Geistliche Impulse / Andachten zum Pflücken

Wir sind, was wir sprechen

Gedanken zu 1. Korinther 14,1-12

1
Was dieser Mann wohl vorhat? Auf seiner Sackkarre liegen Sätze über Sätze; es wundert einen, dass ihm noch keiner von der Karre heruntergefallen ist. Die Sätze sind wie ein Heuballen aufgeschichtet. Und es scheint, als käme gerade noch ein Satz aus seinem Mund dazu. Er scheint zu reden und zu reden – aber mit wem? Mit sich selber? Sein Gesicht wirkt freundlich, als sei er mit sich im Reinen. Seine Last aus Sätzen auf der Karre scheint ihn nicht zu stören. Im Gegenteil. Er schreitet munter voran und scheint dabei zu reden. 

Was dieser Mann wohl vorhat? Vielleicht fährt er alle seine Sätze auf einen Abfallhaufen, - weil er ist sein Gerede leid ist es loswerden will?? Oder: Fährt er seine Sätze irgendwohin, um sie dort alle laut auszusprechen? Er hat sie bisher nur vor sich hin gesagt. Jetzt aber sollen sie öffentlich werden. Alle dürfen oder müssen dann hören, was er zu sagen hat – oder was er meint, gleich sagen zu müssen. 

2
Wir sind, was wir sprechen. Das sollten wir uns immer wieder einmal klarmachen. Unsere Worte und Sätze sind ein großer Teil von uns. Unser Schweigen auch. Aber auf dem Bild geht es ja um unser Sprechen, um unsere Sprache.

Wie auch der Apostel Paulus an die christliche Gemeinde in Korinth schreibt: Nichts ist ohne Sprache. Selbst das Schweigen spricht noch. Und dann rät Paulus: Bemüht euch beim Sprechen um die Gaben des Geistes. Es ist besser, ihr redet so prophetisch wie möglich, statt dass ihr in Zungen redet.

3
„In Zungen reden“ ist ein Reden und Beten wie in Ekstase, in einer Art überschäumender Begeisterung. „Etwas“ geht mit einem durch – und das ist jetzt nicht negativ gemeint. Jemand ist von etwas so ergriffen oder begeistert, dass er oder sie es anderen mitteilen möchte – was aber meistens nicht gelingt. Denn die Sprache, in der man „in Zungen“ redet, hat man selber nicht mehr im Griff. Andere verstehen sie dann auch nicht. Das Beten ist dann mehr ein „heiliges Stammeln“, für einen selber und für andere oft nicht mehr zu verstehen. Man ist eben „außer sich“; in Ekstase.

Das „prophetische Reden“, wie Paulus es hier nennt, unterscheidet sich davon. Es ist ein Sprechen in Klarheit und in bester Hoffnung, dass der Geist Gottes in den Worten liegt. Und dass dieser Geist uns fähig macht zum Guten, zur Liebe. Das ist ja auch die Überschrift, die Paulus über seine Worte setzt: Strebt nach der Liebe! Sprecht und handelt so, dass Eure Liebe erkennbar wird.

4
Wir sind, was wir sprechen. Und auch, was wir schweigen. Wieder wüsste man jetzt gerne, ob der Mann auf dem Bild seine vielen Sätze wegwerfen oder sprechen will. Das wüsste man manchmal auch gerne bei Menschen in unserer Nähe. Man fragt sich dann: Können sie wohl auch mal schweigen? Müssen sie zu allem etwas sagen, obwohl es der vorige Mensch doch auch schon gesagt hat? Und warum eigentlich können manche nicht auch einmal schweigen?

Wer viel redet, braucht das auch. Man hört sich dann gerne reden – aber, mehr noch: man spürt dann nur noch beim Reden, dass man lebt. Und fürchtet das Schweigen, als sei man dann nicht mehr am Leben. Darum hoffe ich sehr, dass der Mensch auf dem Bild erkannt hat, dass er nicht mehr überall alles sagen muss und seine viele Sätze jetzt zum Abfall fährt. Vielleicht, hoffentlich, will er ab jetzt nur noch das sagen, was der Liebe dient. Das müssen dann nicht so viele Sätze sein.

5
Wir sprechen sicherlich manchmal begeistert, aber vermutlich sprechen wir nicht „in Zungen“ – also überschäumend und wie in Ekstase. Das müssen wir auch nicht. Es genügt, wenn wir uns den Rat des Apostel Paulus zu Herzen nehmen und das möglichst bevor wir das Wort ergreifen: Strebt nach der Liebe! Bemüht euch möglichst, andere durch euer Reden aufzubauen.

Es wäre ein wenig stiller in unserer Welt, wenn wir die Worte, die wir sprechen möchten, vorher noch ein wenig erfühlen würden, also nicht einfach unbedacht drauflosreden würden. Dann wäre auch Zeit zu überlegen, ob meine Worte und Sätze andere auf- oder erbauen. Das geht nicht immer, natürlich; aber bemühen könnten wir uns schon. Es gibt nichts Sinnvolleres im Leben, als nach Liebe zu leben. 

Wer liebevoll sprechen kann, lebt auch in der Liebe.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Momo und das offene Ohr

Momo und das offene Ohr

1
Auf einem Granitblock am südlichen Rande des Zooviertels von Hannover sitzt seit 2007 eine kleine Bronzefigur, entworfen von der Künstlerin Ulrike Enders. Dargestellt ist Momo – das Mädchen aus dem gleichnamigen Roman von Michael Ende. Das große Ohr in ihren Händen deutet auf ihre besondere Begabung hin: Momo hatte die Fähigkeit, „ganz Ohr zu sein“.
 
Michael Ende schreibt dazu: „So kam es, dass Momo sehr viel Besuch hatte. Man sah fast immer jemand bei ihr sitzen, der (..) mit ihr redete. Und wer sie brauchte und nicht kommen konnte, schickte nach ihr, um sie zu holen. Und wer noch nicht gemerkt hatte, dass er sie brauchte, zu dem sagten die anderen: ‚Geh doch zu Momo!‘“
 
Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören.
 
2
Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher sagen, Zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.
 
Tatsächlich ist es ein großer Schatz, wenn wir in unserem Bekannten- und Freundeskreis so eine „Momo“ haben – oder selbst in der Lage sind, anderen „ein Ohr zu schenken.“ Jemand hat einmal gesagt: „Unser größtes Kommunikationsproblem ist: Wir hören nicht zu, um zu verstehen. Wir hören zu, um zu antworten.“ Wahrscheinlich kennen die meisten von uns diese Erfahrung: dass wir beim Zuhören gedanklich schon längst mit unserer eigenen schlauen Antwort beschäftigt sind.
 
Wenn wir aber verlernen, wirklich zuzuhören, verlieren wir den Kontakt zu anderen Menschen genauso wie den Kontakt zu Gott. Gleichzeitig verlieren wir mit der Fähigkeit zum Zuhören auch die Möglichkeit, uns korrigieren zu lassen und weiterzuentwickeln.

3
„So ist es kein Wunder, dass die Bibel immer wieder auffordert, bewusst zuzuhören. Als Jesus seine Jünger losschickt, gibt er ihnen mit auf den Weg: „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich“. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass die Worte irgendeines Christen unkritisch gleichgesetzt werden könnten mit dem Wort Gottes. Wohl aber steckt dahinter die Erinnerung, dass Gott immer wieder durch andere Menschen zu uns spricht.
 
In jeder menschlichen Begegnung, in jedem Gespräch kann es geschehen, dass Gott uns begegnet und zu uns spricht. Gerade deshalb ist es so wichtig, empfänglich zu bleiben für das leise Reden Gottes inmitten der unzähligen äußeren und inneren Stimmen, die unsere Ohren und Herzen täglich bombardieren. Wir brauchen das „Momo-Ohr“, um wachsam zu sein für die oft leise und zarte Stimme, die uns immer wieder liebevoll ermutigt, korrigiert und dabei hilft, Gottes Spuren zu entdecken – in unserem kleinen Alltag und in der großen Welt.
 
4
Das Bild von Momo und dem großen Ohr ist mir immer wichtiger geworden und doch muss ich es mir immer wieder auch ins Gedächtnis rufen.
Es erinnert mich in dem oft hektischen Alltag daran, ein offenes Ohr zu behalten – in allem Reden und Tun die Stille nicht zu vergessen, die mich wachsam hält für die Menschen, denen ich begegne, ebenso wie für die Stimme Gottes, die mich dort erreicht, wo ich empfänglich bin: in der Begegnung, im Lesen der Bibel, im wachen Blick auf meinen Alltag, im Erleben der Natur und in jedem bewussten Atemzug.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Paulus‘ Liebe zu Menschen

1
Dieses Bild ist nicht ganz leicht zu ertragen, man muss es schon etwas länger betrachten. Eine hagere Gestalt, der Kopf schmal, ein struppiger Bart. Dieser Blick, die aufgerissenen Augen; die sehnigen Hände. Die Rechte – verkrampft sie sich oder deutet sie eine Segensgeste an, wie wir sie von Jesus kennen? Im linken Arm liegt ein Schwert, die Hand hält ein Buch. Wort und Waffe – das Wort als Waffe oder die Waffe als Lösung, wenn das Wort nicht wirkt? Der Mund scheint sich zu öffnen, man sieht zwei Zähne blitzen. Redet der Mann? Ich bilde mir eine scharfe, eindringliche Stimme ein.
 

2
Der zweite Blick. Es könnte auch ganz anders sein: Dieser Mann macht gerade eine erschreckende Erfahrung. Er sieht etwas, das ihn zutiefst erschüttert. Eine Erscheinung. Und kann sich nicht von der Stelle rühren. Will vielleicht zurückweichen, doch hinter ihm ist eine Wand, bedeckt mit kryptischen Zeichen. Faszination und Erschrecken zugleich spiegeln sich in seinem Gesicht. So etwas kennt man auch im Zusammenhang mit Gottesbegegnungen. Faszination und Erschrecken. Oder hat er gerade etwas gelesen, das ihn völlig aus der Bahn wirft? Ein Wort, das ihn bis ins Innerste trifft, alles auf den Kopf stellt, was er bisher gedacht, geglaubt, für wahr und richtig gehalten hat?
 
3
Bei genauem Hinschauen lässt sich in der linken oberen Ecke der Titel des Bildes entdecken: Der Apostel Paulus. Paulus aus Tarsus, Jude mit römischer Staatsbürgerschaft, einst glühender Christenverfolger und dann, nach seinem Bekehrungserlebnis, ebenso glühender Christus-Missionar. Ein Mann, der Gefängnisse von innen kennt. Ein Mann, der weiß, was Entbehrung ist. Ein Mann, der für seine Botschaft brennt, der darunter leidet, wenn er nicht gehört
wird. Das Bild zeigt ihn aufgewühlt, voller Emotion, durchlässig für das, was auf ihn einstürmt, und ebenso bereit, all das seinem Gegenüber entgegenzuwerfen. Voller Eindringlichkeit und Intensität.
 
Es sieht aus, als ginge durch diesen Menschen etwas hindurch, das nicht von ihm ist, das ihn ergriffen hat und das er zugleich nicht für sich behalten kann. Etwas Unaussprechliches, das doch gesagt werden muss. Etwas, das ihn hin- und herreißt. Es könnte mit dem zu tun haben, was er als seinen Dienst, seine Lebensaufgabe ansieht: die Botschaft von Jesus Christus zu verkünden.
 
4
Im zweiten Brief an die von ihm gegründete Gemeinde in Korinth führt Paulus eine scharfe Auseinandersetzung mit der Gemeinde über den richtigen Dienst eines Apostels. Schließlich greift er zum Stilmittel der Ironie und rühmt sich in seiner „Narrenrede“ der Gefährdungen, derer er bis dahin ausgesetzt gewesen ist: Folter, Gefängnis, Schiffbruch, Hunger und Durst, tägliche Gefahren. Als solch oft hart Geschlagener brennt er für die Ausbreitung des Evangeliums und setzt sich für die von ihm gegründeten Gemeinden ein.
„Heiliger Eifer und heiliger Zorn“ ergreifen ihn, wenn er gefährdet sieht, was seiner Meinung nach allein Heil verspricht: Leben in der Nachfolge von Jesus Christus, dem Herrn.
 
Kaum mag man bei diesem Bild erahnen, dass dieser Paulus auch andere Töne anschlagen kann. Dass es eigentlich Liebe zu den Menschen und Liebe zu Gott ist, die ihn im Innersten antreibt.

Ganz am Schluss des zweiten Korintherbriefes, als alles gesagt ist, was gesagt werden musste, klingt dieser andere Ton durch: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“

Schön wenn man trotz allem Eifer Menschen so sehen kann.

Eine gesegnete Wochen wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Die Kirche im Dorf

1

Der eingerüstete Turm einer Dorfkirche. Wenn die Sanierung dort beendet ist und das Gerüst abgebaut ist, muss die Fassade des Kirchenschiffs neu verputzt, das Dach erneuert, die Heizung repariert, der Gemeindesaal renoviert werden. So wie hier in Castrop, die Kirche, das Wichernhaus, die Heizung in der Pauluskirche, die Orgel, jetzt das Gemeindebüro und die darüber liegenden Wohnungen, und im Jugendzentrum in der Luisenstraße muss auch bald wieder etwas getan werden, Heizung und Fenster sind renovierungsbedürftig.  Das Leben ist eine Baustelle.

So sehen das auch die Menschen, die den Turm zu Babel bauen: „Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.“ (1. Mose 11,2-4)

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Es scheint so, dass zum Menschsein die Selbstverwirklichung durchs Bauen gehört. Für die Generation meiner Eltern war das eigene Haus ein wichtiges Lebensziel. Die Arbeiter wollten raus aus den engen Mietwohnungen, andere hatten durch Krieg und Vertreibung alles verloren. Die eigenen vier Wände bedeuteten Sicherheit, Status und Lebensqualität – und eine Wertanlage für die Kinder, die es einmal besser haben sollten.

An einem Ort bleiben dürfen. Etwas hinterlassen. Darum wohl bauen wir oft mehr, als wir bräuchten. Die Generation meiner Eltern hat sich verschuldet, hat Wochenende für Wochenende auf der Baustelle verbracht und sich den Rücken krumm gearbeitet. Sie bauten Häuser, die größer sind, als dass sie und wir Nachkommen sie wirklich nutzen können. Viele Familien stellt das vor Probleme, wenn die Eltern pflegebedürftig werden und die Kinder weggezogen sind.

Was legen wir uns und den Generationen nach uns nicht alles auf mit unserer eifrigen Bautätigkeit? 

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Keine Kirchengemeinde ohne Bauausschuss, (fast) keine Presbyteriumssitzung ohne Tagesordnungspunkt „Bausachen“. Manchmal denke ich: Zeit, die für die Arbeit mit Menschen fehlt, Mittel, die anderswo fehlen.

Die Leute von Babel sprechen aus, warum sie ihren Turm bauen wollen. Die Sehnsucht nach „einem Namen“ treibt sie an. Sie wollen sich „verewigen“, indem sie sich ein Denkmal setzen! Merken sie nicht, wie sie sich dabei selbst versklaven? „Lasst uns Ziegel streichen und brennen!“ In der hebräischen Bibel steht hier ein Ausdruck, der sonst nur noch an einer einzigen anderen Stelle der Bibel vorkommt: Im 2. Buch Mose (5,7). Da wird erzählt, wie die Israeliten als Sklaven für den Pharao Ziegel brennen – mit genau dem Ausdruck, den es sonst nur hier gibt.

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Früher stand die Kirche auf dem Bild in der Mitte des Dorfes. Heute steht sie am Rand. Der Ort ist gewachsen, vor allem seit Ende des Zweiten Weltkriegs, aber nicht in konzentrischen Kreisen um den alten Ortskern mit der Kirche darin, sondern in andere Richtungen.

Längst dominieren unsere Kirchen nicht mehr Orts- und Stadtbilder. Das entspricht der Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft. 

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Meine Kirche ist mir lieb und sie ist erhaltenswert. Der Respekt vor den alten Mauern und der Bauleistung unserer Vorfahren dürfen uns nur nicht zum sprichwörtlichen Kirchturmdenken führen. Aber in einer Welt, die mit uns und unserem Glauben vielleicht immer weniger anzufangen weiß, hat der Kirchturm für mich eine wichtige Botschaft. Er ist ein in Stein gehauenes Gebet und ein Zeichen. Ein Versprechen: Wir sind als Christen (immer noch) da! Und wir werden, diese Welt ins Gebet nehmen und da wo wir die Kraft und die Möglichkeiten haben uns Einsetzen für die Menschen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen. 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Fehlt hier nicht etwas?

1
Mir gefallen diese Schaufensterpuppen nicht so gut, ich denke immer: Fehlt hier nicht etwas?: Sie haben keinen Kopf. Natürlich brauchen sie auch keinen – sie sind ja nur bessere Kleiderständer. Aber sofort habe ich das Bild eines Menschen vor Augen, und dann fehlt mir eben etwas. Ich brauche ein Gesicht, brauche Augen, Ohren, Nase, Mund, damit ich weiß: So sieht ein Mensch aus. So lebt er unter uns. So nehme ich ihn wahr.

Ja, wie nehmen wir andere Menschen wahr? Was ist das Wichtigste für mich bei einem anderen Menschen? Das Gesicht – der Körper – die Hautfarbe? Was ist der erste Eindruck, den ich von einem Menschen bekomme, wenn ich ihn zum ersten Mal sehe? Und was bleibt darüber hinaus in meinem Gedächtnis? Meine Befürchtung ist: Wir bleiben allzu oft an Äußerlichkeiten hängen, die wir dann auch noch bewerten. Und leider allzu oft dadurch auch entwerten. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich diese Schaufensterpuppen ohne Kopf sehe.

 

2
„I have a dream“ – ich habe einen Traum. Diese berühmten Worte aus der Rede von Martin Luther King klingen aus einer anderen Zeit zu mir. 1963 hat er sie in der Rede beim „Marsch auf Washington“ gesagt. Damals war die Unterdrückung der Schwarzen in den USA noch staatlich geduldet oder gefördert. Gerade Martin Luther King und die von ihm angeführte Bürgerrechtsbewegung haben dann gezeigt, dass es einen anderen, besseren Weg gibt als den der ungerechten Unterdrückung großer Teile der Bevölkerung. 

Man könnte meinen, diese Zeit sei vorbei. Und die Gesellschaft hätte in den letzten knapp sechs Jahrzehnten dazugelernt. Es könnte so sein, dass wir verstanden haben, dass alle Menschen vor Gott gleich geachtet und gleich wert sind. Und nicht nur vor Gott – sondern auch vor uns. Aber das ist nicht der Fall. 

Es ist zu einfach, die Verantwortung für solche Missstände nur bei anderen zu suchen. Auch ich selber bin immer wieder mit Vorurteilen behaftet, wenn ich auf andere Menschen schaue. Da geht es nicht nur um die Hautfarbe. Auch andere Äußerlichkeiten verleiten mich dazu, den einen sympathisch zu finden und die andere abzulehnen. Ich bin leider nicht frei davon – und suche selber immer wieder Wege, mich von Vorurteilen unabhängig zu machen und anderen unvoreingenommen zu begegnen.

 

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„Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten“ (Jes. Sir. 35,16). Diese Aussage über Gottes Verhältnis zum Menschen klingt wie eine Fanfare, die eine neue Zeit ankündigt. Stärker kann man es nicht ausdrücken, dass Gott die Menschen anders ansieht, als wir es tun. Für mich klingt hier der alte Menschheitstraum durch, dass es eben kein Ansehen der Person gibt. Und dass auch die, die unterdrückt sind, zu ihrem Recht kommen. Endlich.

Ich finde, das klingt wie das „I have a dream“ von Martin Luther King. Es ist einfach ein uralter Menschheitstraum, dass endlich, endlich alle Menschen die gleichen Rechte haben und dass die Armen und Schwachen dann das bekommen, was sie zum Leben brauchen. Ich träume diesen Traum bis heute. Dass endlich, endlich alle Menschen nicht nur vor Gott, sondern auch vor anderen Menschen gleich viel wert sind. 

 

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Fehlt hier nicht etwas? Diese Frage vom Anfang kann ich nur bejahen und sagen: Ja, es fehlt etwas! Und zwar eine Würde und Wertschätzung, die für alle Menschen gleich ist. Lassen Sie uns dabei mithelfen, dass dieser alte Traum der Menschheit wahr werden kann. Und zwar deshalb, weil er bei Gott schon lange wahr geworden ist.

 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gestolpert:

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Fast bin ich wirklich gestolpert, als ich zum ersten Mal auf solche Steine stieß, wie sie auf dem Foto zu sehen sind. Gestolpert nicht im wörtlichen Sinn, die Steine sind ja gut eingepasst in die Pflastersteine des Gehwegs. Vielmehr wurde ich herausgerissen aus dem, womit ich gerade in Gedanken beschäftigt war. Ich bin stehen geblieben und habe mich ansprechen lassen von den kleinen, 10x10 Zentimeter großen Gedenktafeln.
 
Diese zehn zum Beispiel auf dem Markt in Castrop. Offensichtlich zwei Familien, die Familie Meyer und die Familie Weinberg mit unterschiedlichen Schicksalen. Die Namen sagen mir nichts, ich weiß nichts über diese Personen. Dennoch ersteht vor meinem inneren Auge ein Bild. Die eine Familie flieht nach China und überlebt. Erich Weinberg entkommt nach Palästina. Bei der Familie Meyer ist das anders, bis auf zwei kommen alle um, auch ein zweijähriges Kind wird das Opfer. Offensichtlich hat man die Familie auch einfach auseinandergerissen und an unterschiedliche Orte deportiert und irgendwo verscharrt oder verbrannt, ohne dass wir etwas über die letzte Ruhestätte wissen.
 
Millionen Menschen sind damals so umgebracht worden. Durch die Steine kommen sie aus der Unkenntlichkeit heraus, werden für mich erkennbare Menschen. Die kleinen Steine rütteln mich auf, lassen die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte in mir wach werden und mahnen mich: Was tust du, damit so etwas nie wieder geschieht?
 
2
Stolpersteine gibt es inzwischen an vielen Orten in Deutschland und anderen Ländern Europas. Es handelt sich um ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das er 1992 begonnen hat. Ende 2019 wurde der 75.000 Stolperstein verlegt. Demnig erinnert mit den Steinen an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben wurden. Vor allem waren es jüdische Frauen, Männer und Kinder, aber auch Kommunisten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma sowie andere, die vom Hitlerregime verfolgt wurden. Demnig hat den Menschen, die in den Konzentrationslagern nur noch Nummern waren und verschwunden sind, ihren Namen wiedergegeben. An den Orten, an denen sie gelebt haben, kann die Erinnerung wieder wach werden. „Man stolpert nicht und fällt hin,“ zitiert Demnig einen Schüler, „man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“
 
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Die Steine sprechen uns an, wo die Menschen zum Schweigen gebracht worden sind. So ähnlich hat es Jesus gesagt. Jedenfalls erzählt es Lukas so: Als Jesus auf einem Esel reitend nach Jerusalem eingezogen war, riefen die Jünger laut und lobten Gott für alles, was sie von Jesus gesehen hatten. Das passte den Pharisäern nicht. Sie sprachen Jesus an: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Jesus antwortete darauf mit dem rätselhaften Wort: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“
 
Ja, Steine können schreien. Mit dem Wort Jesu ist wohl konkret der Tempel in Jerusalem gemeint, der 40 Jahre später zerstört wurde. Bis heute ist die Tempelmauer als Klagemauer ein unüberhörbarer Schrei. Viele Ruinen und Steine sind für uns heute wie stille Rufe aus der Vergangenheit, Mahnung zum Frieden.
 
Auch Stolpersteine sind wie stille Schreie, die zu uns rufen. Sie erinnern uns an Menschen, die von den Nationalsozialisten zum Schweigen gebracht wurden. Sie schreien zu uns, damit diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten und kein Gras über das Unrecht von damals wächst.
 
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Gut, dass Steine schreien. Denn gegenwärtig sagen viel zu viele, wir müssten einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen. Mehr als 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs wird die Erinnerung blasser.
 
Doch mit ihren stillen Schreien rufen die Stolpersteine mich wach. Im Namen Jesu möchte ich tun, was der Versöhnung dient. Und dem Frieden.
 
Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen
Arno Wittekind, Johannes Ditthardt und Dominik Kettling

Ein Kopf passt nicht

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Köpfe über Köpfe, im Regal im Museum. Versteinert aber irgendwie wirken sie „ausgedient“ versteinert.
Berühmte Gesichter, Köpfe mit großen Namen, Köpfe berühmter Philosophen und Götter: Artemis, Asklepios, Athene. Geschmückt mit schönen Haaren, Bärten oder einem Helm. Einst angebetet und verehrt in den Tempeln der Griechen und Römer.
 
Den Göttern zu opfern war ein Muss, damit sie den Menschen wohlgesonnen bleiben. Ihnen verdankten die Menschen ihr Schicksal. Und deshalb war es auch besser, lieber einmal mehr als einmal zu wenig ihnen die Verehrung entgegenzubringen. Der Apostel Paulus hat sich diese vielen Götterstatuen in Athen angeschaut. Lukas berichtet davon in seiner Apostelgeschichte (17,22-34).
 
2
Für alle Gelegenheiten und Schicksalsmöglichkeiten gab es bei den Griechen eine Gottheit. Artemis ist nicht nur die Göttin der Jagd und des Waldes, sondern auch die Hüterin der Frauen und Kinder. Sie gehört zum engeren Kern der Götter des Olymps, als Tochter des Zeus. Asklepios ist der Gott der Heilkunst. Mit seinen heilsamen Kräften soll er sogar einen Menschen aus dem Tod auferweckt haben, was ihm den Ärger der anderen Götter einbrachte – befürchteten diese doch, dass der Mensch, ihnen gleich, unsterblich werden könnte. Asklepios wurde in seine Schranken gewiesen. Athene, Schutzpatronin und Namensgeberin der Stadt Athen, ist zuständig für die Weisheit, die Künste, das Handwerk, aber auch für Strategie und Kampf. Ihr Markenzeichen ist der Helm.
 
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Und damit man auch ja keine Gottheit vergisst und sie so verprellt, gab es in der Metropole Athen eine Statue für „den unbekannten Gott“. Dadurch sind nun alle möglichen Lebenssituationen abgesichert. Jetzt kann nichts mehr passieren. Und doch war die Furcht vor den Göttern groß.
Hierin sieht Paulus seine Chance, mit den Athenern ins Gespräch zu kommen. „Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Dieser Gott lässt sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.“ Verdreht nicht die Reihenfolge und den Menschen den Kopf. Gott hat „durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat“.
 
4
Dieser eine Kopf passt nicht zu den anderen. Er hat keine geflochtenen Haare, keinen Helm. Sein Haupt trägt eine Dornenkrone. Finden Sie ihn? Oder haben Sie ihn, so wie ich erst einmal übersehen. Er steht in der zweiten Reihe, dritter von rechts!
 
Ein Christuskopf. Der große Unbekannte in der Götterwelt. Der ganz andere. Er macht den Unterschied. Der wirklich menschgewordene Gott. „Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns. … Es ist ganz deutlich, (dass) … Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens! Hier liegt der entscheidende Unterschied zu allen Religionen“, schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer.
 
5
Paulus knüpft an den griechischen Götterglauben an und drückt dabei seinen Glauben an Christus in ihrer Sprache aus. Was für eine gedankliche Leistung. Ich wünsche mir für die Kirche und Ihre Verkündiger und Verkündigerinnen, dass wir heutzutage auch die Sprache und Bilder derer verstehen und benutzen, denen wir etwas vom großartigen Evangelium erzählen wollen.
Das heißt nicht unbedingt erfolgreich zu sein. Paulus haben damals viele ausgelacht nur einige wenige schlossen sich ihm an, so heißt es und kamen (dann später?) zum Glauben.
 
Nicht alle, nicht viele, einige. So ist das. Und so ist das.

Eine gute und gesegnete Woche

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gott ist ein großer Musikliebhaber

Das große Halleluja Psalm 150


Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum,
lobet ihn in der Feste seiner Macht!
Lobet ihn für seine Taten,
lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!
Lobet ihn mit Posaunen,
lobet ihn mit Psalter und Harfen!
Lobet ihn mit Pauken und Reigen,
lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!
Lobet ihn mit hellen Zimbeln,
lobet ihn mit klingenden Zimbeln!
Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!
Halleluja!

Vor einigen Jahren habe ich in einer Männer - Seniorengruppe einmal die Teilnehmer gebeten einen Engel zu malen. Fast alle „Modelle“ hatten Flügel, ein weißes Gewand und ein Instrument in der Hand. Irgendwie gehört das auch für mein Bild vom Himmel dazu: Die musizierenden Engel, und der Raum der voller Musik ist. Deshalb gefällt mir auch diese Apsis in der Klosterkirche in Wennigsen, in der Nähe von Hannover.
 
1
Gott mag Musik. Woher ich das weiß? Ich weiß es nicht, aber die Menschen, die in der Bibel von ihren Gotteserfahrungen erzählen, gehen davon aus, dass Gott ein großer Musikliebhaber ist. Deswegen wird zu seinen Ehren musiziert und gesungen. Mit Harfe und Zither, mit Flötenspiel und Saiteninstrumenten, mit hell tönenden und tief schallenden Zimbeln, mit Pauken und Hörnerschall. Und mit Gesang, mit menschlichen Stimmen, mit den Stimmen aller Lebewesen. „Alles, was atmet, lobe den Herrn! Halleluja!“, dieser Aufruf findet sich wie ein Paukenschlag im letzten Satz eines berühmten Gebets, des 150. Psalms. „Alles, was atmet, lobe den Herrn! Halleluja!“
 

2
Gott mag Musik. Seine Welt ist eine Welt voller Klang. Die Engel, die himmlischen Scharen, die Gott umgeben, musizieren zu seinen Ehren. Das Bild aus der Klosterkirche zeigt eine himmlische Welt voller Musik. Engel mit ihren Instrumenten. Wenn wir unseren Blick von Engel zu Engel wandern lassen, entdecken wir die verschiedenen Instrumente, auf denen sie spielen. Im dreieckigen Feld rechts auf Lauten und Psaltern, das ist eine Art hölzerner Kasten, auf den Saiten gespannt sind. Im Feld links auf einer Harfe, einem Xylophon und einer Art Geige. Im Feld über diesen beiden ein Engel mit Laute und ein zweiter mit einer kleinen Orgel. Inmitten der musizierenden Engel sehen wir einen Mann in einem weißen Gewand, umgeben von einer Wolke, der sich zu uns herab neigt, oder der vielleicht die Dirigent ist: Jesus Christus.
 
3
Als ich in dieser Kirche stand und meinen Blick himmelwärts richtete, fragte ich mich: Welche Musik spielen die Engel gerades?
Es muss auf jeden Fall eine Musik sein, die Gott mag. Doch welche Musik mag er? Mag er es eher flott und dynamisch oder leise und besinnlich? Steht er auf Klassik, Pop oder Rock, Blues oder Soul? Liebt er komplizierte Tonabfolgen und Rhythmen oder mag er es eher einfach und eingängig? Und welche Instrumente bevorzugt er? Orgel oder E-Gitarre? Oboe oder Saxofon? Oder hat er am liebsten ein ganzes Orchester mit Chor? Wenn wir in unserer Zeit ein Kirchengewölbe ausmalen würden, würden die Engel sicher auch Instrumente unserer Zeit spielen.
 
4
Welche Musik mag Gott? Ich glaube, dass es eine Musik der Liebe ist. Wenn es im 1. Johannesbrief (4,16) heißt: „Gott ist Liebe“, dann stelle ich mir vor, dass Gott Liebe ausstrahlt und dass die Lebewesen, die in seiner Nähe sind, eben die Engel, diese Liebe spüren. Sie werden berührt und ergriffen von Gottes Liebe und geben ihr Ausdruck, indem sie eine Musik der Liebe spielen und Liebeslieder singen. Der Himmel wird so zu einem von Musik erfüllten Resonanzraum der Liebe.
 
5
„Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben“, heißt es in einem Kirchenlied unserer Zeit. „Die Töne, den Klang, … den Rhythmus, den Schwung, … die Tonart, den Takt … hast du mir gegeben.“
Jeder singt sein Lied, jede singt ihre eigene Melodie. In meiner Lebensmelodie klingt unverwechselbar, was mein Leben und mich ausmacht. Und natürlich wird in den Liedern auch meine persönliche Situation erklingen. Da gibt es das überschäumende Loblied, das ich aus Dankbarkeit schmettere, oder aber auch den (Corona-) Blues, weil ich mich gerade von Gott und der Welt verlassen fühle. Musik bringt mein Leben und das, was mein Leben gerade bestimmt noch einmal ganz anders zum klingen.
Und Gott hört unser Lied, auch dann wenn wir den Eindruck haben, wir stoßen auf taube Ohren:
Aber auch diese Frage muss gestellt werden: Wie kann mein Leben zu einem Liebeslied für Gott werden? Zu einem Lobgesang für ihn?
 
Gott ist Liebe. Gottes Resonanzraum beschränkt sich nicht auf den Himmel, sondern erstreckt sich auf seine ganze Schöpfung. Seine Liebe spüren nicht nur die Engel, auch für uns Menschen ist diese Liebe immer und überall spürbar. Vertrauen wir darauf, dass uns der Resonanzraum der Liebe Gottes umgibt. Lassen wir uns innerlich berühren und bewegen von seiner Liebe. Dann werden wir mit unseren Liedern zu Interpreten Gottes. Dann klingt in meinem Leben die Stimme des großen Musikliebhabers. „Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt deine Liebe, mein Gott.“

Eine gesegnete Woche mit einem Lied auf den Lippen wünschen:

Arno Wittekind, Dominik Kettling und  Johannes Ditthardt

ER lebt mit uns!

1
Dem Knaben Charly Brown ist „hundeelend“. Er nennt auch den verständlichen Grund dafür: „Was macht man, wenn man sich nirgends zugehörig fühlt? Was kann man tun, wenn das Leben an einem vorbeirauscht?“ Diese Fragen sind nicht nur berechtigt, sondern wohl vielen Menschen vertraut. Ebenso vertraut ist vielen, dass sie sich dann „hundeelend“ fühlen (ich verspüre das gerade in der Coronazeit) und sich fragen: Wie soll ich noch leben, wenn ich so empfinde?

Charly hat Glück und kommt sofort dran, als er Lucy aufsucht, die sich als „Psychiatrische Beratung“ ausgibt. Das ist, wie vieles bei Lucy, ziemlich großspurig. Mit ihrer gelegentlichen Grobheit und ihren meist starken Sprüchen verdeckt sie manche Unsicherheiten in sich. Hier aber ist sie zunächst anders. Erst verwickelt sie Charly in ein für ihre Verhältnisse einfühlsames Gespräch und zeigt ihm die eine Welt, die auch für Charly gemacht ist. Das Warten auf eine andere Welt oder das Warten auf ein völlig anderes Leben, so sagt sie in etwa, hat keinen Sinn – was Charly ihr bestätigt. Er stimmt zu, dass er in diese Welt, in dieses Leben geboren wurde. 

Das ist der Moment, in dem Lucy ihre Rolle als „Bera-terin“ verlässt und das tut, was sie am liebsten tut, nämlich Charly anschreien: DANN LEB GEFÄLLIGST AUCH DARIN! Der arme Charly macht vor Schreck eine Rolle rückwärts, liegt platt auf dem Boden und hört dann noch, dass dieser laute Befehl der Lucy ihn auch noch fünf amerikanische Cent kostet. 

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Was für eine großartige Bildergeschichte, finde ich. Man muss vielleicht nicht so rabiat vorgehen, wie es Lucy tut – sie kann eben nicht anders. In der Tiefe ihrer manchmal etwas zu rauen Seele aber hat sie nur recht: Dies ist unsere Welt, dies ist unser Leben; hier gilt es, unser Leben zu leben. Selbstverständlich haben Menschen jedes Recht, sich auch mal „hundeelend“ zu fühlen. Gründe dafür gibt es genug. 

Es gibt aber kein anderes Leben jenseits des Lebens, wo alles besser und schöner wäre. Es gibt dieses Leben. Und dieses Leben machen wir zu dem, was wir für das Beste halten – mit Gottes Hilfe.

3
Auch die Jünger Jesu mögen sich „hundeelend“ gefühlt haben in den Tagen nach dem Karfreitag. Ihr Freund und Gefährte ist tot; der, der ihnen Weg, Wahrheit und Leben war, ist nicht mehr bei ihnen. Meinen sie. Sogar der Fischfang geht schief. Bis ihnen ein Fremder am Ufer den Rat gibt: Macht es nochmal, fischt zur Rechten des Bootes - lebt wieder das Leben, das Ihr habt. Und siehe da, die Fischer konnten die Netze kaum ziehen, so groß war ihr Fang. Da sieht Petrus, was er zuvor nicht erkannt hat: Es ist der Herr! ER lebt mit uns. Darum gelingt uns der Fang.

Lucy ist nicht Jesus; und Charly Brown ist nicht Petrus. Aber etwas ist gleich an diesen beiden Geschichten: Ein Mensch traut einem anderen Menschen das Leben zu. Ein Mensch traut einem anderen Menschen zu, dass er das ihm gegebene Leben bewältigen wird. Und ein Mensch zeigt seine Nähe. „Er lebt mit uns!“ ist die freudige Überraschung des Petrus. Diese Überraschung schenkt ihm wieder etwas Lebensfreude. Er beginnt, seine Empfindung des „hundeelend“ zu überwinden.

Auch das ist eine Folge der Auferweckung Jesu: er zeigt sich, er nimmt wieder teil am Leben seiner Freundinnen und Freunde – auch wenn die ihn vielleicht nicht gleich erkennen. Etwas anderes aber erkennen und erfahren sie in den Tagen und Wochen nach Ostern: „ER lebt mit uns!“ ER traut uns unser Leben zu. 

4
Darum trauen wir uns auch. Unser hoffentlich neuer, leiser Mut und die behutsame Tapferkeit unseres Lebens in schwierigen Zeiten muss nicht unbedingt – wie bei Charly Brown – mit Lucys Gebrüll und Charlys Rolle rückwärts beginnen. Und schon gar nicht mit einer Rechnung für einen guten Rat.

Petrus vollzieht die Wende mit einem eher beschämten Bad im See – als müsse er sich reinwaschen. Er weiß ja um seine Schuld von vor ein paar Tagen. Er hört aber keinen Vorwurf. Im Gegenteil. Beim gemeinsamen Essen bewegen sich alle, gemeinsam mit Jesus, allmählich zurück in ihr eigenes Leben, das ihnen gefehlt hatte. Zugleich wissen sie: „ER lebt mit uns!“ ER traut uns unser Leben zu. 

Leben auch wir – in Gottes Namen und in seinem Geist der Liebe. 

Wer im Namen Gottes lebt, wird von Gott getragen.

Eine gesegnete Woche, ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Hoffen heißt, den Möglichkeiten Gottes trauen

Gedanken zu Markus 16,1-8

1

Ein bleicher Morgen. Nicht mehr Nacht und noch nicht Tag. Die Sonne müht sich, den Nebel zu durchdringen. Der Nebel scheint sich zu wehren. Die Natur wirkt unentschlossen. Im Gegensatz zu den drei Frauen. Weil das Bild „Ostermorgen“ heißt, wissen wir, was hier vorgeht (Markus 16,1): „Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.“
 „Ihn zu salben“ – das ist Jesus, der seit 36 Stunden tot in einem Felsengrab liegt. Von Jesu Tod hatten sich die Soldaten überzeugt. Das Begräbnis musste ja vonstattengehen, bevor der Sabbat beginnt. Wenn schon alle Sinne am Karfreitag in Aufruhr und Unordnung waren, sollte wenigstens äußerlich alles seine Ordnung haben.
 
2

Die Frauen gehen zu einem Liebesdienst. Sie wollen den Leichnam salben. Er soll gut riechen, der Heiland. Sie haben es nicht eilig, erkennen wir auf dem Bild von Caspar David Friedrich. Sie gehen ihren Weg. Die Natur um sie herum schläft. Die Bäume wirken unbelebt, noch unbelebt. In Wahrheit erwarten sie das Leben, das schon in ihnen ist. Wie im Frühjahr - Wir sehen es (erst noch) nicht. Wir wissen es aber. Den Frauen scheint auch das gerade gleichgültig. Sie sind nur mit dem Tod beschäftigt.
Hoffnung haben sie keine. Tot ist tot. Die Frauen eilen ja nicht. Sie wissen, was sie erwartet. Meinen sie jedenfalls. Der Tod ist die Grenze der Hoffnung. So kennen sie es, so lange sie denken und glauben können. Wo es aber nichts mehr zu hoffen gibt, kann es noch Pflichten und Dienste geben, die man erfüllen muss. Der Liebesdienst ist dann Ersatz der Hoffnung.
 
3

Was die Frauen noch nicht wissen, wissen wir. Ihr Rückweg wird ein anderer werden. Ein verstörter, erschrockener. Wo Ruhe war und Unaufgeregtheit, wird Furcht und Zittern sein. Der, dem sie dienen wollten mit einem letzten Liebesdienst, war nicht im Grab. Stattdessen war da ein „Jüngling“ oder Engel, der sprach von der Auferstehung des Jesus von Nazareth. Und er sprach davon, dass die Frauen den Jüngern erzählen sollen, was sie gesehen haben.
Der Rückweg wird zur Flucht, erzählt Markus. „Sie flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“
Zu Recht fürchteten sie sich. Am meisten davor, als verrückt zu gelten. Wo keine Hoffnung ist, da wächst auch keine. Dachten sie.
 
4

Gott denkt aber nicht so. Er denkt und handelt in seinen Möglichkeiten, nicht in unseren. Das ist der Unterschied; der österliche Unterschied. Was Gott will, das geschieht. Und wenn Gott will, dass Jesus von Nazareth aus dem Grab aufersteht, dann geschieht das. Ob die Frauen das für möglich halten oder nicht. Ob die Jünger oder wir das für möglich halten oder nicht. Es geschieht. An einem bleichen Morgen am Rande von Jerusalem. Gott handelt nach seinen Möglichkeiten.
Mehr müssen wir nicht wissen. Unsere Möglichkeiten sind nicht Gottes Möglichkeiten. Gottes Möglichkeiten sind größer, weiter, erhabener. Sie können unser Verstehen weit übersteigen. Wo wir den Tod der Hoffnung sehen, kann Gott neue Hoffnung wecken. Er tut es auch. Weil er es kann. Und weil er will, dass wir Hoffnung haben. Zum Leben gehört Hoffnung. Darum schafft Gott sie auch da, wo wir keine mehr sehen oder haben.
 
5
Wir sollten unser Leben von Gott her denken – mit Gottes Möglichkeiten. Dann wird das Leben nicht leichter, aber es behält immer Hoffnung. Die Hoffnung nämlich: Gott kann immer mehr als das, was ist. Auch bei Ihnen kann er mehr als das, was wir sehen; und auch bei mir.
Darum mag ich Menschen, die wie Hoffnungsfinder sind. Sie sehen etwas so lange an, bis sie eine Hoffnung finden, vielleicht nur eine kleine, aber eine Hoffnung. Sie geben sich nicht ab mit dem, was ist; sie warten oder sehen die Möglichkeiten Gottes. Und früher oder später finden sie Hoffnung. Das sind Menschen mit dem österlichen Unterschied. Sie warten auf die Möglichkeiten Gottes. Und sehen Hoffnung, wo andere eher ohnmächtig wirken.
Hoffen wir auf das, was Gott kann – auch wenn wir das gar nicht immer kennen. Hoffen wir auf das, was Gott kann. Dann finden wir, auch wenn wir zittern und entsetzt sind wie die Frauen, bald neues Leben. Wir sind geborgen. Immer. Noch nicht einmal der Tod nimmt uns aus Gottes Hand.
 
Hoffen heißt, den Möglichkeiten Gottes trauen.

Alles Gute bleiben Sie gesund und behütet.
Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Vom Wert des Menschen

1

Alles in diesem Zimmer ist Leid. Man meint, es mit Händen greifen zu können. Die Kleidung der Menschen, ihre Haltung, die Gesichtsausdrücke. Alle Sinne sind Trauer. Im Bett ist etwas geschehen, was die Menschen verzweifeln lässt; etwas Unabänderliches. Der Tod ist geschehen. Wir sehen den Moment der Erkenntnis. Alles und alle sind wie eingefroren. Es gibt kein Entrinnen mehr. Selbst die gefalteten Hände wirken, als seien sie zusammengewrungen worden wie Wäschestücke.
 
Der Tod ist das Ende. Das erfuhr man körperlich, als mehr zu Hause gestorben wurde. Tagelang, wochenlang, manchmal monatelang. Das Leben ging nicht einfach weiter. Vielmehr war man als Lebender eingestellt auf das Sterben im Nebenzimmer. Man starb ein wenig mit. Wenn jemand nicht zu Hause stirbt, kann man so tun, als sei das woanders. Wie in einer anderen Welt, die mit dem täglichen Leben nichts zu tun hat. Das geht hier nicht, wie wir auf dem Bild sehen. Die nächsten Angehörigen scheinen mit zu sterben. Jedenfalls ist ihre Zeit angehalten. Ihre Körper sind erstarrt. Das Leben steht still.
 
2

Der norwegische Maler Edvard Munch, der mit fünf Jahren seine Mutter verlor, war schon zu Lebzeiten bekannt bis berühmt. Nicht nur in Norwegen, auch in Deutschland. An manchen Orten hat er gearbeitet, vor allem in Berlin, aber auch in Weimar. Für die Berliner Aufführung eines Theaterstückes seines Landsmanns Henrik Ibsen („Gespenster“) fertigte Munch 1906 das Bühnenbild an.
 
Munch war zeitlebens seelisch krank. Er könnte, wie man heute meint, an einer „bipolaren Störung“ gelitten haben, also an extremen Schwankungen der Stimmung, des Antriebs und der Aktivitäten. Das macht zu mancher Zeit antriebsarm bis untätig, zu anderen Zeiten verwegen und fleißig.
 
3

Auf jeden Fall ist der Maler Munch zeitlebens hellsichtig. Also feinnervig für die Leiden der Menschen, die sie heute oft zu verbergen bemühen – sich und anderen. Leid soll nicht sein; jedenfalls das eigene nicht. Man will „funktionieren“, bis es nicht mehr geht. Man will dabei sein und nicht auffallen, jedenfalls nicht unangenehm. Und wenn das nicht mehr geht, soll das Leid möglichst immer noch nicht auffallen – schon gar nicht das Sterben und der Tod. Wo alles strahlt, will man mitstrahlen. Wenn das nicht mehr möglich ist, soll das Hinfällige möglichst unauffällig sein.
 
Karwochen sind möglichst nur woanders.
 
4

Im Zimmer des Bildes ist Karwoche. Der Tod ist nicht nur zu sehen, sondern auch zu fühlen. Der Tod ist wirklich, tatsächlich. So, wie er immer zu uns gehört, auch wenn viele ihn möglichst nicht sehen wollen. Der Tod gehört zu Jesus, auch wenn die Karwoche im Bewusstsein vieler Menschen kaum noch eine Rolle spielt – höchstens als „Osterwoche“. Viele hüpfen so gedanklich einfach über die Karwoche hinweg und erklären sie zur Vorbereitung auf Ostern. Das mag schön einstimmen aufs Fest; hilfreich ist es nicht.
 
Hilfreich ist nur die Wahrheit.
 
Und wahr ist unsere Hinfälligkeit. Wir werden älter, gebrechlicher. Manchen werden dement. In den Altenheimen, die manchmal schöngeredet werden zu „Seniorenheimen“ oder „Senioren-residenzen“, wird gelitten, mit dem Leben schmerzhaft gerungen und gestorben. Manchmal unter ungeheuerlichen Bedingungen. Weil die, die pflegen, wenig anerkannt und schlecht bezahlt werden. Meist geschieht Leid und Tod nur über Hintereingänge, nicht über den Haupteingang. Sehen sollen es möglichst wenige. Warum eigentlich?
 
Warum schauen viele da am liebsten weg, wo wir zutiefst menschlich sind?
 
5

Weil wir uns vor solcher Menschlichkeit fürchten. Es ist nicht schön, sich hinfällig, sinnenverwirrt und sterbend zu wissen. Nein, schön ist das nicht. Es ist aber wahr. Und weil es wahr ist und zu uns gehört, hat es Wert und muss es Wert bekommen mit aller Macht; und allem Geld, das für andere Dinge doch oft sofort bereitsteht. Was sind wir uns wert?
 
Alles, sagt Jesus. Er sagt es im Leben und im Sterben. Er sagt es, weil er vertraut. Gott vertraut. Seinem Vater. Dem Vater der Menschen. Wir haben nicht nur Wert, wenn wir strahlen. Auch dann, wenn wir leiden. Oder diese Welt verlassen. Wir haben Wert, ausnahmslos. Ohne Bedingungen. Gottes Arme sind um uns im Leben, Lieben und Sterben.
 
Wir haben Wert, weil Gott uns in seiner neuen Welt wieder in seine Arme schließt. Wir haben Wert, weiß Jesus, weil wir vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzer Gottes Kinder bleiben.


Eine besinnliche Karwoche wünschen Ihnen
Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettlig und Johannes Ditthardt

Die Seele „scheint“ in allem

1
Hier ist die Not mit Händen zu greifen. Wir sehen es der Frau und Mutter auf dem Bild an. Sie scheint am Ende. Sie schaut zu Boden, die Hände umfassen den Kopf. Das tut man, wenn man keinen Ausweg mehr weiß; wenn man einfach „am Ende“ ist. Man muss dann gar nicht wirklich am Ende sein – es genügt, dass man empfindet, nicht mehr weiterzuwissen.
 Am linken, hinteren Bildrand sitzen noch Menschen, auch sprachlos und regungslos, wie umschattet von der Not, der eigenen oder der der anderen. Vorne schläft ein Kind. Die Augen des Kindes verheißen nichts Gutes. Sie wirken eingefallen. Aber es kann auch einfach große Müdigkeit sein, die das Kind ausstrahlt.
 Der Raum, in dem alle sitzen, wirkt wohnlich, aber schlicht.
 
2
Die Künstlerin Käthe Kollwitz kannte diese Not, eine bittere Armut, wohl nicht am eigenen Leib. Sie konnte sich aber hineinversetzen. Die Eltern der in Königsberg/Ostpreußen geborenen Käthe förderten von Beginn an ihr künstlerisches Talent. Kollwitz studierte, später unterrichtete sie auch. Sie kam in Kontakt mit Gerhart Hauptmann, dessen Theaterstück „Die Weber“ nicht nur sie beeindruckte. Sie nahm sich auf ihre Weise der sozialen Not an und brachte sie in Zeichnungen zum Ausdruck. Sogar in einer Reihe von Bildern mit dem Titel „Ein Weberaufstand“ (1893–1897). Da lagen die wirklichen Weberaufstände schon fünfzig Jahre zurück; die Erinnerung daran wurde aber durch das Theaterstück und Kollwitz‘ Zeichnungen wieder lebendig. Außerdem gab es andere soziale Nöte in der wachsenden Industriegesellschaft.
Große seelische Not erlebte Frau Kollwitz im Ersten Welt-krieg, in dem einer ihrer Söhne als Soldat fiel. Das ließ sie zur leidenschaftlichen Gegnerin des Krieges werden. Nach dem Tod ihres Mannes 1940 floh Käthe Kollwitz vor Bombenangriffen in die Nähe von Dresden. Dort starb sie 1945 – zwei Wochen vor der deutschen Kapitulation. Heute gilt Käthe Kollwitz als eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.
 
3
Not und Armut sind immer mit Händen zu greifen. Das Ärmliche schimmert durch alles. Wir erkennen es in Gesichtern, an der Körperhaltung, der Kleidung und, wenn wir Einblick haben, oft auch an den Wohnungen. In Not verliert man oft die Haltung. Irgendwann geht das Aufrechte nicht mehr. Dann vergräbt man seinen Kopf in den Händen; im schlimmsten Fall lässt man sich gehen.
Solche Armut gibt es auch heute. Vielleicht sehen wir sie selten. Vielleicht schauen wir aber auch oft nicht genug hin manchmal reicht ein Gang durch eine der glitzernden Einkaufsstraßen, die uns schnell erkennen lässt, dass Menschen im wahrsten Sinne des Wortes herunterkommen können. Sie sitzen dann da und betteln. Und wissen nicht weiter. Denn am nächsten Tag wird es wieder so sein, dass sie sich fragen: Wovon soll ich heute leben?
 
4
So fragt auch seelische Not. Die sieht man noch weniger; man erkennt sie aber hinter den Worten. Die seelischen Nöte nehmen zu, sagen Ärzte und Krankenkassen, gerade auch in der Coronazeit. Bei Kindern und Erwachsenen. Da sollten wir wachsam sein. Nicht alles, was uns begegnet, ist so, wie es scheint. Manche Worte und Handlungen von Menschen sind nicht so gemeint, wie sie uns vorkommen. Die Seele „scheint“ in allem. Das sollten wir wissen.
 
5
Die Seele „scheint“ auch in Hiob; in seinen Worten, in seinem Zorn, in seiner bisweilen maßlosen Anklage Gottes. Ich habe Dir, Gott, nichts getan, wütet Hiob; warum also tust Du mir an, was Du mir antust? Das ist ernst gemeint und bitter. Wir sollen es ernst nehmen, wenn ein Mensch an Gott verzweifelt. Dann braucht er Hilfe. Hilfe von Ärzten. Aber auch unsere Hilfe. Wir sind, sage ich unverblümt, in solchen Augenblicken „an Gottes statt“. Wir hören oder kriegen ab, was Gott vorgeworfen werden muss.
 
Ja, muss. Hiob muss reden, wüten; alles muss raus. Seine aufgewühlte Seele scheint in seinen Worten. Da dürfen wir nichts beschwichtigen oder beschönigen, wenn wir jemanden so reden hören. Das müssen wir aushalten. Nur wer sich eingesteht, was bedrückt, kann es überwinden. Wie Hiob. Erst nachdem er gegen Gott wüten durfte, findet er wieder zu Gott: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
 
Gott findet auch die, die meinen, ihn verloren zu haben.
Er scheint dann in die Seele.

Eine gesegnete Woche
Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gott, der mütterliche Vater

Meditation zu einem Bild von Käthe Kollwitz und dem Gedicht „Christen und Heiden“ von Dietrich Bonhoeffer
 
1
Kinder gehen zur Mutter in ihrer Not,
bitten und betteln um ein Stückchen Brot,
wollen nicht sterben den Hungertod.
Und die Mutter verzweifelt und leidet.

 
Das Bild stammt aus vergangenen Zeiten. Und doch ist es brandaktuell. Das Mädchen mit dem flehentlichen Blick dorthin, woher sonst alles Gute kam; der Junge, der nicht locker lassen will, denn er fordert ja nur, was ihm zusteht – und die Mutter, die sein Schreien nicht mehr hören kann, weil sie nichts mehr zu geben hat. So geht es nach wie vor zig Millionen Menschen. Die modernen Medien liefern die Belege frei Haus. An erschütternden Bildern mangelt es nicht. Aber was bewirken sie? Besonders unter Menschen, die sich ihr Einfühlungsvermögen in fremdes Leid bewahrt haben, wächst das Gefühl der eigenen Ohnmacht. So haben sie dann auch ihre eigene Not damit: „Ich kann’s nicht mehr mit ansehen; ich schalte dann den Fernseher aus.“
 
2
Oder sie hängen sich – wie früher als kleine Kinder bei der Mutter – an den Rockzipfel Gottes. In Krisen hatte noch jeder Gott regen Zulauf. Bei Christen wie bei Heiden, um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen:
 
Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle – alle, Christen und Heiden.

 
Einen verlässlichen Ansprechpartner in der Not zu haben, ist ein Segen, auch wenn er dem Auge und dem Ohr verborgen bleibt. Christen finden alles zu ihrer Rettung und ihrem Glück bei Jesus und in seiner Botschaft. Dort kann man Gott begegnen wie von Mensch zu Mensch. Und man wird ihn mit anderen Augen sehen. Nicht als fernes, unnahbares Wesen, sondern als einen, dem nichts Menschliches fremd ist. Ein berührendes Bild zeichnet der Evangelist Johannes in seinem Bericht: Darin spricht Jesus über sein inniges Verhältnis zu Gott und nennt ihn Vater – einen liebevollen, geradezu mütterlichen Vater. Der mit seinen Kindern mit-leidet. Das schafft Vertrauen und Zuneigung.
 
3
Und dann geschieht von Mensch zu Gott, was in dieser Beziehung seinesgleichen sucht:
 
Menschen gehen zu Gott in seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.

 
Eine Provokation: Da ist kein Gott, der über den Dingen steht, sondern in den Niederungen des irdischen Lebens wohnt. Christen sehen im verfolgten und gekreuzigten Jesus von Nazareth ihren leidenden Gott.
Wer so sieht, der hat den Blick geschärft bekommen für Menschen, die heute leiden, wie Jesus seinerzeit.
Eine Mutter, ein Vater – wer auch immer hilflos mit ansehen    
muss, wie das eigene Kind an Hunger stirbt: Gott leidet (mit)
Jeder Mensch, der auf der Flucht im Niemandsland zwischen den Fronten festsitzt, aller Hoffnung beraubt: Gott leidet (mit). Wer dem Rassismus, dem Terror, einem Despoten oder einer aufgehetzten Meute in die Hände gefallen ist: Gott leidet (mit).
Wer zu Haus mit 4 Kindern am Küchentisch sitzt und zwischen Hausarbeit, eigener Arbeit Homeschooling und anderen Bedürfnissen hin und her gerissen ist: Gott leidet (mit)
 
4
Darum: Wer Gott die Treue halten will, verschließt nirgendwo seine Augen vor menschenunwürdigen Zuständen. Der wird etwa – so wie einst Käthe Kollwitz – wenigstens Brot für alle fordern. Und Balsam für die Seele dazu. Solange Christen nicht lockerlassen und ihrem eigenen Glauben folgen, kann Bonhoeffers großes Versprechen auch andere überzeugen:
 
Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod
und vergibt ihnen beiden.



Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wem folge ich? Okuli – Meine Augen sehen stets auf den Herrn

1
Großstadt. Rushhour kurz nach Feierabend. Keine gute Idee, denke ich. Ich hätte doch den Zug nehmen sollen. Vor mir wird wild die Spur gewechselt. Erst im letzten Moment registriere ich, dass ich ganz rechts rüber muss. Der hinter mir hupt wie wild. Sorry, ich bin nicht von hier. Sieht man doch am Nummernschild!
 
Ich fahre von der vierspurigen Straße ab. Jetzt muss es ja besser werden. Das Navi zeigt noch 4 Kilometer an. Gleich bin ich da. In Gedanken bin ich schon beim Abendessen. Dann taucht vor mir die Baustelle auf. Vollsperrung, kein Durchkommen. Ich folge den Umleitungsschildern. „Wenn möglich, bitte wenden.“ Ja, wie denn? Böse schaue ich das Navi an. Folge weiter den Umleitungsschildern. Über den Kreisel, rechts, wieder rechts, scharf links, neuer Kreisel. So werde ich wohl nie ankommen. „Wenn möglich, bitte wenden!“ Irgendwie klingt jetzt sogar die Navi-Stimme aggressiv. Völlig entnervt trommle ich aufs Lenkrad. Ich habe längst keine Ahnung mehr, wo ich bin. Und das Navi kennt den Weg anscheinend auch nicht. Na, super, denke ich. Und jetzt?
 
2
Es gibt Zeiten in meinem Leben, da weiß ich nicht, wie es weitergeht. Muss ich jetzt links oder rechts oder doch weiter geradeaus? Kehre ich um und versuche einen neuen Weg? Dann fühle ich mich, als ob ich vor so einem Schilderwust wie auf dem Bild stehe. Die Pfeile zeigen in alle Richtungen. Sie widersprechen sich. Welcher ist der richtige? Wer hat recht? Ich bin verwirrt. Kein Pfeil ist deutlicher gezeichnet als die anderen. Keiner ist größer oder kleiner. Keiner hervorgehoben. Die Frage bleibt: Für welchen Weg soll ich mich entscheiden?
Dabei geht es meist um mehr, als die richtige Straße wiederzufinden, wenn ich mich verfahren habe. Zum Beispiel: Wage ich die Umschulung oder arbeite ich mit dem Altbekannten weiter? Geben wir die alt gewordene Mutter ins Heim oder schaffen wir es zu Hause? Jeder und jede von uns hat seine und ihre eigenen Fragen.
 
Immer wieder merke ich dabei: Allein komme ich nicht weiter. Ich brauche jemand anderen, der oder die mir den Weg zeigt, Klarheit hat. Der größer ist als alle sich widersprechenden Richtungsangaben.
 
3
Auf dem Bild steht der Pfahl mit den vielen Schildern nicht fest in der Erde. Ein Mann hat ihn sich auf die Schulter gelegt und trägt ihn fort. An seinen Wanderhut hat er eine Blume gesteckt. Fröhlich geht er seinen Weg. Seine Augen sind nach vorne gerichtet. Einen Wegweiser braucht er nicht. Er weiß, wohin er will. Er kennt das Ziel.
 
So einen wünsche ich mir auch! Einen, dem ich hinterhergehen kann. Der den Weg und das Ziel kennt. Der mir aus den Widersprüchen und Wirrungen hilft.
 
4
„Okuli“ hieß der vergangene Sonntag in der Passionszeit. Das ist kein zufälliger Name. Denn die Sonntage vor Ostern wurden nach Versen aus den Psalmen benannt. Der für diesen Sonntag lautet: „Oculi nostri ad Dominum Deum.“ Übersetzt heißt das: „Unsere Augen sehen stets auf den Herren.“
 
Ich höre das als Angebot: Ich kann auf Gott schauen. Er kennt den Weg. Er ist größer als meine Widersprüche. Und er holt mich zurück, wenn ich mich verlaufen habe. Ihm will ich mich anvertrauen. Denn er ist mein Hirte:

Der Herr ist mein Hirte.

Er weidet mich auf einer grünen Au und führt mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.

Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens Willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.
Dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.

Gutes und Barmherziges werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Amen


Eine gute Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Rein und wieder raus – ein Gottesbild

1
Wie sieht es aus, wenn Gott da ist? Woran erkenne ich Gott? 

Ich habe einmal meinen Konfirmanden und Konfirmandinnen diese Frage gestellt und sie gebeten zu malen, wie es für sie aussieht, wenn Gott da ist. Sie sollten abstrakt malen, nicht figürlich, und ihre Stimmungen und Ideen mit Formen und Farben ausdrücken. Einer malte dieses Bild und nannte es dann hinterher „Rein und wieder raus“. Ich spüre Gott nicht immer gleich stark, hat er gesagt. Manchmal ist es nur ganz kurz, wenige Sekunden. Aber wenn er da ist, dann erlebe ich seine Vielfalt und er ist überall zugleich.

2
Für mich hat er damit eine tiefe Wahrheit ausgedrückt. Es ist mit Gott wie mit der Liebe – ich spüre sie nicht immer gleich stark. Manchmal falle ich aus ihr heraus, auch wenn ich am liebsten immer in ihr bleiben würde. Und so ganz abwegig ist der Vergleich ja nicht: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1. Johannes 4,16). Manchmal sind es Sekunden, in denen ich mich gehalten und geborgen weiß. In denen ich verstehe, wie ich gemeint bin und in denen ich ahne, wie vielfältig und lebendig die Liebe ist, wie vielfältig und lebendig Gott ist. Dann kann ich loslassen und mich fallen lassen und mich auf einen anderen verlasse. Manchmal gelingt es mir nicht. Ich suche nach Haltepunkten und Zeichen, die mein Vertrauen festhalten, und entferne mich doch immer weiter von der Liebe. Und das erlebe ich auch nicht selten: Ich erfahre die Liebe häufig, wenn ich sie am wenigsten suche. So ist es manchmal auch mit Gott. Ihn kann ich auch nicht festhalten oder gar „festnageln“. 

3
Wege berühren einander, Farben vermischen sich, der Blick wird geweitet. Wenn Gott da ist, ist das Leben bunt, das Zeichen wird unwichtig, alles wird zum Zeichen für Gott – so wie bei der Liebe. Ich kann ihn nicht festhalten, ihn nicht kontrollieren und ihm nicht vorschreiben, wie er sich mir zu zeigen hat. Manchmal muss ich das „raus“ aushalten, um wieder ein „rein“ möglich zu machen. Und das tut weh. Es gibt nur wenige Lebenswege ohne Umwege. Aber dann, wenn ich mich auf Gott einlasse und mir Zeit nehme, entdecke ich ihn, vielleicht völlig unverhofft. Dann kann ich ihn an vielen Stellen entdecken und finde viele Hinweise auf ihn

Rein und wieder raus. Welcher Weg auf dem Bild ist meiner? Was symbolisiert Gott? Die Umwege, die Schleife oder die Farbflächen? Der Konfirmand lässt es offen. Vielleicht gehören alle Farbstriche zu meinem Weg, und Gott ist die mich umgebende Farbe. Vielleicht brauche ich Gott vor allem in den Schleifen, in denen auf einmal alles auf dem Kopf steht, ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist und ich gar nicht mehr sehen kann, wie es weitergeht. Vielleicht brauche ich genau dann die Ruhe, die von den Farbflächen ausgeht. Sie halten mich und lassen die Schleife gelingen. Rein und wieder raus. 

4
Mit dem Labyrinth von Chartres ist im 13. Jahrhundert ein ähnlicher Weg geschaffen worden. Der Weg führt immer wieder bis kurz vor den Mittelpunkt, macht eine Schleife und findet sich am äußersten Rand wieder. So ist das Leben, so ist der Glaube. Wir erleben ihn in Annäherungen. Immer wieder kommen wir (scheinbar) ganz nah ran und sind dann plötzlich wieder weiter weg. Ganz nah dran – gewiss und dann wieder weit weg, voller Zweifel rein und raus.

Auch Martin Luther hat das so erlebt und er hat einmal gesagt: 

Zum Glauben gehören das Gebet, die Meditation aber auch die Anfechtung. Wir sind manchmal ganz nah bei Gott, finden die Mitte in ihm und doch werden wir angefochten und sind wieder weit weg.

Rein und wieder raus. Manchmal ist es aber so, dass gerade, das „Rausgeführt“ werden mir neue Zugänge verschafft und neue Wege eröffnet. Gott führt nicht selten durch das Dunkel ins Licht, durch den Tod ins Leben. 

Manchmal sind Gottes Wege seltsam verschlungen, und wir fragen uns, wo wir eigentlich gerade stehen. Aber eines ist gewiss, wo wir immer wir auch stehen, wir sind umgehen von seiner Liebe

Eine gute Woche wünschen Ihnen

Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Liebe in stürmischer Zeit!

Neulich fand ich beim Räumen im Keller, noch einen Karton mit unseren Liebesbriefen eine Schleife war um die Päckchen gebunden. Und ich erinnere mich an die Geschichte einer alten Dame, sie hatte auch Briefe mit einem Geschenkband zusammengebunden. Dem Band sah man an, dass sie es häufig geöffnet und sorgfältig verschlossen hatte. Auch das Papier der Briefumschläge, die durch die Schleife zusammengehalten wurden, war mit den Jahren vergilbt, die Adresse nur noch schwer lesbar. Doch die Empfängerin wusste, dass ihr die Zeilen galten – damals wie heute. Oft nahm sie die Post zur Hand, die ihr Ehemann in der kurzen Zeit, in der sie zusammen waren, geschrieben hatte. Dann war für sie alles wie damals, als sie sich kennenlernten und beschlossen, miteinander ihren Lebensweg zu teilen. Seine Liebe trug sie weiter, auch nachdem er an der Front gefallen war.
 
Nur wenige können heute solch einen Schatz ihr Eigen nennen. Zu oft greifen viele zum Telefon anstatt zum Stift, tippen die Gedanken in eine E-Mail oder Kurznachricht, anstatt sie auf Papier festzuhalten. Wann fanden Sie das letzte Mal in Ihrem Kasten einen Brief, der nicht „an alle Haushalte“, sondern an Sie persönlich adressiert, aber keine Rechnung war? Welche Post ist Ihnen so bedeutsam, dass Sie diese bis heute aufbewahrt haben?
 
Manche Großeltern oder Paten nehmen die Taufe zum Anlass, um Gedanken für den weiteren Lebensweg zu verfassen. Zur Konfirmation, der Hochzeit oder anderen wichtigen Lebenswegmarken schreiben nicht nur die, die nicht selbst kommen, ihre Wünsche auf. Solche persönlichen Zeilen schaffen und bestärken Verbundenheit, die auch in schwierigen Lebensphasen trägt. Sie vermitteln dem Empfänger noch nach Jahren: Es gibt Menschen, die mich schätzen! Wir alle brauchen Zeilen und Zeichen der Anerkennung und Unterstützung. Gerade in der Coronazeit in der wir uns nicht regelmäßig treffen können gewinnt das vielleicht noch einmal eine besondere Bedeutung.
 
Als einen solchen Brief lese ich Paulus‘ Botschaft an die Gemeinde in Rom. Aus der umfangreichen Korrespondenz, mit der sie über das Mittelmeer Kontakt hielten, sind die Zeilen von vielen als so wichtig erachtet worden, dass sie die Sätze abschrieben – über Jahrhunderte hinweg. Der Brief hat theologisch und persönlich Geschichte geschrieben, weil die Kraft der Gedanken immer wieder aufs Neue berührt und in Bewegung setzt.
 
Paulus bringt besonders in Römer 5,1-5 auf den Punkt, was für unser Leben als Christen grundlegend ist. Aber es ist wie mit so mancher Post: Auf den ersten Blick, das erste Hören hin wirken die nachfolgenden Sätze kompliziert:
1Weil wir also aufgrund des Glaubens gerecht sind, haben wir Frieden, der auch bei Gott gilt. Das verdanken wir unse-rem Herrn Jesus Christus.2Durch den Glauben hat er uns den Zu-gang zur Gnade Gottes ermöglicht. Sie ist der Grund, auf dem wir stehen. Und wir dürfen stolz sein auf die sichere Hoffnung ,zur Herrlichkeit Gottes zu gelangen.3Aber nicht nur das. Wir dürfen auch auf das stolz sein, was wir gegenwärtig erleiden müssen. Denn wir wissen: Das Leid lehrt, standhaft zu bleiben.4Die Standhaftigkeit lehrt, sich zu bewähren. Die Bewährung lehrt zu hoffen.5Aber die Hoffnung macht uns nicht zum Gespött. Denn Gott hat seine Liebe in unsere Herzen hineingegossen. Das ist durch den Heiligen Geist geschehen, den Gott uns geschenkt hat.
Die ersten Briefkapitel zusammenfassend, erinnert Paulus daran, dass Gott selbst in Jesus Christus dafür gesorgt hat, dass wir trotz all unserer Unzulänglichkeit von Gott nicht verurteilt werden. Wenn wir darauf vertrauen, dass Jesus Christus durch Tod und Auferstehung alles hinweggenommen hat, was uns von Gott trennt, brauchen wir uns vor seinem Urteil über unser Leben nicht zu fürchten. Dann haben wir es auch nicht mehr nötig, ihm oder uns selbst etwas vorzumachen. Wer ehrlich mit sich selbst und mit Gott sein kann, in dem macht sich innerer Frieden breit. Zu begreifen, dass Gott uns so sehr liebt, das ist sein Geschenk an uns, besondere Gnade.
 
Nun ist Paulus zum Glück nicht so naiv, dass er meint, wer als Christ nur richtig glaubt, dem widerfährt nichts. Gleich im nächsten Satz kommt er auf Nöte zu sprechen, den Druck, unter dem Glaubende stehen. Sie erleben Brüche und Traurigkeit. Und manchmal ist das, was uns das Leben zumutet, nur schwer auszuhalten! Da kostet es unendliche Kraft, geduldig zu sein. Da scheint es unmöglich, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass die Zeiten wieder anders werden, dass der Schmerz der Trauer leichter wird, die bohrenden Fragen aufhören, so zu nagen … In solchen schier ausweglosen Situationen wird sich das Gottvertrauen bewähren, denkt Paulus. Und auch das brauchen wir nicht aus uns zu schaffen, sondern weil die Liebe Gottes in unsere Herzen gegossen ist.
 
Als Erinnerung an diese Zusage habe ich Ihnen das Bild oben abgedruckt. Lieber hätte ich Ihnen einen Briefumschlag mit dem Bild und einem Schleifchen persönlich in die Hand gedrückt. Das Foto vom Kap der guten Hoffnung hält für mich Paulus‘ Gedanken symbolisch fest: Die Liebe Gottes zeigt sich auch in stürmischen Zeiten und füllt unser Herz.
 
Vielleicht regt das auch Sie an herzliche Grüße an jemanden verschicken, die oder der gerade Zeilen und Zeichen der Anerkennung und Unterstützung braucht.

Eine gute Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt



Zögern im Namen Gottes

Gedanken zu Amos 5,21-24

 
1
Wenn man auf das Bild schaut, denkt man, glaube ich unwillkürlich – „Falsche Richtung“! Da ist einer der eine andere Richtung einschlägt, andere Wege geht als der Mainstream. Das war ein Kennzeichen der Propheten im Alten Testament. Einer davon war Amos. Dieser Prophet war einer der wenigen, der eine andere Richtung nahm als die Wege, die zu seiner Zeit, etwa 750 Jahre vor Jesus, überall angezeigt wurden.
„Ich hasse und verachte eure Feste … ich habe keinen Gefallen an … tu mir weg das Geplärr deiner Lieder … dein Harfenspiel.“ Das sagte er zu seinen Zuhörern im Namen Gottes! Mit diesen Worten räumt jemand auf und das - öffentlich. Hier redet einer gegen den Strom, gegen das öffentliche Gefallen, gegen das allgemeine Wohlbefinden.
 
In einem Kriminalfilm im Fernsehen war neulich zu hören, wie der Chef zur Mitarbeiterin sagte: Wenn alles in eine Richtung zeigt, geh hin. Die Mitarbeiterin lachte, schaute aber skeptisch, zögerte und ging nicht hin, wohin alles zeigte. Sie behielt recht. Wäre sie dem Rat ihres Chefs gefolgt, wäre das ihr Verderben gewesen.
 
2
Ein Prophet ist einer, der sich dem Allgemeinen verweigert. Nicht immer und überall, aber zunächst einmal in seinem Kopf und Herzen. Prophet ist einer, der nicht ungefragt mitgeht, mitredet, mitsingt oder gar mitgrölt. Prophet ist einer, der auf seinen oder ihren eigenen Gedanken besteht, auf Nachdenken, auf genauer Sichtung der Lage. Niemals würde ein Prophet sagen: Das war schon immer so … das haben wir schon immer so gemacht … das machen doch alle so. Solche Sätze kämen einem Propheten nicht über die Lippen. Vielmehr sagt er: Ich denke, ich glaube, ich meine … nicht wegen des großen „Ich“, sondern wegen des eigenen Kopfes und Herzens. Vor allem aber wegen dem, Was Gott ihnen in Kopf und auf‘s Herz gelegt hat. Und gerade deshalb sind Propheten Menschen, die auf ihrem eigenen Kopf und dem eigenen Nachdenken bestehen. Und dann entweder ihre Meinung behalten – oder sich der Meinung anderer anschließen. Schließlich gehören Propheten zu den Menschen, die sagen: Im Zweifel für Gott; im Zweifel für seine Gebote.
 
3
Propheten haben es nicht leicht, wie man an dem Mann Amos erkennen kann. Er gilt als ältester Prophet im Alten Testament, von dem etwas Schriftliches erhalten geblieben ist. Er muss es nicht selbst aufgeschrieben haben. Vielleicht hatte er Gefährten, die das machten. Auf jeden Fall fanden ein paar Menschen, dass seine Worte nicht in den Wind gesprochen sein dürfen, sondern aufgehoben werden müssen – sowohl die bittersten als auch die wohligsten. In diesen Versen haben wir beides: furchtbare Anklage und schönste Hoffnung. Lauft nicht mit in die Richtung aller, könnte man Amos‘ Worte zusammenfassen, sondern haltet euch an das, was Gott will: Übt Recht und seid gerecht.
 
Es ist kein Vergnügen, Prophet zu sein im Namen Gottes. Das erlebt nicht nur Amos, sondern auch andere, die im Namen Gottes sprechen: Jesaja, Jeremia, Hosea, Jona. Manche landen in Verliesen, andere werden ausgelacht. Reich und berühmt wird keiner. Jedenfalls nicht zu Lebzeiten. Berühmt wurden diese Namen erst, als eingetroffen war, was sie ansagten im Namen Gottes: Gott lässt sich nicht (ver-)spotten. Eines Tages antwortet Gott auf die Verletzung seiner Gebote. Er antwortet auf seine Weise. Ob Amos das Gericht Gottes und den Untergang des jedenfalls haben seine bedeutenden Worte.
 
4
Wenn alles in eine Richtung zeigt, zögere einige Momente, so könnte Amos vielleicht denken. Zögere im Namen Gottes. Übernimm nicht sofort den Schwung der anderen, sondern lass dir deine Zeit. Erinnere dich an Gottes Gebote; prüfe deinen Willen am Wollen Gottes. Wenn du es recht bedenkst, zwingt dich niemand, allen in eine Richtung zeigenden Schildern sofort zu folgen. Du hast deinen eigenen Kopf; nutze ihn.
 
Nutze ihn für den Willen Gottes. Der heißt: Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Gottes (ewiger Wille), zu Karneval/Fasching, in Passionszeiten und sonst auch: Es soll gerecht zugehen zwischen seinen Ebenbildern, seinen Menschen. Keiner und keine soll die Welt verlieren müssen oder sich in der Welt verlieren. Und wenn du dafür gegen den Strom denken und gehen musst, dann tu es.
 
Auch wenn es mitunter nicht danach aussieht: Gott bleibt nahe denen, die seinen Willen lieben und tun.

Eine gesegnete Woche


Ihre Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wo Liebe ist, wird Leben wertvoll

1
Ein Himmel voller Herzen, so will die Einkaufsgalerie gesehen werden. Der „Tag der Verliebten“, der 14. Februar – Namenstag des heiligen Valentin – ist ein wunderbarer Tag für Verliebte und Liebende. Der heilige Valentin soll Verliebten, die er jenseits der Klostermauern gesehen hatte, Rosen geschenkt haben. Das war sehr aufmerksam von ihm. Und obwohl diese Geste ja eher winzig war, hat sie doch die Zeiten überdauert. Immerhin lebte und starb Valentin, nach dem Klosterleben auch Bischof und Märtyrer vom heutigen Terni in Umbrien in Italien, schon 269 nach Christus. Auch der Grund seiner Hinrichtung an einem 14. Februar ist bekannt: er hat Liebende trotz Verbot christlich getraut. Außerdem hat Valentin, so erzählt man sich, den frisch verheirateten Paaren wieder Blumen aus seinem Garten geschenkt. Die Ehen, die von ihm geschlossen wurden, haben der Überlieferung nach unter einem guten Stern gestanden.
 
2
Ob das alles den Geschäftsführern der Einkaufsgalerien bekannt ist, können wir nicht wissen. Etwas anderes aber wissen wir: Die Galerien machen, wenn nicht gerade Corona ist, wie auch die Blumenhandlungen, rund um den 14. Februar gute Geschäfte. Liebende lassen sich die Liebe etwas kosten.
 
Erst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam der Valentinstag als „Tag der Verliebten“ so richtig in Schwung. Manche Städte schmücken sogar Fahrzeuge des Öffentlichen Nahverkehrs, um die Erinnerung daran wachzuhalten. Keiner und keine soll vergessen, sich die Liebe etwas kosten zu lassen. Hoffentlich kommt es nicht so weit, dass die Liebe von Menschen zueinander an Geschenken zum Valentinstag gemessen wird. Liebe muss nicht teuer sein, um groß zu sein.
 
3
Davon erzählt eine Liebesgeschichte, die sich im vergangenen Jahr in England ereignet hat. „Ich liebe Dich“ das waren die ersten Worte von Pauline Worall an ihre Mutter, so erzählt sie es später. Nach 36 Jahren Schweigen, die ersten Worte. Mit zwei Jahren wird die Tochter nervenkrank. Der Körper versagt in vielem seinen Dienst. Sprechen geht auch nicht mehr durch eine teilweise Lähmung des Gehirns. Ein Leben im Rollstuhl beginnt. Ohne Sprache.
 
Dann die neue Maschine. Wenn Pauline sie ansieht, wandelt der Computer die Bewegungen ihrer Augen in Sprache um. Eye–Tracking, ein Wunder der Technik. Pauline probiert das sofort aus. Und ihre ersten Worte sind: „Ich liebe Dich“ Sie sagt das zu ihrer Mutter; und die ist überglücklich. Sie hört ihre Tochter zum ersten Mal sprechen.
 
4
Technik kann ein Wunder sein. Wir müssen dann nicht verstehen, warum das alles und wie das alles funktioniert. Hauptsache, die Technik hilft, hilft einer Schwerstkranken. Und schenkt ihrem Leben Wert. Mehr Wert als Liebe geht nicht. Die Mutter hat sich Jahrzehnte um ihre Tochter bemüht. Mit Hilfe vieler Pfleger und Pflegerinnen. Nie konnte die Tochter ein Wort sagen, sich ausdrücken. Bis jetzt. Da sagt sie: Ich liebe Dich.
 
Dieser kurze Satz bringt alles auf den Punkt, was wir Menschen alle nötig haben – ob gesund oder krank, ob Kind oder Erwachsener, ob arm oder reich: Und da, wo jemand dieser Satz zugesprochen wird, da wird das Leben reich. Liebe macht wertvoll. Da mag geschehen, was will; da mögen wir noch so klug sein oder schön - ohne Liebe sind wir wie eine Glocke mit Riss, verstimmt und schief. So beschreibt es der Apostel Paulus in seinem berühmten Hohelied der Liebe (1. Ko. 13):
 
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete
und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz
oder eine klingende Schelle.
 
Das Geliebtsein ist es oft auch, das uns Menschen nicht selten in die Lage versetzt, Dinge oder Situationen zu tragen, die wir nicht verstehen oder nicht erklären können.
Liebe verändert auf jeden Fall und schenkt unserem Leben Sinn. Liebe schenken und geliebt werden macht glücklich.
 
5
Valentin schenkte damals seine Rosen aus reiner Freude an den und an die Verliebten. Er wollte nichts verkaufen, keine Geschäfte machen. Er wollte seine Wertschätzung ausdrücken für die Liebenden und die Liebe. Liebe ist eine Himmelsmacht; Gott ist Liebe.
 
Wo Liebe ist, wird Leben wertvoll.

Eine gute Woche wünschen Ihnen Ihre Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Die große innere Freiheit

1
Schöner Spruch, und natürlich passt das hierher: Für die nicht der „Pottsprache“ Mächtigen: „Glauben gibt es nicht an der Bude, am Kiosk, den lernst du mit den Kumpels.“ Glauben kauft man nicht, will das sagen, den lernt man in Gemeinschaft mit anderen.

Das ist wohl wahr.

Mir fällt sofort ein, dass Menschen erzählen, sie stammten aus einer Familie, in der „Glaube“ nichts Besonderes war, sondern einfach dazugehörte wie Essen, Waschen und Schlafen. Es wurde kein Aufhebens davon gemacht. Es wurde auch nicht sonderlich viel gebetet. Eher manchmal, beinahe unauffällig. Auch der Kirchengang war unauffällig. Man ging nicht jeden Sonntag, war aber selbstverständlich dabei. Die Kinder wurden getauft und gingen zum Kindergottesdienst. Das verstand man nicht als besondere Leistung oder als einen gedanklichen Kraftakt. Und bei vielen anderen Kindern und Heranwachsenden war das genauso. Der Glaube wurde nicht an der Bude „gekauft“ – wie einmal für immer –, der Glaube war dabei und wuchs mit. Als Selbstverständlichkeit.

2
Diese Zeiten sind eher vorbei. Jedenfalls im Großen und Ganzen. Mit den Kumpels macht man auch heute noch viel, aber nicht mehr so viel in Sachen Glauben. Jugendgruppen gibt es auch in vielen anderen Einrichtungen als nur in der Kirchengemeinde.

Umso schöner, wenn – wie auf dem Bild – ein Kinder- und Jugendhaus ähnlich wie dem in der Luisenstraße der Kirchengemeinde noch solche Sprüche an der Wand hat. 

Zu unserem Glauben gehört die Gemeinschaft, die Kumpels und das vermissen wir gerade sehr schmerzlich. Gemeinsam mit anderen erlernt der Glaube sich und wächst, wie der Verstand wächst und die Gefühle auch. Er ist dann einfach Teil des Lebens.

Man kann sich Glauben erarbeiten, das geht. Leichter ist es aber, man erlernt und lebt Glauben mit anderen. 

3
Was Inhalt des Glaubens ist, ist nicht kompliziert lässt sich eigentlich ganz gut in wenigen Worten zusammenfassen aber dieser Inhalt verändert das Leben. 

Etwa siebzig Jahre nach Tod und Auferweckung Jesu sitzt einer seiner treuen Nachfolger, ein gewisser Johannes, als römischer Gefangener auf der kleinen Ägäisinsel Patmos. Viel Sonne, viel Meer, kein Entkommen. Den römischen Herrschern passte der christliche Glaube nicht. Man betete ja nicht den Kaiser an, sondern einen unsichtbaren Gott. Schmucklos war der Glaube damals auch noch, von einem gekreuzigten Gott ganz zu schweigen. Johannes auf der Insel Patmos schmachtet vor sich hin, erlebt dann aber etwas Herausragendes, was er sofort aufschreiben muss. Eine himmlische Stimme sagt zu ihm: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige ... 

4
Welch ein Satz! Welch ein Trost! Es sind nicht viele Worte, aber ein gewaltiger Inhalt, den man in Stein meißeln möchte. Was Johannes dann ja auch getan hat, bildlich gesprochen. Er hat diese Worte mithilfe der Kirche über zweitausend Jahre zu uns getragen. Sie sagen: Keine Macht der Erde hat die Macht, die Gott hat. Wir mögen den Mächtigen manchmal oder oft ausgeliefert sein; ihre Macht aber ist vergänglich. Eine Macht bleibt: die Macht Gottes.

Johannes wusste sich von diesen Worten getröstet. Nach etwa einem Jahr als Gefangener kam er wieder frei. Die Mächtigen hatten wohl keine Angst mehr vor ihm oder meinten, er sei ein armer Spinner mit seinem Gottesglauben. Dann erzählte er seinen Gemeinden, was er auf Patmos erlebt hatte: eine große innere Freiheit, weil Gott zu ihm sagte: Fürchte dich nicht.

5
Glaube ist eine große innere Freiheit. Gott ist der Herr der Geschichte, der Herr aller Mächte und Gewalten. Er trägt die Schwachen und schenkt ihnen große innere Freiheit. 

Und wenn Sie Glauben suchen sollten und Ihnen vielleicht die „Kumpels“ dazu gefehlt haben oder fehlen, dann versuchen sie es doch hier miteinander in der Paulus Kirchengemeinde. Und wir wünschen uns für Sie der Erfahrung, der Glaube ist keine gewaltige Arbeit, sondern Vertrauen in diesen kleinen, aber gewaltigen Satz: Gott liebt sie, er ist Herr von allem. Er ist es, der mein Leben trägt und sie nicht alleine lässt. – Was auch kommt.

Es kann nur etwas wahr werden, woran man glaubt. Und die große innere Freiheit des Glaubens wird wahr, wenn man sie sich so sagen lässt und auf sein Herz legt, wie Johannes sie beherzigt hat: „Fürchte dich nicht! Gott ist der Erste und der Letzte und der Lebendige.“

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen, Armo Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Zur Jahreslosung 2021

 

Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist. Lukas 6, 36

Die Logik des Lukas hat etwas Bestechendes: Nur wer Barmherzigkeit erfahren hat, kann barmherzig sein. Es ist wie mit der Liebe, die man nur geben kann, wenn man sie selbst erfahren hat. Das hat nichts Mathematisches, es handelt sich um keine Gleichung. Es ist Leben aus Erfahrung, die das Herz und das gesamte Dasein prägt. Barmherzigkeit, sich erbarmen können, Mitgefühl haben, das kommt aus dem eigenen Gefühl der Gewissheit heraus, sich nicht zu verlieren, wenn man sein Herz für andere öffnet.

Das Gegenteil ist menschliche Kälte. Es kann aber auch ein Selbstschutz sein: sich Dinge vom Leib halten, nicht alles auf sich einstürmen lassen aus der Sorge, mich im Leid anderer zu verlieren. Lukas macht Mut, diese Sorge zu überwinden- Barmherzigkeit macht stark. Sie ist Grundlage für ein erfülltes Leben.

Viele Erfahrungen sprechen dafür, dass es die Sprache der Barmherzigkeit gegenwärtig schwer hat. Wer irgendeinen Fehler macht, wird in den sozialen Netzwerken zuweilen geradezu hingerichtet. Uner-bittlichkeit, Häme und Hass verdrängen alle Barmherzigkeit.

Die Rettung der Flüchtenden auf dem Mittelmeer kommentieren manche mit dem Tenor: Lasst sie ertrinken, denn sie sind selber schuld, wenn sie sich in eine solche Lebensgefahr begeben. Das ist Ausdruck menschlicher Kälte und himmelweit weg von dem Wort Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

In diesem Pandemie-Jahr ist Barmherzigkeit eine zentrale Ressource, an der sich entscheidet, ob wir geschwächt oder gestärkt aus dieser Erfahrung hervorgehen. Nicht darum kann es gehen, wortstark und mit Getöse uns Gehör zu verschaffen, um damit für unsere Freiheit streiten. Sondern um Barm-herzigkeit und Mitgefühl: Sich in die Lage der 87jährigen in ihrem Seniorenheim am Stadtgarten (oder einem anderen Altenheim in Castrop) versetzen, oder in die Lage der Krankenschwester im Rochus oder dem EVK, die angesichts der vielen Covid-19-Kranken mit ihrer Kraft am Ende ist, oder in die des zweijährigen Jungen, der mit seiner Fami-lie in einer 2 Zimmer-Wohnung lebt und spürt, wie die Angst der Eltern um sich greift. Es sind diese Bilder, die anrühren, die bewegen sollten.

Dass es Zeiten gibt, auf denen wir besonders auf uns selbst achten, ist nachvollziehbar. Wie man sich bei einer schweren Erkrankung für einige Zeit fokussieren und nur auf sich konzentrieren muss, damit die Heilung vorangeht, so ist es auch bei einer Krise wie der Corona-Pandemie. Doch zugleich ist es gut, die anderen im Blick zu behalten, empfindsam für einander bleiben, die Türen für einander offen halten.

Das Wort Barmherzigkeit hat für Manche vielleicht etwas Altertümliches, etwas „Gestriges“, das es nur noch bei der Kirche gibt. In dieser Sicht passt es zu Weihnachten, wie mancher Baumschmuckbarock, gut für den Moment, aber nicht von Dauer. Für mich ist Barmherzigkeit viel mehr: es ist ein Programm, ein Auftrag Gottes an uns alle. Sei barmherzig mit dir, sei barmherzig mit anderen, du verlierst nichts dabei. Du gewinnst. Wer barmherzig ist, schließt verfahrene Situationen auf, der erreicht Herzen und schafft Umdenken bei Festgefahrenem.

Wir werden diese Barmherzigkeit in 2021 sehr brauchen, und ich rufe alle auf, es mit dieser Barmherzigkeit füreinander zu versuchen. Wie wir durch das nächste Jahr kommen, hängt ganz maßgeblich davon ab, wie sehr wir zu solcher Barmherzigkeit in der Lage sind.

Gott ist die Quelle der Barmherzigkeit. Seiner Barmherzigkeit dürfen wir gewiss sein. Damit ist der Grund gelegt, dass wir diese Barmherzigkeit nun auch selbst ausstrahlen. Ich bin mir sicher, die Wirkung wird uns überraschen. Dahin uns aufzumachen, das neu zu entdecken, wäre ein sehr guter Vorsatz für das Jahr 2021: Aus der Kraft Gottes, ohne Sorge, aus Freiheit barmherzig zu leben.

(Leicht veränderte Version einer Andacht von Heinrich Bedfort-Strohm (Ratsvorsitzender der EKD) zur Jahreslosung 2021)

Eine gute Woche wünschen Ihnen
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Ein gutes neues Jahr 2021

Vom Wachsen des Reiches Gottes

Matthäus 13,31-33 – Gleichnis vom Senfkorn
 
1 Grüner Baum
Von weitem betrachtet, fesselt als erstes der große Baum meinen Blick. Er hat einen dicken Stamm und knotige, verschlungene Rindenmuster. Seine Blätter stehen in saftigem Grün. Ich kann mir vorstellen, wie abenteuerlich man darauf klettern kann. Oder wie man darunter den Vögeln beim Zwitschern zuhören kann. Ich hätte Lust, etwas von den roten Früchten zu naschen, die an den Zweigen hängen. Gott sei Dank für die schönen Dinge, die er wachsen lässt!
 
2 Tür und Turm
Wenn ich einen Schritt näher an das Bild trete, fällt mein Blick auf die Treppe. Sie führt zur Tür unter den beiden Laternen. Die beschriebene Buchseite im Hintergrund ist mit kleiner, alter Schrift beschrieben. Die ganze Buchseite sieht aus wie ein alter Turm mit einer ehrwürdigen Eingangspforte. Es wirkt so, als würde die Tür mitten hineinführen in die Seite oder in ein ganzes Buch.
 
3 Bibeltext
Wenn ich noch einen Schritt näher herantrete, kann ich den Text auf der Buchseite lesen. Dort steht unter anderem das Gleichnis vom Senfkorn (Mt 13,31-33), mit dem Jesus das Reich Gottes beschreibt. Das winzige Senfkorn wächst und wird so groß wie „ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“ Der Baum im Bild könnte aus genau einem solch kleinen Samenkorn entstanden sein.
 
4 Hintergrund
Das Bild ist aufgebaut, wie es auch die Arbeit in der Gemeinde sein kann. Hinter allem steht die Kirche, die aus den Worten unseres Glaubens gebaut ist. Viele Menschen haben in Kirchen wichtige Stationen ihres Lebens erlebt:
Taufe, Konfirmation, Trauung oder auch Beerdigungen. Oft verbinden sie mit Kirche insgesamt das, was in dem Kirchengebäude passiert. Solche Sicherheit gebenden Traditionen gilt es zu pflegen, damit Kirche erkennbar bleibt.
 
Und trotzdem bieten die von einigen lieb gewonnenen und gepflegten Traditionen auch ein Hindernis für andere. Genauso erscheint es mit dem Treppenaufgang zur Kirchentür im Bild. Obwohl er in die Kirche hineinführt, verhindert er gleichzeitig einen barrierefreien Zugang. Es lohnt sich zu überlegen, was in unserer Kirche zum Kern des Glaubens und zur Gemeindearbeit gehört. Und es lohnt auch darauf zu schauen, was zwar gefestigte Tradition ist, aber trotzdem für manche eher eine Barriere auf dem Weg zu Kirche und Glaube ist.

5 Vordergrund
Vor der Bibelseite und vor der Tür steht der große Baum. Er kann genau für die Bereiche von Gemeindearbeit stehen, die nicht ausschließlich in Kirchengebäuden mit einem engen Kreis von Menschen stattfinden. An vielen Orten haben sich Kirchengemeinden auf den Weg gemacht: Es gibt Hauskreise, Musikgruppen, Hilfsangebote, Gottesdienste an anderen Orten und in anderen Formen sowie noch vieles mehr.
 
Wir haben gerade während der Corona-Pandemie im letzten Jahr ganz zarte Ideen und Versuche umgesetzt. Da wir unsere Gebäude für einige Zeit schließen mussten, haben wir (versucht) sprichwörtlich ein Senfkorn vor der Tür der Kirche gesät, so wie das bei dieser Andacht zum Pflücken der Fall ist. Einiges davon ist aufgegangen. Anderes ist auch an Stellen gewachsen, wo wir es nie vermutet hätten. Und wir hoffen, dass manches Körnchen davon so groß geworden ist, dass Menschen darin neue Heimat gefunden haben. Bei manchem davon dachte vielleicht jemand: „Da ist ein Stück vom Reich Gottes gewachsen.“ Und nun gibt es neue Bäume, die gemeinsam mit traditionellen Formen die Menschen am Reich Gottes teilhaben lassen.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Trost in dunkler Nacht

Ehemals wurden in der Silvesternacht böse Geister vertrieben. Der böse „Corona Geist“ scheint auf diesem Land zu liegen und die meisten sorgen sich und fragen, wie alles werden wird, nachdem uns das Jahr 2020 lehrte, dass wir längst nicht alles so beherrschen, wie es den Anschein hatte. Der Apostel Paulus hat einen wertvollen Trost gegen die Furcht.
 
1
Ob das damals wirklich jemand geglaubt hat? Dass die Knallerei zum Jahreswechsel böse Geister vertreibt? Offensichtlich. Jahrhunderte lang war das ein wesentlicher Grund, warum Menschen am Altjahresabend mit viel Lärm und Getöse durch ihr Dorf oder ihre Stadt gezogen sind. Sie haben damit versucht, das zu Ende gehende Jahr mit seinen Gespenstern auszutreiben. In der Hoffnung, dass das neue Jahr frei von Dunkelheiten und bösen Mächten beginnt.
 
2
Die Germanen sollen die Silvesternacht besonders gefürchtet haben. Deshalb veranstalteten sie traditionell ein „Höllen-spektakel“. Jeder machte so viel Lärm, wie er nur konnte. Je lauter desto besser. Sie zündeten sogar Holzräder an, die sie brennend ins Tal rollen ließen, um die Dunkelheit und die bösen Geister zu vertreiben.
 
Noch im Mittelalter wurde zu Silvester Lärm gemacht. Damals nahm man Rasseln, Töpfe und andere Gegenstände, um Lärm zu erzeugen. Der Hauptgrund für das laute Treiben war auch hier die Abwehr böser Geister. Mit dem Christentum kam ab dem 10. Jahrhundert das Läuten der Kirchenglocken und das Spielen von Pauken und Trompeten hinzu, später dann auch das Abfeuern von Gewehren und Kanonen. Erst zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es dann durch die Massenproduktion möglich, für alle Feuerwerkskörper käuflich zu machen. So hat das Zünden von Böllern, Raketen und anderen Feuerwerks-körpern eine lange Tradition.
 
3
In den letzten Jahren aber wurden kritische Stimmen lauter. Feinstaub, Dreck auf den Straßen, Lärmbelästigung und die unglaublich hohen Summen, die in der Silvesternacht im wahrsten Sinn des Wortes „verpulvert“ werden. Jährlich sollen es mehr als 100 Millionen Euro sein, die in unserem Land für Böller und Feuerwerkskörper ausgegeben werden.
Ob heute wirklich noch jemand glaubt, dass die Knallerei zum Jahreswechsel böse Geister vertreibt? Wohl kaum.
Die bösen Geister des Jahres 2020 waren eher kleine Viren, die innerhalb weniger Wochen das öffentliche Leben auf der ganzen Welt komplett zum Stillstand gebracht haben. Wenn es also etwas zu vertreiben gäbe, dann die kleinen Krankheitserreger. Wenn sie – wie auf dem Bild – wirklich durch laut knallende und bunt leuchtende Raketen zu vertreiben wären, wäre in diesem Jahr wohl das spektakulärste Silvesterfeuerwerk aller Zeiten zu bewundern. Es ist jedoch alles anders, um dem Virus weniger Chancen zu geben ist das Feuerwerk sogar in vielen Städten, zumindest an den öffentlichen Plätzen verboten. Außerdem wissen wir, um Viren zu vertreiben, braucht es keinen Lärm, sondern medizinischen Rat. Deshalb hatten in diesem Jahr auch völlig zu Recht Virologen und Mediziner vielfach das Sagen. Und jetzt liegt alle Hoffnung auf den Impfstoffen
 
4
Bleibt aber trotzdem die Frage nach den bösen Geistern, die bereits unsere germanischen Vorfahren umgetrieben haben. Wie ist es damit im 21. Jahrhundert?
 
Heute würden wir sie nicht mehr Geister nennen. Aber Sorgen und Ängste, Zweifel und Anfechtung kennen wir gut. Auch oder vielleicht gerade im zu Ende gehenden Jahr waren sie an manchen Tagen ein ständiger Begleiter. Haben uns und unsere Gedanken bestimmt. Und wer in der vergangenen Zeit selbst konkret von Krankheit betroffen war oder Angst um seine Existenz haben musste, der hat die „Geister“ näher zu spüren bekommen als ihm lieb war.
 
Doch selbst in der dunkelsten Nacht braucht es keinen Lärm, um die Nacht zu vertreiben. Das haben wir zu Weihnachten gefeiert. „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!“ hat Dieter Trautwein gedichtet (EG 56). Und Paulus schreibt es in der Epistel zum Altjahresabend aus dem Römerbrief im 8. Kapitel: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römer 8,38f.)

Einen gesegneten Übergang in ein hoffentlich normaleres Jahr 2021 wünscht Ihnen Ihre Paulus Kirchengemeinde Castrop
Arno Wittekind, Christine Rosner, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wie Gott zu uns kommt