wie brennendes Feuer.
Jeremia liebt sein Volk und leidet deshalb unter dem Auftrag, seinem Volk Unheil zu verkündigen. Jeremia selbst, sein Ringen und Leiden werden zum Bild dafür, wie sehr Gott selbst unter dem Ungehorsam des Volkes leidet, wie schwer es Gott fällt, keinen anderen Weg zu haben, das Volk auf den rechten Weg zu bringen, als durch Unheil, Krieg und Untergang hindurch.
 
3
Jeremia ist eine tragische Persönlichkeit. Er wurde von seiner Sendung zerrissen und konnte sich ihr doch nicht entziehen. Zeit seines Lebens ist er an seiner Sendung gescheitert. Nach seinem Tod aber entfaltete seine Botschaft, die im nun biblischen Buch Jeremia gesammelt und ausgedeutet wurde, eine ungeheure Wirkung.
 
Jeremia hat das nicht mehr erlebt. Er hatte das Ende der Geschichte Israels vor Augen und ein Heil, das in unendlicher Ferne lag. Aber seine Worte blieben erhalten und waren dem Gottesvolk Anlass, die eigene Geschichte als Folge eigener Schuld, aber eben und trotz allem nicht als Geschichte der Gottverlassenheit zu begreifen.
 
Wer die Botschaft und das Geschick Jesu Christi verstehen will, darf das Alte Testament nie außer Acht lassen. Jesus und Jeremia gehören in die Reihe der Gotteszeugen, die am Auftrag ihrer Verkündigung auch im Leiden festgehalten haben.
 
In ihren Gesichtern lese ich von Gott, der selbst mitleidet mit seinem Volk, mit seinen Menschen. In ihren Gesichtern lese ich, wie unendlich schwer es für Gott ist, uns nach Hause zu bringen. Aber er tut es.


Eine gute Woche wünsche Ihnen

Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Beobachtung

Im Dortmunder Zoo. Viele Zoobesucher werfen nur einen flüchtigen Blick auf die Tiere und gehen schnell weiter. Wir stehen eine halbe Stunde am Gehege der Trampeltiere und beobachten sie. Drei weibliche und ein männliches Tier. Wir erkennen den Hengst Kaspar an seinem breiten Kopf und dem prächtigen schwarzen Fellkranz, der seinen Hals runter läuft. Interessiert er sich für die Stute Ute? Nein, es sieht so aus, als mache er Dilara den Hof. Jetzt wird es spannend. Die Tiere stehen immer mal wieder auf und legen sich wieder hin. Das sieht dann aus, als ob ein großes schwankendes Schiff in Seenot gerät und dann auf Grund läuft. Komisch, seht mal die Knie, die knicken ja falsch rum ab, das sieht aus wie bei einer Ziehharmonika! Wir vergleichen unsere Beine mit denen der Trampeltiere. Aha, das ist nicht das Knie, sondern es wird wohl das Sprunggelenk sein – darum sieht es so aus, als ob das Trampeltier zwei Knie hat.
Können wir noch richtig hinsehen, beobachten, wahrnehmen?
Als die Pharisäer von Jesus ein Zeichen forderten entgegnete er ihnen: „Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe. Über das Aussehen des Himmels wisst ihr zu urteilen, über die Zeichen der Zeit aber könnt ihr nicht urteilen?“ (Mt 16,2.3)
Manchmal fürchte ich, dass wir es verlernen, die Zeichen der Natur zu sehen, zu lesen und zu deuten. Die vielen Anzeichen des von uns Menschen verursachten Klimawandels, vor dem viele lieber die Augen zumachen. Vielleicht auch die Zeichen des eigenen Körpers, der nach mehr Bewegung, einer anderen Ernährung oder mehr Ruhe schreit. Jesus bringt beides zusammen: Die Fähigkeit die Natur zu beobachten und zu verstehen und die Fähigkeit auf „die Zeichen der Zeit“, die vom Anbruch des Reiches Gottes erzählen, zu achten. Wenn wir wach sind für die natürlichen Zeichen der Natur, wird auch unser geistiges Auge geschärft für die himmlischen Zeichen Gottes, die Tag für Tag geschehen!
(gepostet von Christine Rosner)

Die Kleine Rose

Wer an unserem Pfarrhaus im Brückenweg vorbei geht, sieht einen Vorgarten, der in einem stabilen Gleichgewicht zwischen Kultivierung und Verwilderung vor sich hinwächst. Nur manchmal greifen wir ordnend ein, wenn Ackerwinde sich über die anderen Pflanzen legt, oder eine Pflanzenart den anderen den Raum nehmen will. Einige Menschen denken bestimmt, das Pfarrehepaar könnte mehr Mühe in die Pflege seines Vorgartens investieren. Die Insekten aber lieben ihn, wie wir nach einem Tag im Garten immer wieder leidvoll an der Zahl der Mückenstiche feststellen können.
Letztens machten wir eine überraschende Entdeckung. Wir waren dabei, vertrocknete Blumen und unerwünschte Gräser zu entfernen, da begegnete uns eine winzige Rosenpflanze. Vor Jahren hatten wir einige Rosen in den Vorgarten gesetzt, von denen die meisten sich prächtig entwickelt hatten, aber diese Rose war winzig geblieben, und hatte unter den anderen Blumen ein Schattendasein geführt. Kein Blatt und keine Blüte waren an ihr zu sehen.
Wir entschieden, sie freizulegen und zu sehen, was passieren würde. Und die Entdeckung wurde zur Sensation. Sie begann zu blühen. Erst eine dann zwei winzige Blüten trauten sich ans Tageslicht. Auch einige Blätter trieben aus. Zwischen den anderen großen Rosenbüschen ist sie immer noch kaum wahrzunehmen, aber sie hat alles, was eine Rosenpflanze ausmacht. Und wir sind gespannt, wie sie sich entwickeln wird, wenn sie den Raum bekommt, den sie braucht.
Eine ähnliche Erfahrung machen wir Menschen, wenn wir in der Nähe Gottes sind. Er legt behutsam unsere Persönlichkeit frei und bringt sie ans Licht. Wir schämen uns vielleicht, da wir wenig vorzeigbar und verletzlich sind. Wir haben uns daran gewöhnt, mit unseren Gefühlen ein Leben im Versteck zu führen. Doch einmal ans Licht gebracht, stellen wir fest: In uns ist noch alles, was wir brauchen, um ein wenig grünen und blühen zu können.
„Wer von euch allen der Kleinste ist, der ist groß!
(gepostet von Arno Wittekind)