Wochenandacht

Wandelt als Kinder des Lichts!

1
Was schenkt man jemandem, der schon alles hat und auch sonst nichts braucht, weil er als Mensch immer so viel gibt? Das ist doch stets die gleiche Frage im kultivierten Miteinander. Buch – Flasche – Dekorationsartikel – Süßes – CD? Dekorationsartikel!
 
Ja, solche Glühlampen kann man wirklich kaufen! Sie sind selten, aber es gibt sie in unterschiedlichen Ausführungen. Ein Kreuz ist jeweils in der gläsernen, bauchigen Hülle eines Leuchtmittels. Mit der Fassung dran sieht das Produkt fast vertraut aus. Wenn da nicht der Glühfaden fehlen würde. Aber dafür ist ja das Kreuz drin. Das, so verspricht das Produkt, also das Kreuz, soll auch wirklich leuchten. Mit drei Watt – nun ja. Es ist eben nur Dekoration. Leider entspricht das Produkt auch nicht mehr der EU-Norm. Aber das ist dem Kreuz sowieso egal. Wahrscheinlich.
 
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Und den Menschen? Kann es eigentlich nicht egal sein. Licht ist ja mehr als Helligkeit: Es macht uns glücklich, oder traurig, wenn es fehlt; es kann uns stressen und beruhigen. In der Dämmerung wird der Mensch verletzlich. Dunkelheit macht unsicher. Licht ist ein Mittel, unsere Seele zu steuern. Und es beeinflusst unsere Gesundheit. Es gibt Studien, die zeigen: Wenn wir da, wo wir arbeiten, wenig Tageslicht abbekommen, werden wir unzufrieden und gesundheitlich anfällig. Forscher gehen mit Lichtmessgeräten durch Innenräume. Sie arbeiten daran, dass die richtigen Lampen Pflegebedürftige heilen, weil die dann endlich Schlaf finden. Sie arbeiten an Lampen, die die Büros der Angestellten lebenswerter machen – und müde Schüler munter.
Die Hinwendung zum Licht ist so alt wie der Mensch: Kaum ein Bedürfnis ist tiefer in der Geschichte unseres Lebens verwurzelt. Schon Einzeller bewegen sich zur Helligkeit, Pflanzen drehen sich zur Sonne und erhalten lebenswichtige Stoffe aus ihrem Licht. Wenngleich die Technik noch nicht bis ins letzte Detail ausgefeilt ist, zeigt sich doch ein Umdenken in der Beleuchtungsbranche.
 
3
Da fällt mir doch wieder das Kreuz in der Glühbirne ein. Das ist allerdings der Beleuchtungsbranche egal. Wahrscheinlich. Aber der Mensch braucht Licht. Und so, wie er Licht braucht, braucht er Menschen, die selbst wie das Licht sind. Auch die Hinwendung zueinander ist so alt wie der Mensch, ein tiefes Bedürfnis. Die Welt braucht lichte Gestalten. Auch diese Menschen tun der Seele gut und machen muffige Büros erträglich und Schulräume freundlich.
 
Darum sollen wir Kreuzträger als Kinder des Lichts leben, so sagt es die Bibel. Kinder des Lichts, Gottes Fotovoltaikanlage sozusagen. Christen und Christinnen speichern das Licht, das sie von Gott erhalten und geben es wieder ab.
 
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Meinetwegen auch in drei Watt. Warum nicht. Keiner muss sein wie die Sonne, keiner kann sein wie Jesus. Fangen wir doch mit drei Watt an. Im Vergleich mit der sommerlichen Helligkeit draußen ist das zwar wirklich nicht viel. Aber der Winter kommt früh genug. Darum: Licht an! Und nach dem Sonnenbad vielleicht auch mal selber leuchten. Für andere.


Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Spar deinen Wein nicht auf für morgen

Gedanken über Sorge und Vertrauen (Matth. 6,26 und 34)
 
1
Ein warmer Sommertag im Juli. Die Luft ist erfüllt vom Duft des Lavendels, die Natur steht in voller Blütenpracht. Es ist mitten in der Woche. Arbeit gibt es genug – im Garten oder im Haushalt, bei den Hausaufgaben der Kinder oder der Erledigung des bürokratischen Papierkrams.
 
Plötzlich klingelt es. Unerwarteter Besuch steht vor der Tür. Unter dem Arm frisches Baguette, das köstlich duftet und eine gute Flasche Wein im Korb. Eine Verlockung, der man sich kaum entziehen kann. Weshalb denn auch? Weil es noch so viel anderes zu tun gäbe? Weil nicht Wochenende ist? Weil wir am nächsten Tag womöglich mit Kopfschmerzen aufstehen? Weil …
 
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Nein, nichts ist wichtiger als das Beisammensein mit Menschen, die man gerne hat und von denen man gemocht wird. Im heimischen Kühlschrank finden sich noch Camembert und Salami. Schnell werden die Köstlichkeiten auf einem Tuch im Garten ausgebreitet und die Gläser gefüllt. Die Sonne scheint warm, die Hummeln summen, der Wein beschwingt uns, und durch die Luft klingt unser heiteres Gelächter.
 
Eine wohlige Trägheit breitet sich in uns aus. Ein Zustand, den wir uns im Urlaub zugestehen und den wir uns doch so oft für unseren Alltag wünschen. Säßen wir in einem südfranzösischen Kinofilm, würden wir diese Stunden als selbstverständlich empfinden und uns leise dorthin sehnen. Doch wir sind hier. In Deutschland.
 
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Dennoch: Was geht es uns doch gut … Jetzt und heute. In uns entfaltet sich das Gefühl von Dankbarkeit. Eine Dankbarkeit, die uns ahnen lässt, dass das bereitete Mahl mehr ist als Essen und Trinken. Wir empfinden Geborgenheit, Nähe und Vertrauen. Im Zusammensein mit Menschen überwinden wir unsere eigene Begrenztheit.
Wie schmerzlich das „Aufsichselbstzurückgeworfensein“ ist, haben wir vor einiger Zeit während der Corona-Beschränkungen erfahren müssen. „Social Distancing“ – soziales Abstand halten – als Ausdruck von Fürsorge; eigentlich ein Widerspruch, wenngleich in der Situation in den vergangenen Monaten notwendig.
 
 
4
Doch mit dem Wissen um die Zerbrechlichkeit unseres Zusammenseins sollten wir jede Gelegenheit ergreifen, das Leben zu feiern. Wann immer es geht. Vielleicht erinnern wir uns an den berühmten Satz von Martin Buber: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
 
Leben wird von Begegnungen bestimmt. Unser Ich entfaltet sich nur in der Begegnung mit einem Du. Die Begegnung von Ich und Du verbindet sich zu einer Beziehung. Wir finden uns in einem Zustand des „Aufeinanderbezogenseins“. Das hat uns Gott vorgelebt, er will die Begegnung mit dem Menschen, deshalb wird er selber Mensch. Er kommt uns nah, begibt sich in unsere Welt, Leiden inklusive. Kein Oben und Unten, auf Augenhöhe, ganz nah auf du und du
 
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Das hat uns gezeigt, wir können selbst die Brücke sein, die Begegnungen ermöglicht. Durch ein hilfreiches Wort, einen aufmunternden Blick, ein mitfühlendes Herz, ein fröhliches Lachen oder offene Arme. Wir können Gastgeber für das Leben sein. Von dem Liedermacher Gerhard Schöne gibt es ein Lied mit dem schönen Titel: „Spar deinen Wein nicht auf für morgen.“ Daher mögen ihm die letzten Zeilen gehören:
 
Spar deinen Wein nicht auf für morgen.
Sind Freunde da, so schenke ein!
Leg was du hast in ihre Mitte.
Durchs Schenken wird man reich allein.

Eine gute Woche mit vielen Begegnungen wünschen Ihnen
Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling, Johannes Ditthardt

Wunder vor blauem Himmel

Gedanken über Sorge und Vertrauen (Matth. 6,26 und 34)
 
1
Wir sehen ein Wunder. Lägen wir mit dem Rücken im Gras und schauten nach oben, könnten wir das etwa so sehen oder uns – mit einer Hochleistungskamera – so nahe vor unsere Augen holen. Ein lebendiges Kunstwerk, dieser Vogel. Und wie er hier fotografiert worden ist, ist er von perfekter Eleganz im Gleiten oder im Flug. Federn ineinander, übereinander; sie schützen, sie machen den Flug, sie wärmen oder kühlen den kleinen Körper – jeweils, wie es gebraucht wird.
 
Der Vogel weiß nicht, dass er ein Wunder ist. Das erkennen nur wir: das Wunder vor blauem Himmel.
 
2
Erkennen wir noch Wunder? Oder verlieren Wunder ihren Zauber, je mehr wir mit ihnen zu tun haben? Das Leben ist ein Wunder. Und je genauer wir hinsehen und hinhören können, desto größer wird der Zauber. Natürlich ist Leben nicht immer schön; es ist auch grausam. Die Natur ist kein friedvolles Spiel im Sandkasten. Da geht es um Leben und Überleben, um Macht und Ohnmacht. Manches in der Natur bringt seine Tage damit zu, sich vor Feinden zu schützen. Elegantes Ausruhen kennen viele nicht. Wir vergessen das nicht, wenn wir von „Natur“ sprechen.
 
Aber jetzt erkennen wir mal das Wunder des Lebens. Soweit wir das heute wissen, gibt es im Weltall nichts Vergleichbares. Wo immer die Forscher hinschauen, sehen sie Geröll auf Planeten und ihren Monden. Da glänzen vielleicht mal Farben, aber wohl kein Leben. Das Leben glänzt auf Erden. Leben ist ein Wunder.
 
3
Der Vogel, der Mensch, Sie und ich, sind Wunder. Vermutlich hätten wir es nicht erfinden können, das Leben. Wir können es nur bestaunen. Wie Jesus es bestaunte und fragte (Matth. 6,26): Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr kostbarer als sie?
 
Für Jesus war klar, wem wir das Wunder des Lebens verdanken: dem himmlischen Vater. Er sorgt, er trägt Verantwortung; er will Leben. Er, der himmlische Vater, will uns. Und kümmert sich um uns – sogar mehr, als für andere Geschöpfe. Wir sind ihm noch kostbarer. Kurz darauf sagt Jesus ja noch: Selbst prachtvolle Lilien, die verblühen und im Ofen landen, sind Gottes Werk. Er sorgt für sie; aber noch viel mehr sorgt er für uns Menschen.
Wo sich einer um uns sorgt, müssen wir uns weniger um uns sorgen.
 
4
Auch wir Menschen sind Wunder vor blauem Himmel. Natürlich müssen wir uns zunächst eingestehen: Manchmal ist es schrecklich, wie Menschen ihr Leben zubringen – oder zubringen müssen. Manche Lebensgeschichten sind voller Leid; oder ausgeübter oder erlittener Gewalt. Das ist wahr.
 
Aber andere Leben sind eher gemütvoll und liebenswürdig lebendig. Zugleich aber auch voller Sorge. Als müssten wir alles tun und uns um alles selber kümmern. Das müssen wir nicht; wir können es gar nicht. Das merken wir manchmal. Wir fühlen uns dann als wären wir am Ende und wissen nicht mehr vor und zurück vor Sorge. Wie soll das alles werden? fragen wir uns dann. Jesus weiß das. Er sagt ausdrücklich: Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. Und wünscht sich dann für uns was er selber gut kann: Vertraut, dass Gott weiß, was ihr braucht.
 
Sorge und Vertrauen gehören eng zusammen. Wo viel Sorge ist, ist weniger Vertrauen. Manche Sorge muss sein; wir können nicht sorglos „ins Blaue“ hinein leben. Aber um alles sorgen können wir uns auch nicht, das überfordert Herz, Seele und Körper.
 
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Vielleicht sollten wir einfach öfter mit dem Rücken im Gras liegen und in den Himmel schauen; entweder tatsächlich oder wir sollten gedanklich so tun: uns mit allen unseren Sorgen einfach ins Gras legen und nach oben schauen. Nach oben, wo der ist, der sich um uns sorgt und der für uns sorgt. Ich könnte mir vorstellen, dass das Jesus auch so gemacht hat. Er war nicht sorglos; er war auch kein Träumer oder Schwärmer. Er war einer, der vertrauen konnte; der abgeben konnte, was er nicht schaffte.
„Bitte, Gott“, könnte er dann geflüstert haben, „bitte kümmere dich auch. Lass mich nicht allein mit meinen Sorgen.“
 
Das hilft, dieses Abgeben. Schon wenn man es ausspricht und Gott bittet, wird man etwas leichter. Schon dieses Nichtstun und in den Himmel schauen macht etwas leichter. Wir sind nicht allein. Niemand ist allein. Der himmlische Vater ist da, bei uns alle Tage bis an der Welt Ende.
 
Wer sich ihm anvertraut, trägt an seinen Sorgen etwas weniger schwer.
 

Eine  wunderbare gesegnete Woche
Ihre
Arno Wittekind , Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Was wäre wenn....?

1
Ein nebliger Morgen am Bodensee. Da liegt es also, das Fischerboot am Ufer des Sees. Die Netze im Boot. Die Markierungsstangen ebenso wie die roten Kanister, die die Enden der Netze über Wasser halten. Nur dieses eine Boot ist zu sehen. Keine Orientierung. Was hinter dem Nebel kommt, wie weit es zum anderen Ufer ist, bleibt im Dunst des Morgens verborgen. Hier ist heute nichts zu fangen. Es macht keinen Sinn. Zu mühsam, die Netze im See wiederzufinden. Keine Sicht. Und trotzdem schon zu hell. Nein, wirklich. Es würde keinen Sinn ergeben.
 
So hat er es gelernt vom Vater, der wie er Fischer war. Und dieser wiederum von seinem Großvater. Seit Generationen sind sie schon Fischer auf der Insel Reichenau. Dann bleibt er heute doch lieber zu Hause und hängt den Fang von gestern in den Räucherkamin. Als junger Mann hatte der Fischer vielleicht noch aufbegehrt gegen das Wissen der Väter, gegen Tradition und generationsübergreifende Erfahrung. Doch auch er hat akzeptiert, dass es eben so ist, wie sie es von Generation von Generation weitergeben, auch er wird es so machen, wenn seine Tochter alt genug ist, um den Beruf der Fischerin zu ergreifen.
 
2
Szenenwechsel.
Was wäre, wenn ….? Diese Frage stellt sich, glaube ich jedem einmal im Leben. Sie gehört oft in fröhliche Runde am Abend mit dem Bier oder dem Wein in der Hand. Fantasieren und Träumen kann ja jeder einmal. Aber dann am nächsten Morgen, weiß man von nichts und schiebt es wieder weg. Was wäre wenn....
 
Was wäre, wenn der Fischer, dem das Boot am Bodensee gehört, dennoch rausfahren würde, um die Netze ausbringen? Was wäre, wenn die Netze dann heute doch noch voll wären? Fischfang wider Erwartung. Erfolg trotz Zweifel. Was wäre, wenn die alten Weisheiten der Väter und Großväter nicht mehr greifen würden?

3
So eine „Was-wäre-wenn-Begebenheit“ erzählt Lukas in seinem 5. Kapitel.  Am Ufer eines anderen Sees, in einem anderen Kulturkreis, in einer anderen Zeit. Und doch – die Lebenserfahrungen gleichen sich: „Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen“. Petrus, der diese Worte spricht, versteht seinen Beruf. Tagsüber sind keine Fische zu fangen. Tagsüber und in tiefem Wasser … das macht keinen Sinn! Was wäre, wenn?
 
Scheinbar aber hat ihn Jesus beeindruckt. Es werden wohl beeindruckende Worte gewesen sein, die Jesus vom Boot des Petrus zu den Menschen gesprochen hat. So beeindruckend, dass er gegen die Erfahrung, gegen die Vernunft noch einmal hinausfährt auf den See. Das Ergebnis?!!?: Anders als erwartet: Die Netze waren übervoll. Das zweite Boot musste zu Hilfe kommen, um die Fische an Land zu bringen. Und: Petrus, der Fischer? Er  gibt seinen Beruf auf und findet seine Berufung.
 
4
Szenenwechsel.
Was wäre, wenn …? Was wäre, wenn wir aufhören würden, über die schlecht besuchten Gottesdienste zu klagen und stattdessen Menschen einladen würden, mit uns dort hinzugehen? Was wäre, wenn wir unseren Nachbarn, Kolleginnen, Freunden erzählen würden, dass wir bei der Kirche engagiert sind, vielleicht sogar mit Freude? Was wäre, wenn wir uns aufmachen würden zu den Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben? Was wäre, wenn wir in Kirche und Gemeinde der Kraft des Evangeliums vertrauen würden? Was wäre, wenn wir gemeinsam Räume und Orte gestalten und herrichten würden, statt über fehlende finanzielle Mittel zu klagen?
 
Das bringt nichts? Das hat noch nie etwas gebracht? Das funktioniert nicht? Angst vor dem Scheitern?
Und wenn doch? Jesus macht uns Mut am Ende der Geschichte: Fürchte dich nicht!
Brechen wir auf. Die Boote stehen zur Abfahrt bereit.

Eine gesegnete Woche Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Die Logik der Welt

Johannes der Täufer oder die Logik der Welt

1
Ja, das ist eine so feine wie gruselige Logik auf dem Bild. Die Reporterin fragt nach einer Tatsache: Deutsche Fabriken liefern, mit Genehmigung der Regierung, immer mehr Waffen in Krisengebiete. Beinahe empört erhält sie darauf die Antwort: „Ja, wo sollen wir denn hin mit den ganzen Waffen?“ In seiner Logik hat der Mann natürlich Recht. Die Logik geht so: Wir verfertigen die Waffen, also müssen sie auch irgendwohin. Wohin genau? Natürlich dahin, wo sie gebraucht werden, nämlich in Krisengebiete. Und was machen die dort mit den Waffen? Wenn sie schon mal da sind, werden sie auch genutzt: Menschen verwunden oder töten damit so genannte Gegner. Dafür wiederum können die angeblich nichts, die solche Waffen herstellen, denn sie töten ja nicht. Das tun andere. So dreht sich die Logik hin und her, bis alle unschuldig sind. Es geht auch zuerst gar nicht um Munition und Waffen und Töten; zuerst geht es ums Geld. Geschäfte, die gemacht werden können, werden auch gemacht.
 
Auch das eine Logik. Und keiner sagt Nein.
 
2
Doch, einer sagt Nein. Johannes der Täufer sagt Nein zu solcher Logik. Er verweigert sich der Logik der Welt. Er hat sich damals, zurzeit Jesu, solch einer Logik verweigert; heute würde er es wohl ebenso tun. Natürlich gibt es auch noch andere, die sich der Logik der Welt verweigert haben oder heute verweigern. Viele davon kennen wir nicht mit Namen. Dafür danken wir ihnen aber im Stillen. Vielleicht lebten wir gar nicht mehr, hätten sich nicht etliche der Logik der Welt verweigert. Die Logik der Welt verlangt immer: solange die Fragen hin und her schieben, bis alle unschuldig sind. Solange debattieren, bis der Aufstand blutig niedergeschlagen ist oder der Widerstand gebrochen wurde. Auch mit Waffen aus Deutschland.
 
Dann ist das Geschäft ja auch längst gemacht. Und die Sache in trockenen Tüchern.
 
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Johannes aber hat eine andere, höhere Logik. Nach der lebt er, am Ende leidet er und wird hingerichtet. Hingerichtet auf eine Art, die kaum zu ertragen ist bei dem aufrichtigen Johannes. Er hatte dem König Herodes dessen Lebens- und Regierungsstil vorgehalten. Das mögen Herrschende nicht. Daraufhin, man mag es kaum aussprechen,  „verschenkt“ der König sozusagen das Haupt Johannes des Täufers an eine Tänzerin, die ihn darum bat und die ihn verzückt hat. Wer dem König dumm kommt, muss sterben. Auch eine Logik der Welt.
 
Johannes der Täufer verweigert sich dieser Logik, von Anfang an. Er lebt anders, er kleidet sich anders, er isst anders und er verzichtet auf Besitz. Seine Logik heißt: Das Ziel meines Glaubens ist meiner Seele Seligkeit. Die erlange ich, Johannes, nur im tiefen Einklang mit den Geboten Gottes. Verweigert euch faulen Kompromissen, verzichtet auf zu viel Besitz, schenkt den Armen, was ihr nicht braucht – und noch ein bisschen mehr. Vor allem aber: Sagt Nein, wenn euch jemand auffordert, Gewalt zu üben oder zu hassen oder Unrecht zu tun. Sagt Nein zum faulen Geschäft und zum Über-den-Tisch-Ziehen anderer. Redet euch nicht heraus, sondern sagt Nein. Sagt es einfach. Und tut es dann auch.
 
Wir können gegen die Logik der Welt oft nichts tun. Wir können aber anders sein. Wir können Nein sagen, wenn wir aufgefordert werden, von wem auch immer, die Gebote Gottes zu verletzen. Wirklich dazu zwingen kann uns selten jemand. Wir leben in einem freien Land, das vom Recht geprägt ist.
 
4
Die Seligkeit der Seele ist ein hohes Gut – ebenso wie das reine Gewissen vor Gott. Es ist oft nicht leicht, den Weg zu finden, den Jesus gehen würde. Selbst Jesus wusste nicht immer, was gerade recht ist. Dann suchte er sich Rat im Gebet. Und wenn auch das nicht hilft, was gewiss vorkommt, geht man „besten Wissens und Gewissens“, wie Johannes. Man geht und tut, was man meint, vor Gott und seinen Geboten verantworten zu können. Man kann dann immer noch schuldig werden oder den besseren Weg verpassen – aber man hat sich bemüht, wirklich bemüht. Man hat versucht, aufrichtig zu ergründen, was für alle Beteiligten der richtige Weg zur „Seelen Seligkeit“ ist. Und man hat Nein gesagt zur Missachtung von Gottes Willen. Man hat sich bemüht, besten Wissens und Gewissens.
 
Viel Kraft für die vor Ihnen liegende Woche

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Jesus als Fremdkörper


Über verlieren und gefunden werden

1

Etwas verloren wirkt der Jesus hinter dem Metallgatter. Sein Kreuz ist verwittert, der Körper am Kreuz sieht etwas verschmutzt aus. Als habe Jesus schon lange in starken Wettern gestanden, Regen und Schnee abwehren müssen. Und dann hat man auch noch dieses große Metallband oder Zaun vor ihn gestellt, eine Art Lärm- und Sichtschutz. Keiner weiß, warum das Kreuz gerade an dieser Stelle steht. Es könnte die Mitte eines Friedhofs sein. Aber muss man einen Friedhof vor Blicken und Lärm schützen?

Jedenfalls wirkt er ziemlich verloren, der Jesus hinter dem Zaun. Als passe er nicht mehr in die Welt. Zum Abräumen war er noch zu schade; für größere Rücksicht aber auch. Also lassen wir alles noch in der Schwebe, mögen sich die Bauherren oder -frauen gedacht haben. Jesus bleibt, der Zaun kommt. Warten wir’s ab, wie die Dinge sich entwickeln. Einstweilen müssen Kreuz und Körper eben verwittern. Darum kümmern wir uns später.

2

Genau genommen war und ist Jesus ja immer schon wie ein Fremdkörper in der Welt. Wer wollte schon mit ihm zu tun haben. Immer nur ein paar Handvoll Menschen. Die Jünger, ein paar Frauen, das war’s dann aber auch. Als die Kirche sich anschickte, die Welt zu erobern und mit ihren Ideen zu prägen, ging es den Nachfolgern Jesu ja meist weniger um die Liebe Jesu als um Macht und Einfluss. Auch die Kirche hat unterdrückt; im Namen Jesu. Und das auf schlimme Art und Weise. Man hat die Welt weniger mit Liebe geprägt als mit Macht unterdrückt. Je strahlender Jesus im Mittelpunkt der Dinge stand, desto näher war auch die Unterdrückung. Aus dem Jesus der Liebe machte die Kirche oft einen Jesus der Angst. Menschen zitterten vor ihm, statt sich ihm in die Arme zu werfen. Das war und ist furchtbar. 

Ob Jesus wirklich einen solchen kirchlichen Apparat wollte, wie wir ihn hatten und manchmal noch haben, können wir nicht beurteilen. In der  Bibel können wir lesen, was Jesus wollte: Vergebung und Umkehr. Damit der Himmel sich freuen kann.

3

Schon zu seiner Zeit auf Erden wirkte Jesus meist wie ein Fremdkörper. Der Evangelist Lukas erzählt davon. Die anderen Fremdkörper, Zöllner und Sünder, sammelten sich manchmal um ihn, um etwas über die Verlorenheit in der Welt zu hören. Die angeblich Rechtschaffenen und Frommen rümpften darüber ihre Nasen. „Wie kann er nur“, dachten oder sagten sie, „Wie kann er sich nur mit diesem Pack abgeben – mit Sündern“. Bis heute meint man zu hören, wie sie das aussprechen, man zieht das Wort verächtlich in die Länge: mit Sündern … Da gehört der Jesus doch nicht hin. 

Doch, da gehört er hin. Die Liebe gehört dahin, wo sie fehlt. Sie gehört zu den Verlorenen, den Zweifelnden; zu denen, die hinter die Zäune geschickt werden oder um die man Zäune baut. Im Grunde steht Jesus hier richtig auf dem Bild. Der, der sich nicht aufdrängt, wird abgedrängt. Und deshalb ist es oft so, dass (nur) die Verlorenen immer und überall auf der Welt Jesus finden, der selbst verloren wirkt. Da können sich die Rechtschaffenen noch so lange laut beschweren. Aber Jesus lässt zum Glück nicht beirren. Seine Liebe ist da, wo sie hingehört.

Jesus ist immer da, wo er gebraucht wird. Und sei es hinter einer Sicht- und Lärmschutzwand aus Metall.

4

Jesus findet die Verlorenen; und die Verlorenen finden ihn. Das war so, ist und bleibt so. Auch wenn das äußere Gebilde, die Kirche, auf dem Rückzug ist, bleibt Jesus da. Bleibt seine Liebe da, wo sie hingehört; nämlich bei denen, die nach ihr suchen, die nach Liebe begehren. 

Es ist verblüffend, dass es oft Verzagte, Verlorene, Arme und Verlassene sind, die sich Jesus in die Arme werfen. Sie sitzen in den Kirchen und beten, sie tragen ein Kreuz um den Hals, sie lassen auf Gott nichts kommen. Sie, die sich ungeliebt fühlen, sammeln sich um den „Heiland der Liebe“. Sie ahnen etwas von ihrem Scheitern – und sie ahnen, dass ihnen Jesus keinen Vorwurf macht. Im Gegenteil. Er freut sich. Und der Himmel mit ihm.

5

Wenn wir auf das Bild sehen, sehen wir, wie es ist mit Glauben und Liebe. Sie wirken oft wie abgedrängt. Aber sie sind da. Wenn wir zu ihnen gelangen wollen, macht es etwas Mühe. Irgendwo wird eine Tür sein, die uns hinter den Zaun bringt. In die Nähe Jesu. Wir könnten ihn und sein Kreuz ein wenig auffrischen, wetterfest machen. Und die Liebe gleich mit.

Wer sich Verlorenem zuwendet, geht selber nicht verloren.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen, Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wir sind, was wir sprechen

Gedanken zu 1. Korinther 14,1-12

1
Was dieser Mann wohl vorhat? Auf seiner Sackkarre liegen Sätze über Sätze; es wundert einen, dass ihm noch keiner von der Karre heruntergefallen ist. Die Sätze sind wie ein Heuballen aufgeschichtet. Und es scheint, als käme gerade noch ein Satz aus seinem Mund dazu. Er scheint zu reden und zu reden – aber mit wem? Mit sich selber? Sein Gesicht wirkt freundlich, als sei er mit sich im Reinen. Seine Last aus Sätzen auf der Karre scheint ihn nicht zu stören. Im Gegenteil. Er schreitet munter voran und scheint dabei zu reden. 

Was dieser Mann wohl vorhat? Vielleicht fährt er alle seine Sätze auf einen Abfallhaufen, - weil er ist sein Gerede leid ist es loswerden will?? Oder: Fährt er seine Sätze irgendwohin, um sie dort alle laut auszusprechen? Er hat sie bisher nur vor sich hin gesagt. Jetzt aber sollen sie öffentlich werden. Alle dürfen oder müssen dann hören, was er zu sagen hat – oder was er meint, gleich sagen zu müssen. 

2
Wir sind, was wir sprechen. Das sollten wir uns immer wieder einmal klarmachen. Unsere Worte und Sätze sind ein großer Teil von uns. Unser Schweigen auch. Aber auf dem Bild geht es ja um unser Sprechen, um unsere Sprache.

Wie auch der Apostel Paulus an die christliche Gemeinde in Korinth schreibt: Nichts ist ohne Sprache. Selbst das Schweigen spricht noch. Und dann rät Paulus: Bemüht euch beim Sprechen um die Gaben des Geistes. Es ist besser, ihr redet so prophetisch wie möglich, statt dass ihr in Zungen redet.

3
„In Zungen reden“ ist ein Reden und Beten wie in Ekstase, in einer Art überschäumender Begeisterung. „Etwas“ geht mit einem durch – und das ist jetzt nicht negativ gemeint. Jemand ist von etwas so ergriffen oder begeistert, dass er oder sie es anderen mitteilen möchte – was aber meistens nicht gelingt. Denn die Sprache, in der man „in Zungen“ redet, hat man selber nicht mehr im Griff. Andere verstehen sie dann auch nicht. Das Beten ist dann mehr ein „heiliges Stammeln“, für einen selber und für andere oft nicht mehr zu verstehen. Man ist eben „außer sich“; in Ekstase.

Das „prophetische Reden“, wie Paulus es hier nennt, unterscheidet sich davon. Es ist ein Sprechen in Klarheit und in bester Hoffnung, dass der Geist Gottes in den Worten liegt. Und dass dieser Geist uns fähig macht zum Guten, zur Liebe. Das ist ja auch die Überschrift, die Paulus über seine Worte setzt: Strebt nach der Liebe! Sprecht und handelt so, dass Eure Liebe erkennbar wird.

4
Wir sind, was wir sprechen. Und auch, was wir schweigen. Wieder wüsste man jetzt gerne, ob der Mann auf dem Bild seine vielen Sätze wegwerfen oder sprechen will. Das wüsste man manchmal auch gerne bei Menschen in unserer Nähe. Man fragt sich dann: Können sie wohl auch mal schweigen? Müssen sie zu allem etwas sagen, obwohl es der vorige Mensch doch auch schon gesagt hat? Und warum eigentlich können manche nicht auch einmal schweigen?

Wer viel redet, braucht das auch. Man hört sich dann gerne reden – aber, mehr noch: man spürt dann nur noch beim Reden, dass man lebt. Und fürchtet das Schweigen, als sei man dann nicht mehr am Leben. Darum hoffe ich sehr, dass der Mensch auf dem Bild erkannt hat, dass er nicht mehr überall alles sagen muss und seine viele Sätze jetzt zum Abfall fährt. Vielleicht, hoffentlich, will er ab jetzt nur noch das sagen, was der Liebe dient. Das müssen dann nicht so viele Sätze sein.

5
Wir sprechen sicherlich manchmal begeistert, aber vermutlich sprechen wir nicht „in Zungen“ – also überschäumend und wie in Ekstase. Das müssen wir auch nicht. Es genügt, wenn wir uns den Rat des Apostel Paulus zu Herzen nehmen und das möglichst bevor wir das Wort ergreifen: Strebt nach der Liebe! Bemüht euch möglichst, andere durch euer Reden aufzubauen.

Es wäre ein wenig stiller in unserer Welt, wenn wir die Worte, die wir sprechen möchten, vorher noch ein wenig erfühlen würden, also nicht einfach unbedacht drauflosreden würden. Dann wäre auch Zeit zu überlegen, ob meine Worte und Sätze andere auf- oder erbauen. Das geht nicht immer, natürlich; aber bemühen könnten wir uns schon. Es gibt nichts Sinnvolleres im Leben, als nach Liebe zu leben. 

Wer liebevoll sprechen kann, lebt auch in der Liebe.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Momo und das offene Ohr

Momo und das offene Ohr

1
Auf einem Granitblock am südlichen Rande des Zooviertels von Hannover sitzt seit 2007 eine kleine Bronzefigur, entworfen von der Künstlerin Ulrike Enders. Dargestellt ist Momo – das Mädchen aus dem gleichnamigen Roman von Michael Ende. Das große Ohr in ihren Händen deutet auf ihre besondere Begabung hin: Momo hatte die Fähigkeit, „ganz Ohr zu sein“.
 
Michael Ende schreibt dazu: „So kam es, dass Momo sehr viel Besuch hatte. Man sah fast immer jemand bei ihr sitzen, der (..) mit ihr redete. Und wer sie brauchte und nicht kommen konnte, schickte nach ihr, um sie zu holen. Und wer noch nicht gemerkt hatte, dass er sie brauchte, zu dem sagten die anderen: ‚Geh doch zu Momo!‘“
 
Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören.
 
2
Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher sagen, Zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.
 
Tatsächlich ist es ein großer Schatz, wenn wir in unserem Bekannten- und Freundeskreis so eine „Momo“ haben – oder selbst in der Lage sind, anderen „ein Ohr zu schenken.“ Jemand hat einmal gesagt: „Unser größtes Kommunikationsproblem ist: Wir hören nicht zu, um zu verstehen. Wir hören zu, um zu antworten.“ Wahrscheinlich kennen die meisten von uns diese Erfahrung: dass wir beim Zuhören gedanklich schon längst mit unserer eigenen schlauen Antwort beschäftigt sind.
 
Wenn wir aber verlernen, wirklich zuzuhören, verlieren wir den Kontakt zu anderen Menschen genauso wie den Kontakt zu Gott. Gleichzeitig verlieren wir mit der Fähigkeit zum Zuhören auch die Möglichkeit, uns korrigieren zu lassen und weiterzuentwickeln.

3
„So ist es kein Wunder, dass die Bibel immer wieder auffordert, bewusst zuzuhören. Als Jesus seine Jünger losschickt, gibt er ihnen mit auf den Weg: „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich“. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass die Worte irgendeines Christen unkritisch gleichgesetzt werden könnten mit dem Wort Gottes. Wohl aber steckt dahinter die Erinnerung, dass Gott immer wieder durch andere Menschen zu uns spricht.
 
In jeder menschlichen Begegnung, in jedem Gespräch kann es geschehen, dass Gott uns begegnet und zu uns spricht. Gerade deshalb ist es so wichtig, empfänglich zu bleiben für das leise Reden Gottes inmitten der unzähligen äußeren und inneren Stimmen, die unsere Ohren und Herzen täglich bombardieren. Wir brauchen das „Momo-Ohr“, um wachsam zu sein für die oft leise und zarte Stimme, die uns immer wieder liebevoll ermutigt, korrigiert und dabei hilft, Gottes Spuren zu entdecken – in unserem kleinen Alltag und in der großen Welt.
 
4
Das Bild von Momo und dem großen Ohr ist mir immer wichtiger geworden und doch muss ich es mir immer wieder auch ins Gedächtnis rufen.
Es erinnert mich in dem oft hektischen Alltag daran, ein offenes Ohr zu behalten – in allem Reden und Tun die Stille nicht zu vergessen, die mich wachsam hält für die Menschen, denen ich begegne, ebenso wie für die Stimme Gottes, die mich dort erreicht, wo ich empfänglich bin: in der Begegnung, im Lesen der Bibel, im wachen Blick auf meinen Alltag, im Erleben der Natur und in jedem bewussten Atemzug.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Paulus‘ Liebe zu Menschen

1
Dieses Bild ist nicht ganz leicht zu ertragen, man muss es schon etwas länger betrachten. Eine hagere Gestalt, der Kopf schmal, ein struppiger Bart. Dieser Blick, die aufgerissenen Augen; die sehnigen Hände. Die Rechte – verkrampft sie sich oder deutet sie eine Segensgeste an, wie wir sie von Jesus kennen? Im linken Arm liegt ein Schwert, die Hand hält ein Buch. Wort und Waffe – das Wort als Waffe oder die Waffe als Lösung, wenn das Wort nicht wirkt? Der Mund scheint sich zu öffnen, man sieht zwei Zähne blitzen. Redet der Mann? Ich bilde mir eine scharfe, eindringliche Stimme ein.
 

2
Der zweite Blick. Es könnte auch ganz anders sein: Dieser Mann macht gerade eine erschreckende Erfahrung. Er sieht etwas, das ihn zutiefst erschüttert. Eine Erscheinung. Und kann sich nicht von der Stelle rühren. Will vielleicht zurückweichen, doch hinter ihm ist eine Wand, bedeckt mit kryptischen Zeichen. Faszination und Erschrecken zugleich spiegeln sich in seinem Gesicht. So etwas kennt man auch im Zusammenhang mit Gottesbegegnungen. Faszination und Erschrecken. Oder hat er gerade etwas gelesen, das ihn völlig aus der Bahn wirft? Ein Wort, das ihn bis ins Innerste trifft, alles auf den Kopf stellt, was er bisher gedacht, geglaubt, für wahr und richtig gehalten hat?
 
3
Bei genauem Hinschauen lässt sich in der linken oberen Ecke der Titel des Bildes entdecken: Der Apostel Paulus. Paulus aus Tarsus, Jude mit römischer Staatsbürgerschaft, einst glühender Christenverfolger und dann, nach seinem Bekehrungserlebnis, ebenso glühender Christus-Missionar. Ein Mann, der Gefängnisse von innen kennt. Ein Mann, der weiß, was Entbehrung ist. Ein Mann, der für seine Botschaft brennt, der darunter leidet, wenn er nicht gehört
wird. Das Bild zeigt ihn aufgewühlt, voller Emotion, durchlässig für das, was auf ihn einstürmt, und ebenso bereit, all das seinem Gegenüber entgegenzuwerfen. Voller Eindringlichkeit und Intensität.
 
Es sieht aus, als ginge durch diesen Menschen etwas hindurch, das nicht von ihm ist, das ihn ergriffen hat und das er zugleich nicht für sich behalten kann. Etwas Unaussprechliches, das doch gesagt werden muss. Etwas, das ihn hin- und herreißt. Es könnte mit dem zu tun haben, was er als seinen Dienst, seine Lebensaufgabe ansieht: die Botschaft von Jesus Christus zu verkünden.
 
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Im zweiten Brief an die von ihm gegründete Gemeinde in Korinth führt Paulus eine scharfe Auseinandersetzung mit der Gemeinde über den richtigen Dienst eines Apostels. Schließlich greift er zum Stilmittel der Ironie und rühmt sich in seiner „Narrenrede“ der Gefährdungen, derer er bis dahin ausgesetzt gewesen ist: Folter, Gefängnis, Schiffbruch, Hunger und Durst, tägliche Gefahren. Als solch oft hart Geschlagener brennt er für die Ausbreitung des Evangeliums und setzt sich für die von ihm gegründeten Gemeinden ein.
„Heiliger Eifer und heiliger Zorn“ ergreifen ihn, wenn er gefährdet sieht, was seiner Meinung nach allein Heil verspricht: Leben in der Nachfolge von Jesus Christus, dem Herrn.
 
Kaum mag man bei diesem Bild erahnen, dass dieser Paulus auch andere Töne anschlagen kann. Dass es eigentlich Liebe zu den Menschen und Liebe zu Gott ist, die ihn im Innersten antreibt.

Ganz am Schluss des zweiten Korintherbriefes, als alles gesagt ist, was gesagt werden musste, klingt dieser andere Ton durch: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“

Schön wenn man trotz allem Eifer Menschen so sehen kann.

Eine gesegnete Wochen wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Die Kirche im Dorf

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Der eingerüstete Turm einer Dorfkirche. Wenn die Sanierung dort beendet ist und das Gerüst abgebaut ist, muss die Fassade des Kirchenschiffs neu verputzt, das Dach erneuert, die Heizung repariert, der Gemeindesaal renoviert werden. So wie hier in Castrop, die Kirche, das Wichernhaus, die Heizung in der Pauluskirche, die Orgel, jetzt das Gemeindebüro und die darüber liegenden Wohnungen, und im Jugendzentrum in der Luisenstraße muss auch bald wieder etwas getan werden, Heizung und Fenster sind renovierungsbedürftig.  Das Leben ist eine Baustelle.

So sehen das auch die Menschen, die den Turm zu Babel bauen: „Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.“ (1. Mose 11,2-4)

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Es scheint so, dass zum Menschsein die Selbstverwirklichung durchs Bauen gehört. Für die Generation meiner Eltern war das eigene Haus ein wichtiges Lebensziel. Die Arbeiter wollten raus aus den engen Mietwohnungen, andere hatten durch Krieg und Vertreibung alles verloren. Die eigenen vier Wände bedeuteten Sicherheit, Status und Lebensqualität – und eine Wertanlage für die Kinder, die es einmal besser haben sollten.

An einem Ort bleiben dürfen. Etwas hinterlassen. Darum wohl bauen wir oft mehr, als wir bräuchten. Die Generation meiner Eltern hat sich verschuldet, hat Wochenende für Wochenende auf der Baustelle verbracht und sich den Rücken krumm gearbeitet. Sie bauten Häuser, die größer sind, als dass sie und wir Nachkommen sie wirklich nutzen können. Viele Familien stellt das vor Probleme, wenn die Eltern pflegebedürftig werden und die Kinder weggezogen sind.

Was legen wir uns und den Generationen nach uns nicht alles auf mit unserer eifrigen Bautätigkeit? 

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Keine Kirchengemeinde ohne Bauausschuss, (fast) keine Presbyteriumssitzung ohne Tagesordnungspunkt „Bausachen“. Manchmal denke ich: Zeit, die für die Arbeit mit Menschen fehlt, Mittel, die anderswo fehlen.

Die Leute von Babel sprechen aus, warum sie ihren Turm bauen wollen. Die Sehnsucht nach „einem Namen“ treibt sie an. Sie wollen sich „verewigen“, indem sie sich ein Denkmal setzen! Merken sie nicht, wie sie sich dabei selbst versklaven? „Lasst uns Ziegel streichen und brennen!“ In der hebräischen Bibel steht hier ein Ausdruck, der sonst nur noch an einer einzigen anderen Stelle der Bibel vorkommt: Im 2. Buch Mose (5,7). Da wird erzählt, wie die Israeliten als Sklaven für den Pharao Ziegel brennen – mit genau dem Ausdruck, den es sonst nur hier gibt.

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Früher stand die Kirche auf dem Bild in der Mitte des Dorfes. Heute steht sie am Rand. Der Ort ist gewachsen, vor allem seit Ende des Zweiten Weltkriegs, aber nicht in konzentrischen Kreisen um den alten Ortskern mit der Kirche darin, sondern in andere Richtungen.

Längst dominieren unsere Kirchen nicht mehr Orts- und Stadtbilder. Das entspricht der Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft. 

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Meine Kirche ist mir lieb und sie ist erhaltenswert. Der Respekt vor den alten Mauern und der Bauleistung unserer Vorfahren dürfen uns nur nicht zum sprichwörtlichen Kirchturmdenken führen. Aber in einer Welt, die mit uns und unserem Glauben vielleicht immer weniger anzufangen weiß, hat der Kirchturm für mich eine wichtige Botschaft. Er ist ein in Stein gehauenes Gebet und ein Zeichen. Ein Versprechen: Wir sind als Christen (immer noch) da! Und wir werden, diese Welt ins Gebet nehmen und da wo wir die Kraft und die Möglichkeiten haben uns Einsetzen für die Menschen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen. 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Fehlt hier nicht etwas?

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Mir gefallen diese Schaufensterpuppen nicht so gut, ich denke immer: Fehlt hier nicht etwas?: Sie haben keinen Kopf. Natürlich brauchen sie auch keinen – sie sind ja nur bessere Kleiderständer. Aber sofort habe ich das Bild eines Menschen vor Augen, und dann fehlt mir eben etwas. Ich brauche ein Gesicht, brauche Augen, Ohren, Nase, Mund, damit ich weiß: So sieht ein Mensch aus. So lebt er unter uns. So nehme ich ihn wahr.

Ja, wie nehmen wir andere Menschen wahr? Was ist das Wichtigste für mich bei einem anderen Menschen? Das Gesicht – der Körper – die Hautfarbe? Was ist der erste Eindruck, den ich von einem Menschen bekomme, wenn ich ihn zum ersten Mal sehe? Und was bleibt darüber hinaus in meinem Gedächtnis? Meine Befürchtung ist: Wir bleiben allzu oft an Äußerlichkeiten hängen, die wir dann auch noch bewerten. Und leider allzu oft dadurch auch entwerten. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich diese Schaufensterpuppen ohne Kopf sehe.

 

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„I have a dream“ – ich habe einen Traum. Diese berühmten Worte aus der Rede von Martin Luther King klingen aus einer anderen Zeit zu mir. 1963 hat er sie in der Rede beim „Marsch auf Washington“ gesagt. Damals war die Unterdrückung der Schwarzen in den USA noch staatlich geduldet oder gefördert. Gerade Martin Luther King und die von ihm angeführte Bürgerrechtsbewegung haben dann gezeigt, dass es einen anderen, besseren Weg gibt als den der ungerechten Unterdrückung großer Teile der Bevölkerung. 

Man könnte meinen, diese Zeit sei vorbei. Und die Gesellschaft hätte in den letzten knapp sechs Jahrzehnten dazugelernt. Es könnte so sein, dass wir verstanden haben, dass alle Menschen vor Gott gleich geachtet und gleich wert sind. Und nicht nur vor Gott – sondern auch vor uns. Aber das ist nicht der Fall. 

Es ist zu einfach, die Verantwortung für solche Missstände nur bei anderen zu suchen. Auch ich selber bin immer wieder mit Vorurteilen behaftet, wenn ich auf andere Menschen schaue. Da geht es nicht nur um die Hautfarbe. Auch andere Äußerlichkeiten verleiten mich dazu, den einen sympathisch zu finden und die andere abzulehnen. Ich bin leider nicht frei davon – und suche selber immer wieder Wege, mich von Vorurteilen unabhängig zu machen und anderen unvoreingenommen zu begegnen.

 

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„Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten“ (Jes. Sir. 35,16). Diese Aussage über Gottes Verhältnis zum Menschen klingt wie eine Fanfare, die eine neue Zeit ankündigt. Stärker kann man es nicht ausdrücken, dass Gott die Menschen anders ansieht, als wir es tun. Für mich klingt hier der alte Menschheitstraum durch, dass es eben kein Ansehen der Person gibt. Und dass auch die, die unterdrückt sind, zu ihrem Recht kommen. Endlich.

Ich finde, das klingt wie das „I have a dream“ von Martin Luther King. Es ist einfach ein uralter Menschheitstraum, dass endlich, endlich alle Menschen die gleichen Rechte haben und dass die Armen und Schwachen dann das bekommen, was sie zum Leben brauchen. Ich träume diesen Traum bis heute. Dass endlich, endlich alle Menschen nicht nur vor Gott, sondern auch vor anderen Menschen gleich viel wert sind. 

 

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Fehlt hier nicht etwas? Diese Frage vom Anfang kann ich nur bejahen und sagen: Ja, es fehlt etwas! Und zwar eine Würde und Wertschätzung, die für alle Menschen gleich ist. Lassen Sie uns dabei mithelfen, dass dieser alte Traum der Menschheit wahr werden kann. Und zwar deshalb, weil er bei Gott schon lange wahr geworden ist.

 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gestolpert:

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Fast bin ich wirklich gestolpert, als ich zum ersten Mal auf solche Steine stieß, wie sie auf dem Foto zu sehen sind. Gestolpert nicht im wörtlichen Sinn, die Steine sind ja gut eingepasst in die Pflastersteine des Gehwegs. Vielmehr wurde ich herausgerissen aus dem, womit ich gerade in Gedanken beschäftigt war. Ich bin stehen geblieben und habe mich ansprechen lassen von den kleinen, 10x10 Zentimeter großen Gedenktafeln.
 
Diese zehn zum Beispiel auf dem Markt in Castrop. Offensichtlich zwei Familien, die Familie Meyer und die Familie Weinberg mit unterschiedlichen Schicksalen. Die Namen sagen mir nichts, ich weiß nichts über diese Personen. Dennoch ersteht vor meinem inneren Auge ein Bild. Die eine Familie flieht nach China und überlebt. Erich Weinberg entkommt nach Palästina. Bei der Familie Meyer ist das anders, bis auf zwei kommen alle um, auch ein zweijähriges Kind wird das Opfer. Offensichtlich hat man die Familie auch einfach auseinandergerissen und an unterschiedliche Orte deportiert und irgendwo verscharrt oder verbrannt, ohne dass wir etwas über die letzte Ruhestätte wissen.
 
Millionen Menschen sind damals so umgebracht worden. Durch die Steine kommen sie aus der Unkenntlichkeit heraus, werden für mich erkennbare Menschen. Die kleinen Steine rütteln mich auf, lassen die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte in mir wach werden und mahnen mich: Was tust du, damit so etwas nie wieder geschieht?
 
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Stolpersteine gibt es inzwischen an vielen Orten in Deutschland und anderen Ländern Europas. Es handelt sich um ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das er 1992 begonnen hat. Ende 2019 wurde der 75.000 Stolperstein verlegt. Demnig erinnert mit den Steinen an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben wurden. Vor allem waren es jüdische Frauen, Männer und Kinder, aber auch Kommunisten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma sowie andere, die vom Hitlerregime verfolgt wurden. Demnig hat den Menschen, die in den Konzentrationslagern nur noch Nummern waren und verschwunden sind, ihren Namen wiedergegeben. An den Orten, an denen sie gelebt haben, kann die Erinnerung wieder wach werden. „Man stolpert nicht und fällt hin,“ zitiert Demnig einen Schüler, „man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“
 
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Die Steine sprechen uns an, wo die Menschen zum Schweigen gebracht worden sind. So ähnlich hat es Jesus gesagt. Jedenfalls erzählt es Lukas so: Als Jesus auf einem Esel reitend nach Jerusalem eingezogen war, riefen die Jünger laut und lobten Gott für alles, was sie von Jesus gesehen hatten. Das passte den Pharisäern nicht. Sie sprachen Jesus an: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Jesus antwortete darauf mit dem rätselhaften Wort: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“
 
Ja, Steine können schreien. Mit dem Wort Jesu ist wohl konkret der Tempel in Jerusalem gemeint, der 40 Jahre später zerstört wurde. Bis heute ist die Tempelmauer als Klagemauer ein unüberhörbarer Schrei. Viele Ruinen und Steine sind für uns heute wie stille Rufe aus der Vergangenheit, Mahnung zum Frieden.
 
Auch Stolpersteine sind wie stille Schreie, die zu uns rufen. Sie erinnern uns an Menschen, die von den Nationalsozialisten zum Schweigen gebracht wurden. Sie schreien zu uns, damit diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten und kein Gras über das Unrecht von damals wächst.
 
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Gut, dass Steine schreien. Denn gegenwärtig sagen viel zu viele, wir müssten einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen. Mehr als 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs wird die Erinnerung blasser.
 
Doch mit ihren stillen Schreien rufen die Stolpersteine mich wach. Im Namen Jesu möchte ich tun, was der Versöhnung dient. Und dem Frieden.
 
Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen
Arno Wittekind, Johannes Ditthardt und Dominik Kettling

Ein Kopf passt nicht

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Köpfe über Köpfe, im Regal im Museum. Versteinert aber irgendwie wirken sie „ausgedient“ versteinert.
Berühmte Gesichter, Köpfe mit großen Namen, Köpfe berühmter Philosophen und Götter: Artemis, Asklepios, Athene. Geschmückt mit schönen Haaren, Bärten oder einem Helm. Einst angebetet und verehrt in den Tempeln der Griechen und Römer.
 
Den Göttern zu opfern war ein Muss, damit sie den Menschen wohlgesonnen bleiben. Ihnen verdankten die Menschen ihr Schicksal. Und deshalb war es auch besser, lieber einmal mehr als einmal zu wenig ihnen die Verehrung entgegenzubringen. Der Apostel Paulus hat sich diese vielen Götterstatuen in Athen angeschaut. Lukas berichtet davon in seiner Apostelgeschichte (17,22-34).
 
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Für alle Gelegenheiten und Schicksalsmöglichkeiten gab es bei den Griechen eine Gottheit. Artemis ist nicht nur die Göttin der Jagd und des Waldes, sondern auch die Hüterin der Frauen und Kinder. Sie gehört zum engeren Kern der Götter des Olymps, als Tochter des Zeus. Asklepios ist der Gott der Heilkunst. Mit seinen heilsamen Kräften soll er sogar einen Menschen aus dem Tod auferweckt haben, was ihm den Ärger der anderen Götter einbrachte – befürchteten diese doch, dass der Mensch, ihnen gleich, unsterblich werden könnte. Asklepios wurde in seine Schranken gewiesen. Athene, Schutzpatronin und Namensgeberin der Stadt Athen, ist zuständig für die Weisheit, die Künste, das Handwerk, aber auch für Strategie und Kampf. Ihr Markenzeichen ist der Helm.
 
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Und damit man auch ja keine Gottheit vergisst und sie so verprellt, gab es in der Metropole Athen eine Statue für „den unbekannten Gott“. Dadurch sind nun alle möglichen Lebenssituationen abgesichert. Jetzt kann nichts mehr passieren. Und doch war die Furcht vor den Göttern groß.
Hierin sieht Paulus seine Chance, mit den Athenern ins Gespräch zu kommen. „Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Dieser Gott lässt sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.“ Verdreht nicht die Reihenfolge und den Menschen den Kopf. Gott hat „durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat“.
 
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Dieser eine Kopf passt nicht zu den anderen. Er hat keine geflochtenen Haare, keinen Helm. Sein Haupt trägt eine Dornenkrone. Finden Sie ihn? Oder haben Sie ihn, so wie ich erst einmal übersehen. Er steht in der zweiten Reihe, dritter von rechts!
 
Ein Christuskopf. Der große Unbekannte in der Götterwelt. Der ganz andere. Er macht den Unterschied. Der wirklich menschgewordene Gott. „Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns. … Es ist ganz deutlich, (dass) … Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens! Hier liegt der entscheidende Unterschied zu allen Religionen“, schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer.
 
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Paulus knüpft an den griechischen Götterglauben an und drückt dabei seinen Glauben an Christus in ihrer Sprache aus. Was für eine gedankliche Leistung. Ich wünsche mir für die Kirche und Ihre Verkündiger und Verkündigerinnen, dass wir heutzutage auch die Sprache und Bilder derer verstehen und benutzen, denen wir etwas vom großartigen Evangelium erzählen wollen.
Das heißt nicht unbedingt erfolgreich zu sein. Paulus haben damals viele ausgelacht nur einige wenige schlossen sich ihm an, so heißt es und kamen (dann später?) zum Glauben.
 
Nicht alle, nicht viele, einige. So ist das. Und so ist das.

Eine gute und gesegnete Woche

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt