Gedanken für die Woche

Andachten zum Pflücken

Das Kreuz und der Äskulapstab

1

„Heile du mich, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen!“ Mit diesen Worten stand Lydia vor der großen Götterstatue. Sie hatte einen langen Weg hinter sich bis nach Epidaurus, zum Tempel des Götterarztes Asklepios. Nachdem alle Ärzte ihr nicht mehr helfen konnten, war die Wallfahrt ihre letzte Hoffnung auf Heilung. Jahrelang hatte sie manche Therapie über sich ergehen lassen – ohne Erfolg. Keiner konnte ihr helfen. Ihr die Schmerzen nehmen. Ihr die Hoffnung schenken, wieder gesund ins Leben zurückzukehren. 

 

An diesem Tag war der Tempel einmal mehr voll von Menschen wie Lydia. Alte und Junge. Verkrüppelte und Lahme. Taube und Blinde. Vereint im Schicksal einer unheilbaren Krankheit – und in der Hoffnung auf die göttlichen Heilkünste von Asklepios. Im Gebet schaute sich Lydia die Statue genauer an. Sie stellte Asklepios als einen bärtigen Mann dar. Eingehüllt in ein Tuch. Mit einem Lorbeerkranz auf seinem Haupt. Doch vor allem fiel ihr der Wanderstab auf, auf den er sich mit der linken Hand stützte. Der Stab, an dem sich die heilige Schlange emporschlängelte. Er war das Zeichen seiner Heilkunst. Auf seinem Weg zu Kranken war der schlangenumwundene Stab sein ständiger Begleiter.

 

Asklepios, dem Sohn von Apollon, dem Gott des Lichtes und der Heilung, und der Fürstentochter Koronis wurden einzigartige Heilkünste zugesprochen. Einmal soll er sogar einen Toten wieder zum Leben erweckt haben. Kein Wunder, dass sich auch Lydia von diesem Gott wundersame Heilung versprach.

 

2

Heute ist vom antiken Tempel kaum noch etwas übrig. Die große Götterstatue im Tempel selbst, von der Pausanias berichtet, in den Wirren der Zeiten verloren gegangen. Geblieben ist jedoch die Erinnerung an den Götterarzt Asklepios, zu Deutsch Äskulap, dessen aufgerichteter Wanderstab mit der Schlange bis heute als Zeichen des ärztlichen Standes gilt, und manch einer hat zu Hause eine Figur von Asklepios – in Erinnerung und aus Dankbarkeit für Heilung und Gesundung aus schwerer Krankheit. 

 

Doch die Erzählung von heilbringenden Kräften eines schlangenumwundenen Stabes beschränkt sich nicht auf die griechische Mythologie. Auch die Bibel erzählt im Alten Testament von Mose, der eine Schlange aufrichten lässt, deren Anblick Heilung verschafft (4. Mose 21,4-9). Dabei ist es die ungebrochene biblische Gewissheit, dass Gott allein Herr ist über Krankheit und Heilung. „Ich, Jahwe, bin dein Arzt“ (2. Mose 15,26) heißt es im zweiten Buch Mose. Deshalb wendet sich auch der Prophet Jeremia in seiner Not an Gott, wenn er betet: „Heile du mich, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen!“ (Jeremia 17,14) 

 

3

Im Neuen Testament wird mit Jesus noch einmal ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen. Zahlreiche Geschichten erzählen in den Evangelien davon, wie Jesus auf wundersame Weise Kranke heilt. Dabei geht es ihm nicht nur um die Heilung von körperlichen Leiden und Gebrechen. Bei ihm geht es um mehr. Um den ganzen Menschen. Mit Leib und Seele. Es geht um Heilung und Befreiung von allen lebenszerstörenden Kräften. Zuerst von dem, was mich von Gott, der Quelle des Lebens, trennt. Um diese lebenswichtige Verbindung wiederherzustellen, ist Jesus am Ende sogar in den Tod gegangen. Deshalb ist sein Symbol nicht der schlangenumwundene Stab, sondern das Kreuz. 

 

4

Lydia blieb damals nur die Wallfahrt nach Epidaurus zur Asklepios-Statue mit seinem Stab. Ob sie dadurch gesund geworden ist? Ich würde es ihr wünschen. Heute aber bin ich dankbar, dass ich beides habe. Das Kreuz und den Äskulapstab. Denn kein Gebet ersetzt den Arztbesuch – und umgekehrt! Wie gut, in einer Zeit zu leben, in der mir der Äskulapstab anzeigt, wo ich medizinische Hilfe finde. Das Kreuz aber zeigt mir, wo ich Heil finde. Gott sei Dank!

 

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (Matthäus 4,4)

1
Mitten im Sonnenschein liegt er dort im Vorhof des Museums. Die Handwerker, die ihn aufgebaut haben, packen noch die restlichen Werkzeuge zusammen. Der übergroße Löffel schimmert in der Sonne. Mein erster Impuls: Da nimmt aber einer den Mund voll.

Doch es ist ganz anders. Die Künstlerin Annette Leyener hat dieses Kunstwerk „Mein Vater“ genannt. In ihrer Deutung geht sie ihren Lebensspuren an der Seite ihres Vaters nach.

Sie denkt daran zurück, wie sie gehalten und beschützt wurde, als sie noch ein Kind war. Die Mutter war die Hauptbezugsperson, die Versorgerin in der ersten Zeit. Der Vater spielte erst später eine Rolle. Seine Ansprüche prägten sie. Dann ging sie ihrer Wege. Das behütete Haus hat sie erwachsen verlassen. Dann später, als die Eltern alt wurden und vieles mühsam wurde, fütterte sie ihren Vater mit einem Löffel. Er nahm die Speise an, manchmal gierig. Vieles hatte Kraft gekostet in seinem Leben, und die Erinnerung an den Hunger der Kriegsjahre machten sich wieder in seiner Seele breit.

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Der Löffel ist vermutlich das erste Esswerkzeug. In manchen Kulturen wird fast alles mit dem Löffel gegessen, weil der Löffel irgendwie – anders als Gabel und das Messer, ein Alleskönner ist. Die kleine Schüssel am Ende des Stiels, die einer schöpfenden Hand nachempfunden ist, lässt sich vielfältig einsetzen. Man kann Dinge damit zerteilen, feste und flüssige Nahrung kann mit dem Löffel aufgenommen werden. Es gibt den Beruf des Löffelmachers. Es hat historisch eine Weile gedauert, bis die kleine Schale ihre perfekte Form hatte, um satt zu machen.

3
In der Bibel geht es oft um das Sattwerden. Die Psalmen loben die Fülle in der Schöpfung, sie loben, dass Gott seine Menschen sättigt. Elia, ermattet vom Kampf und der Angst, wird in der Wüste von einem Engel gespeist. Jesus, das Brot des Lebens, erinnert in seinen Worten daran, dass die Versorgung von Hungernden und Dürstenden zur Nachfolge gehört. Und dass es um mehr geht als Essen und Trinken – um Zufriedenheit und Glück.

Hunger haben, nichts zu Essen zu haben – das ist eher selten ein Thema in Deutschland. Kühlschränke, Speisekammern und Gefriertruhen sind bei vielen voll. Es geht eher um Diäten, oder wie unökologisch „Essen to go“ oder „Fleischproduktion“ sei. Zu Essen zu haben ist selbstverständlich. Die Generation, die Hunger aus den Kriegsjahren kennt, ist hochbetagt. Ja, wir, die Jüngeren, kennen dieses Gefühl nur aus Erzählungen oder aus dem Fernsehen.

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Nahrung gereicht zu bekommen, wenn wir ihrer bedürfen – das hat auch eine spirituelle Dimension. Damit beginnt unser Leben. Schon an der Unruhe und am Weinen erkennen Vater und Mutter in der Regel den Hunger ihres Babys. Es wird an die Brust gelegt. Ein Löffel Brei wird gereicht. Später dann ein Butterkeks oder ein Stück Apfel. Dann kommt die große Freude, wenn die ersten Brotbrocken alleine gegessen werden oder der Löffel alleine zum Mund geführt wird. Immer noch ist es eine gute Tradition, dass Taufpaten einen Tauflöffel schenken oder das erste Kinderbesteck. Essen ist mehr als Energiezufuhr – Essen ist elementare Gemeinschaft und Verbundenheit.

Nahrung gereicht zu bekommen, wenn wir ihrer bedürfen – damit endet auch oft das menschliche Leben. Und wieder spielt der Löffel eine Rolle. Berühmte „Löffellisten“ werden geführt. Das ist eine Liste von Dingen, die man noch erleben möchte – Fallschirmspringen, die Kinder besuchen, noch einmal Weihnachten feiern – bevor man „den Löffel abgibt“. In den Speiseräumen der Seniorenheime sitzt so manche Pflegerin oder Angehörige und führt einen Löffel zum Mund einer älteren Person. Oftmals begleitet von einem Wort. Manchmal streichelt eine Hand die andere.

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Ja, der Mensch braucht Nahrung. Manchmal auch Hilfe. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Der Löffel bringt mehr als nur Essen, er bringt auch Nähe, Zuwendung. 

Erntedank heißt, wir denken daran, dass Gott uns den Löffelreicht uns versorgt und für uns da ist?

Eine gesegnete Woche Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Wer ist wie Gott?

Gedanken zum Michaelisfest

1

Mitten in Passau werden Menschen zu Engeln. Sicher auch anderswo. Aber in Passau besonders. Schauen Sie! Sie sehen – naja, keinen ganzen Engel. Aber seine Flügel sehen Sie. Zuerst habe ich gedacht: Der Engel sei durch die Wand geschlüpft und die Flügel sind draußen geblieben. Die sind ja auch ein bisschen unpraktisch, wenn man anderen Menschen begegnet. Aber das ist ja eben nicht so. 

Der Engel ohne Körper ist eine Ansage. Eine Aufforderung. Als wenn der Engel sein Federkleid absichtlich zurückgelassen hätte, um Platz zu machen. Für mich. Der davor steht und sich fragt, was das alles bedeutet. Ob er sich trauen soll, den Platz des Engels einzunehmen. Zwischen die Flügel zu treten. Für einen Moment mitten in Passau als Engel dazustehen. 

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Während ich noch überlege, sind andere viel spontaner. Keine Frage: für sie ist hier ein Hotspot für Instagram. Hier muss ich sein, um mich zu präsentieren. Als Engel. Menschen treten heran und erleben, wie ihnen Flügel wachsen. Sie lachen. Sind gerührt. Fröhlich. Entzückt.

Die Schülerin Ida Jarzombek hat den Passantinnen und Passanten dieses Erlebnis geschenkt. Vor zwei Jahren sind die Engelsflügel im Rahmen eines Seminars zum Thema „Street Art“, zu Deutsch: Straßenkunst, entstanden. Ida hat eine Botschaft. Diese Botschaft steckt in den Engelsflügeln, geformt aus 196 Latex-Handschuhen und 400 Meter Gartendraht. Aufgestellt ist/war das ganz vor dem Eingang der Marianischen Votivkirche in Passau!

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„Schutzhandschuhengel“ heißt Idas Installation. Ein origineller Titel für eine Installation mit unkoventionellem Material. Für Handschuhe hat sie sich entschieden, weil die Finger wie Federn aussehen. Auf einer Tafel neben der Installation steht: „Nicht alle Engel haben Flügel, aber ein gutes Herz“.

Der Schutzhandschuhengel würdigt die vielen Hände, die täglich im Haushalt oder in der Pflege Engeldienste verrichten. Die sich denen zuwenden, die wenig oder keine Kraft mehr haben. Die sich die Füße wund laufen, um zu helfen, wo Not am Mann oder an der Frau ist. Die jedes Menschenleben als würdig erachten, angesehen zu werden. Denen jedes Leben der Liebe wert ist.

Idas Botschaft höre, lese und sehe ich an Michaelis, am 29. September, dem Fest des Erzengels Michael und aller Engel. Michael, der Namenspatron dieses Festes, stellt mit seinem hebräischen Namen eine Frage in den Raum: 

„Wer ist wie Gott?“ 

Ida stellt diese Frage mit ihrem Schutzhandschuhengel. 

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„Wer ist wie Gott?“ In der Bibel (1. Mose 21,8-21) lese ich von einer, die eine Antwort hat: Hagar. Magd von Abraham. Mutter eines gemeinsamen Sohnes. Ismael sein Name. Die Dreiecksbeziehung mit Abraham und seiner Frau Sara geht nicht gut. Sarah ist eifersüchtig. Hagar flieht. Sie kehrt nur zurück, weil ein Engel Großes verspricht: Zukunft für ihr Kind und ihre Kindeskinder. Sarahs Eifersucht aber ist Gift. „Hagar muss gehen“, fordert Sarah. Und Hagar geht. Endgültig! Gegen Abrahams Willen. 

Aber mit Gottes Versprechen: Hagar wird es an nichts fehlen. Als der Proviant ausgeht, fehlt es an allem: an Essen, an Trinken, an Kraft, an Zuversicht. Der Knabe droht zu sterben. Wieder ist es ein Engel, der Hagar aufhilft, ihr die Augen öffnet. Sie sieht, wie auf ihrer ersten Flucht, einen Wasserbrunnen. Damals nannte sie den Ort „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht.“

„Wer ist wie Gott?“ Einer der Menschen Ansehen schenkt, der wird für die zum Engel. Ein Bote Gottes, einer der lebt und umsetzt, was Gottes „Idee“ für uns Menschen ist. Angesehen, wertgeschätzt – geliebt! Das Projekt von Ida ist was zum Anschauen und Nachdenken und irgendwie trägt es Michaels Frage und Hagars Glauben mitten in die Stadt.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Der Gott der Einfachheit

Gedanken über die Größe Gottes im Kleinen (mit Klagelieder Jeremia 3,22-23)

  

1

Sonnenblumen – Zeichen des Herbstes; als atme die Welt noch einmal tief durch, bevor sie winterlich zur Ruhe kommt. Dieses Durchatmen bringt wunderbare Blumen hervor: große, starke, weithin leuchtende Sonnenblumen. Sie wirken, als feiere die Schöpfung sich selber, zeige ein wenig Stolz auf sich. Die große Sonne, die Licht und Wärme schenkt, zeigt sich in Blumen mit diesem Namen. Sonnenblumen sind wie ein Feiertag der Natur.

Dann blickt man auf dieses Bild von Sonnenblumen in der Vase – und viele denken: Aha, ein Bild von van Gogh. Wenn es eine Art Erkennungszeichen eines Malers gibt, dann sind es die Sonnenblumen Vincent van Goghs. Was er malte – vor allem in seinen letzten zwei Lebensjahren – hat eine gewaltige, farbliche Kraft. Und die vielen Bilder mit Sonnenblumen, die er malte, sind womöglich seine Art gewesen, das Leben zu feiern. Das Leben, das er selten hatte.

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Van Gogh, Sohn eines Pfarrers, hatte ein eher armseliges Leben. Geboren in Brabant in den Niederlanden, lässt er sich erst zum Kunsthandlungsgehilfen, dann zum Lehrer, schließlich zum Laienprediger bei Grubenarbeitern ausbilden. Vom Elend vieler Arbeiter in seiner Zeit ist er so erschüttert, dass er in freiwilliger Armut leben will, um den Armen so ganz nah zu sein. Er beginnt zu malen und zeichnet die einfachen Dinge seiner Umgebung – Menschen, Gegenstände, Blumen und Landschaften. Sein vier Jahre jüngerer Bruder Theo, ein Kunsthändler, unterstützt ihn mit Hingabe. Meistens schenkt er ihm Geld, kauft ihm Farben und Leinwand; van Gogh findet mit seinen Bildern kaum Anerkennung. Seine Seele wird immer betrübter, seine Bilder werden immer prächtiger in Farbe und Aussage. Sie werden zu Sinnbildern von der Schönheit der Schöpfung und der Härte des Lebens.

Zwei Jahre vor seinem Tod zieht er nach Arles in Frankreich. Dort erleidet er einen ersten, heftigen Nervenanfall. Seine Mitbürger bestehen darauf, dass er eine Heilanstalt aufsucht. Gegen Ende seines Lebens sucht er – immer bei hellem Bewusstsein – mehrmals freiwillig Heilanstalten auf; erhofft er sich Linderung für seine gereizten Nerven. Als er aber hört, dass sein Bruder, der ihn zehn Jahre lang unterstützt hat und mittlerweile Vater geworden ist, in finanziellen Schwierigkeiten ist, fühlt sich Vincent in einer ausweglosen Lage. Er will seinem geliebten Bruder keine Last mehr sein – und macht seinem Leben mit einem Pistolenschuss ein Ende. Sein Sterben dauert zwei Tage, die letzten Stunden ist sein Bruder bei ihm. 

In seinem Leben hat van Gogh nur wenige Bilder verkauft, heute kostet ein Bild von ihm viele Millionen – ein spätes Wunder. Unzählige Briefe über die Kunst und das Leben hat er Zeit seines Lebens mit seinem Bruder Theo gewechselt. In einem Brief gegen Ende seines Lebens schreibt er: „Die beste Art, Gott kennenzulernen, ist, viele Dinge zu lieben.“

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Das ist ein freundlicher, einfacher, beinahe kindlicher Glaube. Und schön ist dieser Glaube noch dazu. Wir dürfen annehmen, dass van Gogh es genau so dachte und glaubte: Was ich liebe, zeigt mir die Macht und Größe des Schöpfers. Noch die einfachsten Dinge spiegeln sein Angesicht. Vielleicht ein bisschen zu einfach  und den ein oder anderen Theologen, der oder die viel über Gott nachgedacht haben, fröstelt es jetzt vielleicht ein wenig. 

Van Gogh liebt den Gott der Einfachheit. Die Liebe, die er für Gott fühlt, liegt in jedem Pinselstrich, mit dem er seine Sonnenblumen malt – die prachtvollen in der Vase wie auch die, die allmählich verblüht sind. Blumen sind ihm Sinnbild der Macht und der Schönheit Gottes. Und: „Die beste Art, Gott kennenzulernen, ist, viele Dinge zu lieben.“

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Viele Menschen, auch schon im Alten Testament, haben gefühlt und gedacht wie van Gogh. Ihr Leben war schwierig oder sogar elendig – dennoch rühmten sie Gott: Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern ist alle Morgen neu. Der einzige Lichtblick in den Klageliedern des Jeremias. Diese Menschen warteten nicht Stunde um Stunde auf eine Änderung ihrer Lage, sondern sie blieben oder wurden tätig: sie rühmten Gott; seine Einfachheit, sein Spiegelbild in den kleinen Dingen des Alltags, vielleicht in einer Sonnenblume.

Die Größe Gottes zeigt sich im Kleinen, im Einfachen. Dies zu rühmen sollten wir uns nie zu schade sein.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Engel leuchten nicht

1

Durch eine offene Tür fällt Licht. Es scheint auf das Gesicht eines älteren Herrn. Deutlich sind seine Gesichtszüge zu sehen. Die Stirn ist gerunzelt, in viele Falten gelegt. Die Augenbrauen sind hochgezogen, die Augen schauen ungläubig. Als könnte er seinem Blick nicht trauen. Unter den Augen sind tiefe Furchen. Sein Mund ist schmal, vielleicht ein wenig geöffnet. Müde und besorgt sieht der Mann aus, als hätte er viel mitgemacht. Er fasst sich mit der Hand an seinen Kopf. Eine Geste des Erstaunens oder auch des Zweifels. Als würde er sich fragen: Was ist los? Ist das wirklich wahr, was passiert, oder spielt mir meine Fantasie einen Streich? Würde man nur diesen Ausschnitt des Bildes sehen, das Gesicht des Mannes mit der Hand an seinem Kopf, dann würde man sich sofort fragen: Was sieht er nur? Was versetzt ihn in so große Verwunderung? Wenn man den Ausschnitt ein wenig vergrößert, sind hinter dem Kopf des Mannes Ketten zu sehen. Sie hängen an der Wand und verschwinden im Halbdunkel. Sie sind offen. Der Mann ist frei, er ist nicht angekettet. Er sitzt in einem dunklen Raum und stützt sich mit seinem Arm auf. Er ist in eine Decke oder einen Mantel gewickelt. Vielleicht hat er geschlafen und ist hochgeschreckt. Befindet sich noch auf der Schwelle zwischen Träumen und Wachsein. Wäre die Tür zu, wäre es wohl stockfinster in dem Raum.

 

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In der geöffneten Tür steht eine zweite Person. Eine Hand ist noch am Türgriff, die andere ist geöffnet und ausgestreckt. Es sieht aus, als wolle die Person, dass der Mann ihren starken, muskulösen Arm ergreift. Die Person steht leicht nach vorne gebeugt, als würde es eilen. „Komm, steh auf“, scheint sie zu sagen. „Schnell, komm mit mir“. Am Rücken der Person sehen wir noch so eben den Ansatz von Flügeln, der Großteil von ihnen ist draußen im Licht. Ein Engel offenbar. Ob dieser Engel ein Mann oder eine Frau ist, lässt sich nicht bestimmen. Jung sieht er aus, kraftvoll. Sein Gesicht ist glatt, jugendlich. Hätten wir den Ansatz der Flügel nicht auf dem Bild, würden wir vermutlich niemals an einen Engel denken. 

 

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Der Maler Gerrit van Honthorst zeigt uns in seinem Meisterwerk „Die Befreiung Petri“ eine Momentaufnahme. Der Engel öffnet die Tür zur Zelle des Petrus, weckt ihn auf und drängt ihn, schnell aufzustehen, mit ihm zu kommen. Kurz vor dieser Momentaufnahme öffneten sich die Ketten von Petrus‘ Händen und der Engel stieß ihn in die Seite, um ihn aus dem Schlaf zu holen (Apostelgeschichte 12,7). Jetzt ist klar, warum Petrus so voller Erstaunen, Verwunderung und Zweifel ist.

 

Das Meisterliche an diesem Werk ist der Umgang des Malers mit Licht und Schatten. Die eigentliche Lichtquelle befindet sich draußen vor der Tür, so sieht es aus. Ein warmer, gelber Schimmer fällt in den Raum herein. Wenn ich dieses Bild betrachte, denke ich: Petrus ist derjenige, der hell ist, fast schon zu leuchten scheint, Der Engel selbst leuchtet nicht. Nur die Oberlinie seiner Flügel scheint ins Licht zu führen oder aus dem Licht zu kommen. Müsste der Engel als himmlisches Wesen nicht leuchten?

 

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Vielleicht ist es so: Engel leuchten nicht. Sie bringen andere zum Leuchten. Sie sind da, plötzlich, unerwartet, und geben sich auf dem ersten Blick nicht einmal als Engel zu erkennen. Sie fordern uns auf, ihnen zu vertrauen. Ihre Hand zu ergreifen und sich von ihnen führen zu lassen. Aus dem Dunkel ins Licht. Aus der Enge in die Weite. Aus den Ketten in die Freiheit.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Demut mit erhobenem Haupt: Gedanken zur Mutter Maria - Geburtstag am 8. September


1
Stille kann man sehen. Sie ist auf diesem Bild. Obwohl ja etwas geschieht zwischen den beiden Menschen, scheint zugleich alles still zu stehen. Die Kerze flackert nicht, die Gesichter zeigen keine Regung, die Haare des Kindes sind glatt – selbst die Kleidung verhält sich ruhig. Erziehung gelingt auch in Stille.

Hier wird nicht irgendwer erzogen. Das Bild zeigt, wie die spätere Mutter Jesu, Maria Lesen lernt.  Wenn wir annehmen, dass Marias Mutter das Buch hält, dann sehen wir die heilige Anna, die ihrer Tochter Maria Unterricht gibt. Unterricht in Stille. Das Bild hat mich angeregt über Maria nachzudenken, die Mutter Jesu. Maria schaut konzentriert auf das Buch, das die Mutter ihr hinhält sie scheint in der Schrift irgendwie versenkt zu sein und gleichzeitig scheint die Schrift ihr Erleuchtung zu schenken.

2
Maria soll an einem 8. September geboren worden sein. Wir wissen ja: die Kirchengeschichte hatte großes Interesse daran, dass etwas nicht einfach geschehen ist, sondern auch einen Platz im weltlichen Kalender und im Kirchenjahr bekam. Es macht Geschichte begreifbarer, wenn man sich regelmäßig erinnern kann. Auch Marias Eltern sind bekannt – Anna und Joachim – und haben einen gemeinsamen Gedenktag im kirchlichen Kalender (26. Juli). Die Geschichte des Messias soll eben kein reines Glaubensereignis bleiben, sondern sehr irdische Wurzeln haben.

Wie der Maler es sich eben vorstellt – ein Kind, eine Heranwachsende muss erzogen werden. Sie wird ja selbst Mutter werden und eine Familie führen, auch im Glauben. Da hilft es, wenn man gebildet ist.

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Martin Luther achtete und liebte Maria. Den Kult, den seine katholische Kirche um Maria gewoben hatte im Laufe der Jahrhunderte, den achtete und liebte Luther nicht. Zutiefst fürchtete er, Maria als „Mutter Gottes“ habe den „Sohn Gottes“ schon abgelöst. Man betete viel zu Maria und wenig zu Christus oder Gott. Das lehnte Luther ab. Diese Ablehnung spüren wir bis heute. Maria ist uns lieb und teuer vom 4. Advent bis zum Heiligen Abend – dann spielt sie ein Jahr lang keine Rolle mehr im evangelischen Glaubensleben. Das finde ich manchmal schade. 

Maria ist ja nicht nur die Mutter des Gottessohns, sondern auch so etwas wie die Mutter des Glaubens. Sie erlebt etwas, was ihr und uns vollkommen unverständlich erscheint. Und „beugt“ sich der Ankündigung des Engels. Maria nimmt an, was ihr geschieht. Sie nimmt nicht einfach hin, sondern sie nimmt es wirklich an. Als der Engel ihr ankündigt, dass sie schwanger werden wird vom Heiligen Geist (Lukas 1,26-38), sagt sie schließlich zum Engel Gabriel: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Erhobenen Hauptes trägt sie, was sie nicht versteht. Gott ist ihr größer, mächtiger, weiser als das eigene Verstehen.

4
Das ist Glaube: Gott für größer, mächtiger und weiser zu halten als das eigene Verstehen. Für diesen Glauben steht Maria; dafür dürfen wir sie achten und lieben – nicht nur zur Weihnachtszeit. Im Gegensatz zu Josef hören wir ja von Maria noch öfter in den Evangelien. Sie begleitet – wenn auch aus der Ferne – Jesu Leben und Wirken in Stadt und Land. Und versteht da vieles auch nicht so recht. Schließlich wird sie sogar Zeugin seiner Kreuzigung. Der schlimmste Augenblick einer Mutter, das eigene Kind sterben zu sehen und womöglich nicht verstehen zu können, was das alles zu bedeuten hat. 

Immer bleibt Maria nur dieses: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Und das, so stelle ich mir vor, glaubt und sagt sie nicht als Gedemütigte, sondern in freiwilliger Demut. Marias Demut ist eine mit erhobenem Haupt. Sie bekennt, dass sie Gott für größer, mächtiger und weiser hält als ihr Verstehen.

5
Christlicher Glaube ist ein Anerkennen Gottes. Wir suchen Erklärungen, wir suchen Verstehen, wir beschweren und beklagen uns bei Gott über das Geschick, das er uns zukommen lässt – das alles tun wir mit Recht. Es gehört sich so für freie Menschen, die Gott ja frei gewollt hat. Gott gab uns den Verstand, damit wir das Verstehen suchen.

Das heißt aber nicht, dass wir mit Gott auf Augenhöhe wären, sozusagen auf „Verstehenshöhe“. Das versteht Maria, das ist ihr Glaube. Für den wir ihr dankbar sein dürfen, nicht nur Weihnachten. Marias Demut ist eine erhobenen Hauptes. Sie anerkennt die Weisheit Gottes, die größer ist als unser Verstehen. Maria glaubt an Gottes Weitsicht. Dieser Glaube trägt sie durch ihr schwieriges Leben. 

Maria verdient unseren Dank als Mutter des Glaubens.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Worauf du bauen kannst

Gedanken zur kleiner werdenden Kirche

1
„Komm, bau ein Haus“ – ich singe dieses Lied nicht ohne eine gewisse Wehmut im Herzen. Natürlich ist unsere Kirche/unser Gemeindehaus immer noch ein solider Bau und bleibt hoffentlich noch lange so stehen. Das Wichernhaushier in Castrop ist ja auch schließlich gerade erst renoviert worden.  Aber anders als vor 20, vor zehn Jahren noch steht das an manchem Ort infrage. Da werden Kirchen „entwidmet“ und dann „umgenutzt“, wie es ein wenig verschämt heißt. Ich war schon Pfarrer einer Gemeinde, wo ein Kirchturm und eine Kirche abgerissen worden ist. Jetzt ist in dem einen Restgebäude ein urnverein und auf dem Grundstück der anderen Kirche steht ein Behindertenwohnheim. Der Erhalt käme zu teuer. Vor allem fehlen die Menschen, die darin zusammenkommen wollen. Vielfältige Gründe hat das – aber die Bilanz ist immer eine traurige. Soll eine Kneipe aus unserer Kirche werden? Eine Sparkassenfiliale? Oder gar eine Moschee, wie manche sich vorstellen können? 

2
Unterm Strich gilt landesweit: „Wir werden kleiner“ und müssen uns den Gegebenheiten anpassen. Schmerzliche Prozesse laufen ab: ehemals eigenständige Gemeinden werden zusammengelegt zu immer größeren und anonymeren Gebilden, eine „flächendeckende Versorgung“ steht vielerorts infrage. Wie wird das in 30, in 50 Jahren sein, wenn es so weitergeht? Bange Fragen, auch wenn wir nicht wissen können, was und wie es kommt. Da gilt immer noch der Satz, den der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1835–1910) geschrieben hat: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“

3
Wie aber gehen wir – großes oder vielleicht auch nur mittelgroßes Gottvertrauen im Herzen – mit Bildern um, wie sie der 1. Petrusbrief malt? Ein Haus aus lebendigen Steinen gebaut? Das passt doch eher in die Zeiten, als die Kirche, ob evangelisch oder katholisch, noch wirklich große Gebäude errichtet und auch mit Menschen gefüllt hat. Für ein richtiges, solides Haus braucht es viele, sehr viele 

Steine, selbst wenn es sich nur um ein Reihenhaus handeln sollte. Aus wenigen Steinen kann man da ein Haus bauen?

Der oft zitierte Jesussatz: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …“ mag ja oftmals eine lindernde Trostsalbe sein. Aber ein Haus daraus bauen? Vielleicht einen geistigen Raum, ein luftiges, schwebendes Bild von einem Haus zeichnen, das können die zwei oder drei. Es wäre nur nicht das, was im 1. Petrusbrief gemeint ist.

4
Wer den hohen Norden kennt oder im Alpenraum unterwegs ist, so wie ich im Sommer, kann dort immer wieder den sogenannten „Steinmännchen“ begegnen. So etwas hat der Verfasser des Briefes zu seiner Zeit nicht im Blick gehabt. Aber vielleicht entspricht es doch dem, was er gemeint hat. Vor allem, was den Eckstein betrifft, das solide Fundament. So ein Steinmännchen braucht eine stabile Unterlage, wenn es stehen bleiben will. Dann wird es Wind und Wetter trotzen. Es wird stehen und zum Himmel hochschauen, wo die Wolken ziehen. Und hinabblicken ins Tal, wo die Menschen leben.

Ich finde hier ein Symbol, wo beides zusammenkommt: ein gefügter Bau, eine Gestalt, ein Wesen aus nur „zwei oder drei“ Steinen, die lebendig sind, weil sie nicht allein für sich herumliegen als Geröll, sondern eine Form bilden. Einen Leib, um es biblisch zu sagen. Was immer auch kommen mag, wie sehr sich unsere Kirche verkleinern mag oder wieder ins Wachsen und Blühen findet – dieses Bild hat Bestand und wird immer leben. Wir sind zusammen, wir bleiben verbunden, wir stehen auf dem Fundament, das uns Halt bietet. Eigentlich hat die Kirche doch nie Dome gebraucht. Eigentlich hat sie doch immer durch solche Gebilde gelebt: wo Menschen im Vertrauen auf Liebe und Sinn und Nicht-Verlorengehen das Fundament bewohnt haben und zu einem schönen Gebilde in der Landschaft geworden sind.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre

Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Vater und Sohn

Zuhören und Verstehen zwischen Vater und Sohn

1
Diese Steinskulptur steht in einem Seitenschiff des Stockholmer Doms.
Vater und Sohn im Gespräch: Joseph, der Zimmermann mit dem kleinen Jesus. Sie sind sich nahe, sie haben Kontakt miteinander. Sie hören zu – aber ob sie sich verstehen? Und ob sie einander verstehen?
 
Joseph ist von Beruf Zimmermann. In der Hand hält er ein Beil oder einen Hammer. Im Gürtel steckt weiteres Werkzeug, das er für seinen Beruf braucht. Aber jetzt arbeitet er nicht, denn sein Sohn ist bei ihm. Er hat sich zu dem Kind hingekniet und das Kind auf seinen Oberschenkel gesetzt. So sind sie ganz nah beieinander. Auch das Kind hat ein Werkzeug in der Hand, aber seine Aufmerksamkeit gilt dem Vater. Ob der gerade von seiner Arbeit erzählt?
 
2
Was macht ein Zimmermann eigentlich? Er baut mit großen Hölzern: das Fachwerk für ein Haus zum Beispiel oder einen Dachstuhl. Oder aber auch Holzkreuze, wie man sie bei Hinrichtungen benötigte. Im Hintergrund von Vater und Sohn steht so ein Holzkreuz. Eventuell hat das der Vater Jesu tatsächlich auch getan. Aber das scheint die gute Laune der beiden nicht zu stören: Joseph freut sich über seinen Sohn; Jesus schaut aufmerksam in das Gesicht seines Vaters. Vielleicht freut er sich, mitmachen zu dürfen bei der Arbeit seines Vaters. Deswegen möchte er erklärt bekommen, was da zu tun ist und worauf man achten muss. Denn das Holzgerüst soll ja stabil stehen und ordentlich aussehen.
 
3
So reden Vater und Sohn miteinander, und so verstehen Vater und Sohn einander. Aber beide verstehen (vermutlich) nicht, was im Hintergrund schon aufscheint: die Kreuzigung, bzw. ist das noch nicht im Blick. Eigenartig beklemmend wirkt diese scheinbar so friedliche Familienszene, in der sich ein gewöhnlicher Berufs- und Familienalltag vermischt mit dem Wendepunkt der Weltgeschichte: das Kreuz als Broterwerb und Lebenssinn.
Aber mal angenommen, die beiden hätten das Kreuz doch noch verstanden? Was hätte sich dadurch verändert? Hätte der Joseph das Zimmern aufgegeben – oder zumindest das Zimmern von Hinrich-tungsgerüsten? Oder wäre Jesus dann doch lieber Zimmermann geblieben und nicht Messias geworden? Vielleicht, aber was hätte das geändert? Hätte Gott die Welt und uns Menschen dann weniger lieb? Und gäbe es dann keine Totenauferstehung und weniger Nächsten-, Gottes- und Feindesliebe?
 
4
Auf so viel spekulative Theologie gibt es keine Antwort. Auffällig ist allerdings, dass Joseph, der Zimmermannsvater von Jesus, plötzlich aus den Evangelien verschwindet. Er, der vor Jesu Geburt noch der treue Ehemann war und nach Jesu Geburt der mutige Träumer, wird plötzlich nicht mehr erwähnt und beinahe vergessen – gäbe es nicht immer wieder solche Josephsbilder wie dieses aus dem Dom in Stockholm. An die Stelle von Joseph tritt Maria und spricht immer wieder mit ihrem Sohn – und versteht auch nicht recht, was ihr und ihm geschieht. Trotzdem bleibt sie an Jesu Seite bis zu seinem Tod und bis zu seiner Auferstehung.
 
5
Es scheint also keine Rolle zu spielen, wer was wie versteht. Wichtig ist allein, dass Gott seiner Schöpfung treu bleibt, ob die nun weiß und will oder nicht. Wichtig ist allein, dass wir Menschen uns immer dieses treuen Gottes bewusst werden – ohne deswegen den Anspruch zu haben, Gott und damit unser eigenes Leben vollkommen zu verstehen.
Jesus selber war auch so ein Mensch, der noch aufgehängt am Kreuz und angesichts des Todes beten konnte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Eine Frage voller Verzweiflung und Vertrauen zugleich: eine Frage, die nicht versucht, Gott zu verstehen – und trotzdem an ihn glaubt.

Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Nichts ist, wie es scheint

Gedanken über Hochmut und Demut
– mit dem Wochenspruch 1. Petrus 5,5b: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade
 
1
Wir sehen ein hohes, elegantes Portal, das in eine Kirche führt. Vor der Kirche ereignete sich gerade eine kurze Geschichte aus Hochmut.
 
Ein „armer Teufel“ sitzt vor dem Portal. Beim Laufen ist er offenbar auf eine Krücke angewiesen. Er scheint echt zu sein, denn er hat Hörnchen auf dem Kopf. Blind oder doch stark sehbehindert scheint er auch zu sein; er trägt ja eine dunkle Brille. Der „arme Teufel“ bettelt. Ein verkehrt herum liegender Hut ist vor ihm. Der Verarmte braucht Geld. Irgendetwas ist ihm zugestoßen, dass aus ihm ein gefallener, eben ein „armer“ Teufel geworden ist.
 
Seitlich von hinten sehen wir einen Mann, der zur Hilfe bereit ist. Seiner Kleidung nach sieht er aus wie ein Kirchenmann. Auf jeden Fall aber hatte er eine Bibel dabei. Denn die „opfert“ er jetzt dem verarmten Teufel. Geist statt Geld, könnte der Mann denken, der seine Bibel verschenkt. Oder er denkt noch mächtiger: Dem Teufel kommt man nur mit der Bibel bei.
 
Das mag sein. Aber der Armut und dem Hunger nicht.
 
2
Zum Hochmut gehört zu meinen, man wisse genau, was anderen gut tut. Weil es einem selber gut tut, müsse es auch anderen gut tun. Das ist hochmütig gedacht. Hochmut ist ein Denken mit sich selbst im Mittelpunkt. Hochmut meint immer, von sich auf andere schließen zu dürfen.
 
In diesem Bild kommt das zum Ausdruck. Der Herr, der mit dem Rücken zu uns am armen Teufel vorbei in die Kirche strebt, sieht einen Bettelnden, offensichtlich Verarmten. Er will etwas geben. Und gibt ihm das, was ihm selbst hilft, nicht dem Verarmten. Was mir hilft, denkt er wohl, hilft auch ihm. Das ist hochmütig. Hochmut denkt sich selbst im Mittelpunkt.
 
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Ich kenne solche Szenen auch aus Castrop, erst am vergangenen Sonntag ereignete sie sich vor unserer Kirche. Da war ein solcher Bettler zu sehen. Kein Hut und natürlich nicht gehörnt, dafür aber einen Plastikbecher in der Hand. Klar – es gibt auch organisierte Bettlerbanden. Und selbstverständlich sind da manche Vorbehalte berechtigt. Aber „normal“ sind eher die einfach Bettelnde, denen ihr Geld nicht reicht, warum auch immer. An denen müssen wir dann vorbei.
 
Es ist jetzt interessant, einmal uns selber zu beobachten und in uns „hineinzufragen“, wie wir dort vorbei gehen. Schauen wir hin? Geben wir etwas? Erklären wir uns die Armut der Menschen in der Straße? Halten wir sie für „selbst schuld“? Reden wir mit unseren Bekannten darüber, mit denen wir durch die Straßen gehen?
 
Ich gestehe, dass es mir immer etwas unangenehm ist, an den Bettelnden vorüberzugehen. Ich weiß mich nie so recht zu verhalten. Ich oft bin ich unsicher, vor allem dann, wenn ich vorbei gehe und nichts gebe. Ich glaube unsicher sein und bleiben ist immer noch besser als hochmütig werden.
 
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Hochmut denkt sich selbst im Mittelpunkt. Hochmütige wissen Bescheid und sagen im Angesicht von Bettelnden kurze Sätze wie: Der ist selber schuld. Oder: Was kann ich dafür; soll sich der Staat drum kümmern. Oder: Soll er oder sie doch arbeiten gehen. Selbst wenn solche Sätze stimmen sollten, gehören sie in die Welt des Hochmuts. Weil ich so tue, als wüsste ich Bescheid. Weil ich Sicherheit behaupte, wo es keine gibt. Weil ich mir die Welt allein aus meiner Sicht erkläre.
 
Das ist Hochmut: etwas angeblich genau wissen wollen, wo es kein genaues Wissen gibt. Hochmut blendet immer Unwissenheit und Unsicherheiten aus. Hochmut setzt Ausrufezeichen, wo Fragezeichen besser wären. Oder uns ein „Vielleicht“ weiter helfen würde.
 
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Hilfreich und schön ist da der kleine Satz aus dem 1. Petrusbrief (5,5b), Wochenspruch dieser Woche: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Zuletzt ist ja Hochmut immer so ein wenig wie ein Versuch, auf Gottes Stuhl Platz zu nehmen und etwas genau zu wissen, was ziemlich ungewiss ist. Sind Bettler wirklich selber schuld? Wir wissen es nicht. Haben die Bettelnden vielleicht schon vielfach versucht, an Arbeit zu kommen? Wir wissen es nicht.
 
Meistens wissen wir viel weniger, vermute ich, als wir zu wissen behaupten. Wer das verdrängt, neigt zum Hochmut und behauptet zu wissen, was man nicht wissen kann. Hilfreicher ist da Demut. Sie ist ein leises Fragezeichen bei vielem, was uns sicher vorkommt. Demut setzt sich nicht auf Gottes Stuhl. Sie sagt sich: Nichts ist, wie es scheint. Und bittet dann leise: Bitte, Gott, hilf mir zu verstehen.

Demut ist der Mut zum Selbstzweifel.

Eine gute und gesegnete Woche Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt

Gott ist nahe denen, die sich ihm nähern

Gedanken über die Suche nach Zufriedenheit
 
1
Da laufen sie, mit Taschenlampe. Eine Gruppe von Menschen ist auf der Suche, womöglich auf der Suche nach gutem Leben, dicht aneinandergedrängt. Mit Eifer suchend, könnte man sagen. Und mit Hoffnung im Gesicht, dass es nicht mehr weit ist zum Ziel. Die Gesichter zeigen eine gewisse Fröhlichkeit. Das Ziel scheint nicht mehr weit.
Das Ziel ist schon verfehlt, könnte man auch denken. Seitwärts im Rücken der Suchenden stehen große Gebilde mit Text. Die Gebilde erinnern an die Tafeln, die Mose vom Berg Sinai mitgebracht hat – jedenfalls kennen wir das so von vielen Darstellungen auf Bildern oder in Filmen. Steintafeln sind das, die Gott sozusagen selbst beschrieben hat. Auf ihnen stehen die Zehn Gebote (2. Buch Mose 20). Mose hört und empfängt die Gebote am Berg Sinai und bringt diese steinerne Urkunde mit zum wandernden Volk. Sie sind Grundlage des Bundes Gottes mit Israel, also der Vertrag, auf den sich beide Seiten einigen. Schutz und Fürsorge gegen das Achten der Gebote.
Sie stehen da, mitten auf dem Weg, eigentlich unübersehbar. Man kann daran gar nicht vorbeigehen.
 
2
Offenbar doch. Gerade was eigentlich unübersehbar ist, kann man leicht übersehen. Weil es so deutlich ist, so selbstverständlich, so einfach – ja banal. Das soll es sein?, fragt man sich dann und geht erst mal weiter. Das soll helfen, dieses Uralte, Gewöhnliche, schon immer Dagewesene?
Das kann doch nicht sein, sagt man beim Sehen und geht einfach weiter. Dreitausend Jahre alte Weisungen sollen heute den Weg bestimmen, in diesen unübersichtlichen Zeiten? Da muss doch mehr sein, Anderes, Frischeres. Wir leben doch nicht mehr in Zelten in der Wüste. Wir sind doch modern. Wir haben das Alte doch hinter uns gelassen.
 
3
Ja, haben wir das? Und ist Altes immer gleichbedeutend mit verbraucht? Da sollten wir vorsichtig sein und lieber etwas länger nachdenken. Tatsächlich sind die Zehn Gebote sehr alt; sie gehören in den Anfang der Menschheitsgeschichte mit Gott. Wenn wir die Gebote für überholt halten, dann ist auch Gott überholt. Für Israel hat Gott sich, an seine Gebote gebunden. Wo sie lebendig gehalten werden, erfahren sie Gott als lebendig. Wer mit sich und den Geboten ringt, wer nach ihrer Bedeutung fürs Leben fragt, ist gleichsam mit Gott im Gespräch. Das sehen wir während der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Das Befolgen der Gebote hat Folgen, das Nichtbefolgen auch. Es geht jetzt nicht um Lohn und Strafe und auch nicht um richtig oder falsch, sondern allein um hilfreich oder nicht. Wer meint, die Gebote außer Kraft setzen zu können, wirkt mächtig und ist in Wahrheit doch kraftlos, wie man nach einer Weile erkennt. Wer meint, Gott für überholt und überflüssig erklären zu können, muss etwas an seine Stelle setzen. Meistens setzt er sich selbst an diese Stelle.
Aber wehe uns, wenn sich der Mensch, wenn sich Menschen für Gott halten. Keine dieser Bemühungen ging gut aus. Meistens floss viel unschuldiges Blut – im Namen von irgendetwas, was Menschen buchstäblich „überhöht“ haben: ihre Gerechtigkeit, ihre eigenen Pläne, ihre eingeschränkte Weltsicht. Menschen können vieles, Gott sein aber können sie nicht.
 
4
Also sollten sich die Menschen auf dem Bild ruhig bald wieder umdrehen und das seltsame Gebilde, die Steintafeln, in Ruhe betrachten. Vielleicht liegt ihr Lebensziel ja darin beschlossen. Vielleicht genügen ihnen die uralten Sätze doch. Versuchen sollten sie es:
die Anerkennung Gottes; die Heiligung des Feiertages; das Ehren der Alten; die bleibende Verantwortung für den Lebensmenschen; die Abkehr von der Gier und den Lügen und vom Begehren um jeden Preis. Vielleicht ist das ja ein guter Anfang für die, die nach einem Sinn ihres Lebens fragen und nach dem richtigen Weg in der Unübersichtlichkeit. Um bei diesem Bemühen dann zu merken, wie lebendig ihnen Gott begegnet, der Schöpfer dieser Sätze.
 
5
Alt ist nicht gleich überholt. Altes kann seinen tiefen Sinn behalten, über Jahrhunderte hinweg. Die Gebote haben ihren Sinn und das nicht nur für Israel.  Bis heute. Es sind Angebote, das Leben im Licht Gottes zu verstehen, zu leben und zu erleben. Was macht es mit mir, mich an den Geboten festzuhalten – so gut wie möglich? Das ist die Frage, die nicht in Monaten, eher in Jahren zu beantworten ist. Was macht es mit mir, Gott mehr zu ehren als mich, den Feiertag zu heiligen und jede Form von Gier, von Habenmüssen abzustellen? Mein Leben ist es wert, dass ich mir darauf antworte. Und, vielleicht, eine größere Zufriedenheit finde. Und darin die Nähe Gottes.
Gott ist nahe denen, die sich ihm nähern.


Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre
Arno Wittekind, Dominik Kettling und Johannes Ditthardt